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Florian Neuhaus von Borussia Mönchengladbach im Interview: "Toni Kroos finde ich ziemlich beeindruckend"

15:30 MEZ 01.03.19
Florian Neuhaus Borussia Mönchengladbach
Florian Neuhaus hat sich in Gladbach zum Stammspieler entwickelt. Im Interview spricht er über seine Entwicklung und verrät, warum er Kroos bewundert.

EXKLUSIV
 

Florian Neuhaus ist einer der Shootingstars der aktuellen Spielzeit. Bei Borussia Mönchengladbach spielt er in seiner ersten Bundesligasaison sein statistisch gesehen bestes Jahr und ist meistens gesetzt.

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Vor dem Spitzenspiel am Samstag gegen den FC Bayern (ab 18.30 Uhr im LIVETICKER) spricht der 21-Jährige über seinen rasanten Aufstieg vom Regionalligaspieler zur Stammkraft bei einem Champions-League-Kandidaten, die deutsche Nationalmannschaft und erklärt, warum Gladbach eigentlich nicht in der Krise steckt. Außerdem sprach Neuhaus mit Goal und SPOX über seine Zeit bei 1860 München und Fortuna Düsseldorf, seine Eigenschaft, eine "coole Sau" zu sein, ein mysteriöses Ailton-Trikot und den Traum, einmal in der Königsklasse gegen sein Vorbild Toni Kroos und Kevin De Bruyne zu spielen.

Florian, 1:7-Tore, ein Punkt aus drei Spielen, zuletzt 0:3 zu Hause gegen den VfL Wolfsburg. Und Sie stellen sich hin und sagen: "Der FC Bayern kommt genau zum richtigen Zeitpunkt." Das müssen Sie erklären.

Florian Neuhaus: Genau genommen habe ich gesagt, dass der FC Bayern immer zum richtigen Zeitpunkt kommt, weil Bayern genau der richtige Gegner ist, um eine Reaktion zu zeigen. Diese Chance haben wir am Samstag und können was gut machen. Dazu ist es einfach ein Highlight-Spiel, auf das sich jeder freut. Jeder wird besonders motiviert sein, das Stadion ist ausverkauft, die Fans werden super Stimmung machen. Auf solche Spiele freut man sich als Spieler einfach.

Gegen Bayern kann es aber auch schlecht laufen.

Neuhaus: Das schon. Aber wir haben schon im Hinspiel gezeigt, dass wir sie schlagen können. Es kommt uns einen Tick entgegen, dass wir nicht zu 100 Prozent das Spiel machen müssen, wie zum Beispiel gegen Berlin oder gegen Wolfsburg. Es wird aber dennoch eine ausgeglichene Partie werden, da gehe ich fest von aus.

Man hört bei Ihnen durchaus eine gewisse "Keine Angst vor den Bayern"-Mentalität heraus. Liegt das am eigenen Selbstbewusstsein, oder daran, dass die Bayern in dieser Saison schon mehrfach gestrauchelt sind?

Neuhaus: Beides spielt eine Rolle. Wir spielen eine gute Saison und brauchen uns in der Bundesliga vor keiner Mannschaft verstecken. Aber klar: Wir wissen, dass Bayern schon Schwächen gezeigt hat - gerade auswärts. Wir trauen uns auf jeden Fall zu, die Bayern am Samstag zu schlagen. Die letzten Jahre lief das ja auch erfahrungsgemäß ganz gut, nach dem, was die Jungs mir so erzählt haben.

Trotz der starken Hinrunde und dem guten Start ins neue Jahr, macht hier in Mönchengladbach nach den Ergebnissen aus den vergangenen Wochen allmählich das Wort "Krise" die Runde. Würden Sie das ungeliebte K-Wort selbst zur Beschreibung der momentanen Situation bemühen?

Neuhaus: Ich würde es eher als "Ergebnisdelle" beschreiben. Von der Leistung hat das ja eigentlich alles gepasst. In Frankfurt haben wir beispielsweise gegen einen Mitkonkurrenten ein gutes Auswärtsspiel gemacht, auch gegen Wolfsburg haben wir ein gutes Spiel gezeigt. Aber sowas hatte jede Mannschaft in Deutschland schon in dieser Saison. Bayern ist durch eine solche Phase gegangen, Dortmund auch. Das zeigt einfach wieder mal, wie ausgeglichen die Bundesliga ist und dass du in jedem Spiel an deine eigenen 100 Prozent kommen musst, um erfolgreich zu sein.

