HINTERGRUND
Es waren vier Minuten gespielt, Jerome Boateng hatte den Ball längst nach vorne abgegeben, um seine Kollegen machen zu lassen und sich selbst die Schuhe zu binden, als das Leder urplötzlich zu ihm zurückkam. Der Innenverteidiger musste sich aus der Hocke erheben und den Ball erneut nach vorne schicken, ehe er seine Riemen dienstlich verknoten konnte. Es war eine Szene stellvertretend für ein Spiel, in dem Boateng mehr gebraucht wurde, als es den Münchnern lieb sein konnte.
Am Ende sollte er noch 134 weitere Male den Ball berühren, so oft wie kein anderer Spieler auf dem Platz. Wenn man nun weiß, dass Torhüter Timo Horn bei den Gästen in dieser Statistik nach 30, nach 60 und auch nach 90 Minuten führend war, kann man sich ungefähr vorstellen, wie das Bundesliga-Spiel zwischen dem FC Bayern München und dem 1. FC Köln (1:0) am Mittwochabend aussah.
Auf der einen Seite der deutsche Rekordmeister, dank Trainer Jupp Heynckes wiedererstarkt und selbstbewusst, auf der anderen die kriselnden Kölner, für manche schon abgestiegen und auch nach dem Mittwochabend das mit nur drei Punkten bis dato schlechteste Team der Bundesliga-Geschichte.
Bayern-Fans kritisieren Ticketpreise
In der Fröttmaninger Arena entwickelte sich also schnell das Spiel, das jeder erwartet hatte. Die Bayern ließen Ball und Gegner laufen, am Ende hatten sie 83 Prozent Ballbesitz, bloß die Tore wollten lange nicht fallen. Dass Heynckes, kein Trainer, der in der Vergangenheit durch häufige oder frühe Wechsel aufgefallen ist, zur Halbzeit James Rodriguez und Kingsley Coman für Arturo Vidal sowie Corentin Tolisso brachte, dokumentierte die Münchner Unzufriedenheit.
"Es hat keinen Spaß gemacht"
Sie passten und chippten und köpften im ersten Durchgang, wieder und wieder, aber ohne Ertrag. "Es war ein Arbeitssieg", befand Rafinha also hinterher, und hätte auch sagen können: Es war ein Geduldssieg. Erst nach genau einer Stunde hatte Robert Lewandowski die Münchner mit seinem Tor des Tages erlöst. Ausgangspunkt war ein langer Ball von Jerome Boateng, den Thomas Müller mit dem Kopf auf seinen polnischen Kollegen weitergeleitet hatte.
"Jerome", sagte der Torschütze zur Szene des Spiels, "kann diesen Pass spielen und Thomas kann so einen Ball verlängern. Das war mal eine klare Situation, aus der wir ein Tor gemacht haben." Von diesen klaren Situationen hatte es im ersten Durchgang nur wenige gegeben.
Lewandowski sprach deshalb ebenfalls von einem "schweren Arbeitssieg, weil die Kölner nicht Fußball spielen wollten. Sie haben nur defensiv agiert und auch nach dem 1:0 genauso weitergemacht. Deswegen hat es auch keinen Spaß gemacht, weil wir für jede zwei, drei Meter Raum kämpfen mussten."
"Das hat alles viel zu lange gedauert"
Die Geißböcke dürfen das durchaus als Kompliment auffassen, sie hatten dem klaren Favoriten trotz 13 Ausfällen und akuter Stürmerlosigkeit lange die Stirn geboten, sie hatten zur Halbzeit die Null gehalten und am Ende sogar durch Lukas Klünter die Chance, die Partie noch auszugleichen. Die Mittel waren zwar nicht die feinsten und auch nicht die unterhaltsamsten, "der Gegner stand sehr tief, das habe ich so noch nie gesehen", sagte etwa Sebastian Rudy, letztlich waren sie aber "legitim", wie Heynckes konstatierte.
Der 72-Jährige kritisierte viel mehr das Spiel seiner eigenen Mannschaft. Viel zügiger, lebendiger, spritziger hätten seine Bayern spielen müssen, mit besserem Passspiel und schnellen Verlagerungen. "Die Mannschaft", sagte er, "war vom Kopf her nicht lebendig genug, das hat alles viel zu lange gedauert. Man hat gesehen, dass wir uns sehr schwer getan haben."
Auch Thomas Müller fand den Auftritt "zu langsam", er schob die fehlende Bewegung aber auch auf den Zeitpunkt der Partie am Ende der Hinrunde und die langsam schwindenden Kräfte. Vor dem Auswärtsspiel beim VfB Stuttgart und dem DFB-Pokal-Achtelfinale gegen Borussia Dortmund in der kommenden Woche habe man "clevererweise ein bisschen das Gas rausgenommen".
"Dieser Ball war heute der Schlüssel"
Und so musste dieses Spiel, an dessen Ende der FC Bayern 751:91 angekommene Pässe, 26:7 Torschüsse und 13:1 Ecken, aber nur ein Tor vorweisen konnte, erst zum Jerome-Boateng-Spiel werden, um für die Münchner ein erfolgreiches zu sein. Gegen das Kölner Bollwerk probierten die Bayern schon in der Anfangsphase auffällig häufig, die letzte Kölner Reihe mit langen Bällen auf ihre beiden Stürmer zu überspielen. Hauptverantwortlich dafür: Boateng, der die Großchance von David Alaba, die Großchance von Kingsley Coman und den Siegtreffer einleitete.
"Jeder weiß, dass Jerome einer der besten Innenverteidiger der Welt ist. Er kann diesen Pass für die Stürmer spielen", sagte Rafinha. Boateng habe diese Bälle nicht nur geschlagen, weil der Gegner diese defensive Taktik gewählt hat, aber insbesondere in solchen Spielen sei das eben eine gute Option, um Chancen zu kreieren. "Über Außen war ja alles zu. Deswegen war dieser Ball heute der Schlüssel."
Boateng selbst wollte nach Abpfiff nicht sprechen, er stiefelte sehr zielstrebig durch die Interviewzone zu seinem Auto. Ob der Weltmeister mit dem Auftritt seiner Mannschaft unzufrieden war oder es einfach nur eilig hatte, war nicht zu erkennen.




