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Ex-Schalker Lars Unnerstall im Goal-Interview: "Wenn man das Derby gewinnt, ist alles andere egal"


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Blickt man in der Historie des Revierderbys ins Jahr 2012 zurück, erinnern sich die Fans des FC Schalke gerne an den 2:1-Auswärtssieg bei Borussia Dortmund. Im Tor der Königsblauen stand damals ein gewisser Lars Unnerstall – ein Name, der in Deutschland langsam aber sicher in Vergessenheit gerät.

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Ganz anders sieht es in den Niederlanden aus. Dort gilt er in dieser Saison als einer der besten Keeper der Eredivisie. Auch dank seiner starken Leistungen steht Aufsteiger VVV Venlo, der als Abstiegskandidat Nummer Eins in die Spielzeit ging, im gesicherten Mittelfeld der Tabelle. Achtmal spielte Unnerstall in der laufenden Spielzeit bereits zu Null, weshalb ihm die Presse jüngst den Spitznamen "Unnerwall" verpasste.

Im Goal-Interview spricht der 1,96-Meter-Hüne über seine starke Saison in den Niederlanden, Rückschläge, die Arbeit mit Mentaltrainern, seine Zeit auf Schalke und die Bedeutung des Revierderbys. Außerdem gewährt er Einblick in seine Zukunftspläne und seinen Traum von der Premier League.

Lars, als Deutscher kennt man Venlo fast nur als Einkaufsstadt. Wie kam es dazu, dass Sie bei der VVV Venlo unterschrieben haben?

Lars Unnerstall: Ich habe mich im Sommer nach einem neuen Verein umgeschaut, bei dem ich als Nummer Eins in die neue Saison gehen kann und Venlo kam schon sehr früh in der Transferphase auf mich zu. Der Klub hat mir von Anfang an das Gefühl gegeben, erste Wahl zu sein. Nachdem ich mir vor Ort alles angeschaut habe, hatte ich sofort ein gutes Gefühl. Ich hatte keine Lust, zu pokern und bis Juli oder August zu warten, um dann eventuell anderswo unterzukommen. Also habe ich mich schnell entschieden.

Sie wohnen nach wie vor in Meerbusch und pendeln jeden Tag eine halbe Stunde nach Venlo. War die Nähe zur Heimat bei Ihrer Wechselentscheidung wichtiger als besser bezahlte Angebote?

Unnerstall: Auf jeden Fall. Meine Freundin musste nicht kündigen und sich einen neuen Job suchen. Da Venlo nur einen Katzensprung entfernt ist, hatten wir den ganzen Umzugsstress nicht. Geld ist für mich nicht alles, denn hätte ich nur aufs Finanzielle geachtet, hätte ich auch anderswo unterschreiben können, um mich dort als Nummer Zwei auf die Bank zu setzen. Wenn man so lange nicht regelmäßig gespielt hat wie ich, muss man vielleicht auch mal einen vermeintlichen Schritt zurück machen und einen Neuanfang wagen.  

Die VVV Venlo hat in etwa den Etat eines deutschen Zweit- oder Drittligisten. Inwieweit macht sich das in der täglichen Arbeit bemerkbar?

Unnerstall: Venlo ist eine andere Hausnummer als Schalke oder Düsseldorf. Trotzdem empfinde ich es nicht als negativ, da es ein schönes und sehr entspanntes Arbeiten ist. Man hat nicht den Rummel, den ich aus Düsseldorf und Gelsenkirchen kenne. Während wir trainieren, verlaufen sich hin und wieder ein paar Rentner auf der Tribüne und schauen zu, während auf Schalke teilweise tausende Leute am Seitenrand standen.

Für Sie persönlich läuft es ausgezeichnet. Sie haben schon siebenmal zu Null gespielt und zählen für viele Experten zu den besten Torhütern der Eredivisie. Haben Sie erwartet, dass es so gut laufen könnte?

