Edson Braafheid im Interview: "Ich konnte mit dem Druck beim FC Bayern nicht umgehen"

Im Interview spricht Edson Braafheid über besondere Erfahrungen beim FC Bayern, die Enttäuschung Hoffenheim und seinen Weg in die USA.

EXKLUSIV-INTERVIEW

Es kommt selten vor, dass die Fans des FC Bayern einen eigenen Spieler auspfeifen. Edson Braafheid widerfuhr dieses Schicksal. Der im Sommer 2009 auf Geheiß von Louis van Gaal verpflichtete Niederländer musste viel Kritik beim deutschen Rekordmeister einstecken und ging als einer der größten Fehleinkäufe in die Geschichte des Vereins ein.

Im Interview mit Goal und SPOX blickt der mittlerweile in Texas aktive Braafheid selbstkritisch auf seine schwierige Zeit in München zurück. Er spricht über zu viel Selbstvertrauen, Standpauken des "Generals", frustrierende Trainingseinheiten mit Luca Toni und nur zehn Sekunden witzige Witze von Franck Ribery.

Der 37-Jährige berichtet außerdem von dem größten Tiefpunkt seiner Karriere - bei der TSG Hoffenheim und der legendären "Trainingsgruppe 2". Ein Gespräch mit Ex-TSG-Trainer Markus Babbel bleibt ihm bis heute fest in Erinnerung.

Herr Braafheid, Sie kamen 2009 auf Wunsch von Louis van Gaal für zwei Millionen Euro von Twente Enschede zum FC Bayern. Ihr Wechsel nach München soll Erzählungen nach recht kurios abgelaufen sein.

Edson Braafheid:  Es war verrückt. Ich hatte mich eigentlich schon mit Ajax Amsterdam auf einen Vertrag geeinigt, aber wenige Tage bevor die Unterschrift erfolgen sollte, klingelte mein Handy. Die Nummer war unbekannt, ich dachte mir nichts dabei und ging ran. Plötzlich meldete sich van Gaal am anderen Ende der Leitung.

Was sagte er zu Ihnen?

Braafheid:  Dass ich Ajax eine Absage erteilen und unverzüglich nach München kommen solle. Mir liege ein unterschriftsreifer Vertrag vor.

Sie hörten auf ihn­.

Braafheid:  Wer hätte das nicht? Einer der besten Trainer der Welt will dich unbedingt bei einem der besten Vereine der Welt. Ich dachte mir: Was kann da schon schiefgehen?

Bild: Imago Images / MIS

Hinterher waren Sie schlauer. Sie kamen beim FC Bayern nie über die Rolle des Reservisten hinaus.

Braafheid:  Hinterher ist man immer schlauer. Wäre meine Karriere anders verlaufen, wenn ich bei Ajax statt Bayern unterschrieben hätte? Vermutlich ja. Wäre sie besser verlaufen? Das weiß niemand.

Bereuen Sie Ihre Entscheidung?

Braafheid:  Nein. Auch wenn Amsterdam meine Heimatstadt ist und ich gerne für Ajax gespielt hätte, hat die Zeit in München mich enorm geprägt. Ich habe gelernt, mit Drucksituationen umzugehen und mentale Stärke zu entwickeln. Und ich bin auch ein besserer Fußballer geworden. Wer kann schon von sich behaupten, mit Persönlichkeiten wie Luca Toni oder Bastian Schweinsteiger trainiert zu haben? Ich habe auch ohne die Spielpraxis, die ich mir gewünscht hätte, sehr viel mitgenommen. Auch wenn ich das zu dieser Zeit selbst nicht wirklich wahrhaben wollte.

Braafheid: "Ich habe mich beim FC Bayern selbst überschätzt"

Warum hat's denn nicht gepasst?

Braafheid:  Ich hatte viel Selbstvertrauen, als ich nach München kam. Mit ein paar Jahren Abstand weiß ich: zu viel. Ich war geradezu verblendet davon. Ich spielte zuvor bei Twente, einem Klub aus dem Mittelfeld der Eredivisie, und war davon überzeugt, es auf Anhieb zum Stammspieler beim FC Bayern zu schaffen. Ich will nicht sagen, dass ich fußballerisch nicht bereit dafür war. Mental war ich es definitiv nicht. Bei einem Klub wie dem FC Bayern herrscht ein unheimlicher Druck. Ich konnte damit nicht umgehen, ich habe mich selbst überschätzt.

