Edon Zhegrova: Der Superlativ-Magnet aus dem Kosovo

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In Deutschland geboren, im Kosovo aufgewachsen, in Belgien durchgestartet. Edon Zhegrova ist eines der größten Talente Europas, Goal stellt ihn vor.


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Die dunkelblaue Regenjacke, sie ist ihm offensichtlich viel zu groß. Verlegen, ja beinahe gequält lächelt er in die Kamera, einen Pokal in der rechten, eine Urkunde in der linken Hand. Und dann muss Edon Zhegrova auch noch Fragen beantworten. Ob er stolz sei auf das Erreichte. Natürlich, denkt er sich. Darüber zu reden, ist ihm aber irgendwie unangenehm.

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Dass dieser Junge erst zwölf Jahre alt ist, erklärt, warum es ihm nicht gerade Spaß macht, einem wildfremden Reporter ein Interview zu geben. Gut sechs Jahre sind seither vergangen, aus dem schüchternen Knirps von damals ist längst ein deutlich selbstbewussterer, junger Erwachsener geworden. Der heute wie damals mit unglaublichem Talent gesegnet ist, der in Berichten über seinen ersten großen Wechsel, wie es die Medien nun mal tun, zum Lionel Messi des Kosovo auserkoren wurde. Der allerdings immer noch gar nicht weiß, für welches Land er irgendwann mal auflaufen will.

Aber der Reihe nach. Der zwölfjährige Lausbub war damals, als er versuchte, den lästigen Kameramann so gut es geht zufrieden zu stellen, gerade zum besten Spieler eines Juniorcamps des großen AC Milan im Kosovo gekürt worden. Reihenweise hatte er seine Gegenspieler alt aussehen lassen, Tore erzielt, Spiele entschieden. Es war die erste große Aufmerksamkeit für einen Hochbegabten, dessen Werdegang bisher bemerkenswert verlief.

Geboren wurde der heute 18-jährige Zhegrova, der seit einigen Wochen beim belgischen Top-Klub KRC Genk für Furore sorgt, in Deutschland. In Herford, in der Nähe von Bielefeld, erblickt er das Licht der Welt, seine Eltern waren wegen des Balkankriegs dorthin geflohen. Doch schon als Zweijähriger, als der Krieg vorbei war, kehrte er mit seiner Familie in die kosovarische Heimat zurück. "Ich habe mit Deutschland nichts am Hut", sagt Zhegrova daher heute.

In Pristina früh ein Star

In Kosovos Hauptstadt Pristina wächst er auf, lernt auf den Straßen und Bolzplätzen das Kicken. Er ist gut, richtig gut. So gut, dass Milan ihn auf dem Schirm hat, ihn genau verfolgt, seit er beim Juniorcamp der Rossoneri so überragt hatte. Konkreter wird der Kontakt nach Italien allerdings nie. Stattdessen wechselt er vom kleineren Klub FK Flamurtari bald zum großen FC Pristina, zählt auch dort stets zu den Besten - und weckt immer stärker das Interesse der Giganten aus dem Ausland.

Eher als Messi ähnelte Zhegrova in seiner Spielweise schon als Nachwuchskicker im Kosovo aber einer Mischung aus Mesut Özil und Arjen Robben. Der Linksfuß hat das Auge und die filigrane Ballbehandlung des deutschen Weltmeisters, gleichzeitig die Geschwindigkeit und die Gabe für explosive Haken des niederländischen Superstars vom FC Bayern.

Unter anderem Barca, PSG oder dem FC Arsenal soll er damit bereits in jungen Jahren aufgefallen sein. Und doch wechselt Zhegrova mit 15 nicht zu einem absoluten Spitzenverein, sondern zu Standard Lüttich. Vermutlich auch, weil die Belgier sich gute Verbindungen nach Pristina aufgebaut hatten. Oder weil der albanisch-stämmige Luan Ahmetaj, damals Berater des ehemaligen Standard-Stürmers Imoh Ezekiel, Zhegrova und dessen Eltern von einem Wechsel nach Lüttich überzeugte.

