Sie nannten ihn Zwerg: Die Geschichte von Lionel Messis Anfängen in Barcelona

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Bei den Goal 50 2017 schaffte es Leo Messi auf Platz 4. Wir blicken mit einigen seiner früheren Teamkollegen zurück auf seine ersten Jahre bei Barca.

HINTERGRUND

Anfang der 2000er Jahre gelang es der U16 des FC Barcelona eigentlich nie, die U17 des Stadtrivalen Espanyol zu schlagen. Obwohl die Blaugrana technisch und fußballerisch im Vorteil waren - es reichte nicht aus, um sich gegen die körperliche Überlegenheit und größere Erfahrung der etwas älteren Nachwuchskicker Espanyols durchzusetzen.

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Doch irgendwann änderte sich alles. "Wir fuhren zu Espanyol und schenkten ihnen drei Tore ein", erinnert sich Marc Valiente, heute Verteidiger beim belgischen Erstligisten KAS Eupen, exklusiv gegenüber Goal . Damals, 2002, in Barcas U16, hatte er die Ehre, Teamkollege eines Jungen zu sein, der später zum vielleicht besten Spieler aller Zeiten werden sollte. Ein Rohdiamant aus Argentinien, der seinerzeit, gerade 14, noch deutlich schmächtiger war als heute. Er machte den Unterschied in einer beinahe unschlagbaren Mannschaft.

Zwei Jahre zuvor war Lionel Messi aus Rosario nach Barcelona gekommen. Schüchtern betrat er erstmals die Kabine von Barcas U13. "Wir haben nicht einmal gehört, wie er Hallo sagte", blickt Robert Franch, wie Valiente ebenfalls Abwehrspieler, zurück.

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Roger Giribet, der sich im Februar 2002, am gleichen Tag des offiziellen Beitritts Messis, Barca anschloss, schwärmt: "Ich war begeistert von ihm. Ich war mir bewusst, dass mir meine körperlichen Voraussetzungen die Tür in den Verein geöffnet hatten. Mit 12 war ich schon 1,70 Meter groß gewesen, Leo war gerade mal 1,50 Meter", ist Giribet auch 15 Jahre später noch erstaunt.

ficha messi

Trainer Rodolfo Borrell stellte Messi seinen neuen Mannschaftskameraden als eine echte Nummer 10 vor, der von weit weg komme und etwas Besonderes sei, erinnert sich Marc Valiente. "Damals gab es keine Jugendspieler, die von so weit weg kamen, um La Masia beizutreten", erklärt er. Noch bevor das neue Team ihn erstmals am Ball gesehen hatte, war Messi eine Ausnahmeerscheinung.

Im ersten Training mit der U13 ließ man Messi an der Seite eines gewissen Cesc Fabregas im Sturm spielen. "Cesc hatte eine Gabe", sagt Valiente. "Er war Meister darin, ein Spiel zu lesen. Beim 5 gegen 2 im Kreis zum Beispiel war er zwar nie in einer guten Position, kam aber dennoch immer irgendwie an den Ball."

Valiente schwärmt von Messi

Fabregas' Qualitäten waren den Jungs bekannt. Sie waren das, was sie von kleinauf tagtäglich eingetrichtert bekamen. "Von uns wurde immer verlangt, mit einem oder zwei Kontakten zu spielen. Spielkontrolle und Passspiel, die schnelle Zirkulation des Balles, waren das A und O", erklärt Valiente. "Aber plötzlich war da dieser Typ, der den Ball mit vier oder fünf Kontakten in der gleichen Geschwindigkeit und dem gleichen Raumgewinn bewegen konnte, wie wir es nur mit mehreren Pässen geschafft hätten."

Messi brachte etwas Neues. Und dennoch: In einem richtigen Spiel unter Wettbewerbsbedingungen hatte er es bis dato noch nicht gezeigt. Albert Benaiges, der sich mehr als zwei Jahrzehnte lang um die Entwicklung der Nachwuchsspieler bei Barca kümmerte, schrieb in seinem Buch Libero : "Wir mussten uns beeilen. Wenn er in den nächsten beiden Spielen nicht spielen würde, hätte er bis zur Vollendung seines 18. Lebensjahrs in keinem offiziellen Spiel eines nationalen Wettbewerbs spielen können."

