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Beinahe-Amputation, Liverpool-Legende, Predator-Erfinder, Kampf gegen den Krebs: Craig Johnstons bewegte Karriere

14:00 MESZ 09.04.19
ONLY GERMANY Craig Johnston Liverpool
Eine ungewöhnlichere Karriere als die von Craig Johnston wird man wohl kaum finden. Dabei wäre es zu dieser Laufbahn um ein Haar gar nicht gekommen.

HINTERGRUND
Die Sonne steht senkrecht am Himmel. Es ist heiß, aber nicht unerträglich, weil eine ziemliche Brise weht. Die Brise sorgt nicht nur für eine nette Temperatur, sondern auch für stete Wellen am Strand von Swansea Heads an der Ostküste Australiens, nahe der 200.000-Einwohner Stadt Lake Macquarie City. Sehr zur Freude eines Jungen, der praktisch den ganzen Tag am Wasser verbringt. Er hat ein Surfbrett und ein kleines, offenes Aluminiumboot, das die Australier "Tinny" nennen. Mit diesem Boot ist er in Swansea Heads unterwegs, in Blacksmiths oder dem Catherine Hill Bay, allesamt bekannte Surfregionen in Down Under.

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Der Junge ist gut in dem, was er tut und er genießt die Freiheit. Stundenlang steht er auf dem Brett und bezwingt die Wellen. Er fällt hin, rappelt sich wieder auf, schwimmt. Seine lockigen Haare sind dunkel, seine Haut ist von der Sonne gegerbt. Was damals, Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre kaum jemand weiß: Der Sprössling wird einmal der erfolgreichste Fußballer Australiens und Schlüsselspieler in einer der besten Fußballmannschaften aller Zeiten. Sein Weg von den Wellen zum Henkelpott gleicht einem Märchen.

Craig Johnston drohte die Amputation des linken Beins

Craig Johnston ist dieser Junge mit dem Aluboot und dem Surfbrett. Im Alter von sechs Jahren meinte es das Schicksal zum ersten Mal gut mit ihm, da hatte er riesiges Glück im Unglück. Johnston erkrankte an einer Knochenmarksentzündung und stand kurz davor, sein linkes Bein zu verlieren. Die Ärzte rieten zur Amputation, seine Mutter kämpfte dagegen an und ein Zufall eilte der Familie zu Hilfe: Ein amerikanischer Spezialist, der zu jener Zeit zufällig in Australien Lesungen abhielt, half mit seiner Expertise und der junge Craig wurde schließlich in den USA erfolgreich operiert. Eine wichtige Lektion für den weiteren Lebensweg, wie Johnston Jahre nach seinem Karriereende dem Guardian erzählte: "Mit dieser Erfahrung im Gepäck, wie hätte ich es da zulassen können, zu versagen?"

Johnston, der in der südafrikanischen Metropole Johannesburg geboren wurde und mit seinen Eltern im Kindesalter nach Australien zurückgekehrt war, interessierte sich nicht nur für das Surfen, sondern entdeckte auch sein Talent beim Treten gegen das runde Leder. Mit zunehmendem Alter verbrachte er mehr und mehr Zeit beim Fußball und spürte im Dress des Lake Macquarie City FC in seiner Heimatstadt, dass er mit ordentlichen Fähigkeiten gesegnet war. Fähigkeiten, die zu größerem genutzt werden wollten als dem Kicken in Australien, wo der "Soccer" noch in den Kinderschuhen steckte. Unterstützt wurde er von seinem Vater Colin, einst selbst ein passabler Spieler, der in England und Schottland auf der Schwelle zum Profi gestanden hatte.

Johnstons wohl bemerkenswerteste Charakterzüge sind eine gewisse Kühnheit, eine gesunde Portion Selbstvertrauen und die Fähigkeit, keine Angst vor Negativerlebnissen zu haben. Allesamt Dinge, die ihn die unzähligen Stunden auf dem Surfbrett gelehrt hatten und die ihn im Alter von 14 Jahren dazu bewogen, Briefe nach England zu verschicken. Briefe an namhafte Klubs von der Insel, in denen er seine Geschichte erzählte und um ein Probetraining bat.

Es hagelte einige Absagen - aber auch eine Zusage: Der FC Middlesbrough, damals von Leeds-Legende Jack Charlton trainiert, wollte Johnston eine Chance geben. Die Eltern verkauften ihr Haus und ermöglichten ihrem Filius einen sechsmonatigen Aufenthalt in England. Alles für den Traum vom Profifußball. Ein Traum, der für Johnston zunächst schnell zu einem Albtraum wurde.