Nach ein paar Spielen von Anfang an landeten Sie auf der Bank.

Braafheid:  Ich war enttäuscht. Ich verstand den Trainer nicht und dachte mir: "Er wollte mich doch unbedingt haben, warum zur Hölle vertraut er mir nicht?" Ich war zu diesem Zeitpunkt ja nicht der einzige, der schwächelte. Ich hatte so ein wenig das Gefühl, dass es für ihn einfach war, mich rauszunehmen, weil ich ja "sein" Spieler war und eben noch kein gestandener, durch den es vielleicht auch noch zu Diskussionen mit Uli Hoeneß oder Karl-Heinz Rummenigge gekommen wäre. Seien wir ehrlich: Keiner der Verantwortlichen außer van Gaal hatte vor meiner Ankunft jemals von mir gehört. Ich stand also unter besonderer Beobachtung. Ich musste liefern. Und ich tat es nicht. Also war ich schnell außen vor. Das ist die harte Realität, wenn du für einen Topverein spielst.

Es heißt, der FC Bayern hebe sich von anderen Topvereinen ab, weil er sehr familiär geführt sei.

Braafheid:  Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, in der jeder austauschbar ist. Gerade auf diesem Level und mit diesen Ansprüchen hat niemand Zeit für Sentimentalitäten, auch nicht beim FC Bayern. Ich hatte außer van Gaal ja noch ein paar andere Landsleute im Team, die mir allein wegen der Sprache dieses familiäre Gefühl vermittelten. Mark van Bommel und Arjen Robben zum Beispiel, zwei tolle Kerle. Aber auch die gingen dem Wettbewerb auf dem Platz nach und spürten den Druck, wenn es nicht so rund lief. Natürlich ist alles schön und toll und wunderbar, wenn du erfolgreich bist. Dann bist du eine Familie, ein geschworener Haufen. Wir hatten damals aber Probleme und deshalb kam ich schnell in Schwierigkeiten. Ich wurde wegen meiner Rolle als Ersatzspieler nervös, weil nach der Saison die WM stattfand und ich unbedingt meinen Platz im Kader der Nationalmannschaft sichern wollte.

GER ONLY Edson Braafheid Bastian Schweinsteiger FC Bayern 2010 Bild: Imago Images / Ulmer/Cremer

Deshalb entschieden Sie sich in der Winterpause für eine Leihe zu Celtic Glasgow.

Braafheid:  Das hätte ich heute womöglich anders gemacht. Als ich gesehen habe, wie weit Bayern in der zweiten Saisonhälfte in der Champions League kam, war ich traurig. Ich wäre gerne ein Teil der Mannschaft gewesen und hätte gerne die Meisterschaft und den Pokalsieg mit ihr gefeiert.

Ihr Plan ging trotzdem auf: Sie bekamen bei Celtic Spielpraxis, fuhren mit zur WM nach Südafrika und spielten sogar im Finale 22 Minuten.

Braafheid:  Das Leben ist eine Aneinanderreihung von Entscheidungen. Jede Entscheidung bringt Vor- und Nachteile mit sich. Ich bin dankbar dafür, bei einer WM dabei gewesen zu sein. Natürlich haben damals auch ein paar Leute aus meinem Umfeld argumentiert, ich hätte es vielleicht auch in München geschafft, auf den WM-Zug zu springen. In diesem Moment habe ich mich aber für einen anderen Weg entschieden. Ich war letztlich nicht geduldig genug, ich konnte mich zu dieser Zeit nicht kontrollieren.

Aber Sie kehrten ja wieder zurück. Van Gaal gab Ihnen noch eine zweite Chance, doch auch diese konnten sie nicht nutzen. Bei einem Spiel gegen Borussia Mönchengladbach im November 2010 soll es richtig zwischen Ihnen gekracht haben.