Messi GFX

Seine erste offizielle Partie für Barca absolvierte Messi schließlich am 7. März 2001 gegen Amposta. Ihm gelang ein Tor, alles schien glatt zu laufen. Doch dann, eine Woche später, geriet die Karriere des Auserwählten bei den Katalanen in Gefahr: Im Auswärtsspiel bei Tortosa brach er sich das Wadenbein, bis heute der einzige Bruch, den Messi je erlitt. Bei Barca schrillten daraufhin die Alarmglocken - und klar war: Für die U13 würde er nicht mehr spielen.

Nachdem er die Verletzung auskuriert hatte, kam Messi in einigen Partien für die U14 zum Einsatz, ehe Borrell und Benaiges entschieden, ihn bereits in die U16 zu befördern. In dieser Mannschaft hinterließ der Hochbegabte dann die erste echte Duftmarke.

"Leo saß immer ruhig und allein in einer Ecke"

"Bis dahin war er in der Kabine, die wir so lange teilten, weitgehend unscheinbar geblieben", erzählt Roger Franch, der Bruder von Robert und damals Torhüter der U16. "Wir hatten eine sehr aufgeweckte Truppe beisammen, aber Leo saß immer ruhig und allein in einer Ecke."

Im Training aber war er keineswegs der stille Leo. Auf dem Platz war alles anders. "Er hat uns häufig wütend gemacht, weil es frustrierend war, gegen ihn zu spielen", sagt Roger Franch. "Man fragte sich, ob man selbst gut genug war." Sein Bruder Robert, seines Zeichens Verteidiger, verrät: "Als uns klar wurde, dass der Typ uns drei Gänge voraus war, beschlossen die anderen Abwehrspieler und ich, ihm mal ein paar Tritte zu verpassen. Aber das juckte ihn nicht ... Er war so schnell, dass wir nicht einmal in der Lage waren, ihn zu treffen."

Messi ließ sie alle einfach stehen. Als der Erste noch verzweifelt versuchte, ihn zu stoppen, hatte er schon den Zweiten abgeschüttelt. Und so weiter. "Er war eine Maschine, zu jeder Sekunde", erinnert sich Robert Franch. "Im Training, bei der Regeneration, in den Spielen." Wenn im Training Eins-gegen-Eins-Situationen geübt wurden, wollten alle nur eines: Hauptsache nicht gegen Messi. "Wir wussten, dass wir nicht einmal in die Nähe des Balles kommen würden - egal, was wir machten."

Lionel Messi Cesc Fabregas Barcelona 2005

Patrick Vieira Lionel Messi Barcelona Juventus Joan Gamper Cup 24082005

Pau Torras, seinerzeit Torhüter bei der U16 und heute in Diensten von Cartagena, geriet ob der Qualitäten Messis immer und immer wieder ins Staunen. "Er kam zum Training, ohne den Mund aufzumachen, verschlug uns die Sprache und ging wieder nach Hause. Und das alles auf die natürlichste Art und Weise, die man sich vorstellen kann."

Er war seinen Teamkollegen überlegen, schien für manche außer Reichweite. "Manchmal dachten wir, dass er nur zu stoppen sei, wenn wir mit einer Pistole auf ihn schießen würden. Aber selbst dann hätte man wohl das Gefühl gehabt, dass er der Kugel mit dem Ball am Fuß stets ausweichen könnte." So war Messi schon mit 13.

"Messi begann, seine ersten Witze zu machen"

Dennoch gab er sich außerhalb des Platzes lange extrem reserviert. Erst während eines Turniers im italienischen Venedig brach Messi das Eis. "Er begann, seine ersten Witze zu machen", blickt Marc Valiente zurück. "Er war so schüchtern, dass er davor mit keinem gesprochen hatte." Messi begann, viel Zeit mit Victor Vazquez (derzeit bei Toronto FC in der MLS aktiv) zu verbringen, damals ebenfalls eines der größten Juwele in La Masia und kongenialer Partner des Argentiniers in den Jugendmannschaften. Die beiden waren auch Klassenkameraden in der Schule.

