Debatte: Ist Lucien Favre nach dem Tuchel-Aus der Richtige für Borussia Dortmund?

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Nach der Trennung von Thomas Tuchel ist der Trainerposten beim BVB vakant. Top-Kandidat soll Lucien Favre sein - aber wäre das überhaupt sinnvoll?

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Seit Dienstagmittag ist es offiziell: Borussia Dortmund und Thomas Tuchel gehen ab sofort getrennte Wege. In der Folge ist der DFB-Pokalsieger auf der Suche nach einem geeigneten Nachfolger, immer wieder taucht dabei der Name Lucien Favre auf. 

Offiziell: Borussia Dortmund trennt sich von Thomas Tuchel

Bis 2019 steht der Schweizer noch bei der OGC Nizza unter Vertrag, dennoch scheint ein Wechsel ins Ruhrgebiet möglich. Aber wäre Favre überhaupt der richtige Mann für den BVB? Zwei Redakteure, zwei Meinungen. 

"Favre macht jeden einzelnen Spieler besser"

Von Stefan Döring

Wie kann man ernsthaft Zweifel an Lucien Favre haben? Na klar, er gilt als ein ähnlich schwieriger Charakter wie Thomas Tuchel, mit dem die Vereinsführung um Hans-Joachim Watzke den einen oder anderen Dissens gehabt hat. Aber was in der Diskussion um Tuchel oft zu kurz kommt: Nicht nur Watzke hatte so seine Probleme mit dem Pokalsieger-Trainer. Nein, auch diverse Spieler.

Dies ist bei Favre noch nie vorgekommen! Tuchel hat seinen Spielern mehrmals die Qualität in der vergangenen Saison abgesprochen. Favre grübelt lieber darüber nach, was er falsch gemacht haben könnte. Zweifel an seinen Spielern? Niemals! Aus diesem Grund war Favre auch 2015 schon einmal Trainerkandidat beim BVB.

Twitter-Reaktionen zur Tuchel-Trennung

Favre ist ein Trainer, der auf junge Talente setzt, diese fördert und fordert. Erinnern wir uns: Er hat Marco Reus - heute einer seiner größten Fürsprecher beim BVB - damals in Mönchengladbach zum Stammspieler gemacht. Reus schwärmte einst: "Er hat mich zu dem Spieler gemacht, der ich heute bin." Aber der Nationalspieler ist nur ein Beispiel von vielen. Welche Mannschaft würde deshalb besser zu Favre passen als Borussia Dortmund? Mit Ousmane Dembele, Christian Pulisic, Emre Mor, Felix Passlack und Co. verfügt der BVB über eine der talentiertesten Mannschaften der Welt.

Mit Favre kommt der Erfolg. Hertha BSC führte er damals nach Europa, genauso Borussia Mönchengladbach, nachdem er die "Fohlen" zuvor vor dem Abstieg bewahrt hatte. In Nizza machte er aus eine No-Name-Truppe mit beschränkten finanziellen Mitteln eine Mannschaft, die in der kommenden Saison in der Champions League spielen wird.

Favres Spielstil passt durchaus zum Kader von Borussia Dortmund - auch wenn gerade das immer wieder bezweifelt wird. Der Schweizer lernte unter anderem beim legendären Johan Cruyff. Er lässt ein extremes Gegenpressing spielen - ähnlich wie Jürgen Klopp früher beim BVB. Tempo und das direkte Spiel sind ihm wichtig - genauso wie die defensive Absicherung. Dieses Problem hat selbst Tuchel nicht in den Griff bekommen. Favres Spielweise: zumeist schnell und sexy.

Der 59-Jährige ist sicherlich ein schwieriger Typ. Aber er ist eben "sehr respektvoll, besessen, verrückt, lustig, erfolgreich, sympathisch", wie Gladbach-Reporter David Nienhaus sagt. Er begleitete Favre in seiner Zeit bei den "Fohlen". Er verschreibt sich mit Haut und Haaren seiner Aufgabe. Deswegen wäre er der perfekte Trainer für den BVB.

"Favre ist ein ähnlich schwieriger Charakter"

Von Niklas König

Sportlich ist Lucien Favre über jeden Zweifel erhaben. Er führte Hertha BSC aus dem Niemandsland der Bundesliga beinahe in die Champions League, Borussia Mönchengladbach erst von Rang 18 zum Klassenerhalt und in der Folgesaison auf Platz vier. In der abgelaufenen Spielzeit erreichte er mit OGC Nizza in der Ligue 1 einen respektablen dritten Platz.

Sportlich über jeden Zweifel erhaben war Thomas Tuchel allerdings auch. Die Ziele der Dortmunder hat er erreicht, mit dem Pokalsieg gar übertroffen. Tuchel ist nicht an seinen sportlichen Leistungen gescheitert, sondern an all den Dingen, die außerdem zum Trainerjob gehören. An Dingen, die Hans-Joachim Watzke in seinem offenen Brief als "grundlegende Werte" definiert, "wie Vertrauen, Respekt, Team- und Kommunikationsfähigkeit, Authentizität und Identifikation, Verlässlichkeit und Loyalität".

Tuchel gilt als schwieriger, kontrollbesessener, zuweilen extrem eigenwilliger und dickköpfiger Mensch. Wie sehr er das wirklich war, kann nur ein kleiner Kreis beurteilen. Allein seine kalkulierten Auftritte nach dem Pokalfinale und die Art und Weise, wie er selbst über einen urplötzlich ins Leben gerufenen Twitter-Account sein Aus bekanntgab, zeigen jedoch, dass der Hang zur Selbstdarstellung bei ihm längst ungesunde Züge angenommen hat. Dass er jemand ist, der sich, wenn aus seiner Sicht nötig, über Absprachen hinwegsetzt.

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Nun mag Favre zwar ein ganz anderer Mensch sein, er ist aber ganz sicher ein ähnlich schwieriger, ein ebenso eigenwilliger Charakter. Jemand, der nach Pleiten zwar nicht von "einem einzigen Defizit" seiner Mannschaft spricht, sondern vielmehr sich selbst hinterfragt, verantwortlich macht. Jemand, der schnell in Selbstzweifel verfällt, dazu neigt, hinzuschmeißen, sobald es schwierig wird. Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Berliner und Gladbacher Verantwortlichen Favre gleich mehrfach in ihren Büros davon überzeugen mussten, doch bitte weiterzumachen.

Am Ende ging er doch, jeweils im September, kurz nach Saisonbeginn, 2009 bei der Hertha, 2015 bei den Fohlen. Und beide Male wurde es schmutzig, beide Male hat sich Favre über Absprachen hinweggesetzt. Von einem gestörten Verhältnis zur Mannschaft war etwa im BSC-Umfeld die Rede. Nach seinem Abschied aus der Hauptstadt trat er während einer persönlich einberufenen Privat-Pressekonferenz gegen die Vereinsführung nach, er kritisierte die Transferpolitik des Klubs. Bei Gladbach verkündete Favre sein Aus in Eigeninitiative, obwohl der Verein den Rücktritt noch gar nicht angenommen hatte.

Ist so jemand der richtige Mann, um die Nachfolge jenes Trainers anzutreten, der trotz unumstrittener Qualitäten augenscheinlich einem gestörten Vertrauensverhältnis zum Opfer gefallen ist? 

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