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Drittligist und PSG-Herausforderer Les Herbiers: Mehr David geht nicht


HINTERGRUND

Mit Hochdruck arbeitet Neymar dieser Tage an seinem Comeback. Am Dienstagabend (21.05 Uhr) wird der Superstar von Paris Saint-Germain aber kurz zur Ruhe kommen, es sich in der VIP-Loge des Stade de France gemütlich machen, dabei zuschauen, wie seine Teamkollegen als haushohe Favoriten ins Finale des französischen Pokals gehen.

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Und während des Spiels, ohne einen Finger zu rühren, wohl mehr als doppelt so viel verdienen wie die Spieler des Gegners, die sich unten auf dem Rasen verzweifelt daran versuchen werden, den beinahe unfairen Vergleich mit dem Meister vielleicht doch irgendwie für sich zu entscheiden, in einem ganzen Monat. Verlängerung nicht mit eingerechnet.

Knapp 6.080 Euro dürften - legt man das Jahresgehalt von kolportierten 30 Millionen Euro, die PSG an Neymar überweist, zugrunde - in den 105 Minuten des Pokalfinals inklusive Halbzeit auf das Konto des Brasilianers fließen. Die Jungs des Drittligisten Les Herbiers, die es sensationell ins Endspiel geschafft haben, verdienen pro Monat im Schnitt rund 2.500 Euro, Neymar alleine pro Stunde einen knappen Tausender mehr. Und auf das Jahr gerechnet bekommen Les Herbiers' Akteure ein Tausendstel des Gehalts von Neymar überwiesen. Das als "gigantischen Unterschied" zu bezeichnen, wäre untertrieben.

Die Zahlenspielchen lassen sich vor dem ungleichen Duell beliebig fortführen. Den Gesamtmarktwert des Kaders von PSG schätzt transfermarkt.de auf 775,5 Millionen Euro, den Les Herbiers' auf 4,13 Millionen. Alleine Mega-Talent Kylian Mbappe ist fast 30-mal so viel wert. In Paris leben, zählt man die Metropolregion dazu, mehr als 12,4 Millionen Menschen - in Les Herbiers gerade mal gute 15.000.

Umso erstaunlicher ist es, dass es der Klub als erster aus der Vendee, einem Departement im Westen Frankreichs, ins Finale des Coupe de France geschafft hat. Zumal der aktuelle Trainer Stephane Masala momentan noch nicht einmal die Lizenz hat, um Les Herbiers auch in der kommenden Drittliga-Saison trainieren zu dürfen.

Les Herbiers musste keinen Erstligisten ausschalten

"Wenn man mir zu Saisonbeginn gesagt hätte, dass mir all das passieren würde, hätte ich denjenigen für verrückt gehalten", sagte Masala im exklusiven Gespräch mit Goal. Der 41-Jährige, als Spieler nie über die dritte französische Liga hinausgekommen, war seit 2016 Co-Trainer bei Les Herbiers. Als Chefcoach Frederic Rucaleau im Januar 2018 aufgrund schlechter Ergebnisse in der Liga entlassen wurde, sprang Masala zunächst interimsweise ein - und blieb bis heute.

Er stabilisierte die Mannschaft in der Liga, der Klassenerhalt wird Les Herbiers wohl gelingen. Es klingt noch absurder, dass die Westfranzosen es ins Pokalfinale schafften, wenn man bedenkt, dass sie in der dritten Liga derzeit gerade mal Platz 13 belegen und einen Spieltag vor Saisonende die Abstiegssorgen rechnerisch noch nicht gänzlich los sind.

Die Pokalspiele waren die Leckerbissen einer insgesamt beschwerlichen Saison. Und wenngleich das die Leistung Les Herbiers' keineswegs schmälern soll: Einen Erstligisten musste die Elf von Masala auf dem Weg dorthin nicht ausschalten. Die Zweitligisten Auxerre (dritte Runde) und Lens (Viertelfinale) waren die dicksten Brocken, Letzterer wurde im Elfmeterschießen in die Knie gezwungen.

