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Deutschland in der UEFA Youth League: Eine Tejo-Breite schlechter

12:28 MEZ 06.12.21
GERMANY ONLY: BAYERN MÜNCHEN YOUTH LEAGUE
Wie schon so oft geben die deutschen Klubs in der Youth League ein verheerendes Bild ab. Erklärungsansätze gibt es einige.

HINTERGRUND

Als der FC Bayern München Mitte Oktober in Lissabon auf Benfica traf, symbolisierte der breite Fluss Tejo ganz hervorragend die Diskrepanz zwischen Profi- und Nachwuchsmannschaft im internationalen Geschäft. Knapp 20 Minuten dauert die Fährfahrt von der einen auf die andere Seite. Nördlich des Flusses gewann Julian Nagelsmanns Mannschaft im Estadio da Luz mit 4:0, am Benfica-Campus im südlich des Flusses gelegenen Seixal verloren Danny Galms Talente in der Youth League mit dem gleichen Ergebnis.

Nun, nach fünf von sechs Spieltagen, weist der FC Bayern in der Champions League die beste Bilanz aller Teilnehmer auf. In der Youth League dagegen die zweitschlechteste, unterboten lediglich noch von RB Leipzig. Schon vor dem abschließenden Gruppenspiel gegen den FC Barcelona ist den Münchnern in ihrer Gruppe der letzte Platz sicher. Den anderen deutschen Vertretern ergeht es aber kaum besser.

Deutschland stellt mit Leipzig (0 Punkte, -16 Tore), dem FC Bayern (0, -13) und dem VfL Wolfsburg (1, -8) drei der fünf schlechtesten Mannschaften. Der 1. FC Köln ist im Meisterweg als Playoff-Sieger der A-Jugend-Bundesliga in der ersten Runde deutlich am KRC Genk gescheitert. Einzig Borussia Dortmund (7, +3) hat noch Chancen auf den Einzug in die K.-o.-Runde, braucht dafür aber am letzten Spieltag einen Sieg gegen Besiktas.

Der FC Bayern München "hat andere Prioritäten"

Was ist los mit den deutschen Klubs in der Youth League? So ganz generell lasse sich das nicht erklären, sagt Hannes Wolf im Gespräch mit GOAL und SPOX. Wolf ist deutscher U19-Nationaltrainer, die reihenweise vorgeführten Spieler also potenzielle Kandidaten für seine Auswahlmannschaft. Zumindest in der Theorie, beim FC Bayern sieht die Praxis aber anders aus.

"Die Bayern muss man aus der Wertung rausnehmen. Die haben andere Prioritäten, für die hat die Youth League keine Relevanz. Bei Bayern spielen die sieben, acht Jahrgangsbesten schon in der zweiten Mannschaft", erklärt Wolf. Tatsächlich verfolgt der FC Bayern ein anderes Konzept als seine Rivalen. Um die größten Talente früh zu fordern, rücken sie schon nach dem ersten A-Jugend-Jahr zur Reserve auf. Die Mannschaft von Trainer Martin Demichelis kämpft in der Regionalliga um die Rückkehr in die 3. Liga, aktuell liegt sie auf Platz zwei hinter der SpVgg Bayreuth. Just am Tag vor der Reise nach Lissabon stieg das Spitzenspiel (1:1).

Für die A-Jugend-Bundesliga, in der der FC Bayern in der Staffel Süd/Südwest derzeit lediglich Siebter ist, und die Youth League bleibt somit nur eine Art U18. In allen fünf bisherigen Gruppenspielen trat der FC Bayern mit einer (teils deutlich) jüngeren Mannschaft als der jeweilige Gegner an. Zum Einsatz kamen sogar schon die erst 15-jährigen Paul Wanner und Arijon Ibrahimovic.

Solche Altersdifferenzen machen in jungen Jahren viel aus, vor allem im körperlichen Bereich. Das Resultat sind die verheerenden Ergebnisse, die aber auch positive Nebenwirkungen haben können. "Es ist auch mal ganz gut, seine Grenzen aufgezeigt zu bekommen", findet Wolf. "Wenn du bei Bayern in der A-Jugend spielst, hast du bis dahin viel gewonnen. Für diese Talente kann es eine wertvolle Erfahrung sein, auch mal einige Spiele zu verlieren."

Youth League: Nur zwei deutsche Halbfinalisten

Die anderen vier deutschen Klubs duellieren sich zwar mit Gleichaltrigen, schneiden aber trotzdem ähnlich schlecht ab. Keine Rolle spielte dabei übrigens ein möglicher Wettbewerbsnachteil wegen weltweit aufgerüsteter Gegner: Mit ein bis zwei eingekauften Talenten aus dem Ausland liegen die deutschen Vertreter in dieser Youth-League-Saison ziemlich im Schnitt aller Teilnehmer.

