Er hatte etwas Magisches, dieser eine Moment in Spaniens abschließendem EM-Vorrundenspiel gegen Kroatien. Von rechts zog David Silva 20 Meter vor dem Tor nach innen. Dass er den Ball auch unter Bedrängnis vollends kontrolliert, ist intuitiv. Fokussiert kann er daher den Blick schweifen lassen, Lösungen suchen. Solche, die nur wenige im Weltfußball derart schnell erkennen und dann entsprechend umsetzen.
Silva kann das. Perfekt antizipierte er den Laufweg von Cesc Fabregas, legte die Kugel mit höchster Präzision in den sich öffnenden Raum. Fabregas spielte rüber auf Alvaro Morata, der schob ein, Tor. Die spanische Führung war ein fußballerisches Kunstwerk. Eines, das auf den herausragenden Fähigkeiten des 30-jährigen Edel-Technikers von Manchester City fußte.
Konstante einer Ära
Silva ist eine der Konstanten in Spaniens so erfolgreicher Ära, hatte an den EM-Titeln 2008 und 2012 maßgeblichen Anteil. In 19 der letzten 20 spanischen Spiele bei Europameisterschaften stand er in der Startelf, absolvierte kürzlich im Auftaktmatch gegen Tschechien seinen 100. Einsatz für La Roja. Und wenngleich er die Gruppenphase ohne direkte Torbeteiligung beendete, ist Silva in der Offensive, im Angriffsdrittel rund um den Strafraum, ein essentielles Element.
Er hat die Ruhe, die Muße und die Klasse, entweder für die nachrückenden Fabregas' und Iniestas, oder die Nolitos und Moratas den Dosenöffner zu spielen, sie perfekt in Szene zu setzen. Speziell wenn der Gegner mit einer eingespielten, massierten Defensive agiert, kommt es daher auf Silva ganz besonders an.
Die Italiener, mit denen sich Spanien nach dem 1:2 gegen Kroatien und dem Abrutschen auf Gruppenplatz zwei im Achtelfinale am Montag (18 Uhr im LIVE-TICKER) auseinandersetzen muss, verfügen über solch eine Abwehrreihe. Andrea Barzagli, Giorgio Chiellini und Leonardo Bonucci bilden auch im Verein bei Juventus ein Bollwerk, sind exzellent aufeinander abgestimmt.
Um das Trio zu überwinden, braucht es oft diesen sechsten Sinn für das Unvorhersehbare, den Silva im Blut hat. Schnittstellen, Lücken, die sonst kaum einer wahrnimmt, hat er reihenweise im Visier. Für den letzten, den entscheidenden Pass, ruhen Spaniens Hoffnungen demnach vor allem auf Silva. Zumal das Mittel, Morata als Zielspieler mit Flanken zu füttern, gegen die Schränke aus Italiens Defensive nicht wirklich erfolgversprechend daherkommt.
Wie Messi, nur anders
"David ist der Messi der spanischen Nationalelf", sagte Coach Vicente del Bosque einst. Auch Goal-Kolumnist Mario Balotelli vergleicht Silva, den er aus seiner Zeit bei ManCity kennt, mit dem argentinischen Superstar. "Er ist der langsame Messi. Das sagt schon alles", erklärte Balotelli.

Tempo-Dribblings, wie sie Messi an den Tag legt, sind nicht zwingend Silvas Baustelle. Dafür aber diese kleinen, ansatzlosen Anspiele, die häufig eine so große Wirkung erzielen. Ohnehin ist er, sagen viele, aktuell in der vielleicht besten Verfassung, die er je hatte. Die Verletzungsprobleme aus der Endphase der vergangenen Saison sind abgehakt.
Direkt war Silva bei der EURO zwar noch an keinem Treffer beteiligt. Dennoch war er stets bestens eingebunden, lieferte sowohl gegen Tschechien (sechs) als auch gegen Kroatien (vier) die meisten Torschussvorlagen im Team. Und ist selbstbewusst: "Es ist normal, dass wir als Favorit gesehen werden", betonte er kürzlich.
Seinen dritten EM-Titel, den Hattrick mit La Roja, hat Silva jedenfalls fest im Blick. Liefert er weitere magische Momente wie jenen gegen Kroatien, steigen die Chancen darauf. Besonders gegen Italien ist Silva gefordert.
