HINTERGRUND
Die letzten Überbleibsel der Weihnachtszeit verschwinden langsam von den Straßen Londons. Hier, wo das Leben pulsiert, in der englischen Weltmetropole, verläuft der Übergang in den Alltag fließend. Alle hechten irgendwelchen Dingen hinterher, sind in Eile, haben irgendeinen Antrieb. Vor allem jetzt, da die guten Vorsätze für das neue Jahr noch frisch sind. 2016 soll alles (noch) besser werden.
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Denzeil Boadu bekommt davon nichts mit. Er hat zu Jahresbeginn 2016 nur noch wenig Antrieb. Vielmehr dominieren Zweifel und Angst seine Seele, als er in seiner Heimatstadt London im Bett liegt. Sie nehmen ihm die Lebenslust. Weil er fürchtet, das, was er immer schon am liebsten tat, was ihm jeden Tag Befriedigung und Liebe schenkte, nie mehr tun zu können. "Es gab einen Punkt, an dem ich nicht daran glaubte, je wieder Fußball zu spielen. Und dann, als ich schon acht Monate lang nicht mehr gelaufen war, gab es einen Punkt, an dem ich nicht mehr daran glaubte, je wieder zu laufen", sagte der heute 20-Jährige mal den Manchester Evening News.
Damals, Anfang 2016, kurz vor seinem 19. Geburtstag, ist die große Euphorie, die ihn fast seine gesamte Teenagerzeit dank des Fußballs begleitet hatte, längst erloschen. Boadu galt, ja gilt seinerzeit immer noch als eines der größten Talente in England. Früh wird der technisch hochveranlagte Offensivspieler von Tottenham entdeckt, geht mit 14 weiter zu Arsenal, ein Jahr später folgt er dann dem Lockruf Manchester Citys.
Bei den Skyblues ist er, egal in welchem Team er zum Einsatz kommt, ein Fixpunkt als Spielmacher, verkörpert die vielleicht perfekte Mischung aus Zehner, Flügelspieler und Mittelstürmer, die ihn im modernen Fußball zu einem der besten Spieler der Welt machen könnte.
Boadu erzielte einst in vier Spielen für Englands U17-Nationalelf vier Tore, in Citys Nachwuchsmannschaften spielte er groß auf. Der Weg nach oben, in die erste Mannschaft, zu den Agüeros und Silvas, er scheint vorgezeichnet. Bis ein verhängnisvoller Tag im Herbst 2014 alles ändert.
Beim 7:0-Erfolg mit Citys U18 bei den Bolton Wanderers hat Boadu gerade lässig den Keeper umkurvt und zum zweiten Mal eingenetzt, als er beim Abdrehen plötzlich humpelt. Er weiß sofort, dass irgendetwas nicht stimmt. Dennoch spielt er weiter, macht noch ein Tor und damit den Hattrick perfekt. Doch der schmerzende Fuß trübt die Freude. Es sollte der Beginn einer letztlich fast zwei Jahre langen Leidenszeit sein. 20 Monate Hölle!
"Seit ich fünf Jahre alt war, habe ich jeden Tag Fußball gespielt. Das war wahrscheinlich die erste Sache, von der ich wusste, dass ich sie liebe", erklärt Boadu. Was ihm die Wochen und Monate, in der sein Körper nicht fähig war das zu tun, was sein Geist so sehr wollte, zusätzlich erschwerte: Der Ursprung des Dramas war keine allzu schwerwiegende Verletzung. Der fünfte Mittelfußknochen war gebrochen, ergaben die Untersuchungen nach jenem Spiel in Bolton. Da Boadu sich ungern operieren lassen wollte, wurde die Blessur konservativ behandelt, die Heilung der Natur überlassen.
Ein verhängnisvoller Defekt
Boadu spielte also weiter, doch der Zustand seines Fußes verschlimmerte sich. Schließlich, im März 2015, war eine Operation daher unumgänglich. Zunächst verlief dabei auch alles ohne Komplikationen, drei Monate nach der OP sollte er wieder spielen können. Doch eine Schraube, die ihm nach der OP zur Stabilisation des Fußes eingesetzt worden war, hatte einen Defekt, löste eine Entzündung aus. "Eine normalerweise drei Monate dauernde Verletzung hat sich auf 20 Monate ausgeweitet. Das war es, was mich so verrückt gemacht hat", sagt Boadu.