Nimmt man diese drei sieglosen Spiele mit zwei 0:3-Heimniederlagen auch deshalb nicht als Krise wahr, weil Platz drei nach 23 Spieltagen und den eigentlich gedämpften Erwartungen vor der Saison eben eine so positive Überraschung ist?

Neuhaus: Uns war von Anfang an bewusst, dass es nicht nur steil nach oben gehen wird. Das schaffen nur ganz wenige Mannschaften auf der Welt. Wir lassen uns dadurch aber nicht von unserem Weg abbringen, weil wir überzeugt davon sind, dass es der Richtige ist.

Und auch ein neuer Weg. Max Eberl und Dieter Hecking haben sich im Sommer intensiv beraten, wie ein Neuanfang gestartet und dieses Gefühl der Stagnation nach der Ära unter Lucien Favre beseitigt werden kann.

Neuhaus: Für mich war hier von Anfang an eine totale Aufbruchstimmung spürbar. Man wollte hier beweisen, dass man besser ist, als die beiden neunten Plätze aus den Vorjahren. Darauf haben wir uns als ganzer Verein fokussiert, haben was Neues gewagt mit einem neuen Spielsystem, das von Anfang an gepasst hat.

Ein Glücksfall nicht nur für die Borussia, sondern auch für Sie. Ausgerechnet in dem Sommer, in dem Sie von Fortuna Düsseldorf als Aufsteiger zurückkehrten, wird ein Neustart gewagt, das etablierte und etwas in die Jahre gekommene Gladbacher 4-4-2 musste weichen.

Neuhaus: Für mich persönlich war das natürlich super, dass wir sofort im 4-3-3 gespielt haben. Die Achterposition ist genau mein Ding. Da fühle ich mich einfach am wohlsten und ich bin froh, dass wir so umgestellt haben.

Obwohl das neue System Ihnen quasi wie auf den Leib geschneidert ist, haben die meisten nicht schlecht gestaunt, als Sie am ersten Spieltag der Saison in der Startelf standen und nicht etwa Denis Zakaria oder Christoph Kramer. Waren Sie selbst überrascht?

Neuhaus: Es hat sich ja eigentlich schon ein bisschen angebahnt, auch weil ich in der Woche davor schon im Pokal gespielt habe. Ich war persönlich sehr zufrieden mit meiner Vorbereitung und habe von Anfang gemerkt, dass man mir hier vertraut. Ich habe viele Gespräche mit Max Eberl und Dieter Hecking geführt und auch schon Kontakt mit dem ein oder anderen Spieler gehabt, während ich noch in Düsseldorf gespielt habe. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich ein totaler Neuzugang bin. Dieter Hecking hat dann vor seiner Entscheidung auch gar nicht mehr groß mit mir geredet, sondern einfach meinen Namen bei der Startaufstellung gesagt.

Mittlerweile ist niemand mehr überrascht, wenn Sie bei der Borussia von Beginn an spielen. Auch nicht, wenn irgendwas im gegnerischen Sechzehner passiert. An zehn Toren waren Sie in dieser Saison schon direkt beteiligt und nicht wenige sagen, dass Sie auch in den Notizblock von Bundestrainer Joachim Löw gehören.

Neuhaus: Das ist für mich noch ein Stück weit weg. Ich konzentriere mich auf Borussia Mönchengladbach und die U21-EM im Sommer. Darauf liegt mein Fokus, und alles andere kommt dann von alleine, wenn die Leistung stimmt.

Kleine Schritte machen Sie aber selten. Vor gut zweieinhalb Jahren waren Sie mit der zweiten Mannschaft von 1860 München in der Regionalliga Bayern unterwegs, heute sind Sie Stammspieler bei einem Champions-League-Kandidaten. Als "surreal" haben Sie Ihre eigene Entwicklung mal bezeichnet. Würden Sie das immer noch so sehen?

