Er kam als Königstransfer in den Kraichgau. Dreimaliger Meister, WM-Teilnehmer und Champions-League-erfahren. Und auch Fabian Schär profitierte vom Wechsel, schließlich träumte er von einer europäischen Top-Liga. TSG 1899 Hoffenheim und der ambitionierte Schweizer Nationalspieler – das passte.
In der Realität angekommen, sah es jedoch anders aus: Ein nervenzerreißender Abstiegskampf beherrschte die Saison. 54 Gegentore an 34 Spieltagen und ein zwischenzeitlich verlorener Stammplatz ließen den Innenverteidiger aufwachen. Deutsche Zweitklassigkeit drohte, anstatt europäischem Spitzenfußball. Auf internationaler Ebene sorgt Schär derzeit trotzdem für Furore. In der Nati spielt er bisher eine überragende EM.
"Ich rechnete nicht damit, so tief in den Abstiegskampf zu sinken", gab der 24-Jährige nach der vergangenen Bundesliga-Saison zu, die er mit seinen Hoffenheimer Kollegen auf Platz 15 beendete. Eine neue Erfahrung sei es gewesen. Bei seinem Ex-Klub FC Basel sammelte er Titel nach Titel ein. Bei der TSG war das pure Überleben das Ziel.
Schwache Saison ließ Petkovic zweifeln
Der "Flop-Transfer", wie er nach der Hinrunde betitelt wurde, verlor zwischenzeitlich sogar seinen Stammplatz und brachte es im Endeffekt nur auf 20 Startelfeinsätze, ohne größer verletzt gewesen zu sein. Und schlimmer: Die Sorgen aus der Bundesliga übertrugen sich in die Heimat.
Die starken Leistungen bei der WM 2014 in Brasilien waren vergessen, als das Duo Djourou/Schär die Nati bis ins Achtelfinale brachte, die dort erst nach 118 Minuten gegen den späteren Finalisten Argentinien scheiterte. Ein Sololauf des Weltfußballers Lionel Messi und die Kaltschnäuzigkeit von Angel Di Maria schickten die Schweiz schließlich aus der südamerikanischen Gluthitze zurück in die Alpen.
Schärs Platz in der Innenverteidigung neben Johan Djourou wurde hinterfragt. Trainer Vladimir Petkovic probierte fünf verschiedene Besetzungen in der Innenverteidigung aus. Zu sehr erschien der formschwache Verteidiger als Risikofaktor.
Ist Schär der neue "Patron"?
Tatsächlich ist Schär nicht einer der traditionellen Innenverteidiger, er ist nicht der Zweikämpfer par excellence, brilliert nicht durch Härte oder Kampfgeist. Vielmehr ist er einer dieser Verteidiger der neuen Generation, taktisch auf höchstem Level und geschult im Spielaufbau. Schärs Spielart ist riskant und kann bei jedem Fehler sofort zu Gegentoren führen.
Doch finden seine Zuspiele das Ziel, wird es sofort gefährlich. "Seine Pässe in die Schnittstelle sind erstklassig", schwärmte der ehemalige technische Direktor der Schweizer Nationalmannschaft, Peter Knäbel.
Der gelernte Mittelfeldspieler sorgte bei der EM bisher zudem an beiden Enden des Spielfelds für Ekstase im Schweizer Fanlager. Erst der Siegtreffer im ersten Gruppenspiel gegen Albanien und später die "fehlerfreie, unbeschreiblich coole und überragende Leistung" gegen Frankreich, wie es 20 Minuten beschrieb.
Schär stieg heimlich zum Abwehrchef auf, wovon er eigentlich nichts wissen will: "Johan Djourou ist hinten der Chef", meint er. "Von Johans Erfahrung kann ich viel profitieren. Er hat für absolute Top-Klubs gespielt". Dem Ex-Arsenal- und aktuellen HSV-Spieler sei es hingegen egal, "wer der Patron ist".
Hoffenheim-Rückkehr: Aufwachen oder weiterträumen?
Doch Chef-Frage beiseite: Nachdem der Rechtsfuß das ein oder andere Mal in der Flop-Elf der Bundesliga auftauchte, gehört er nun zur Elite des Turniers. Neben den Datenexperten von Opta, die 75 Prozent gewonnene Zweikämpfe und die meisten Schweizer Ballaktionen (256) nach Granit Xhaka (359) verzeichneten, wählte ihn auch das prestigeträchtige Magazin L'Equipe in die stärkste Elf der Vorrunde.
Nun steht das Achtelfinale gegen Polen an und die Schweiz könnte mit einem Sieg erstmals seit 1938 bei einem großen Turnier ein K.o.-Spiel gewinnen. Schär, der sich im Gegensatz zu vielen Mitspielern nicht mit Wurzeln oder Herkunftsfragen auseinandersetzen muss, trotzdem nur die erste Strophe der Nationalhymne kennt, wird sich mit dem Kaliber Robert Lewandowski messen müssen.
Nach seiner "nicht gerade besten Saison" scheint der Defensivspieler dennoch der Aufgabe gewachsen. Seine Aussage, eine Abstiegssituation könne auch von Vorteil sein, hat sich bewahrheitet. Den europäischen Traum lebt er derzeit mit der Schweiz. Bleibt für die TSG zur zu hoffen, dass er davon bei seiner Rückkehr ins Kraichgau nicht erneut aufwachen muss.