Er sucht Spezialisten auf, die versuchen, die Entzündungen herauszuwaschen. Mehrfach geht es schief, stellt sich keine Besserung ein. Er ist ans Bett gefesselt, statt draußen auf dem Rasen die Gegner zu narren, muss er massenhaft Antibiotika schlucken. Und aus der körperlichen Unterforderung folgt psychischer Schmerz. "Jeden Tag an Fußball zu denken und 20 Monate lang dennoch nicht in der Lage zu sein, zu spielen, war sehr schwierig", gesteht er.
Bei City gibt man sein Juwel derweil nicht auf, tut alles, um Boadu zu helfen. Und irgendwann, als bereits mehr als ein Jahr vergangen war, seit der Engländer mit ghanaischen Wurzeln im März 2015 letztmals auf dem Platz gestanden hatte, kam plötzlich ein Silberstreif am Horizont um die Ecke. Nach sieben Auswaschungen und einer weiteren Operation begann die Entzündung, langsam abzuklingen. Es war mittlerweile Frühsommer 2016, in London bereiteten sich alle Fans der Three Lions auf die EM in Frankreich vor. Und auch Boadu hatte plötzlich wieder einen Antrieb, hatte sein Ziel wiedergefunden. Weil sein Körper wieder mitmachte.
In einem halben Jahr Reha kämpfte er sich an das physische Niveau heran, dass er benötigt. Ende November 2016, zwei Jahre nach dem verhängnisvollen Hattrick gegen Bolton und 20 Monate nach seinem letzten Spiel, feierte Boadu sein Comeback, wurde für Citys U23 im Duell mit Evertons Nachwuchs eingewechselt.
Später, aber guter Start beim BVB
Dass es ihm nun viel schwerer fallen wird, den Sprung nach ganz oben zu schaffen, darum weiß der mittlerweile 20-Jährige genau. "Ich weiß nicht, ob ich die verlorene Zeit jemals wieder einholen werde. 20 Monate sind fast zwei Jahre, eine sehr lange Zeit", sagt er. Dennoch kam er bei Citys U23 auf Anhieb wieder regelmäßig zum Zug, trainierte auch bei Pep Guardiolas erster Mannschaft mit. "Ich hatte die Chance, mich mit Spielern wie David Silva zu vergleichen, hautnah zu erleben, was er macht und davon lernen", schwärmt Boadu.
Den kurzfristigen Durchbruch schien man ihm bei den Skyblues aber nicht zuzutrauen, gab Boadu vergangenen Sommer an Borussia Dortmund ab. "In der Jugend war Denzeil ein großes Talent, dann haben ihn Verletzungen zurückgeworfen. Wir versuchen, ihn wieder auf das Level zu bringen, das er hatte", sagte Ingo Preuß, Teammanager der zweiten Mannschaft des BVB.
Inzwischen kann Dortmund-II-Trainer Jan Siewert auch im Ligabetrieb auf Boadu zählen, zwei Monate nach seiner Ankunft war Anfang November endlich die Spielberechtigung vom englischen Verband da. Die drei Spiele in der Regionalliga West, in denen Boadu seitdem für die U23 des BVB auf dem Platz stand und überzeugte, wurden allesamt gewonnen.
Zu schnell zu viel wollen wird Boadu deshalb jedoch nicht. So viel ist sicher. "Ich bin ein anderer Mensch", sagt er, wenn er über Veränderungen ob seiner schier ewig andauernden Leidenszeit spricht. "Ich bin viel stärker und mental deutlich reifer, bin dankbar für die Position, in der ich bin. Mit 19 hätte Fußballspielen für mich vorbei sein können - also ist jeder Tag, an dem ich fit bin, etwas, wofür ich dankbar sein muss."