Braafheid:  Wir hatten damals viele Ausfälle, inklusive mir waren nur drei Feldspieler auf der Bank. Danijel Pranjic hatte in der ersten Halbzeit Probleme, weshalb van Gaal mich, David Alaba und Thomas Müller zum Warmmachen schickte. In der Pause sagte er dann zu mir: "Mach' dich bereit, Pranjic wird nicht weitermachen können." Also wärmte ich mich weiter und weiter auf, aber Pranjic blieb auf dem Feld. In der 80. Minute brachte van Gaal schließlich Alaba für Pranjic. Und ich dachte mir: "Na schön, dann brauche ich mich jetzt auch nicht weiter aufzuwärmen!" Ich ging zurück auf die Bank. Van Gaal schwieg mich an. Erst in der Kabine ging es los.

Was passierte?

Braafheid:  Das Spiel endete 3:3, wir verloren im Kampf um die Meisterschaft mit Borussia Dortmund weiter an Boden. Van Gaal war außer sich und schrie herum. Dann kam er auf mich zu und faltete mich zusammen: "Warum wärmst du dich nicht auf, wenn ich dir sage, dass du dich aufwärmen sollst?" Wir diskutierten heftig und ich versuchte, ihm meinen Standpunkt klarzumachen. Dann schüttelte er nur mit dem Kopf und meckerte jemand anderen an. Er war eine sehr schwierige Person, auch wenn ich rückblickend manche seiner Handlungen nachvollziehen kann, die ich damals nicht nachvollziehen konnte.

Auch Ihre Auswechslung bei der 0:2-Niederlage ein Jahr zuvor in der Champions-League-Gruppenphase gegen Girondins Bordeaux, als die eigenen Fans Sie auspfiffen?

Braafheid:  Nein. Ich glaube bis heute, dass Franck Ribery und ich auf der linken Seite einen guten Job gemacht haben. Ich habe defensiv zwei, drei Fehler gemacht, die aber nicht zu Gegentoren geführt haben und habe mich offensiv gut eingebracht. Ich weiß deshalb gar nicht, ob die Pfiffe eher meiner Leistung gewidmet waren oder van Gaals Entscheidung, mich auszuwechseln. Van Gaal hat mich nach dem Spiel mit den Pfiffen konfrontiert. Er wollte wissen, wie ich mich gefühlt habe. Ich sagte: "Passt schon, die Leute bezahlen ja Eintritt und dürfen das bewerten, was sie sehen." Für mich war die Sache damit dann auch gegessen. Ich war nicht traurig darüber.

Braafheid: "Van Gaal war wie eine Wundertüte"

Ihr Stand bei den Bayern-Fans war trotzdem nie der beste.

Braafheid:  Denken Sie etwa, ich bin zufrieden mit meinen Leistungen gewesen? Nein. Es war von Anfang an hart für mich. Ich hatte einen schweren Stand, weil ich für die meisten der Spieler von Louis van Gaal war, nicht der Spieler vom FC Bayern. Aber ich habe nicht nur schlechte Spiele gemacht. Das gegen Bordeaux war gut. Oder auch das gegen Juventus. An die Champions-League-Spiele in der Allianz Arena erinnere ich mich besonders gerne zurück. Die haben richtig Spaß gemacht.

Wie ist Ihr Verhältnis zu van Gaal heute?

Braafheid:  Wir hatten keinen Kontakt mehr seit meinem Abgang aus München. Ich würde ihm die Hand reichen, wenn ich ihn heute treffen würde. Von meiner Seite aus gibt es kein Problem. Die Verantwortlichen hatten ihn damals ja auch sehr unter Druck gesetzt. Ich denke immer an das Positive zurück. Was ich an ihm besonders geschätzt habe: seine Liebe zum Detail. Keiner meiner Trainer war so gut vorbereitet wie er. Unsere Gegner spielten immer genauso, wie er es vorhergesagt hatte. Wir wurden nie überrascht, weil wir immer wussten, was unsere Gegner in welcher Situation taten. Van Gaal war insofern kein normaler Trainer. Er rückte nie von seiner Philosophie ab und verblüffte bei Bayern damit auch jeden noch so gestandenen Spieler.

Hinsichtlich seiner Menschenführung gab es immer wieder Kritik an ihm.