Unnerstall: Natürlich war es mein Plan, alle Spiele zu machen und mich bestmöglich in den Fokus zu spielen, doch dass es für uns als Mannschaft so gut läuft, war nicht abzusehen. Vor der Saison waren wir für die meisten Experten Abstiegskandidat Nummer Eins, doch aktuell stehen wir im gesicherten Mittelfeld und sind sogar näher an den Europa-League-Rängen als an den Abstiegsplätzen.

Was sind die Gründe für die gute Saison Ihres Teams?

Unnerstall: In der vergangenen Saison ist Venlo als Zweitligameister in die Eredivisie aufgestiegen und es herrschte im Sommer eine riesige Euphorie im Team. Außer den anderen Deutschen (Lennart Thy und Nils Röseler, d. Red.) hat niemand aus dem Kader zuvor schon einmal erstklassig gespielt. Dementsprechend heiß waren die Jungs, endlich ihren Traum zu leben und in der Eredivisie zu spielen. Der Zusammenhalt in der Truppe ist unglaublich – jeder fightet bis zum Schluss. In den engen Spielen haben wir es häufig geschafft, irgendwie noch ein Tor zu machen und uns so Punkte gesichert.

Worin unterscheidet sich der Fußball in den Niederlanden von dem in der Bundesliga?

Unnerstall: In Holland wird offensiver gespielt als in Deutschland. Während in Deutschland häufig die Defensive im Vordergrund steht und die meisten Mannschaften aus einer kompakten Verteidigung heraus agieren, geht es in Holland mehr ab. Gerade die Außenspieler im Mittelfeld verstehen sich meist als Offensivspieler und gehen häufig ins Dribbling. Richtige Malocher, die nach hinten arbeiten, sucht man vergeblich.

Wie würden Sie das Niveau der Eredivisie im europäischen Vergleich einordnen?

Unnerstall: Das größte Problem der Liga sind die riesigen Unterschiede, die zwischen den großen und den kleinen Klubs herrschen. Mit Ajax Amsterdam, Feynoord Rotterdam und der PSV Eindhoven hat man Vereine, die finanziell und sportlich Lichtjahre von den Klubs wie Roda Kerkrade, Sparta Rotterdam oder Venlo entfernt sind. Diese riesigen Unterschiede hat man in Top-Ligen wie der Bundesliga oder der Premier League nicht. Daher muss man klar sagen, dass die Eredivisie ein ganzes Stück hinterher hängt.

GFX Quote Lars Unnerstall

Während in Holland aktuell alles nach Plan läuft, verlief Ihre Zeit bei Fortuna Düsseldorf weniger glücklich. Statt auf dem Platz zu stehen, waren Sie drei Jahre lang nur die Nummer Zwei hinter Michael Rensing. Wie geht man als junger Torwart damit um, so lange keine Spielpraxis zu bekommen?

Unnerstall: In Düsseldorf ist es für mich unter dem Strich nicht so gelaufen, wie ich es mir erhofft hatte. Es war in jedem Jahr eine große Enttäuschung, zu Saisonbeginn zu hören, nur die Nummer Zwei zu sein. In diesen Momenten kann man an der Entscheidung des Trainers allerdings nichts ändern – es blieb mir nichts anderes übrig, als immer weiter zu trainieren. Um Spielpraxis zu bekommen, habe ich so oft wie möglich in der U23 ausgeholfen, denn die tägliche Arbeit macht mehr Spaß, wenn man etwas hat, worauf man hinarbeitet. Es ist frustrierend zu wissen, dass man die ganze Woche hart trainiert, um trotzdem 90 Minuten auf der Bank zu sitzen.

Wie schwierig ist es, sich in einer solchen Phase täglich neu zu motivieren?