Jack Charlton beschimpfte Craig Johnston wüst

"In meinem ersten Juniorenspiel trafen wir auf Leeds United und lagen 0:3 hinten. Trainer war Jack Charlton und in der Halbzeitpause war er in der Kabine stinksauer", erinnerte er sich. "Er beschimpfte jeden von uns und zu mir sagte er: 'Und Du, Du Känguru, kannst Dich gleich wieder verpissen. Du biste der schlechteste Spieler, den ich je gesehen habe.'"

Johnston brach in Tränen aus und packte noch am Abend seine Sachen. Am Telefon konnte er seinen Eltern die Wahrheit aber dann doch nicht beibringen. "Sie hatten schließlich das Haus verkauft. Also sagte ich meiner Mutter: 'Big Jack liebt mich.'"

Der Umgang mit dieser Erfahrung wurde für Johnston zum Schlüsselerlebnis für den weiteren Verlauf seiner Karriere, wie er in seiner Autobiographie "Walk Alone" schrieb: "Ich hatte jetzt eine einfache Wahl: Entweder lerne ich das Spiel richtig oder ich nehme den nächsten Flug nach Hause."

Der Teenager entschied sich für die erste Variante, blieb wie vereinbart sechs Monate lang in England und entwickelte einen enormen Ehrgeiz, wenn es darum ging, seine Fähigkeiten zu schleifen und seine Schwächen auszumerzen. Dabei half Johnston, dass er schon in Australien ungemein kreativ war, immer auf der Suche nach Verbesserungen für den Alltag. So erinnerte er sich im Guardian unter anderem daran, dass er die Küche seiner Mutter umstrukturiert hatte. "Ich hatte immer einen kreativen Kopf und ich bemerkte, dass es beim Design darum ging, Probleme zu lösen. Und der Fußball war dazu das perfekte Objekt."

Craig Johnston wechselt für eine Rekordablöse zum FC Liverpool

Also baute sich Johnston eigene Trainingsparcours. Er reihte Mülltonnen in knappen Abständen aneinander und umkurvte sie im Vollsprint mit dem Ball am Fuß. Berührte er eine Tonne, ging es wieder von vorne los. Immer und immer wieder. Später absolvierte er die Übung mit verbundenen Augen. An eine Wand hängte er zwei Kreuze und versuchte sie aus der Distanz mit seinem linken und rechten Fuß zu treffen: "Wenn es schlecht lief, dauerte das sechs Stunden."

Ein halbes Jahr lang trainierte er hart, kehrte dann aber zunächst nach Australien zurück und spielte für den FC Sydney. Nachdem Jack Charlton bei Middlesbrough entlassen worden war, erinnerten sich die Klubchefs an den emsigen Jungen aus Australien, der solch große Fortschritte gemacht hatte und holten ihn zurück. Im Alter von 17 Jahren unterschrieb er seinen ersten Profivertrag und debütierte wenig später in der ersten Mannschaft.

Johnston entwickelte sich zu einem furchterregenden Flügelstürmer. Er war schnell, technisch beschlagen und mit einer unglaublichen Physis gesegnet. Dazu hatte der Rechtsfuß die passende Mentalität. Große Namen kümmerten ihn nicht, Druck ebenso wenig. Schnell wurde er bei Middlesbrough Stammkraft und nach 16 Toren in 64 Partien ertönte der Lockruf aus Liverpool. Die Reds wollten den Angreifer unbedingt und machten ihn 1981 kurzzeitig mit einer Ablöse von heute umgerechnet 750.000 Euro zum teuersten Fußballer der Welt.

Sieben Jahre lang spielte Johnston für Liverpool. Er wurde dort zum Fanliebling und war Teil der größten Mannschaft in der ruhmreichen Klubgeschichte des englischen Ex-Rekordmeisters. An der Seite von Ikonen wie Kenny Dalglish, Ian Rush oder Graeme Souness gewann Johnston unter anderem fünf englische Meisterschaften, den FA Cup und als Krönung 1984 den Europapokal der Landesmeister. Keine schlechte Ausbeute für ein Känguru, das sich einige Jahre zuvor noch aus England verpissen sollte!

Ein merkwürdiges Treffen mit Tiger Woods

Johnston aber blieb sich trotz des Erfolgs treu. Er fühlte sich nicht als Star und meinte später einmal: "Ihr habt keine Ahnung, wie schlecht ich war. Selbst, als ich für Liverpool spielte, war ich der schlechteste Spieler in der besten Mannschaft der Welt." Er genoss seine Rolle als Zuarbeiter der ganz großen Stars und er genoss das Leben in Liverpool.