"Insgesamt schon enttäuschend" nennt A-Jugend-Trainer Norbert Elgert vom FC Schalke 04 das deutsche Abschneiden im Gespräch mit GOAL und SPOX daher. "In dieser deutlichen Form war das sicherlich nicht zu erwarten." Eine entsprechende Tendenz gibt es aber tatsächlich schon seit Einführung der Youth League 2013.

Elgerts Schalke um Leroy Sane und Thilo Kehrer bildete mit der Halbfinalteilnahme bei der Premierenausgabe eine von zwei positiven Ausnahmen. Die andere war die TSG Hoffenheim, die 2019 ebenfalls unter die letzten Vier kam. Ansonsten scheiterten alle deutschen Klubs spätestens im Achtelfinale, 2018 und 2020 auch der FC Bayern.

Rekordsieger sind der FC Chelsea und der FC Barcelona mit je zwei Titeln, Erfolge feierten auch portugiesische Vertreter und 2017 triumphierte der heutige Dortmund-Trainer Marco Rose sogar mit Red Bull Salzburg aus Österreich.

Falsches Training, Paralyse, übereifrige Trainer

Erklärungsansätze für das regelmäßige Scheitern der deutschen Klubs gibt es einige. "Andere Länder sind uns definitiv in Sachen Technik und Spielverständnis überlegen. Häufig ist der Erfolgshunger auch nicht groß genug und es mangelt an Mentalität sowie Widerstandsfähigkeit", findet Elgert. "Vielleicht haben wir es in Deutschland mit unserem Drang nach Perfektionismus auch ein klein wenig übertrieben mit Matchplänen, Dokumentationen und zu viel Analysen. Das ist alles nicht unwichtig, aber zu viel Analyse führt häufig auch zu Paralyse und Verlust von Spielfreude und Kreativität."

Als möglichen weiteren Grund für die nachhaltige Erfolglosigkeit nennt Elgert das Karrierestreben der Urheber dieser Analysen: "Viele der jungen Trainer sind wirklich sehr talentiert, wollen aber aus teilweise verständlichen Gründen ganz schnell ganz nach oben. Dadurch bedingt mangelt es uns häufig an absoluten Ausbildungsspezialisten."

Während Elgert seit 2003 die Schalker A-Jugend trainiert und seine reichhaltigen Erfahrungswerte - unter anderem auch mit seinem Buch "Gib alles - nur nie auf!" - weiterträgt, herrscht andernorts ein reger Durchlauf. Hoffenheims-Halbfinal-Trainer von 2018, Marcel Rapp, trainiert mittlerweile beispielsweise die Profis von Holstein Kiel, der ehemalige A-Jugend-Trainer des FC Bayern, Sebastian Hoeneß, die von Hoffenheim und der Ex-Dortmunder Wolf arbeitet nach Stationen bei den Profis des VfB Stuttgart, dem Hamburger SV, Genk und Bayer Leverkusen für den DFB.

Bei den deutlich erfolgreicheren Nationen ist das aber kaum anders: Alle Siegerklubs vertrauten seit Einführung der Youth League vor acht Jahren beispielsweise schon mindestens drei verschiedenen Trainern.

Schule geht in Deutschland gelegentlich vor Fußball

Für Wolf gibt es noch einen weiteren möglichen Grund für das schwache Abschneiden: "In anderen Ländern liegt der Fokus in dieser Altersklasse generell noch mehr auf dem Fußball, in Deutschland wird im Vergleich mehr Wert auf die Schule gelegt." Eine Hausarbeit kann hierzulande also schonmal wichtiger sein als eine Reise zu einem Youth-League-Spiel in Lissabon.

Die Erfahrungen im internationalen Wettstreit sind zwar förderlich, belasten die Spieler neben den Fixposten Schule und A-Jugend-Bundesliga aber zusätzlich. "Der Wettbewerb ist Fluch und Segen zugleich", findet Wolf. Manche Klubs stellen die Youth League deshalb bewusst hinten an. "Während meiner Zeit beim BVB hatte die Youth League so wie jetzt bei Bayern nicht die oberste Wertigkeit", erklärt Wolf, der von 2009 bis 2016 im Dortmunder Nachwuchsbereich arbeitete und in seiner abschließenden Saison die A-Jugend-Bundesliga gewann.