Braafheid:  Wenn ich morgens zum Training fuhr, wusste ich nie, was mich dort für ein Mensch erwartet. Van Gaal war wie eine Wundertüte. Mal war das alles total lustig, was erzählte oder machte, dann aber wieder respektlos und provokant. Ein konkretes Beispiel möchte ich nicht geben. Es gibt Dinge, die nicht in die Medien gehören.

Braafheid: "Ribery hat sich nie versteckt"

Wer blieb Ihnen beim FC Bayern noch besonders in Erinnerung?

Braafheid:  Die Mannschaft an sich war der absolute Wahnsinn, ein perfekter Mix aus talentierten und fertigen Spielern. Für mich als Verteidiger war Luca Toni ein unglaublich frustrierender Gegenspieler im Training. Er stellte seinen Körper immer perfekt zwischen Ball und Gegner, schoss mit rechts, schoss mit links und war auch noch eine Waffe in der Luft. Du konntest ihn nicht stoppen.

War Toni damals der beste Spieler im Bayern-Kader?

Braafheid:  Das würde ich nicht sagen. Alle waren auf ihre Weise besonders. Vor Philipp Lahm habe ich oft den imaginären Hut gezogen. Ich kann mich an kein schlechtes Spiel von ihm erinnern. Der Kerl hat nicht einmal im Training einen Fehlpass gespielt. Er war eiskalt.

Und Ribery, Ihr Kollege auf der linken Seite?

Braafheid:  Franck ist der Typ Fußballer, der dir erst einen Witz erzählt und dich dann zehn Sekunden später von der Seite umgrätscht. Bei ihm wird aus Spaß schnell Ernst. Erst recht, wenn es nicht läuft. Es gibt ja viele vermeintlich große Fußballer, die sich aber verstecken, wenn es drauf ankommt. Franck hat sich nie versteckt. Und das macht einen großen Spieler wirklich aus. Er war immer wütend, wenn er den Ball nicht bekam. "Offensiv, offensiv", rief er immer. Du wusstest: Auf den Jungen ist Verlass. Für mich war es wunderbar, mit ihm zusammenzuspielen. Er und Robben, das war damals die beste Flügelzange der Welt.

Wie fühlte es sich dann im Januar 2011 für Sie an, diese von Topspielern nur so wimmelnde Mannschaft zu verlassen und bei der TSG Hoffenheim anzuheuern?

Braafheid:  Es war schon ein Unterschied, verglichen mit Bayern war Hoffenheim ein Dorfverein. Die Menschen dort haben mich aber sehr herzlich empfangen. Und ich war voller positiver Energie, weil ich mich endlich in der Bundesliga beweisen wollte.

Was nur teilweise funktionierte. Sie endeten 2012 in der legendären "Trainingsgruppe 2"

Braafheid:  Ich werde nie vergessen, wie ich nach der Sommerpause die sportliche Leitung kontaktieren musste, weil ich nicht über die Rückkehr in den Trainingsbetrieb informiert worden war. "Okay, die haben wahrscheinlich vergessen, sich zu melden", dachte ich. Dann wurde mir an einem Samstag gesagt, dass ich zwei Tage später doch mal vorbeikommen solle. Dort traf ich dann nur eine kleine Gruppe von Spieler an und uns wurde gesagt: "Hey Leute, der Trainer will etwas ausprobieren und ihr seid erst mal raus. Trainiert hier und sucht euch möglichst bald einen anderen Verein."

GER ONLY Braafheid Hoffenheim Trainingsgruppe 2 Bild: Imago Images / ARP

Wie reagierten Sie?

Braafheid:  Ich dachte, die wollen mich verarschen. Es war ja auch nicht so, dass ich vorher irgendwelche Probleme verursacht oder unprofessionell trainiert hatte. Aber die meinten es tatsächlich ernst. Also sollte ich jeden Tag dort antanzen und abgeschirmt von der restlichen Mannschaft trainieren. Als wäre ich ein Verbrecher.

