01d73833ff61817dbadb471481d39f9aa3a97a99

Deutschlands EM-Mission: Bleibt Löw sich treu?

Rational, beständig, lernfähig. Drei Adjektive, die in der Regel eine positive Bedeutung versprühen, die Personen lobenswerte Eigenschaften zuschreiben. Joachim Löw passt genau in ein solches Profil, weil er sie alle drei vereint. Und das immer wieder aufs Neue beweist.

Wenn am 12. Juni das erste deutsche EM-Gruppenspiel gegen die Ukraine ansteht, beginnt für Löw sein fünftes großes Turnier. Die Bilanz: Vize-Europameister 2008, WM-Dritter 2010, EM-Halbfinale 2012, Weltmeister 2014. Der Titel in Rio vor zwei Jahren war die vorläufige Krönung einer stets erfolgreichen Reise.

"Das ist jetzt ein Produkt von vielen Jahren, beginnend mit Jürgen Klinsmann damals", sagte Löw seinerzeit, unmittelbar nachdem er den WM-Pokal in die Höhe stemmen durfte. Es ist eine seiner großen Stärken, Dinge richtig einzuordnen, ihre Bedeutung im Großen und Ganzen zu sehen.

Vermitteln statt einreden

So ist es auch absolut nachvollziehbar, dass er - wie schon vor der WM 2014 - den nach schwerer Knieverletzung gerade erst wieder frisch ins Mannschaftstraining eingestiegenen Bastian Schweinsteiger mitnimmt. Denn der Kapitän ist einer der Anführer, einer derer, die den Teamspirit tragen, ihn vorleben. Ein Element, das für Löws Führungsstil essentiell ist.

Er ist nicht der strenge Vorbeter, der ein Übermaß an Autorität versprühen würde. Er wägt ab, bevor er entscheidet, versetzt sich in seine Spieler hinein - und sieht von großspurigen Ansagen ab. "Ein Trainer muss ja nicht nur reden, sondern überlegen, wie er seine Ziele vermittelt", betonte er einst.

Löw und sein Stab blicken schon immer weit über den Tellerrand des rein Sportlichen hinaus, haben mittlerweile einen riesigen Erfahrungsschatz darüber, worauf es bei Turnieren ankommt. Auch das Festhalten an Lukas Podolski fällt in dieses Roster. Öffentlich längst umstritten, will Löw nicht auf die Kölner Frohnatur verzichten, weiß, dass Podolski eines dieser Puzzle-Teile ist, das er und die Mannschaft benötigen.

Reus-Entscheidung verständlich

Marco Reus hätte der DFB-Elf in Frankreich derweil sicher sportlich auch gut zu Gesicht gestanden. Dass Löw ihn dennoch außen vor ließ, ist jedoch nur verständlich. "Eine Enttäuschung für uns alle", nannte Löw die Entscheidung, die der Fitnesszustand des BVB-Stars allerdings unausweichlich machte. Statt auf ihn, der eine Position bekleidet, für die mit den Draxlers, Götzes, Schürrles, Podolskis, Müllers und Sanes Optionen en masse bestehen, setzt er lieber auf fitte Youngsters wie Joshua Kimmich oder Julian Weigl, die an möglichen Brandherden aushelfen könnten.

Und vor allem nimmt man Löw ab, dass es ihn persönlich berührt, einem Spieler wie Reus solch niederschmetternde Mitteilungen zu machen. "Die Nachricht, dass man nach Hause fahren muss, bringt Löw menschlich super-korrekt rüber", bestätigte Ex-Profi Marcell Jansen, vor der WM 2014 einer der Ausgebooteten, der Bild. "Sehr transparent - und nicht einfach nur so dahingekloppt."

Dennoch verliert er das große Ganze eben nie aus dem Sichtfeld. "Da spüre ich Verbundenheit. Und die WM wird uns auch immer verbinden. Aber wenn es wieder losgeht, ist die aktuelle Leistung der Maßstab und nicht der Sommer der schönen Erinnerungen", sagte Löw Ende 2014. Diese Marschroute befolgend, darf sich Fußball-Deutschland daher sicher sein, dass Schweinsteiger und Podolski keineswegs wegen alter Lorbeeren ihr EM-Ticket erhielten.

01d73833ff61817dbadb471481d39f9aa3a97a99

Löws Denkweise, das ist ebenso eines seiner Qualitätsmerkmale, ist immer nach vorne gerichtet, von großer Lernfähigkeit geprägt. 2012, bei der letzten EM, zeigte Deutschland bis zum Halbfinale teilweise begeisternden Fußball.

Aus Fehlern lernen

Gegen Italien stellte Löw aber um, brachte aus Sicherheitsgründen den eher defensiv ausgerichteten Toni Kroos, um Andrea Pirlos Kreise einzuschränken. Eine Maßnahme, die fehlschlug. Zwei Jahre später bei der WM sah Löw dann davon ab, ähnliche, zu sehr auf den Gegner abgestimmte Änderungen vorzunehmen.

Dass in Brasilien endlich der ersehnte Titelgewinn heraus sprang, bedeutete aber alles andere als Stillstand. Im Gegenteil, Löw ist klar, dass frische Impulse gesetzt werden müssen. Immer wieder sprach er während der zurückliegenden, holprigen EM-Qualifikation von neuen Systemen, die man ausprobieren will. Etwa die Umstellung auf Dreierkette oder die Verfeinerung des Offensiv-Konzepts.

Dass diese Ideen, diese Experimente im Verlauf der vergangenen beiden Jahren kaum einmal funktionierten, fiel negativ auf. Löw jedoch - und das zeichnet ihn vermutlich mehr aus als alles andere - behielt stets die Ruhe. Zu wissen, dass er und sein Trainer-Team Meister darin sind, die Vorbereitung auf ein großes Turnier, wenn die Nationalspieler endlich mal über einen längeren Zeitraum beisammen sind, so effektiv wie möglich zu nutzen, gibt Löw Sicherheit. So, dass er nicht davor zurückschreckt, klare Ziele auch öffentlich auszugeben.

"Der EM-Titel ist auf dem Weg zu einer erfolgreichen Verteidigung des WM-Titels unser klares Ziel", sagte Löw Mitte Mai. Er denkt in großen Dimensionen, verlängerte daher auch vergangenes Jahr seinen Vertrag bis zur WM in Russland 2018.

Rational, beständig und lernfähig will er eine Ära prägen. Auf dass beim voraussichtlichen Ende seiner Amtszeit dann zwei weitere Trophäen im Vitrinenschrank des DFB stehen - die erste davon schon nach der EURO.

Werbung
0