Morgens um vier Uhr beginnt in Porto Recanati das hektische Treiben. Am kleinen Hafen der 21.000-Seelen-Gemeinde an der Adria werden die ersten Schiffe be- und entladen. Mitarbeiter lokaler Transportunternehmen erledigen in der Dämmerung ihre Jobs, die nicht selten körperlich anstrengend sind. Ende 2015 ist unter diesen Mitarbeitern auch ein Teenager, der aktuell eine der spannendsten Geschichten im europäischen Fußball schreibt: Cristian Carletti. Er hat es in Rekordzeit aus dem Niemandsland der Hobby-Kickerei ins Profigeschäft geschafft.
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Das wichtigste Kapitel dieser Geschichte wurde vor wenigen Wochen geschrieben. Transfers des FC Carpi sorgen dabei eigentlich selten für Aufsehen. Der kleine Klub aus der norditalienischen Region Emilia-Romagna ist nicht sonderlich finanzkräftig. Im vergangenen Jahr spielte er beinahe sensationell erstmals in der Serie A, schaffte den Klassenerhalt aber nicht. Nun kickt Carpi wieder in der Serie B und tätigt das, was den Klub vor 18 Monaten ins Oberhaus brachte: kreative Transfers. Ein eben solcher ungewöhnlicher Deal ging Ende Januar, kurz vor dem Schließen des Transferfensters, über die Bühne: Carpi verpflichtete den 20 Jahre alten Stürmer Cristian Carletti. So weit, so normal.
Keine Chance bei Cremonese
Wäre da nicht die Tatsache, dass Carletti noch vor zehn Monaten in der 8. Liga spielte und längst nicht mehr an eine Zukunft im Profifußball glaubte. Nun kämpft er tatsächlich mit Carpi um den Aufstieg ins italienische Oberhaus. Eine bemerkenswerte Reise, ein modernes Fußballmärchen und eine Geschichte, die alle Fans an den elektrisierenden Aufstieg Jamie Vardys erinnert. Dabei war Carlettis Karriere eigentlich schon vorüber, ehe sie überhaupt begonnen hatte.
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Carletti stammt aus Cremona, einer 70.000-Einwohner-Stadt in der Lombardei. Der beste Fußballklub der Stadt ist US Cremonese, eine Fahrstuhlmannschaft, die zwischendurch mal in der Serie A gespielt hat, sonst aber zwischen Serie B und Serie C pendelt. Der junge Cristian Carletti ist hier in der Jugend ein durchaus gefürchteter Stürmer. Regelmäßig erzielt er über 20 Tore pro Saison, der Sprung zu den Profis gelingt ihm aber dennoch nicht.
Die Trainer der Seniorenteams übersehen ihn regelmäßig. Der eigene Nachwuchs, der einst Stars wie Gianluca Vialli, Attilio Lombardo und Enrico Chiesa hervorbrachte, wird stiefmütterlich behandelt. Carletti erlebt, wie er trotz guter Leistungen Laufeinheiten abreißen muss, während die Mannschaft trainiert. Magere drei Einsätze absolviert er in der ersten Mannschaft.
Er ist demoralisiert und beschließt, seinen Traum von der Karriere als Profi zu begraben. 2015 löst er seinen Vertrag bei Cremonese auf sucht sich einen Job in einem Autoverleih und hilft im Transportunternehmen seines Vaters aus. Um 4 Uhr morgens steht dann am Porto Recanati und schleppt. Kicken will er nur noch nebenbei, ganz zum Spaß. Er stürmt also für Ariete Bonemerse, einem Klub, der in der Kreisliga C spielt. Einem Klub, für den er offensichtlich zu gut ist. In 18 Partien knipst er 27-mal und das ruft den Viertligisten US Pergolettese auf den Plan. Der Klub verpflichtet ihn im Sommer 2016. Carletti, der in der Sturmspitze, aber auch auf beiden Flügeln auflaufen kann, ist zunächst Ergänzungsspieler in der Offensive.