Besonders Ihr Verhältnis zu Ex-TSG-Coach Markus Babbel soll schwierig gewesen sein. Vor seinem Abschied ließ er Sie zeitweise auch mit den Amateuren trainieren. Gab es nie ein klärendes Gespräch zwischen Ihnen

Braafheid:  Doch, doch. Aber es hat mich zwei Monate gekostet, dieses Gespräch mit ihm zu vereinbaren. "Was soll dieser Zirkus? Was habe ich falsch gemacht?", fragte ich ihn. Er antwortete: "Alles ist gut, Edson, du hast nichts falsch gemacht, aber wir sind der Meinung, dass du nicht mehr in die Mannschaft passt." Ich hakte nach: "Warum darf ich dann nicht einmal mit der Mannschaft trainieren? Ist es mein Lächeln, das dich stört oder was ist hier eigentlich das Problem?" Er meinte: "Nein, es gibt kein persönliches Problem. Diese Entscheidung basiert nur auf sportlichen Gründen." Ich ließ nicht nach und bat ihn darum, mit der kompletten Mannschaft zu trainieren. "Und wenn ich nur dritte Wahl auf einer Position bin: Ich reiße mir den Arsch auf." Dann lächelte er und sagte: "Mir gefällt deine Einstellung. Ich schaue, was ich machen kann und melde mich in ein paar Tagen bei dir." Ich habe nie wieder etwas von ihm gehört. Was er da abgezogen hat, war ein Witz.

Braafheid: Hoffenheim? "Die schlimmste Erfahrung"

Wissen Sie, wer die Entscheidung angeordnet hat, eine "Trainingsgruppe 2" ins Leben zu rufen?

Braafheid:  Nein. Ich war auch nie in Kontakt mit den Verantwortlichen. Mit Dietmar Hopp habe ich in meinen drei Jahren dort kein einziges Wort geredet.

Wie schwer traf Sie dieser Rückschlag?

Braafheid:  Ich wollte auf der Stelle weg, aber daraus wurde nichts. Die Sache ging ja auch sofort durch die Medien. Es wurde teilweise geschrieben, dass wir Problemprofis seien. An mir haftete auf einmal das Image des Bad-Boys, weshalb andere Vereine dann auch zögerten, Gespräche mit mir zu führen, obwohl sie mich nicht einmal persönlich kannten. Sie dachten sich wohl: Wenn diese Jungs schon abgeschirmt in einer gesonderten Gruppe trainieren, muss mit ihnen ja irgendetwas nicht stimmen. Es war die schlimmste Erfahrung meiner Karriere, weil ich so machtlos war. Ich hatte das Gefühl, in einem tiefen Loch zu stecken.

Dachten Sie zu jener Zeit auch über ein vorzeitiges Karriereende nach?

Braafheid:  Die Angst, keinen Verein zu finden, war natürlich da. Aber ich war damals 29, 30. Das ist eigentlich das beste Alter für einen Fußballer, zumindest was die körperliche Fitness angeht. Ich habe deshalb nicht aufgegeben und mit der Hoffnung trainiert, irgendwann eine Chance bei einem anderen Verein zu bekommen.

Mit Tim Wiese war ein weiterer prominenter Spieler in der "Trainingsgruppe zwei". Wie ging er mit der Situation um?

Braafheid:  Tim war wütend, wie wir alle. Ich kann aber nur von mir sprechen: Ich habe diese Wut in Motivation umgewandelt. Ohne meine Familie wäre ich vermutlich depressiv geworden. Sie hat mich abgelenkt, ich war zum Glück nie allein.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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2014 bot sich Ihnen eine neue Chance. Lazio nahm Sie unter Vertrag, Sie blieben insgesamt zwei Jahre in Italien.

Braafheid:  Die Zeit in Hoffenheim hat mich gelehrt, dass auch nach dem längsten Regenschauer irgendwann wieder die Sonne scheint. In Italien habe ich den Spaß am Fußball wieder entdeckt. Es war eine über weite Strecken schöne Zeit dort.

Anschließend kehrten Sie zu Ihrem ersten Profiverein, dem FC Utrecht zurück. Seit 2018 spielen Sie nun in Texas bei Austin Bold, einem Zweitligisten. Wie viele US-Sportler engagieren Sie sich in den Sozialen Medien gegen Rassismus. Wie stehen Sie zu der #blacklivematters-Kampagne nach dem Tod von Georg Floyd?

Braafheid:  Es ist wichtig, darauf aufmerksam zu machen, dass Rassismus und Diskriminierung leider noch immer sehr präsent in unserer Gesellschaft sind. Der Tod von Georg Floyd soll nicht in Vergessenheit geraten. An mir selbst sehe ich, dass ich viel zu lange zu dem Thema geschwiegen habe.

