Es ist ein warmer Tag, dieser 24. Mai 1995. Die Sonne lacht über Wien, der so schönen österreichischen Hauptstadt. Frühling liegt in der Luft, der Sommer bahnt sich an. Inmitten die wohlige Atmosphäre mischen sich Fangesänge. Laut, euphorisch. Vornehmlich auf niederländisch.
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Die Vorfreude auf den Abend ist riesig. Denn die Schlachtenbummler aus Amsterdam haben ein Ziel ganz dicht vor Augen: Den Champions-League-Titel. Am Abend treffen ihre Stars im Wiener Ernst-Happel-Stadion im Finale der Königsklasse auf den ruhmreichen AC Mailand. Clarence Seedorf, Edgar Davids, Marc Overmars, Frank de Boer, Patrick Kluivert. Und ihr Kapitän, Danny Blind.
Dessen Sohn Daley ist damals zwar erst fünf. Jenen Tag vor exakt 22 Jahren hat er aber - ganz besonders vor dem Europa-League-Endspiel mit Manchester United gegen Ajax am Mittwochabend (20.45 Uhr im LIVETICKER) - tief in seinem Bewusstsein verankert. "Ich war zu jung, um damals viel davon zu verstehen", erklärt er. "Aber natürlich habe ich viele Aufnahmen davon gesehen und Erzählungen von meinem Dad gehört." So oft und intensiv, dass er das Endspiel von damals noch heute manchmal in seinen Träumen ablaufen sieht, wie er mal verriet.
Mit Ajax, das Milan seinerzeit mit 1:0 bezwang und den Henkelpott in die Höhe stemmen durfte, verbindet Daley eine ganze Menge. Weil sein Vater dort spielte, er selbst seine komplette Jugend dort verbrachte. Und er bis heute Fan ist.




Blind senior ist im Klub eine Legende. 13 Jahre lang spielte Danny für Ajax, gewann fünf niederländische Meistertitel, die Champions League und den UEFA-Cup. Eine Liebesgeschichte, die auch er nun aber für kurze Zeit ausblendet. "Am Mittwoch sind wir beide Red Devils", sagt Daley Blind. "Mein Vater wünscht sich das Beste für seine Familie und seinen Sohn."
In Amsterdam geboren, kam er als Siebenjähriger in die Ajax-Jugend, galt schnell als eines der größten Talente seines Jahrgangs. Die großen Fußstapfen des Vaters stets vor Augen, entwickelte sich Blind prächtig. Er schaffte den Sprung, debütierte mit 18 unter Marco van Basten in der ersten Mannschaft. Ganz so geradlinig ging es allerdings nicht weiter.

Heute ist Blind wie Vater Danny eine Ikone rund um die Amsterdam-Arena. Sich zu etablieren, fiel ihm als Youngster jedoch sehr schwer. Die Konkurrenz war groß. Zu groß, um sich in seinem ersten Senioren-Jahr bei Ajax durchzusetzen. "Es wurde ein bisschen schwieriger für mich", erinnert sich Blind.
Auf den für Blind in Frage kommenden Positionen regierten Spieler wie Toby Alderweireld, Jan Vertonghen, Urby Emanuelson oder Demy de Zeeuw. Und der neue Trainer Martin Jol ließ den aufstrebenden Blind komplett außen vor.
Anfang 2010 wurde er daher an den FC Groningen verliehen, war dort in der Rückrunde Stammspieler. Und beinahe wäre alles anders gekommen. "Wir dachten ernsthaft darüber nach, wieder zu Groningen zurückzukehren", sagte Blind einst gegenüber Volkskrant. Zwar war es ein seltsames Gefühl, nach all den Jahren ein anderes Trikot überzustreifen. Da die Probleme bei Ajax nicht kleiner wurden, suchte man aber nach Alternativen.
Auch nach dem halben Jahr in Groningen kam er in Amsterdam kaum zum Zug. Erst, als Jol Ende 2010 entlassen und von Frank de Boer ersetzt wurde, ging es bergauf. Allmählich. Denn die Fans hatten das Eigengewächs weiterhin nicht akzeptiert, die Vergleiche mit Vater Danny waren zu präsent.
Daley sollte eine ähnlich prägende Figur werden, so schnell wie möglich. Doch es dauerte, bis er konstant Leistungen brachte. Pfiffe von den eigenen Anhängern waren die Folge, Blind wurde ausgebuht, für schlechte Leistungen des Teams nicht selten an den Pranger gestellt. "Das war aber nur für eine kurze Zeit", erinnert er sich.
Mit Ehrgeiz und viel Geduld durchschritt er das Tal, mauserte sich zum Leistungsträger, wurde 2014 mit Oranje WM-Dritter. Und wechselte schließlich zu den Red Devils, mit denen er nun, ausgerechnet gegen Ajax, einen internationalen Titel holen kann.
"Natürlich" habe er mit seinem Papa über das Endspiel gegen seinen Ex-Klub gesprochen. Die Rollen sind diesmal anders verteilt. Blind senior als Zuschauer, Blind junior als Spieler. Als Fan, der im Spotlight steht. Hoffend, dass er sich auch in 22 Jahren noch mit positiven Gefühlen an Stockholm erinnert.
