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Eintracht-Legende Jan-Aage Fjörtoft im Interview: "Haaland ist Norwegens wichtigster Botschafter“

14:20 MEZ 27.03.21
Erling Haaland Norway Jan-Aage Fjörtoft
Im Interview spricht Jan-Aage Fjörtoft über Norwegens goldene Generation. Zudem erklärt die Eintracht-Legende, warum sie einen WM-Boykott befürwortet.

EXKLUSIV-INTERVIEW

Jan-Aage Fjörtoft setzte sich bei Eintracht Frankfurt einst mit seinem legendären Übersteiger-Tor 1999, das die SGE vor dem Abstieg bewahrte, ein Denkmal. Nach seiner aktiven Karriere war er unter anderem bis 2016 Teammanager der norwegischen Nationalmannschaft. Mit Goal und SPOX spricht der 71-malige Nationalspieler vor dem zweiten WM-Qualifikationsspiel gegen die Türkei (18 Uhr live auf DAZN) über die neue Fußballer-Generation seines Landes mit Stars wie Erling Haaland und Martin Ödegaard.

Außerdem erklärt Fjörtoft, warum die dramatische Niederlage im Playoff-Halbfinale auf dem Weg zur Europameisterschaft gegen Serbien nach Verlängerung keine nachhaltige Enttäuschung war, warum Haaland "der wichtigste Botschafter" des Fußballlandes ist und warum er einen WM-Boykott der Nationalmannschaft im Falle einer Qualifikation für das umstrittene Turnier in Katar nicht befürworten würde.

Herr Fjörtoft, der aktuellen norwegischen Nationalmannschaft mit Stars wie Erling Haaland oder Martin Ödegaard wird nachgesagt, eine neue goldene Fußballer-Generation in Norwegen zu begründen. Wie sehen Sie das?

Fjörtoft: Das muss man jetzt beweisen. Es ist aber nicht so, dass für jedes Tor, das Erling macht, plötzlich ein neuer Verteidiger da ist. In der Defensive haben wir ein Manko, die Balance stimmt noch nicht. In der Offensive haben wir sehr gute Spieler, die uns Hoffnung machen. Das tut auch der neue Trainer Stale Solbakken. Er war Teil dieser bekannten norwegischen Mannschaft in den 1990er Jahren. Das gibt uns Optimismus. Und jetzt müssen wir gut in die WM-Qualifikation starten.

Woher kommt die aktuelle Diskrepanz in der Qualität zwischen Offensive und Defensive?

Fjörtoft: Das ist reiner Zufall. Norwegen ist ein kleines Fußballland und wir sind sehr abhängig von der jeweiligen Generation an Fußballern, die sich hervortut. Das ist auch in Belgien, Österreich oder der Schweiz so. Ein Beispiel: In den 1990er-Jahren war die Balance besser als heute. Wir hatten damals viele gute Verteidiger mit Rune Bratseth, Ronny Johnsen oder Henning Berg, aber auch vorne Qualität mit Ole Gunnar Solskjaer oder Tore Andre Flo.

Hat sich die Nachwuchsarbeit in den Jahrzehnten seitdem in Norwegen verbessert?

Fjörtoft: Ich glaube schon. Viele Vereine und der Verband haben auf die Jugend gesetzt und das ist auch der einzige Weg. Das Training fokussiert sich mittlerweile mehr auf die technischen Fähigkeiten und das Offensivdenken.

Worunter dann aber die Defensive leidet ...

Fjörtoft: Im Umkehrschluss ist es dann vielleicht nicht so modern, Verteidiger auszubilden. Das ist richtig. Aber das Positive überwiegt dennoch: Die Nationalmannschaft ist im Schnitt jünger geworden, es wurde mehr Geld in die Akademien der Vereine gesteckt und diese jungen Spieler bekommen ihre Chancen bei den Klubs, sammeln sehr früh, sehr viel Erfahrung auf hohem Niveau. Es darf nicht unterschätzt werden, dass diese Spieler sich dann auch gegenseitig beeinflussen.

Fjörtoft: "Martin Ödegaard war eine Inspiration"

Wie meinen Sie das?

Fjörtoft: Zum Beispiel Martin Ödegaard. Als 15-Jähriger hat er gezeigt, was möglich ist und das ist eine Inspiration für andere junge Spieler, die ihm nacheifern wollen. Sie sehen, dass es Chancen gibt, wenn sie gut trainieren.

Auf Ödegaard folgten Erling Haaland und Alexander Sörloth als nächste große norwegische Talente. Hat er Pionierarbeit für die aktuelle Generation geleistet?

Fjörtoft: Das ist richtig. Martin ist erst 22 und gefühlt schon hundert Jahre dabei. Ich war damals Teammanager der Nationalmannschaft, als da dieser 15-Jährige plötzlich mitspielte. Das war eine Sensation und seine Geschichte macht es definitiv einfacher für die nächsten.