Vertrag bis 2020
Doch sein Ehrgeiz ist geweckt und er merkt, dass sein Traum womöglich doch noch nicht ausgeträumt ist. Er spürt, dass er mithalten kann und klettert binnen weniger Wochen in der Stürmerhierarchie nach oben. Sieben Treffer markiert er für den Aufstiegskandidaten bei 20 Einsätzen und empfiehlt sich damit für den angesprochenen Carpi-Wechsel, der am 29. Januar schließlich über die Bühne geht und ihm einen bis 2020 datierten Profivertrag einbringt.
Am vergangenen Sonntag ist es dann so weiter: Carletti wird er im Spiel gegen Perugia eine halbe Stunde vor Schluss eingewechselt und feiert sein Debüt in der Serie B. Ein Augenblick, den er später als „unvergesslich“ bezeichnet. Ein verloren geglaubter Traum war doch noch in Erfüllung gegangen. Bei Instagram postet er ein Bild des Moments seiner Einwechslung und kommentiert: "Ein Schritt zu einer Zeit. #Debüt"
Wie viel ihm die Chance in Carpi bedeutet, zeigt diese Aussage: "Als im Januar der Anruf aus Carpi kam, hatte ich Tränen in den Augen", gestand er. "Sportdirektor Giancarlo Romairone hat mit versichert, dass ich gut hierher passe und dass alles weitere ganz von selbst kommt." Romairone sagte: "Carletti ist ein junger und sehr spannender Spieler. Er ist schnell und explosiv. Nach den Abgängen von De Marchi und Jawo haben wir uns entschieden, ihn zu verpflichten."
"Der italienische Jamie Vardy"
Aus der 8. Liga in die Serie B – und das binnen zehn Monaten! Eine Geschichte, die frappierend an jene Erfolgsstory Jamie Vardys erinnert, der es als Spätstarter aus dem Amateurfußball zum Premier-League-Star, englischen Meister, Nationalspieler und EM-Teilnehmer schaffte. Die Schlagzeilen waren also gemacht, "der italienische Vardy" war geboren.
Carlettis Stil ähnelt dabei weniger dem Vardys, sondern vielmehr jenem von Italiens neuem Starstürmer Andrea Belotti. Wie der Torino-Torjäger ist Carletti (1,85 Meter, 84 Kilo) mit einer starken Physis ausgestattet, die er gut einzusetzen weiß. Er geht keinem Zweikampf aus dem Weg und absolviert ein großes Pensum. Den "Stier" nennen sie ihn mittlerweile wegen seiner Spielweise. Und dass Belotti sein Vorbild ist, verhehlt "Toro" Carletti nicht: "Ich bin begeistert von ihm und ich muss gestehen, dass mir sehr gefällt, wie er spielt."
Die Chancen, dass es Carletti in diesem Jahr tatsächlich noch zu seinem Idol in die Serie A schafft – und sein persönliches Märchen damit fortführt – stehen gar nicht schlecht. Carpi rangiert derzeit im Mittelfeld der Tabelle, bis zu den Plätzen, die zur Teilnahme an den Aufstiegsspielen berechtigen, fehlen nur zwei Zähler.
Hinter Kevin Lasagna und Jerry Mbagoku ist der Senkrechtstarter im Angriff zunächst noch als Ergänzung eingeplant. Aber die Einwechslung gegen Perugia zeigt, dass Trainer Fabrizio Castori bereit ist, Carletti seine Chancen zu geben. Der Rechtsfuß gibt sich demütig und betont, er wolle lernen und sich entwickeln. Aber man sollte ihn keinesfalls unterschätzen. Carlettis Ehrgeiz ist geweckt und dass er sich durchsetzen kann, hat er schon eindrucksvoll bewiesen.
Die Zeiten, in denen er morgens um vier am Porto Recanati Sachen schleppte, sind jedenfalls erstmal vorbei.