In der aktuellen Spielzeit trete Dortmund aber "mit voller Kapelle" an. Als Schlüsselspieler gelten Stürmer Bradley Fink (18) aus der Schweiz und Kapitän Dennis Lütke-Frie (18). Kürzlich debütierte der zentrale Mittelfeldspieler in Wolfs U19-Nationalmannschaft. Beim vergangenen Länderspiel (1:1 gegen Griechenland) war Lütke-Frie neben seinem Klubkollegen Göktan Gürpüz, Kölns Keeper Jonas Urbig sowie Bright Arrey-Mbi, Armindo Sieb und David Herold vom FC Bayern einer von sechs Spielern im Aufgebot, die in der laufenden Youth-League-Saison zum Einsatz gekommen sind.

Arrey-Mbi und Sieb absolvierten aber jeweils nur einen Einsatz in der Youth League, regulär spielen die beiden 18-Jährigen in der Regionalligamannschaft des FC Bayern. Sie sind zwei der früh Hochgezogenen, Personifizierungen des Münchner Sonderwegs.

Der alternative Weg in die Youth League

Bei Schalke gab es laut Elgert unterdessen noch nie Überlegungen, die Youth League hintenanzustellen. Tatsächlich sei der Stellenwert des Wettbewerbs in seinem Klub "sehr hoch". Akut war das Thema dort zuletzt aber ohnehin kaum, weil Schalker Teilnahmen durch den nachhaltigen Absturz der Profimannschaft seltener wurden.

Seit 2015 besteht für solche Fälle immerhin eine Möglichkeit. Bis dahin duften lediglich die Nachwuchsmannschaften der Champions-League-Teilnehmer in gespiegelten Gruppen mitspielen, seitdem gibt es als Alternative den sogenannten Meisterweg. Dafür qualifizieren sich die A-Jugend-Meister aller UEFA-Nationen, sofern sie nicht schon wegen der Meriten ihrer Profikollegen dabei sein dürfen. So schaffte es Schalke 2015/16 ins Teilnehmerfeld und diesmal Köln.

Köln in der Youth League: Frühes Aus und Randale

Zum Zeitpunkt des Abbruchs der Saison 2019/20 wegen der Corona-Pandemie führte Köln die West-Staffel der A-Jugend-Bundesliga an. Der Tabellenführer im Süden/Südwesten FC Bayern war bereits qualifiziert, Werder Bremen aus dem Norden/Nordosten verlor das kurzfristig anberaumte Play-off gegen Köln. Weil die Youth League in der vergangenen Saison abgesagt und die A-Jugend-Bundesliga bereits nach wenigen Spielen abgebrochen wurde, behielt Köln seinen Startplatz für die diesjährige Ausgabe.

Es folgte ein unrühmlicher Auftritt, auf und abseits des Platzes. Als Köln nach einer Hinspielniederlage beim Rückspiel in Genk Mitte Oktober vor dem Aus stand, stürmten rund 50 vermummte Fans in den Stadioninnenraum und suchten die Konfrontation mit den Heimfans. Diese pflegen schließlich eine Fanfreundschaft mit Kölns rheinischem Rivalen Borussia Mönchengladbach. Die Partie stand kurz vor einem Abbruch, letztlich bekam die Polizei die Situation aber unter Kontrolle.

Youth League: Ein Segen für Scouts und Spielerberater

Genk hat es in der Zwischenzeit dank eines weiteren Sieges in die Playoff-Runde geschafft. Dort treffen die acht verbliebenen Vertreter der Meisterrunde nach der Winterpause auf die acht Gruppenzweiten. Anschließend wartet das Achtelfinale mit den acht Gruppensiegern. Aus deutscher Sicht hat nur mehr Dortmund Chancen auf eine Teilnahme.

Und abgesehen davon natürlich hunderte Scouts und Spielerberater, für die die Einführung der Youth League ein Segen war. Wohl nirgendwo sonst gibt es solch eine Dichte an potenziellen Neuzugängen oder Klienten zu beobachten. "In der Branche spielt die Youth League eine wichtige Rolle", weiß Wolf. "Am Wochenende ist viel los. Die Youth-League-Spiele am Dienstag- oder Mittwoch-Nachmittag stehen dagegen relativ für sich. Da gehen schon sehr viele Leute hin."

Als die Jugend des FC Bayern Mitte Oktober südlich des Tejo gegen Benfica unterging, fachsimpelte auf der Tribüne beispielsweise Bayerns Technischer Direktor Marco Neppe mit seinem Dortmunder Pendant Edin Terzic. Tags zuvor hatte Terzic noch beim Auswärtsspiel seines Klubs gegen Ajax in Amsterdam geweilt.