FC Bayern lässt James ziehen: Wie Kovac einen Hochbegabten vergraulte

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HINTERGRUND

Karl-Heinz Rummenigge hatte bis zum Schluss um James Rodriguez gekämpft, gebetsmühlenartig erklärt, wie sehr er den Edeltechniker doch schätze. Am Ende reichte das Umgarnen des Bayern-Vorstandbosses nicht aus, um den Kolumbianer zum Bleiben zu bewegen. "Im Prinzip ist die Entscheidung gefallen, weil er vor dem Saisonabschluss zu mir kam und mich gebeten hat, dass wir die Option nicht ziehen", sagte Rummenigge bei Sport1 und legte in der Sport Bild wehmütig nach: "Ich bedauere das persönlich."

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Er war in den vergangenen Wochen der einzige FCB-Entscheidungsträger, der sich öffentlich dafür stark gemacht hatte, die – verhältnismäßige – Schnäppchensumme von 42 Millionen Euro für James auf den Tisch zu legen, während seine Kollegen Uli Hoeneß und Hasan Salihamidzic sich zu jener Causa ausschwiegen. Doch wie kam es dazu, dass die Münchner einem erwiesenermaßen hochbegabten Spieler keine Perspektive bieten konnten?

Disziplinfanatiker versus verträumter Schöngeist

Natürlich gibt es nicht die eine Wahrheit, stattdessen sind etliche Variablen zu berücksichtigen, die bei einem solchen Prozess zum Tragen kommen. Der Hauptgrund für den Abgang des 27-Jährigen dürfte aber dennoch Trainer Niko Kovac sein, der es nicht vermochte, mit dem bisweilen divenhaften Gebaren des Offensivmannes umzugehen. Knallharter Disziplinfanatiker versus verträumter Schöngeist, der es mit der Pünktlichkeit nicht immer genau genommen haben soll – eine brisante Mixtur.

James ist ein Kreativling, der sich nach Vertrauen sehnt, ein Genie, das die viel zitierte Komfortzone braucht, in "Watte gehüllt" werden muss. Genau diese Sonderbehandlung ließ Kovac ihm aber nicht zuteilwerden. Das Achtelfinal-Rückspiel in der Champions League gegen den FC Liverpool dient für jene These quasi als Paradebeispiel. Es war eine der wenigen entscheidenden Partien, in der er auf James setzte. Dass die taktische Marschroute, die der Coach für die Begegnung vor heimischer Kulisse wählte, nicht sonderlich glücklich war, wurde medial und intern ausreichend durchseziert. Sie spiegelt aber speziell in James' Fall wider, wie sehr sich Kovac verkalkuliert hatte.

James gegen den FC Liverpool im taktischen Korsett

Auf dem Papier bekleidete der Linksfuß zwar die Zehnerposition, während des Spiels kristallisierte sich allerdings recht bald heraus, dass James der gewählten Mauer-Strategie zum Opfer fallen würde. In ein viel zu enges taktisches Korsett gezwungen, kam er, der die offensive Freiheit auf dem Platz liebt und braucht, nicht ansatzweise zur Entfaltung. Im Anschluss wurde er via Social Media von einigen Usern deshalb als "Schönwetterspieler" bezeichnet, der bei großen Spielen "keinen Impact" liefere.

*GER ONLY* James Rodriguez Jupp Heynckes FC Bayern München

Dass dem nicht unbedingt so ist, bewies James in der vorvergangenen Saison unter seinem spanischsprachigen Aficionado Jupp Heynckes, der – anders als Kovac – mit den Eigenheiten des Südamerikaners bestens zurechtkam und ihm weitestgehend eine Vollmacht auf künstlerisches Schaffen ausstellte. Das Resultat: Beim unglücklichen Ausscheiden in der Königsklasse gegen Real Madrid war James an zwei von drei Bayern-Toren direkt beteiligt (ein Treffer, eine Vorlage). Generell "funktionierte" der 70-malige Nationalspieler beim Trainer-Fuchs vom Niederrhein, erzielte während Heynckes' vierter Amtszeit an der Isar wettbewerbsübergreifend sieben Tore und steuerte 13 Assists bei.