Edon Zhegrova Genk 22072017Edon Zhegrova (r.) bei einem Testspiel gegen Everton im Sommer 2017

"Bei Standard sind sie überzeugt davon, dass Edon ein seltenes Talent ist, außergewöhnliches Potenzial hat", sagte Ahmetaj. Vor allem die im Vergleich zu Pristina deutlich besseren infrastrukturellen Bedingungen in Belgien sollten Zhegrova voranbringen, war er sich sicher. "Jetzt liegt es in seinen Händen."

Die belgischen Zeitungen sprachen vom "Messi des Kosovo", die Erwartungen waren dementsprechend riesig. "Ich bin ziemlich aufgeregt, neue Abenteuer erwarten mich", sagte Zhegrova und legte die Messlatte für seine künftigen Leistungen noch ein wenig höher, als sie ohnehin schon lag: "Mein Traum ist Barcelona."

So richtig ankommen sollte Zhegrova bei Standard allerdings nie. Er wurde gleich an den Partnerklub VV St. Truiden, ebenfalls belgischer Erstligist, verliehen, blieb dort - und wurde immer besser. Milan blieb weiter dran, den Zuschlag erhielt mit Genk vergangenen Sommer aber ein einheimisches Schwergewicht.

"Auch Barca hat ihn auf dem Schirm"

"Auch Barcelona hat ihn auf dem Schirm", sagte Zhegrovas Vater im März 2017, als der Wechsel seines Sprösslings aus St. Truiden nach Genk gerade feststand. Dass der technisch herausragende Edon seit Jahren als kosovarischer Messi gilt, wisse er nur zu gut. "Das war immer so. Seit er zehn Jahre alt ist, wurde er mit Argusaugen verfolgt, obwohl er 'nur' in der Jugend von Pristina im kleinen Kosovo spielte. Wenn man Talent hat, kann es schnell gehen."

In Genk, der beschaulichen 65.000-Einwohnerstadt mitten in Flandern, sollte Zhegrova nun den nächsten Schritt gehen. Zunächst hatte er Anlaufschwierigkeiten, kam beim aktuellen Tabellen-12. aus Belgiens Beletage bis Ende November kaum einmal zum Zug. Doch dann, im Dezember, feierte der 18-jährige Flügelspieler, der auch auf der Zehn spielen kann, seinen Durchbruch im Profibereich. Fünf Ligaeinsätze, vier davon in der Startelf, stehen seither zu Buche, beim 1:1 gegen KAS Eupen gelang Zhegrova in bester Robben-Manier auch sein erster Treffer.

In der Rückrunde, die Mitte Januar beginnt, will er weiter für Furore sorgen, sich in den Fokus spielen. Im jüngsten Vorbereitungsspiel gegen Schalke 04 fing er schon mal an zu zaubern, narrte beispielsweise Linksverteidiger Bastian Oczipka mit einem Beinschuss. (siehe folgendes Video)

Um sich in Genk durchzusetzen, sagte er vor einigen Monaten sogar der U21-Nationalmannschaft des Kosovo ab. "Sie haben mich eingeladen, aber auf die U21 hatte ich wenig Lust", erklärte er selbstbewusst, ja, manche würden sagen arrogant. "Ich will erst alles daran setzen, in Genk so häufig wie möglich zu spielen."

Ohnehin sieht er sich künftig nicht unbedingt im Dress des Kosovo. Wenn der Trainer der A-Nationalmannschaft anrufen sollte, würde er darüber nachdenken, betont er. "Aber wir haben momentan kein gutes Team. Die besten Kosovaren spielen für die Schweiz, Deutschland und vor allem Albanien." Für die albanische Nationalelf wäre er auch spielberechtigt, womöglich auch für die belgische. "Ich habe mehrere Möglichkeiten, solange ich kein offizielles Spiel gemacht habe", sagt Zhegrova.

Aus dem schüchternen Jungen von damals ist ein aufstrebender Teenager geworden, der sich gerade anschickt, Bemerkenswertes zu leisten, dem die Fußballwelt offen steht. Der vermeintlich die Hoffnung einer ganzen Nation ist. Obwohl er doch noch gar nicht sicher ist, ob er diese Nation überhaupt vertreten will.

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