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Die Idee einer Balkan-Liga: Ein Symbol der Versöhnung?

16:00 MEZ 02.11.17
Red Star Belgrade
Viele moderate Fans träumen schon lange von einer gemeinsamen Liga. Doch vor allem die Ultra-Szene protestiert massiv gegen diesen Vorstoß.

HINTERGRUND
Der 13. Mai 1990 ist für die Fußball-Fans des damaligen Jugoslawiens kein gewöhnlicher Tag. Es ist der Tag des großen Derbys, Dinamo Zagreb gegen Roter Stern Belgrad. So etwas wie der Clasico des Balkans. Das ganze Land blickt mit Vorfreude und Anspannung auf diese Partie. Die Stimmung zwischen beiden Lagern ist so aufgeheizt wie lange nicht. Dass das Spiel niemals angepfiffen würde, kann zu diesem Zeitpunkt niemand ahnen.

Die beiden Ultra-Gruppen "Bad Blue Boys" (Dinamo) und die "Delije" (Roter Stern) liefern sich schon im Vorfeld der Partie wüste Schlägereien in der Innenstadt Zagrebs. Knapp eine halbe Stunde vor dem Anpfiff erreicht die Eskalation ihren Höhepunkt: Als die serbischen Delije damit beginnen, das Maksimir-Stadion auseinander zu nehmen, Zäune umzureißen und Sitzschalen zu werfen, stürmen die kroatischen Bad Blue Boys das Feld. Der zahlenmäßig unterlegenen Polizei gelingt es nicht im Ansatz, die Situation unter Kontrolle zu bringen.

Fußball als Auslöser eines Krieges

Die Spieler von Roter Stern, angeführt von ihrem Kapitän Dragan Stojkovic, flüchten sofort in die Kabine, während einige Spieler Dinamos auf dem Feld bleiben. Darunter Zvonimir Boban, der einen Polizisten in Kung-Fu-Manier mit einem Kick niederstreckt und von seinen Fans mit Sprechchören gefeiert wird. Diese Szene wird zum Sinnbild des kroatischen Widerstandes gegen das verhasste Belgrader Regime, Boban steigt damit zu einer Art Volksheld auf.

Für viele kroatische und serbische Fans gilt der 13. Mai 1990 noch heute als Beginn des Krieges und Zerfalls Jugoslawiens. Nicht wenige von ihnen stehen sich später an der Front gegenüber. Das wohl bekannteste Gesicht dieser Bewegung ist Zeljko Raznatovic, genannt "Arkan", der die verschiedenen serbischen Ultra-Gruppen zu einer "freiwilligen Garde" zusammenführt und sich am Bürgerkrieg beteiligt. Auch die kroatischen Ultras melden sich zum Dienst. Ein Denkmal neben dem Zagreber Maksimir-Stadion erinnert an die Toten aus ihren Reihen.

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Auch 26 Jahre nach Beginn des Krieges ist die Stimmung in der Ultra-Szene immer noch von großem Hass geprägt. Zwar leiden die nationalen Ligen unter mangelnder sportlicher Attraktivität, Korruption, schlechter Infrastruktur und geringem Zuschauerinteresse. Von einer gemeinsamen "Balkan-Liga" wollen sie jedoch partout nichts wissen. Eine Idee, die schon seit Jahren diskutiert und in anderen Sportarten, zum Beispiel im Handball oder im Basketball, längst umgesetzt wurde. Nur im Fußball sind die Bedenken riesig. Vor allem aus Gründen der Sicherheit.

Denn nach dem Tod von "Marschall" Josip Broz Tito am 4. Mai 1980, dem Staatschef des damaligen Jugoslawiens, war es auf den Tribünen vorbei mit der Einigkeit und Brüderlichkeit unter den verschiedenen Ethnien und Religionsgemeinschaften. Die Zuschauer sind fortan nicht des Sports wegen in die Stadien geströmt, sondern weil sie den Fußball als Plattform des Nationalismus für sich vereinnahmt haben. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Regelmäßig werden die unterschiedlichen Nationalverbände wegen nationalistischer und rassistischer Gesänge oder Gesten zu hohen Strafzahlungen verdonnert.

UEFA-Präsident Ceferin eher skeptisch

Vor knapp einem Jahr erfuhr die Idee einer Balkan-Liga zum vorerst letzten Mal großes mediales Interesse. Vasko Dojcinovski, Chef des Liga-Verbandes aus Mazedonien, berichtete in kroatischen Medien von intensiven Gesprächen mit der UEFA und einem möglichen Start der neu gegründeten regionalen Liga für das Jahr 2018. Demnach sollten 24 Vereine aus Serbien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina und Mazedonien in vier Gruppen zu je sechs Teams gegeneinander antreten. Die Renaissance traditionsreicher Duelle - ein fußball-romantischer, politisch jedoch hochexplosiver Gedanke?

"Es gibt keine Entscheidung über eine regionale Liga, es gibt auch kein Geld, welches dafür bereits gestellt wird. Aktuell gibt es keine konkreten Vorschläge", wurde UEFA-Präsident Aleksander Ceferin zitiert. Nur wenig später klang seine Meinung sogar deutlich verhaltener. Gegenüber der New York Times bezeichnete er regionale Wettbewerbe wie eine Balkan- oder Alpenliga als "Ende des Fußballs in den kleineren Ländern" und damit das Ende nationaler Ligen. Die Ultras der großen Klubs lehnen diese Idee ohnehin vehement ab. Wut und Hass sind auch fast drei Jahrzehnte nach dem Krieg noch nicht überwunden.

Moderate Fans stehen dieser Idee derweil aufgeschlossen gegenüber. Sie empfinden die Nachbarländer höchstens als Rivalen, seltener als Todfeind. Eine gemeinsame Liga könnte für sie sogar ein Symbol der Versöhnung sein: ein Zeichen, dass wieder gegeneinander Fußball gespielt werden kann - ohne bürgerkriegsähnliche Zustände. Um den Traum wahr werden zu lassen, müsste Ceferin, übrigens Slowene, die UEFA-Statuten anpassen und mit allen Nationalverbänden eine zufrieden stellende Lösung erarbeiten.

Vollere Stadien, größeres mediales Interesse, mehr TV-Geld und höhere sportliche Attraktivität sind die Vorteile einer Balkan-Liga. Sicherheitsrisiken und die Gefahr von erneut zunehmendem Nationalismus auf den Tribünen sprechen dagegen. Mit einer baldigen Umsetzung dürfen Verfechter einer gemeinsamen Liga deshalb nicht rechnen. Die Narben des Krieges sind noch nicht vollständig verheilt.