Joachim Löw hatte richtig Feuer. In einem flammenden Appell schwor der Bundestrainer seine Nationalspieler auf das Schlüsselspiel im "Glutofen" München gegen Portugal ein. "Er hat uns noch mal heiß gemacht und uns gesagt, dass wir langsam in den Wettkampfmodus kommen müssen", sagte Joshua Kimmich nach der emotionalen und eindringlichen Ansage des Chefs.
Löw will mit einem Sieg am Samstag (18 Uhr im LIVE-TICKER) gegen den Titelverteidiger um Superstar Cristiano Ronaldo das schlingernde Nationalmannschafts-Schiff wieder auf Kurs EM-Achtelfinale bringen. "Was ich spüre ist eine entschlossene Stimmung und Haltung. Wir wollen, müssen und werden einige Dinge besser machen", sagte er nach dem Frankreich-Fehlstart (0:1) beschwörend und versprach "taktische Änderungen und mehr Offensivkraft".
Löw: Portugal keine One-Man-Show
Auf der fast zweieinhalbstündigen Fahrt zum Spielort tüftelte Löw an letzten Details seines Portugal-Plans. Er erwartet "keine One-Man-Show" von Ronaldo, auch wenn dieser mehr könne, "als Cola-Flaschen verschieben". Löw rechnet mit einem "ähnlich eingespielten und starken Gegner wie Frankreich" mit einer "Weltklasse-Offensive". Daher werde man das Stadion nicht "auf Teufel komm raus erstürmen". Man brauche ein "gutes Gleichgewicht".
Allen im DFB-Tross ist klar, dass "wir besonders unter Druck stehen", wie Direktor Oliver Bierhoff betonte, aber: "Wenn du Europameister werden willst, ist das eine Drucksituation, der wir standhalten müssen. Kein Grund zum Weinen." Löw betonte: "Der Druck wird uns nicht erdrücken."
GettyImagesEine weitere Niederlage würde den dreimaligen Europameister aber in eine äußerst bedrohliche Situation versetzen. Die traurigen Bilder des historischen WM-Debakels 2018 wären wieder präsent. "Wir sind nicht hier, um Urlaub zu machen oder früh abzureisen", betonte Kimmich bei MagentaTV in Erinnerung an das Vorrunden-Aus in Russland.
So weit will es Löw bei seiner Abschiedsmission nicht kommen lassen. Daher forderte er eine "ganz andere Dynamik" sowie "mehr Intensität" und ein Spiel in "anderen Räumen". Dafür muss er allerdings die heiklen Fragen nach dem passenden System und dem richtigen Personal beantworten.
Kaum Änderungen erwartet
Von seiner Dreierkette um Abwehrchef Mats Hummels wird er wohl nicht abrücken. "Das System spielt keine Rolle. Das ist flexibel", stellte Löw klar. Einen letzten Eindruck verschaffte er sich beim Abschlusstraining im strahlenden Sonnenschein im Adi-Dassler-Stadion.
Die Musikeinlage "Deutschland, schieß ein Tor" von einem Fan-Bus bei seiner längeren Ansprache an die Mannschaft hätte passender nicht sein können - auch wenn sie Löws Anfeuerungsrufe ("Auf geht's, Männer!") übertönte. Während des Trainings in Herzogenaurach diskutierte Löw immer wieder angeregt mit seinem Assistenten Marcus Sorg. Auf eine Übungseinheit in der Münchner Arena wurde diesmal verzichtet.
Getty ImagesGroße Veränderungen werden dort gegen "Turnier-Lieblingsgegner" Portugal nicht erwartet. Der elementare Baustein in Löws Sieg-Plan ist aber die Offensive. Gegen Frankreich war der Ertrag von Thomas Müller und Co. gleich null. "Uns hat ein bisschen der Mut gefehlt im letzten Drittel", kritisierte Kai Havertz, der womöglich seinen Platz für Leroy Sane oder Timo Werner räumen muss. "Wir müssen noch offensiver denken und noch mehr riskieren", mahnte Kimmich an. Löw betonte, dass man den Mut einfordern könne: "Absolut."
Egal mit welchem Personal - die DFB-Auswahl benötigt dringend mehr Durchschlagskraft. Das letzte Stürmer-Tor bei einer EM oder WM gelang Mario Gomez im Achtelfinale der EURO 2016. In den sechs Spielen danach traf kein Angreifer mehr. Müller hat überhaupt noch keinen EM-Treffer zu Buche stehen - in zwölf Spielen.
Kimmich bleibt wohl rechts hinten
Als weitere Schwäche hat Löw die Standardsituationen ausgemacht. Trotz intensiver Arbeit in der Vorbereitung verpufften diese gegen Frankreich wirkungslos. Bei drei guten Freistoßsituationen und fünf Eckbällen entstand keinerlei Gefahr. Da besitzt das DFB-Team deutliches Steigerungspotenzial.
Das gilt auch für Kimmich auf der ungeliebten rechten Außenbahn. Für ihn fallen durch die Ausfälle von Lukas Klostermann (Muskelverletzung) und Jonas Hofmann (Knieprobleme) aber zwei Alternativen weg. Eine Rückkehr auf seine Lieblingsposition vor der Abwehr erscheint daher unwahrscheinlich. Dafür kehrt Leon Goretzka zurück. Der Münchner ist laut Löw "eine super Option für die zweite Halbzeit".
Positiv stimmt die Statistik. Bei Welt- und Europameisterschaften gab es seit 2006 vier Siege gegen die Portugiesen. Matthias Ginter hat zudem ein "Jetzt-erst-recht-Gefühl" ausgemacht. Und: Gegen Deutschland hat Ronaldo noch nie getroffen.
Emre Can zweifelt daher nicht an einem Erfolg. Warum? "Weil wir eine geile Mannschaft haben."
