FC Bayern München – Serge Gnabry im Interview: Das habe ich mir von Sandro Wagner abgeschaut

Bayern-Star Serge Gnabry spricht im DAZN-Interview über seine Tor-Durststrecke, Bayerns Spielstil und die Besonderheit von Thomas Müller.

INTERVIEW

Serge Gnabry trifft am Freitag (20.30 Uhr live auf DAZN) mit dem FC Bayern München zum Auftakt des 20. Bundesliga-Spieltags auf Hertha BSC. Im Vorfeld sprach der Offensivspieler im Interview mit Goal und DAZN über seinen Spielstil, den eng getakteten Terminkalender und erklärte, was er sich von DAZN-Experte Sandro Wagner abgeschaut hat.

Außerdem: Bayerns Ambitionen bei der Klub-WM, sein Umgang mit Corona und was Thomas Müller so besonders macht.

Serge, Sie haben zuletzt gegen Hoffenheim nach langer Zeit mal wieder ein Bundesliga-Tor erzielt. Was ist in diesem Moment von Ihnen abgefallen?

Serge Gnabry: Ganz viel Last. Viel Freude kam in mir auf, weil ich eine wirklich lange Zeit kein Tor erzielt hatte. Es waren auch viele Spiele dabei mit vielen Chancen, nach denen ich mich extrem geärgert habe, weil der Ball einfach nicht mehr reingehen wollte, auch wenn ich es mit aller Gewalt versucht habe. Daher war es ein schönes Gefühl, wieder zu treffen. Am wichtigsten ist aber, dass wir als Mannschaft gut gespielt und gewonnen haben.

Kann man solche Phasen erklären, in denen der Ball einfach nicht ins Tor will?

Gnabry: Ich kann es mir eigentlich nicht erklären, weil ich echt viele Chancen hatte. Speziell eine fällt mir ein aus dem Spiel gegen Wolfsburg, bei der ich vom Fünfmeterraum schieße und einer noch auf der Linie klärt. Der Ball wollte einfach nicht rein, das kommt mal vor. Über die letzten Jahre ist er eigentlich immer ganz gut ins Netz gegangen und ich hoffe, dass das jetzt auch wieder los geht.

DAZN-Experte Sandro Wagner hat Sie beschrieben als "geradliniger Explosions-Außenspieler“ und vor allem betont, dass Sie immer schnell den Torabschluss suchen und gar nicht viele Finten schlagen. Geben Sie ihm da Recht?

Gnabry: Da würde ich ihm schon einigermaßen Recht geben. Ich versuche immer, eine Aktion zu kreieren, die zum Torerfolg führt oder einen Mitspieler in eine gute Position bringt. Manchmal wäre eine Finte vielleicht hilfreicher, um vorbei zu kommen, aber der Sinn des ganzen Spiels ist es ja, Tore zu machen. Deshalb bin ich immer sehr fokussiert aufs Tor.

Was haben Sie sich von Sandro Wagner abgeschaut?

Gnabry: Er hält die Bälle sehr gut. Wenn ich in der Nationalmannschaft ganz vorne spiele, versuche ich, es ähnlich zu machen wie er und die Bälle festzumachen. Aber natürlich besteht zwischen uns ein kleiner Unterschied, was die Körpergröße angeht (lacht). Und sein Ehrgeiz hat mich sehr beeindruckt. Sandro flachst zwar viel, das weiß jeder – aber wenn es um Training oder Spiele ging, hat er immer Vollgas gegeben. Das rechne ich ihm hoch an.

Was macht er besser: Über Fußball reden oder Fußball spielen?

Gnabry: Er macht beides mittelgut bis sehr gut (lacht). Nein, ich habe ihn schon ein paar Mal bei DAZN gehört und das gefällt mir sehr gut. Sandro ist ja ein redegewandter Mensch. Ich finde es ein bisschen schade, dass er uns damals verlassen hat, weil er sehr gut zur Mannschaft gepasst hat. Ich hätte ihn gerne noch länger hier gehabt.