"Ich liebte es, für Liverpool zu spielen. Ganz besonders mit dieser Atmosphäre in der Stadt", beschrieb Johnston. "Es war ein Ort, an dem ein Fremder zu mir kommen konnte, um mich zu drücken und mir zu sagen, dass er mich liebte. Und fünf Minuten später drehte jemand das Fenster seines Autos herunter und brüllte mir entgegen: 'Ich hasse Dich!'"

Die Faszination für das Leben und der ständige Lernwille zeichneten Johnston weiterhin aus. Er, der nach eigenen Angaben nicht still zuhause sitzen konnte, sondern immer kreativ sein wollte, begann mit dem Fotografieren. "Ich war im Kopf nie ein Fußballer. Nach den Spielen hing ich mit den Fotografen ab", sagte Johnston. In Liverpool hatte er auch ein eigenes Studio und ließ die "Kollegen" seine Dunkelkammer benutzen, schaute sich ihre Technik ab.

Unter anderem entwickelte er sich zu einem Spezialisten für Fotos von Golfturnieren. So kam es auch zu einer Anekdote, die er vor einigen Jahren dem Herald erzählte. Johnston war wegen seiner großen Liverpool-Vergangenheit zu einem Wohltätigkeitsturnier in Irland eingeladen. Mit dabei unter anderem Tiger Woods und andere große Stars der Golfszene, die Johnston als Fotografen kannten. "Ich hatte diese Jungs acht oder neun Jahre lang fotografiert und sie alle kannten mich nur als den Typen mit der Kamera", führte Johnston aus. "Sie fragen also, was ich hier mache und warum ich als Promi mitspiele. Ich habe nur geantwortet: 'Das ist eine lange Geschichte, aber ich habe mal Fußball gespielt.' Tiger Woods schaute ungläubig und meinte nur: 'Echt? Davon wussten wir alle nichts.'"

Craig Johnston beendet mit nur 28 Jahren seine Karriere

Aktiv Fußball spielte er zu diesem Zeitpunkt schon lange nicht mehr. 1988 beendet er seine Karriere bemerkenswert früh. Seine Schwester war schwer erkrankt, Johnston hängte die Stiefel an den Nagel, kehrte nach Australien zurück und kümmerte sich um sie. Einen genauen Plan, wie es nach der Laufbahn weitergehen sollte, hatte er zunächst nicht.

Aber da war dieser Drang, Dinge zu verbessern und kreative Lösungen für Probleme zu finden. Er entwickelte eine Software, die Diebstähle aus Mini-Bars in Hotels verhindert ("Eine wirklich simple Idee") und hatte dann, als Trainer einer Jugendmannschaft in Australien, die Idee für einen revolutionären Fußballschuh: Johnstons Vision war die eines Stiefels, der dank zusätzlicher Gummistreifen auf der Oberfläche dem Ball mehr Drall verpasst. Er entwickelte einen Prototypen und putzte damit bei den großen Sportartikelherstellern Klinken.

Puma und Nike zeigten kein Interesse, aber adidas schlug zu: Der deutsche Ausrüster kaufte Johnston die Erfindung ab, brachte sie 1994 als "Predator" auf den Markt und kreierte damit einen der bekanntesten Fußballschuhe aller Zeiten. Aushängeschilder wie Zinedine Zidane oder David Beckham feierten in dem von Johnston kreierten Schuh große Erfolge. Es ist also kein Wunder, dass sich Johnston selbst als "Erfinder, der Fußballer wurde" bezeichnete.

Es lief dennoch nicht alles prächtig für Johnston. Dreimal besiegte der heute 58-Jährige den Krebs und seine Einnahmen aus dem "Predator"-Verkauf an adidas verlor er, weil sein Trainingskonzept "SupaSkills", in das er groß investiert hatte, floppte. Johnston mutmaßte, es habe daran gelegen, dass es "seiner Zeit voraus" gewesen sei.

Die Haare mögen nicht mehr braun, lockig und ganz so voll sein, sondern mittlerweile grau meliert und nach hinten gekämmt. Aber die Haut ist nach wie vor braun und auch sonst hat sich im Wesen Craig Johnstons wenig verändert. Wie vor vielen Jahren auf dem Surfbrett versucht er, Gelegenheiten für sich zu nutzen, Spaß zu haben und wieder aufzutauchen, wenn ihn eine Welle einmal umgerissen hat.