HINTERGRUND
Training, englische U21-Nationalmannschaft. Es ist schon dunkel geworden, das Flutlicht erhellt das ansonsten triste Ambiente in einem menschenleeren Stadion. Wir sind irgendwo in Dänemark, Ende März diesen Jahres. So weit, so unspektakulär.
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Doch dann kommt plötzlich dieser Junge an den Ball. Groß, geradezu schlaksig, schier unendlich lange Beine. Zwei Verteidiger umringen ihn, die Situation scheint festgefahren. Doch er schüttelt sie ab. Körpertäuschung hier, Körpertäuschung da, den Ball leichtfüßig mittendurch gelegt. Ein pfeilschneller Antritt verschafft ihm den entscheidenden Vorteil. Auch den dritten Verteidiger tänzelt er aus - und dann: Absatzkick in den Kasten, vorbei am verdutzten Keeper.
"Einer aus dem Training heute", schreibt Tammy Abraham später bei Instagram. Einer von vielen. Denn mittlerweile ist er es gewohnt, Tore auf allerhöchstem Niveau zu erzielen. 23 Treffer gelangen ihm vergangene Saison in 41 Zweitliga-Einsätzen für Bristol City, quasi im Alleingang schoss er seinen Klub zum Klassenerhalt. Und empfahl sich für höhere Aufgaben - am liebsten beim FC Chelsea, seinem Jugendklub, von dem er 2016/17 an Bristol verliehen war.
"Ich weiß noch nicht, was ich nächste Saison mache", sagte Abraham kürzlich. Bristol wollte ihn halten, die kometenhafte Entwicklung machte das jedoch unmöglich. Ob er zurück zu Chelsea geht oder an einen anderen Verein verliehen wird, wisse er noch nicht. Und zunächst liegt sein Fokus ohnehin ganz woanders: Auf der U21-EM, die für ihn und die englische Auswahl am Freitagabend mit dem Spiel gegen Schweden beginnt.
Abraham ist eine der großen Hoffnungen der jungen Three Lions. Er, obwohl erst 19 Jahre alt, soll das Team zum Titel schießen, soll an vorderster Front für Furore sorgen. Speziell, nachdem United-Star Marcus Rashford, der für die A-Nationalmannschaft nominiert wurde, beim Turnier in Polen nicht mit von der Partie sein wird.
"Abraham hat brutales Potenzial"
Jens Hegeler, früher unter anderem bei Bayer Leverkusen und Hertha BSC in der Bundesliga unter Vertrag, kennt Abraham genau. Denn der deutsche Mittelfeldspieler war, seit er im Januar zu Bristol City wechselte, im vergangenen halben Jahr Teamkollege des blutjungen Knipsers.
"Er hat brutales Potenzial, seine Grundvoraussetzungen sind außergewöhnlich", sagte Hegeler exklusiv gegenüber Goal. "Ich kenne die deutschen U-Nationalmannschaften zwar nicht so gut, aber spontan fällt mir kein deutscher Spieler in dem Alter ein, der ähnliches Potenzial hat", ergänzt er schwärmend.
Auffallend ist vor allem Abrahams phänomenale Technik und Ballbehandlung. Trotz seiner Körpergröße von 1,90 Meter geht er - auch unter Gegnerdruck - elegant mit der Kugel um. Er adaptiert Situationen blitzschnell, findet in Sekunden neue Lösungen, verarbeitet auch schwierige, missglückte Zuspiele oft problemlos. Zudem verfügt der Teenager über einen erstklassigen Abschluss, ist extrem antrittsstark, koordiniert seine raumgreifenden, langen Schritte sehr produktiv.
GoalDass er schon als Siebenjähriger zu Chelsea kam, seitdem jede Nachwuchsmannschaft der Blues durchlief, kommt Abraham dabei sicher zugute. Die professionelle Ausbildung merkt man jedem seiner Schritte an. Das Ursprüngliche, Unbekümmerte, Unbeschwerte hat er sich dennoch stets erhalten.
"Ein sehr lebensfroher, sehr lustiger Typ mit einer gesunden Portion Selbstvertrauen", beschreibt ihn Hegeler - und betont: "Was normal ist bei einem 19-Jährigen, der in der letzten Saison über 20 Tore gemacht hat." Es spricht für Abraham, dass er gleich in seiner ersten kompletten Profi-Spielzeit derart erfolgreich war.
"Ich habe es genossen, in den letzten neun Monaten alleine zu leben", sagt Abraham, der auch in der Persönlichkeitsentwicklung einen Schritt nach vorne gemacht hat. "Ich war es gewöhnt, dass meine Mutter für mich kocht - obwohl meine Kochkünste immer noch Müll sind", erklärte der gebürtige Londoner mit nigerianischem Vater augenzwinkernd.
Chelsea hält große Stücke auf Tammy Abraham
Vor rund einem Jahr gewann er mit Chelseas U19 noch die UEFA Youth League, spielte in der A-Jugend oder der Reserve der Blues. Bei den Profis kam er lediglich zu zwei Kurzeinsätzen gegen Ende der Saison 2015/16, könnte aber dennoch eines der wenigen Eigengewächse sein, die beim frischgebackenen englischen Meister den Durchbruch schaffen.
Medienberichten zufolge sah Chelsea im vergangenen Sommer sogar von einer Verpflichtung des seinerzeit europaweit begehrten brasilianischen Stürmers Gabigol ab, weil man so große Stücke auf Abraham hält. Trainer Antonio Conte soll ein großer Fan des Youngsters sein, dessen Leihe nach Bristol bereits im Mai offiziell endete. Angeblich bieten die Blues ihm daher sogar eine Verdopplung seines bisherigen Gehalts, um Abraham, den offenbar Newcastle, Brighton und Everton auf dem Zettel haben, an den Klub zu binden.
Eine weitere Ausleihe ist dabei derzeit das wahrscheinlichste Szenario. Diesmal jedoch eher zu einem Erstliga- statt zu einem Zweitligaklub, das hofft auch der Angreifer selbst. "Bislang verlief seine Entwicklung sehr rund, ich bin mal gespannt, was er nächste Saison zeigt", sagt Hegeler. "Ich vermute mal, dass er an einen Premier-League-Klub verliehen wird."
Endgültig entscheiden wird sich Abrahams Zukunft erst nach der U21-EM, wie er kurz vor Turnierbeginn noch einmal betonte. "Die Gespräche finden danach statt", sagte er. Zunächst will er Taten sprechen lassen. "Es wäre schön, das Turnier mit einem Knall zu beenden." Heißt im Klartext: Der Titel soll her, mit nichts anderem geben sich Abraham und Co. zufrieden.
Tore des Shootingstars scheinen dabei vorprogrammiert. Körpertäuschung hier, Körpertäuschung da, den Ball leichtfüßig mittendurch gelegt ...