23-gnabry.jpg Quelle: Getty Images

Sandro hat bezüglich Bayerns Spielstils zuletzt angemerkt, dass man aktuell weniger konstant über das ganze Spiel hinweg presst und die Rückwärtsbewegung dafür häufiger im Vollsprint absolviert. Würden Sie das so unterschreiben?

Gnabry: Der Stil verändert sich ja eigentlich je nach Gegner immer ein bisschen. Letztes Jahr waren wir wirklich in einem Flow drin, den wir uns erarbeitet haben und in dem alles lief. Dann hast du nach einer so erfolgreichen Spielzeit eine neue Saison, in der alles wieder von Null los geht. Ich denke schon, dass wir noch guten Fußball spielen und wir haben in jedem Spiel viele Chancen. Wir sind im Moment vielleicht nicht so konsequent, wie wir es letzte Saison waren. Und wenn der Gegner dann mal ein Tor macht, kippt das Momentum und das macht uns gerade das Leben ein bisschen schwerer.

Haben Sie als Mannschaft zuletzt an der Problematik der vielen Gegentore gearbeitet? Ich denke da vor allem an die Tore gegen Gladbach, wo man sehr hoch stand und die Borussia mit einem Pass hinter die Abwehrkette frei auf das Tor zulaufen konnte.

Gnabry: Wenn man so viel Ballbesitz hat in der gegnerischen Hälfte, das Spiel kontrolliert und so hoch steht, besteht immer ein gewisses Risiko, dass gerade Mannschaften wie Gladbach mit schnellen Spielern im Umschaltspiel genau das ausnutzen. Das wird immer vorkommen, wenn wir diesen Spielstil durchziehen. Natürlich müssen wir zusehen, solche Situationen zu verhindern, indem wir die Bälle nicht zu einfach verlieren. Und hinten müssen wir vielleicht ein bisschen eher antizipieren, wann ein solcher langer Ball vom Gegner kommen kann, um uns besser abzusichern.

Das Thema Corona ist leider nach wie vor sehr präsent. Was macht die aktuelle Situation mit Ihnen persönlich und wie gehen Sie damit um?

Gnabry: Irgendwie muss man sich eben daran gewöhnen, auch wenn es einem viel Lebensqualität nimmt. Man kann seine Kontakte nicht mehr in dem Maße pflegen, wie man das gerne tun würde. Man kann sich nicht mehr unbeschwert bewegen, bestimmte Dinge nicht mehr einfach mal erledigen. Ich denke, da geht es uns ähnlich wie allen anderen. Wir haben aber noch das Glück, dass wir jeden Tag zur Arbeit fahren können, unser Training und unsere Spiele fortsetzen können. Daher geht es uns vielleicht einen Tick besser. Wenn ich nur noch zuhause im Home Office wäre und da unser Fahrrad-Programm durchziehen müsste, wäre ich wahrscheinlich ein bisschen schlechter drauf. Aber zum Glück sind meine Familie und ich gesund. Wir müssen einfach darauf hoffen, dass so wenige Corona-Fälle wie möglich hinzukommen und so bald wie möglich wieder Normalität zurückkehrt.

Wegen Corona ist auch der Spielplan in dieser Saison extrem eng getaktet, es gibt kaum Verschnaufpausen. Wie sieht es bei Ihnen aktuell in puncto Müdigkeit aus?

Gnabry: Es ist schon schwierig, sich alle paar Tage wieder neu hochzufahren, obwohl man nach intensiven Spielen extrem müde ist. Man will den dichten Terminkalender zwar nicht immer als Ausrede hernehmen, aber ich denke es ist verständlich, dass man nicht ein ganzes Jahr komplett auf höchstem Niveau durchziehen kann und alle Spiele mit einer Leichtigkeit gewinnt. Daher haben alle Top-Mannschaften auch mal Phasen drin, in denen sie Probleme haben, weil sie mental und körperlich nicht mehr so spritzig sind wie am Anfang der Saison. Aber auf Dauer werden sich die Top-Mannschaften dennoch durchsetzen, denke ich.