Neuhaus: Wenn ich mit meinen Freunden zu Hause bin und wir darüber reden, dann bemerke ich immer noch, wie verrückt das eigentlich ist, es in die Bundesliga zu schaffen. Das ging alles sehr schnell und es macht mich stolz, das erreicht zu haben. Aber man will sich immer weiterentwickeln. Wenn man das Eine geschafft hat, steht das nächste Ziel an.

Und das wäre bei Ihnen ...?

Neuhaus: Zum Beispiel beim Thema Nationalmannschaft: Ich habe zwar gesagt, dass das für mich noch ein Stück weit weg ist, aber natürlich ist das auch ein Traum von mir. Ich sage auch, dass ich irgendwann um Titel spielen will. Bei mir ist es so, dass ich immer höher hinaus will. Aber für den Moment bin ich wahnsinnig glücklich in Gladbach und habe hier noch einiges vor.

Dass Sie es geschafft haben, sich Ihren Traum von der Bundesliga zu erfüllen, hing auch mit Entbehrungen zusammen. Schon mit zehn Jahren gingen Sie zu 1860 München und haben mal gesagt, dass es nicht immer leicht war, alles unter einen Hut zu bringen. Schildern Sie uns doch mal Ihren damaligen Tagesablauf.

Neuhaus: Mir und meinen Eltern war es wichtig, dass ich nebenbei noch eine Ausbildung mache, obwohl ich am liebsten natürlich nur Fußball gespielt hätte. Zum Ende meiner Jugendzeit bin ich um sieben Uhr morgens mit der Bahn von Landsberg nach München reingefahren und abends um 22 Uhr erst nach Hause gekommen. Das war schon ein Fulltimejob, aber das hat mich persönlich weitergebracht und ich bin im Nachhinein froh, das gemacht zu haben, obwohl ich dann später die Ausbildung nicht beendet habe.

Das hing wohl auch mit Ihrem Profidebüt zusammen. Trainer Kosta Runjaic war bei den Löwen 2016 die treibende Kraft dahinter und sagte anschließend, dass Sie "eine coole Sau, unbekümmert, frech und dynamisch" seien. Sind Sie immer noch eine coole Sau?

Neuhaus (lacht): Es ist tatsächlich nicht das erste Mal, dass ich auf seine Aussage angesprochen werde. Wenn das andere über mich sagen, dann ist das okay. Aber ich würde das niemals über mich selbst behaupten.

Und wie steht es um die Unbekümmertheit?

Neuhaus: Da bin ich mir treu geblieben.

So groß die Freude über Ihre erste Saison bei den Profis war, so enttäuschend war das Ende. In Ihrem letzten Spiel als Sechziger ist der Klub abgestiegen. Nicht unbedingt ein Abschied, den es gebraucht hätte.

Neuhaus: Das war sehr bitter damals mit der Relegation gegen Regensburg. So richtig hatte niemand daran geglaubt, dass wir tatsächlich absteigen könnten. Als es dann passierte, habe ich schon ein bis zwei Wochen gebraucht, um das zu verarbeiten. Aber so habe ich eine neue Lektion gelernt im Profifußball: Eine Tür hat sich für mich geschlossen und eine andere hat sich geöffnet. Ich habe für mich das Beste aus dem Abstieg gemacht.

Wie wichtig war der darauffolgende Tapetenwechsel? Immerhin ging es anschließend zum ersten Mal raus aus München und weg von der Familie.

Neuhaus: Das mit dem Wechsel zu Gladbach und der Leihe nach Düsseldorf war genau das Richtige. Auch nach dem Abstieg mit 1860 erstmal in der 2. Bundesliga zu spielen, Stammspieler und Leistungsträger für eine Mannschaft zu sein. Der Aufstieg war dann die Krönung der Saison. Rückblickend betrachtet haben alle Beteiligten fast alles richtig gemacht.

Wie groß war der Reiz, angesichts der so guten Entwicklung in Düsseldorf und dem Aufstieg vielleicht doch etwas länger bei der Fortuna zu bleiben?

Neuhaus: Für mich war von Anfang an klar, dass ich nach dem Jahr zu Borussia Mönchengladbach zurückkehren werde.

Warum war das so klar? In Düsseldorf hätten Sie einen Stammplatz sicher gehabt, anders als in Gladbach - zumindest auf den ersten Blick.