Jupp Heynckes: "James ist ein fußballerisches Genie"

Dementsprechend schwärmte Heynckes, bezeichnete James als "fußballerisches Genie". Im Gegenzug zeigte sich James voll des Lobes für seinen Förderer. "Von Heynckes kann man jeden Tag lernen, er hat mich besser gemacht. Er hat mir Vertrauen geschenkt, das war ein tolles Gefühl." Ein tolles Gefühl, das ihm unter Kovac merklich abging.

Zwischenzeitlich machte der Mittelfeldmann in der abgelaufenen Spielzeit keinen Hehl daraus, wie unterkühlt das Verhältnis zum neuen Übungsleiter sich gestaltete. Nach Bild-Informationen habe er Anfang Oktober vergangenen Jahres in Anspielung auf Kovacs Ex-Klub gewütet haben: "Wir sind hier nicht in Frankfurt!"

Generell schien James' Beziehung zur Führungsebene, Rummenigge einmal ausgeklammert, nicht sonderlich harmonisch gewesen zu sein. Nachdem er im Bundesliga-Spiel in Mainz über die volle Distanz die Bank gedrückt hatte, soll er Salihamidzic mit den Worten "Du bist falsch" bedacht haben. Nachdem der Torschützenkönig der WM 2014 in der Rückrunde kurzzeitig wieder aufblühte, unter anderem im März mit seinem ersten Hattrick in Deutschlands Beletage glänzte, klang das zweijährige Intermezzo bei den Bayern im Anschluss traurig aus.

Beim 5:0 gegen Borussia Dortmund wirkte James nicht mit, was von Kovac offenbar als Indiz betrachtet wurde, dass der Gewinn der Deutschen Meisterschaft auch ohne den Spielgestalter bewerkstelligt werden könne. Mögliche Einsätze von Beginn an waren zudem in der Folge aufgrund einer Adduktoren- und späteren Wadenverletzung unmöglich.

James Rodriguez FC Bayern

James geht leise, ohne Nachtreten. "Mein großer Dank gilt dem gesamten Klub und den Fans, die uns immer großartig unterstützt haben", wird er vom FC Bayern zitiert. "Es waren zwei unvergessliche Jahre für mich in München und ich habe mich hier immer sehr wohlgefühlt. Ich nehme die besten Erinnerungen mit." Ein artiger, anständiger Abschied mit Geschmäckle, bleiben doch die ständigen Nebengeräusche einer turbulenten Saison im Hinterkopf. Aus James' Sicht ist der Weggang nachvollziehbar. Immerhin sah er es nachvollziehbarerweise "als nicht gewährleistet" (O-Ton Rummenigge), unter Kovac eine tragende Rolle zu spielen.  

Sandro Wagner: "In meinen Augen unser Bester"

Aus Sicht eines neutralen Beobachters mutet genau das fragwürdig an. Dass ein Fußballer der mit solch enormer Qualität aufwartet, keine Perspektive sieht und die Flucht ergreift, löst schnell den Reflex aus, den Verantwortlichen vorzuwerfen, großes Potenzial nicht geschätzt zu haben. Hält man es mit Ästhetik, ist das James-Lebewohl ohnehin bedauerlich.

"James ist ein ganz wichtiger Spieler, in meinen Augen sogar unser bester. Er ist ein kreativer Kopf, den wir so nicht zweimal in der Mannschaft haben", sagte Sandro Wagner Ende 2018 und schob mit Hinblick auf das damals verletzungsbedingte Fehlen von James nach: "Deshalb ist es doppelt bitter, dass er uns fehlt." Bitter könnte es tatsächlich werden: Sollte James bei seiner nächsten Station auf einen Trainer treffen, der ihn besser einzubinden weiß, könnte man sich in München noch gehörig ärgern. Darüber, einen Hochbegabten in gewisser Weise vergrault zu haben.