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England braucht Torgefahr: Ein Fall für Jamie Vardy?

In Deutschland gibt es zu Turnierzeiten 82 Millionen Bundestrainer. Sie alle haben ihre eigenen Vor- und vor allem auch Aufstellungen für die Nationalmannschaft, die im Netz, im Freundeskreis oder am Stammtisch durchgedrückt werden. Mindestens genauso schlimm ist es auf der Insel: 54 Millionen Engländer samt berüchtigter Boulevardpresse wissen es hier besser als Three-Lions-Coach Roy Hodgson. Im Vorfeld der "Battle of Britain" am Donnerstag (15 Uhr im LIVE-TICKER) wird vor allem eine Personalie diskutiert: Muss Jamie Vardy spielen?

Der Stürmer, der in der abgelaufenen Saison Leicester City mit 24 Treffern zum Meistertitel schoss und auf dem Weg dorthin unter anderem den Rekord für die meisten Spiele in Serie mit Torerfolg aufstellte, musste am Samstag gegen Russland 90 Minuten lang die Ersatzbank drücken. In Englands Dreiersturm erhielten dafür Harry Kane, Raheem Sterling und Adam Lallana den Vorzug. Zwei davon enttäuschten und die Rufe nach Vardy werden lauter.

Dabei hatte es für die Three Lions gegen die Russen bis kurz vor dem Ende nach einem knappen, aber verdienten 1:0-Erfolg ausgesehen. Roy Hodgson entschied sich, konservativ zu wechseln, Vardy und auch Daniel Sturridge und Marcus Rashford auf der Bank zu lassen. Trotz defensiver Einwechslungen gelang es England nicht, den dünnen Vorsprung über die Zeit zu retten und nach dem 1:1 am Ende stehen Hodgson und seine Schützlinge nun vor dem heißen Duell mit Nachbar Wales unter Druck.

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Öffentlichkeit und Fans fordern Vardy. Der pfeilschnelle Stürmer könnte sowohl in der Zentrale als auch auf dem Flügel zum Einsatz kommen. Er strotzt nach seiner famosen Spielzeit bei den Foxes vor Selbstvertrauen. Mit seiner direkten, schnörkellosen Art und der klasse Ballbehandlung, so wünscht es sich die Öffentlichkeit, soll er mehr Torgefahr ausstrahlen.

Denn das ging Kane und Sterling völlig ab: Spurs-Star Kane, immerhin Torschützenkönig der Premier League, hatte keinen einzigen Ballkontakt im russischen Sechzehner und kein Glück bei seinen Abschlüssen aus der Distanz. Er arbeitete viel und hatte eine starke Zweikampfquote vorzuweisen, das war es aber auch schon an positiven Aspekten. Schlagzeilen machte er indes nur, weil er von Hodgson kurioserweise zum Schützen der englischen Ecken auserkoren war.

Noch einen Tacken unglücklicher agierte Citys Raheem Sterling. Seine Schnelligkeit war nicht zu übersehen, ebenso aber seine Tendenz, immer wieder in aussichtsreichen Situationen die falschen Entscheidungen zu treffen oder Probleme mit der Ballannahme zu haben. Mehrere potenziell gefährliche Aktionen erstickte er so unfreiwillig im Keim.

"Der Einzige, der keine Normalform hatte"

Auch Ex-Premier-League-Coach Harry Redknapp, aktuell als Experte für Sky Sports unterwegs, war enttäuscht vom jungen Ex-Liverpooler: "Ein Spieler, der nun unter Druck stehen dürfte, ist Raheem Sterling. Er hat sicher nicht so gespielt, wie er es sich gewünscht hätte. Er war der einzige Spieler, der keine Normalform hatte. Auch wenn es in einigen Situationen ordentlich aussah und er mit seiner Geschwindigkeit den Gegner auseinanderreißen kann."

Bereits während der WM 2014, bei der England in der Vorrunde ausschied, wurde Hodgson mangelnde Courage bei der Aufstellung und vor allem bei den Einwechslungen vorgeworfen. Nach dem Russland-Remis erklärte er nun: "Jamie kann vorne alle Positionen spielen und wir haben sicher über ihn und Daniel Sturridge im Laufe des Spiels diskutiert. Aber nach den ersten 15 Minuten (der zweiten Halbzeit, Anm. d. Red.), in denen Russland uns etwas unter Druck gesetzt hatte, sahen wir eigentlich wieder ganz gut aus. Für mich wirkte es, als sollten wir bald das zweite Tor erzielen. Deshalb war dieser Wechsel schwierig."

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Hodgson betonte, nicht immer seien Wechsel während des Spiels eine einfache Sache und man wisse nicht, was noch hätte passieren können. "Hinterher ist man immer schlauer. Aber ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass Russland uns mit Jamie mehr echte Konterchancen ermöglicht hätte", so der 68-Jährige.

Und es ist diese letzte Aussage Hodgsons, die darauf schließen lässt, dass Vardy vermutlich auch gegen Wales zunächst draußen bleiben wird. Die Elf von Trainer Chris Coleman verfügt zwar mit Gareth Bale über einen der aufregendsten Offensivspieler dieses Turniers, machte in der Qualifikation aber vor allem mit ihrer Defensivstärke von sich reden.

Sterling wackelt

In die Karten schauen lassen wollte sich Hodgson seitdem noch nicht, was seine Aufstellung für den Donnerstag angeht. Dass er Kane rausnimmt, ist sehr unwahrscheinlich, Sterling aber dürfte in der Tat wackeln. Eine Abkehr vom 4-3-3 ist derweil nicht realistisch.

Vielleicht täte dem etwas statisch wirkenden Spiel der Engländer aber etwas Vardy'sche Unbekümmertheit und Unbedarftheit gut. Am Dienstag ließ sich der 29-Jährige beim Verlassen des englischen Mannschaftsquartiers mit einem Energydrink und einer Dose Kautabak ablichten. Das sorgte für Schlagzeilen, Vardy kümmerte es wenig.

Die 54 Millionen englischen Bundestrainer störte es ebenfalls nicht. Die Mehrheit hofft, dass Vardy sich beweisen darf und die zu erwartende englische Überlegenheit gegen Wales in Treffer ummünzt.

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