Neuhaus: Das hing damit zusammen, dass Dieter Hecking und Max Eberl schon frühzeitig mit mir geredet und mir signalisiert haben, dass sie mit mir in Gladbach voll planen. Außerdem wollte ich unbedingt für Gladbach spielen.

Die Fortuna hat alles versucht, um die Leihe nochmal um ein weiteres Jahr zu verlängern. Das hing auch mit Friedhelm Funkel zusammen. Der sprach in den höchsten Tönen von Ihnen und bezeichnete Sie als "entscheidenden Faktor für den Aufstieg". Welche Beziehung hatten Sie zu ihm?

Neuhaus: Friedhelm Funkel und Co-Trainer Peter Hermann waren mitentscheidend dafür, dass ich überhaupt zur Fortuna gewechselt bin. Wir hatten von Anfang an ein sehr enges Verhältnis und ich bin wahnsinnig dankbar dafür, so einen Trainer wie ihn gehabt zu haben.

Ende März steht das zweite Spiel gegen Funkel und Ihre ehemaligen Teamkollegen an. Sie kehren zurück an die alte Wirkungsstätte. Ein besonderes Spiel für Sie?

Neuhaus: Ich freue mich da natürlich drauf. Ich habe noch Kontakt zu einigen Spielern aus der Mannschaft und in Düsseldorf zu spielen wird ein Highlight.

Erstmal steht aber jetzt das Highlight gegen den FC Bayern an. Für Sie als ehemaliger Sechziger auch so etwas wie ein persönliches Derby?

Neuhaus: Ein bisschen schon noch. Aber das ist über die Jahre etwas abgeflacht, auch weil ich nicht mehr so viel Kontakt zu 1860 habe.

Gegen die Bayern gilt trotz der Anfälligkeiten in der Defensive in dieser Saison immer noch die goldene Regel: Aus den Chancen das Maximum rauszuholen. Das war gerade gegen Wolfsburg nicht unbedingt die Stärke von Gladbach und auch Sie sahen in zwei Szenen vor dem Tor etwas unglücklich aus.

Neuhaus: Daran müssen wir und auch ich arbeiten. Die Chancenverwertung war ja gerade das, was uns in der Hinrunde ausgezeichnet hat. Da müssen wir wieder hinkommen, aber ich mache mir keine Sorgen, dass uns das gelingt. Dafür haben wir zu viel Qualität.

Vielleicht hilft ja das Ailton-Trikot von 2004? Die Rückennummer würde zumindest passen. Auch Sie tragen die 32 und man hörte, dass es sich in Ihrem Besitz befindet. Wie kam es dazu?

Neuhaus (lacht): Durch meinen Onkel. Der war Fan von Werder Bremen. Wie er dazu kam, kann ich selbst nicht sagen, aber er hat mir das Trikot zur Meisterschaft 2004 geschenkt.

Fußballerische Vorbilder, bei denen Sie sich etwas abschauen, sind für Sie aber andere, oder?

Neuhaus: Toni Kroos finde ich ziemlich beeindruckend.

Warum?

Neuhaus: Bei seiner Art, wie er spielt, hat man immer das Gefühl, dass er zu jederzeit Herr der Lage ist. Er kann sich aus wahnsinnig schwierigen Situationen herauslösen und gibt seinen Mitspielern einfach ein gutes Gefühl mit seiner Passquote und seinem Auftreten auf dem Platz.

Warum hing dann ein Poster von Mesut Özil in Ihrem Kinderzimmer?

Neuhaus: Das hing damals mit Werder Bremen zusammen. Da hingen meistens die Spielmacher von Werder an der Wand, von Johan Micoud, über Diego bis hin zu Özil. Das hat mich damals an Bremen fasziniert, dass sie immer diese tollen kreativen Spieler hatten. Später dann ja auch noch Kevin De Bruyne. Das hat wahnsinnig viel Spaß gemacht.

Stand jetzt könnten Sie nächstes Jahr gegen Kroos und De Bruyne spielen. Das wäre doch was.

Neuhaus: Das wäre ein Traum. Aber bis dahin haben wir noch ein paar Spieltage zu gehen.