Les Herbiers' Keeper zockt dreimal die Woche Karten in der Kneipe

Torhüter Matthieu Pichot avancierte dabei mit zwei gehaltenen Strafstößen zum umjubelten Helden. Der 28-Jährige steht sinnbildlich für die verrückte Geschichte, die Les Herbiers in dieser Pokalsaison schreibt. Er ist leidenschaftlicher Klavierspieler, verschlingt Science-Fiction-Romane. Ein alternativer Typ, der dreimal pro Woche in die Kneipe geht, um La Belote, ein beliebtes französisches Kartenspiel, zu zocken.

ONLY GERMANY Les Herbiers TrainingVoller Fokus auf PSG: Les-Herbiers-Coach Stephane Masala (M.) gibt im Training vor dem Pokalfinale Anweisungen

"Ich bin ein bisschen unorthodox", gestand Pichot im Interview mit L'Equipe. Vor dem Elfmeterschießen gegen Lens griff er, verhüllt unter einer Jacke und auf einer Kühlbox sitzend, zum iPad, schaute sich Elfmeter-Paraden großer Torhüter an, unter anderem von Gigi Buffon. Ein gelungener Motivationskick, wie wir heute wissen.

Pichot ist auch einer derer in Les Herbiers' Kader, die ausschließlich vom Fußball leben. Als Jungspund war er mal kurzzeitig Stammkeeper beim damaligen Zweitligisten Laval, kam 2016 dann über CA Bastia zu Les Herbiers. 

Weitere Säulen des Teams sind Top-Torjäger Kevin Rocheteau, ausgeliehen vom Zweitligisten Niort, wo er zuletzt kaum noch spielte. Spieler wie Kapitän Sebastian Flachon und der flinke Angreifer Ambroise Gboho, die es bei den großen Klubs nicht ganz schafften, nehmen ebenfalls wichtige Rollen ein. Flachon stammt aus dem Nachwuchs von Olympique Lyon, konnte sich aber weder dort noch später bei Zweitligist Le Havre durchsetzen. Gboho sah bei Stade Rennes schließlich keine Perspektive mehr und kam über Epinal letzten Sommer nach Les Herbiers.

Auf eine ähnliche bisherige Laufbahn blickt der spielstarke Mittelfeldorganisator Joachim Eickmayer zurück. In der Saison 2013/14 machte er als 20-Jähriger mal zehn Ligue-1-Spiele für Sochaux, fand sich Ende 2014 dann aber plötzlich bei einem Amateurklub wieder. Beim SC Amiens kämpfte er sich zurück, der Durchmarsch des Klubs aus der dritten Liga in die Ligue 1 ging für Eickmayer jedoch zu schnell, vergangenen Sommer schloss er sich daher Les Herbiers an.

15.000 Les-Herbiers-Fans in Paris: Das ganze Dorf kommt mit

Was sie alle eint, ist der Traum, die übermächtigen Jungs aus der Hauptstadt am Dienstagabend zu ärgern. Es wäre mehr als ein sportliches Wunder, sollte Les Herbiers PSG schlagen und tatsächlich den Pokal in Händen halten können. Eine Mischung aus Profis und Halbprofis, die aus einem Jahresbudget von nur rund zwei Millionen Euro bezahlt werden. Denen ihre Fans eine eigene Version des Eiffelturms vor das lediglich 5.000 Zuschauer fassende Stadion gebaut haben, gehalten in den Vereinsfarben rot und schwarz. Um zumindest einen Bruchteil des Glanzes der Millionen-Metropole zu versprühen.

"Ich bin ein junger Trainer und bin hier, um zu lernen", sagte Les-Herbiers-Coach Masala während der Pressekonferenz am Montag und versprach: "Es wird kein peinlicher Auftritt, selbst wenn wir eine Klatsche kassieren sollten." Rechtsaußen Rodrigue Bongongui, der einst in der Jugend für AS Bondy, den gleichen Pariser Vorortklub wie Mbappe spielte, war da schon etwas forscher: "Man könnte denken, dass wir Angst haben", sagte er. "Aber wir werden einfach rausgehen und es genießen."

15.000 Fans werden Les Herbiers im Stade de France unterstützen, nehmen die knapp 400 Kilometer lange Reise auf sich. Die ganze Gemeinde ist also dabei, beim größten Spiel der Vereinsgeschichte. Einem Spiel, in dem die Rollen Davids und Goliaths wohl nicht eindeutiger verteilt sein könnten.

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