Dass der Fußball in seinem Mutterland eine absolute Ausnahmestellung hat, ist gemeinhin bekannt. Erfolge der Nationalmannschaft garantiert das aber - wie wir alle wissen - nicht. Der letzte Titel Englands bei einem großen Turnier liegt inzwischen ein halbes Jahrhundert zurück.
Vor 20 Jahren, bei der EM auf heimischem Boden, erreichten die Three Lions dann zumindest noch einmal das Halbfinale. Seitdem ist die Runde der letzten Vier absolutes Sperrgebiet für die Engländer. Stets einer der Mitafvoriten, stets eigentlich gut besetzt - aber das gewisse Etwas fehlte dann doch zumeist.
Diesmal könnte das anders sein. Denn schaut man sich den Kader von Trainer Roy Hodgson für die EM in Frankreich an, fällt auf: Die Engländer haben wieder eine Mannschaft, der es an Talent, an fußballerischem Esprit, keineswegs mangelt.
Dele Alli etwa ist ein Parade-Beispiel für diese These. Der 20-Jährige hat überragende technische Fertigkeiten, eine überdurchschnittliche Spielintelligenz, enorm schnelle Auffassungsgabe auf dem Feld. Qualitäten, die einem gepflegten Spiel zuträglich sind.
Gepflegtes Spiel statt Kick and Rush
Eben jenes wollen die Three Lions in Frankreich zeigen. Im 4-3-3-System lässt Hodgson vermutlich spielen, hat dafür derart veranlagte Kicker zur Verfügung, wie man es im Mutterland des Fußballs in der jüngeren Vergangenheit nicht mehr hatte.
Neben Alli stehen für die Zentrale weitere extrem passsichere Akteure wie Eric Dier, Jack Wilshere, Jordan Henderson und James Milner im Aufgebot. Spielkultur wird groß geschrieben, nach vorne setzt Hodgson dann vor allem auf viel Tempo und Dynamik. Raheem Sterling, Ross Barkley, Marcus Rashford, Daniel Sturridge - junge, hungrige Spieler, die alles andere sind als die Verkörperung des klassisch englischen, auf Kraft basierenden Spielstils.

Bei der WM vor zwei Jahren, als man ein enttäuschendes Vorrunden-Aus erlebte, war dieses Umdenken bereits eingeleitet. Der Mut, es mit letzter Konsequenz durchzudrücken, fehlte Hodgson allerdings. Das scheint nun anders zu sein.
Totale Offensive?
Hodgson denkt sich: Go for it! Warum nicht einen Rashford mitnehmen? Warum nicht auch mal mit drei klassischen Stürmern spielen, wie zuletzt im Test gegen Portugal, als Jamie Vardy, Wayne Rooney und Harry Kane gemeinsam in der Startelf standen?
Drei Angreifer von Klasse-Format, drei der besten, die die Premier League zu bieten hat. An offensiver Power sollte es England, das mit Russland, Wales und der Slowakei machbare Vorrundengegner erwischt hat, jedenfalls nicht fehlen. Mut ist eingekehrt, Talent hat der Kader der Three Lions diesmal en masse.
So viel, wie zuletzt vielleicht bei der WM 1998, mit den jungen David Beckhams, Paul Scholes', Steve McManamans oder Super-Teenie Michael Owen. Damals stoppte sich das Team wegen Undiszipliniertheiten mehr oder weniger selbst. Ein Schicksal, das beim großen Turnier in Frankreich tunlichst vermieden werden soll.