Sie haben die Klub-WM vor der Brust, auch die Champions League beginnt wieder: Ist es da nicht sogar ein bisschen erleichternd, im DFB-Pokal nicht mehr dabei zu sein?

Gnabry: Man ist zwiegespalten. Wir ärgern uns nach wie vor darüber, einen Titel verschenkt zu haben und in so einem Spiel ausgeschieden zu sein. Aber es tut natürlich auch mal gut, eine Woche zuhause zu sein und sich nicht nach drei Tagen wieder voll hochfahren zu müssen, sondern auch mal trainieren zu können. Und dennoch: Am Ende der Saison würde mich der DFB-Pokal-Titel wahrscheinlich glücklicher machen als die paar Tage, in denen ich jetzt mal kein Spiel hatte.

Wie geht Hansi Flick in solch einer Situation mit den Spielern um? Und wie ist Ihr persönliches Verhältnis zum Trainer?

Gnabry: Gut. Man weiß ja, wie gut er die Mannschaft menschlich führt. Es macht Spaß und in der aktuellen Zeit hat er uns mit einem Augenzwinkern auch mal einen Tag mehr frei gegeben. Das ist auch wichtig, um wieder frisch zu werden. Auch er ist natürlich sauer, weil wir im Pokal ausgeschieden sind. Aber gerade als Trainer muss man dann eben vorangehen, es steht immer schon wieder das nächste Spiel vor der Tür, das man auch wieder gewinnen muss. Wir haben zuletzt relativ gut die Kurve bekommen und waren in den jüngsten Spielen erfolgreich.

Die Klub-WM steht an, was natürlich auch wieder mit Anstrengungen für Sie verbunden ist. Aber es geht um einen Titel und man könnte sich dieses kleine Emblem für das Trikot verdienen. Welchen Stellenwert hat der Wettbewerb innerhalb der Mannschaft?

Gnabry: Es herrscht Vorfreude in der Mannschaft und wir freuen uns auch alle auf ein paar Tage Sonne. Aber das Ziel ist natürlich, wieder einen Titel zu gewinnen, das wäre dann der sechste. Wir wollten alle unbedingt, dass das Turnier ausgetragen wird. Daher freuen wir uns darauf.

Und das Emblem?

Gnabry: Darüber habe ich mir jetzt noch gar keine Gedanken gemacht. Aber das Emblem wird wahrscheinlich gut aussehen und sich gut anfühlen.

Lassen Sie uns noch kurz über Thomas Müller sprechen: In meiner Wahrnehmung aus seinen Interviews ist er in den letzten eineinhalb Jahren noch einmal ein Stück weit erwachsener geworden, hat das Flapsige von früher ein bisschen abgestellt. Wie erleben sie Ihn innerhalb der Mannschaft?

Gnabry: Schwer zu sagen, bei uns flachst er immer noch genauso viel wie früher (lacht). Thomas geht mit seiner Mentalität voran und zieht uns alle mit, ist immer fokussiert und will immer Gas geben. Auf dem Platz ist er auf jeden Fall ein alter Hase, seine Interviews habe ich mir nicht alle angehört. Er ist ein toller Mitspieler, Kollege und Freund.

Warum ist er so wichtig für Bayerns Spiel?

Gnabry: Er ist immer positiv, will immer gewinnen, stachelt an. Er spricht Dinge auch mal direkt an wie zuletzt in dem ARD-Interview, als die Reporterin gelacht hat. Im ersten Moment ist das dann vielleicht nicht so schön, aber das macht Thomas Müller irgendwo auch aus. Das ist seine Art und das ist gut so.

Woran liegt es, dass Bayern im Winter jedes Jahr einen kleinen Durchhänger hat?

Gnabry: Wenn ich wüsste, woran es liegt, würde ich es Ihnen sagen.

Ist es die fehlende Sonne?

Gnabry: Darauf würde ich es schieben (lacht). Ich denke, im Sommer sind wir alle glücklicher als im Winter.

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