Unnerstall: Gerade zu Saisonbeginn war ich alles andere als gut gelaunt und hatte manchmal wenig Lust, zum Training zu gehen. Nach ein paar Tagen habe ich mir allerdings bewusst gemacht, dass ich trotzdem meinen Traum vom Fußballprofi lebe. Ich habe das Privileg, mein Hobby zum Beruf gemacht zu haben, was nur sehr wenige Leute behaupten können. Ich liebe den Fußball und habe im Training auch Spaß, wenn ich am Wochenende nicht im Tor stehen darf. Auf Schalke habe ich erlebt, wie schnell es als Torwart manchmal gehen kann. Es kann immer passieren, dass sich die Nummer Eins verletzt. Wenn man sich im Training aber hängen lässt, schlecht trainiert und nicht darauf vorbereitet ist, zu spielen, bringt man auf dem Platz auch keine Leistung, falls man gefordert wird. Deshalb bereite ich mich jedes Wochenende genauso intensiv auf die Partie vor, als würde ich spielen.

Zweifelt man in solchen Phasen an seinen eigenen Fähigkeiten?

Unnerstall: Ich glaube, ich kann mit solchen Rückschlägen ganz gut umgehen, ohne daran zu zerbrechen oder in Selbstzweifel zu verfallen. Meine Freunde und meine Familie stärken mir den Rücken und helfen mir dabei, nicht zu viel zu hinterfragen.

Ralf Fährmann hat einmal im Goal-Interview erzählt, dass er mit einem Mentaltrainer zusammenarbeitet. Nutzen Sie solche Angebote auch?

Unnerstall: In Düsseldorf wurden wir von einem Mentaltrainer betreut, mit dem ich damals regelmäßig zusammengearbeitet habe. Da er bei mir in der Nachbarschaft wohnt, haben wir auch heute noch Kontakt und sprechen manchmal, allerdings nicht so regelmäßig wie zu Fortuna-Zeiten.

Fährmann sagte, man könne seinen Kopf genauso trainieren wie seinen Bizeps. Wie genau kann man sich die Arbeit mit einem Mentaltrainer vorstellen?

Unnerstall: Er gibt Tipps und kann sehr gut einordnen, an welchen Stellschrauben man bei sich selbst drehen kann, um sein Wohlbefinden zu steigern. Ich selbst hatte zum Beispiel immer Probleme, vom Fußball abzuschalten, wenn ich zu Hause war. Selbst wenn ich auf der Couch lag, konnte ich nicht wirklich herunterfahren, sodass Körper und Geist sich nicht komplett erholen konnten. Diesen Punkt hat er mir vermittelt und mir dabei geholfen, mich dem Fußball in manchen Momenten zu entziehen.  

Was hat Ihnen dabei geholfen?

Unnerstall: Ich habe mit dem Yoga angefangen und mache es seitdem einmal in der Woche. Im Vorfeld hätte ich es nicht für möglich gehalten, doch regeneratives Yoga hilft mir total, wirklich herunterzukommen und abzuschalten. Ich kann es nur empfehlen.

Sie kamen 2011 als 19-Jähriger zu den Schalker Profis und standen plötzlich mit Spielern wie Raul auf dem Trainingsplatz. Wie haben Sie das erlebt?

Unnerstall: Mit Raul zu trainieren, war für mich überragend. Wenn er von sich und den großen Spielen erzählt hat, die er in seiner Karriere gemacht hat, habe ich an seinen Lippen geklebt und alles aufgesogen. Es war eine extrem spannende Zeit mit ihm. Obwohl wir riesigen Respekt vor ihm hatten, brauchte niemand Angst vor ihm zu haben. Er war total nett und freundlich. Er ist menschlich ein unglaublicher Typ.

Welche Geschichte erzählen Sie besonders gern über Ihn?

Unnerstall: Zu dieser Zeit hatten wir mit Jurado und Sergio Escudero zwei weitere Spanier im Kader, die immer zusammen unterwegs waren. Wir als Mannschaft haben uns immer darüber lustig gemacht, dass die Spanier schon bei zehn Grad komplett vermummt trainiert haben – mit Mütze, Handschuhen und Schal. Wenn man sie angeschaut hat, hätte man denken können, wir hätten minus zehn Grad. (lacht)

In Ihrem ersten Jahr bei den Profis war Manuel Neuer noch die Nummer Eins auf Schalke. Was konnten Sie sich von ihm abschauen?