Es war auch in Venedig, als Messis Teamkollegen anfingen, ihn "Enano", spanisch für Zwerg, zu nennen. "Wir nannten ihn lange so", sagt Roger Giribet, Verteidiger in jener Mannschaft. "Aber wir fingen erst damit an, als wir diesen Zugang zu ihm hatten, der während dieses Trips nach Venedig zustande kam. Auch später, nachdem er sein Debüt für die Profis gegeben hatte und uns in La Masia besuchte, sagten wir zu ihm: 'Hey, Zwerg, wie bist du mit den älteren Jungs zurecht gekommen?' Und wir alle lachten laut."

Lionel Messi Ronaldinho Barcelona Real Madrid 2005

"Vielleicht hat er sich hier und da mal über uns geärgert, aber er war immer glücklich mit seinen Teamkollegen. Und ich glaube, er ist heute immer noch der Gleiche", ergänzt Giribet. "Ich glaube, wenn wir uns morgen sehen würden, würden wir uns umarmen und es wäre einfach wieder genau so wie vor 15 Jahren."

Der 1987er Jahrgang kam zur Saison 2002/2003 geschlossen in die U16. Trainiert von Tito Vilanova und Alex Garcia sollte die Mannschaft als eines der besten Nachwuchsteams aller Zeiten in Barcas Geschichte eingehen. Doch nach all den Erfolgen musste Messi früh erfähren, dass nichts für ewig ist. 2003 kehrte Fabregas Barcelona den Rücken und ging zu Arsenal, ein Jahr später machte sich Gerard Pique auf den Weg zu Manchester United.

Messi führte seinen Aufstieg bei den Blaugrana indes unbeirrt weiter. Immer mit dem Ziel im Visier, es ganz nach oben zu schaffen. Über die U19 kam er ins C-Team, das es mittlerweile nicht mehr gibt. Dann ging es weiter ins B-Team - alles innerhalb eines Jahres.

Mit 16 feierte er seine Premiere in der ersten Mannschaft, mit 17 war er bereits ein etabliertes Mitglied der Profis. Ronaldinho, damals der beste Spieler der Welt, nahm ihn unter seine Fittiche. An der Seite des Brasilianers reifte Messi immer weiter heran.

Messi konnte sich schnell jeder neuen Situation anpassen

Giribet, heute technischer Direktor bei Balaguer, betont: "Alle von uns, die ihn lange kennen und mit ihm zusammenspielten, waren nie überrascht von den wundervollen technischen Fähigkeiten, die er zeigt. Was uns aber überraschte, war, wie schnell er sich jeder neuen Situation anpassen konnte."

Er führt aus: "Vor zehn Jahren konnte Messi auf engstem Raum irre beschleunigen, ohne den Ball zu verlieren. Doch über die Jahre hat er sein Spiel weiterentwickelt, hat gelernt, mit anderen Qualitäten entscheidend zu sein: Mit seinem Torabschluss und seinem Können beim finalen Pass, das er immer häufiger anbringt."

Lionel Messi 1st CL v Panathinaikos 2005

Immer, von den Nachwuchsmannschaften bis zum heutigen Tag, sei er der Beste gewesen. Gegen Druck und Erwartungshaltungen ist der 30-Jährige offenbar resistent. "Er weiß gar nicht, was Druck ist", erklärt Giribet. "Es gibt viele talentierte Spieler, die es nicht schaffen, weil sie nicht mit Druck umgehen können. Als ich vor 1.5000 Menschen spielen musste, zitterten mir die Knie. Und er spielt immer gleich, egal ob im Champions-League-Finale oder in seinem Vorgarten."

Gut 15 Jahre sind vergangen, seit Giribet und Messi gemeinsam bei Barca anfingen. Heute kennt jeder kleine Junge auf der Welt Lionel Messi, weiß alles über ihn. Er war damals schon unaufhaltsam und ist es heute immer noch. Er hat die Geschichte des FC Barcelona geprägt, sie in andere Bahnen gelenkt. Und die Legende geht weiter.

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