Braafheid: "Du musst fast schon mit Affenlauten rechnen"

Erzählen Sie.

Braafheid:  Ich habe im Privat- wie im Berufsleben leider überall negative Erfahrungen mit Rassismus gemacht, ob in Italien, in den USA, selbst in Deutschland. Als dunkelhäutiger Spieler musst du heutzutage ja fast schon mit Affenlauten oder anderen abfälligen Geräuschen vonseiten der gegnerischen Fans rechnen, wenn du mit deiner Mannschaft in Führung liegst. Sie wollen dich damit verunsichern, deine Komfortzone zerstören. Ich habe häufiger in meiner Karriere solche Geräusche gehört, die sich gegen mich oder dunkelhäutige Mitspieler gerichtet haben. Das Problem: Ich habe das während des Spiels selbst mehr oder weniger ignoriert, weil das Spiel für mich höchste Priorität hatte. Wenn ich zurückblicke, hätte ich aktiver dagegen vorgehen müssen. Ich weiß ehrlich gesagt aber auch mit 37 manchmal immer noch nicht, wie ich damit umgehen soll.

Inwiefern?

Braafheid:  Die Frage lautet doch: Woran mache ich Rassismus fest? An Bemerkungen? An Gesten? Wenn es sich nicht um eine klare Beleidigung über die Hautfarbe oder die Herkunft handelt, ist der Spielraum für Interpretationen riesig. Wichtig ist doch, dass man sich selbst wohl und gleich behandelt fühlt. Diesen Eindruck hatte ich häufiger nicht. Wenn ich zum Beispiel in der Stadt in einem Geschäft war, dachte ich mir bei einem Beratungsgespräch oder an der Kasse häufiger: Warum behandelt mich diese Person jetzt so respektlos? Es kann natürlich auch sein, dass diese Person auch Hellhäutige so behandelt, aber ich weiß es nicht. Solche Situationen haben mich oft mit der Frage zurückgelassen: War das jetzt Rassismus? Es ist wichtig, diese Frage aktiv zu stellen, anstatt sich zu denken: Ach, schweige ich doch lieber und vermeide dadurch eine möglicherweise unangenehme Diskussion.

Braafheid Bild: Getty Images

In den USA wird allmählich auch wieder Fußball gespielt. Wie lange wollen Sie noch spielen?

Braafheid:  Das Training läuft, aber wir hatten kürzlich zwei positive Corona-Fälle in der Mannschaft. Ich wurde negativ getestet. Für mich war unabhängig von dem Testergebnis aber klar, dass ich erstmal für ein paar Wochen pausiere. Meine Frau und ich erwarten ein Kind, auf das wir uns jetzt freuen. Meine aktive Zeit neigt sich sowieso dem Ende zu. Es kann sein, dass ich dieses Jahr noch aufhöre.

Braafheid: "Fußball ist zu 90 Prozent Kopfsache"

Und danach?

Braafheid:  Es wird Zeit, ein richtiger Familienvater zu sein. Mit all den Trainingseinheiten und Reisen als Profi ist es sehr schwierig, ein geregeltes Familienleben zu führen. Ich habe noch zwei Kinder in den Niederlanden, die ich nur sehr selten sehe. Ich will für alle da sein. Das muss ja nicht heißen, dass ich den Fußball komplett aufgebe.

Heißt: Sie können sich vorstellen, als Trainer zu arbeiten?

Braafheid:  Als Trainer ist dein Verhältnis zu den einzelnen Spielern eher oberflächlich, weil du ja einen Kader von 20 bis 30 Mann betreust und das Kollektiv über individuelle Bedürfnisse stellen musst. Ich würde daher gerne lieber spezifisch mit einzelnen Spielern arbeiten, im Spielermanagement. Es ist wichtig, einen Fußballer auch als Mensch zu verstehen. Jeder hat seine eigene Geschichte, die einen prägt. Fußball ist zu 90 Prozent Kopfsache. Du kannst noch so viel Talent und Physis mitbringen, aber nur wenn du mental stark bist, bist du auch imstande, an deine Leistungsgrenze zu gelangen.

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