Unnerstall: Im täglichen Training mit Manuel Neuer kann man unglaublich viel lernen. Er war offen gegenüber den anderen Torhütern und hat mir immer nützliche Tipps gegeben. Allein zu sehen, wie er auf dem Platz agiert, wie er die Situationen einschätzt und Bälle hält, bringt einen als junger Torwart weiter.

GFX Quote Lars Unnerstall

Welcher Moment auf Schalke ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Unnerstall: Der Derbysieg auswärts beim BVB 2012 war natürlich etwas ganz Besonderes. Ich stand damals im Tor und wir haben in einem dramatischen Spiel 2:1 gewonnen. Die Fans im Gästeblock hatten damals weiße Fischerhüte auf und nach dem Spiel riefen sie mich in die Kurve. Mit einem solchen Hut stand ich dann auf dem Zaun und habe Lieder mit dem Megafon angestimmt. Das war der emotionalste Moment meiner Karriere, den ich mit Sicherheit niemals vergessen werde. Den Hut habe ich heute noch. Er ist zwar schon etwas ramponiert, doch egal wohin es mich verschlägt, der Hut wird immer mitkommen. (lacht)

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Was macht den Reiz des Derbys aus?

Unnerstall: Der Wahnsinn fängt schon eine Woche vor dem Anpfiff an, da jeder im Ruhrgebiet über nichts anders spricht. Beim Training sind plötzlich zehnmal so viele Zuschauer, es herrscht eine besondere Stimmung. Auch im Stadion ist die Atmosphäre am Spieltag eine andere. Man merkt, dass jeder Fan komplett auf dieses Spiel brennt. Die Saison kann scheiße laufen, doch wenn man das Derby gewinnt, ist alles andere egal.  

Am Sonntag (15.30 Uhr im LIVE-TICKER) ist es wieder soweit. Aktuell steht Schalke in der Bundesliga vor Dortmund. Erleben wir momentan einen Machtwechsel im Ruhrpott?

Unnerstall: Schwer zu sagen. Schalke spielt aktuell solide und steht vor allem defensiv sehr gut. Sie spielen keinen attraktiven Hurra-Fußball, sondern zeichnen sich durch harte Arbeit und gnadenlose Effektivität aus. Wenn das so weitergeht, kann ich mir gut vorstellen, dass sie am Saisonende vor dem BVB stehen.

Kommen wir zum Abschluss noch zu Ihrer persönlichen Zukunft. Ihr Vertrag in Venlo läuft noch bis Saisonende. Wissen Sie schon, wie es danach weitergeht?

Unnerstall: Nein, noch nicht genau. Erst einmal geht es darum, mit Venlo auch rechnerisch den Klassenerhalt perfekt zu machen. Danach werden wir schauen, was in der nächsten Saison passiert. Natürlich werde ich auch mit Venlo sprechen, denn hier fühle ich mich wohl und werde geschätzt. Trotzdem war es vor der Saison natürlich mein Plan, in Venlo alle Spiele zu machen, mich zu beweisen und anschließend im Idealfall einen Schritt weiter nach oben zu gehen.

Sehen Sie die Niederlande also nur als Zwischenstation?

Unnerstall: Mit meinem Wechsel in die Eredivisie habe ich in der Wahrnehmung karrieretechnisch einen Schritt zurück gemacht, um wieder regelmäßig zu spielen und mich zu beweisen. Trotzdem gefällt es mir gut in Holland und ich kann mir durchaus vorstellen, länger hier zu bleiben. Wenn nicht in Venlo, dann vielleicht bei einem anderen Klub.

Bei Ihrem Spiel gegen Groningen Mitte Februar waren angeblich Premier-League-Scouts vor Ort, um Sie zu beobachten.

Unnerstall: Es wäre ein Traum, in der Premier League zu spielen. Selbst die zweite englische Liga ist für mich sehr reizvoll, da dort intensiver, ehrlicher Fußball gespielt wird und auch dort etliche Traditionsklubs vertreten sind. Ich könnte mir durchaus schlechtere Adressen für meinen neuen Verein vorstellen. (lacht)

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