Wie würden sie Martin Ödegaard als Typ beschreiben?

Fjörtoft: Martin und auch Erling und die anderen jungen Spieler sind alle gleich. Diese Jungs haben eine klasse Einstellung, wollen immer besser werden, passen immer auf und wollen lernen.

Sie sprachen darüber, dass nicht nur Spieler wie Ödegaard oder Haaland Hoffnung für die WM-Qualifikation machen, sondern auch der Trainer Stale Solbakken, den man noch aus seiner Zeit beim 1. FC Köln kennt. Warum weckt er Optimismus?

Fjörtoft: Er ist ein sehr deutlicher Trainer. Er sagt klar, was er will. Er bringt sehr viel Erfahrung mit, sowohl gute als auch schlechte. Er hatte große Erfolge als Trainer in Kopenhagen, ist in Köln und Wolverhampton aber gescheitert. Diese Höhen und Tiefen haben ihn geprägt, das macht ihn glaubwürdig gerade mit Blick auf die aktuelle Generation. Er war als Spieler Teil der letzten großen Fußballgeneration in Norwegen und hat gesehen, was möglich ist. Stale versteht diese jungen Spieler und das hilft ungemein. Meine einzige Sorge bei ihm ist, dass es ihm vielleicht zu langweilig wird.

Inwiefern zu langweilig?

Fjörtoft: Er ist ein Trainer, der gerne und viel auf dem Platz ist, der jeden Tag im Fußball arbeiten will. Und das ist als Nationaltrainer etwas schwierig. Wenn er ein bis zwei Trainingseinheiten vor einem Länderspiel mit der gesamten Mannschaft bekommt, ist das fast ein Glücksfall, weil der Terminplan so eng ist.

Haaland? "Wann hatten wir jemals so einen Spieler?"

Solbakkens Vorgänger war Lars Lagerbäck, mit dem man im vergangenen Jahr über die Playoffs die EM-Qualifikation gegen Serbien auf höchst dramatische Art und Weise verpasst hat. Wie groß war die Enttäuschung damals?

Fjörtoft: Der Optimismus aktuell ist größer, als die Enttäuschung damals. Grundsätzlich waren wir realistisch, weil die Playoffs ja schon die zweite Chance waren, die wir über die Nations League bekommen haben. Gegen Serbien spielte auch die Pandemie eine große Rolle. Wir hatten eine hervorragende Ausgangsposition mit einem Heimspiel im Halbfinale und einem potenziellen Heimspiel im Finale. Ohne Zuschauer, war dieser Vorteil leider weg. Die Niederlage war für die Entwicklung der Mannschaft aber auch nicht das Schlechteste, weil sie daraus lernen kann.

Das klingt so, als löse die norwegische Nationalmannschaft geradezu eine Euphorie aus.

Fjörtoft: Es gehört zur Aufgabe einer Nationalmannschaft, Optimismus und Freude für die ganze Nation zu verbreiten. Das ist in Deutschland ja nicht anders. Dort muss die Mannschaft sich vor der Europameisterschaft wieder die Glaubwürdigkeit bei den Fans zurückholen. Für uns ist es hingegen aktuell sehr schade, dass wir unsere Heimspiele ohne Zuschauer austragen müssen. Es ist immer ein Festtag, wenn die norwegische Nationalmannschaft in Oslo spielt.

Welche Rolle spielt Erling Haaland dabei?

Fjörtoft: Er ist unser wichtigster Botschafter momentan und wir sind alle sehr stolz darauf, dass wir in Norwegen so einen Fußballer haben. Ich frage mich immer: Wann hatten wir jemals so einen Spieler? Der einzige, der mir einfällt, ist Rune Bratseth, der zu seiner Zeit bei Werder Bremen einer der besten Verteidiger der Welt war. Erling ist aktuell einer der besten Stürmer der Welt, der nicht nur in der Bundesliga Tore schießt, sondern mittlerweile auch die Champions League zu seinem Wohnzimmer macht. Aber es ist auch jedem in Norwegen klar: Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. Erling kann nicht gleichzeitig vorne und hinten spielen. Aber natürlich sorgt er für Euphorie.

Nicht nur durch Haaland liegt ein Fokus momentan auf dem norwegischen Fußball. Fan-Vereinigungen und sogar Erstligaklubs in Norwegen haben zu einem Boykott der WM in Katar aufgerufen, diese Frage wird am 20. Juni auf einer Sonderversammlung besprochen. Wie sehen sie die Diskussion darüber?

Fjörtoft: Ich finde es gut, dass sich Vereine und Spieler für gesellschaftliche und politische Themen stark machen. Es ist wichtig, dass dieses Thema groß gemacht wird. Ich persönlich bin aber gegen einen Boykott. Meiner Meinung nach kann man größeren Einfluss nehmen, indem man vor Ort ist und die Missstände dort aufzeigt.