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Colin Kazim-Richards: Die bewegende Geschichte von Kazim Kazim

15:30 MESZ 27.10.17
GFX Kazim Kazim Quote
Dank des Fußballs hat Kazim Kazim sein Leben in eine Reise verwandelt. Die beeindruckende Geschichte eines Jungen vom Rande der Gesellschaft.

Hinweis: Dieser Artikel ist vom 27. Oktober 2017. Kazim-Richards spielt mittlerweile in Mexiko bei Pachuca.

Die morsche Tür zur schäbigen Kabine öffnet er zunächst nur einen Spalt. Er ist der Erste, das hofft er zumindest, der sie nach dem kräftezehrenden Training im ungemütlichen Nieselwetter des Nordwesten Englands betritt. Er checkt erst ab, ob die Luft rein ist. Dann geht er hinein. Und findet das Bild vor, das er schon die ganzen zwei Stunden da draußen auf dem regendurchweichten Übungsplatz vor Augen hatte, vor dem es ihm graute. Er war doch nicht der Erste. Seine Jacke war vom Haken geschleudert worden, statt ihrer hing dort nun ein Bund Bananen. Die neuen Schuhe, die er sich gerade erst von seinem Ersparten gekauft hatte - aufgeschnitten, unbrauchbar.

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Rund 15 Jahre später verlässt Colin Kazim-Richards gerade die geräumige Luxus-Umkleide von Corinthians Sao Paulo. Er geht raus in die strahlende Sonne. Es ist warm in Brasilien, sehr warm. Jeder der Mitspieler und Vereinsmitarbeiter grüßt ihn freundlich, der Pressechef bekommt sogar einen Schmatzer. Auf Portugiesisch, der dritten Sprache, die er beherrscht, flachst er mit allen und jedem.

Kazim-Richards ist glücklich, ist zufrieden, ist angekommen. Sein Weg hierher war steinig, vor allem am Beginn. Damals, als er mit 15 aus dem Nachwuchs des FC Arsenal geworfen wurde und fortan im über 200 Meilen von seinem Zuhause entfernten Bury probierte, sich aus den Niederungen des englischen Fußballs nach oben zu kämpfen. Und Rassismus sein täglich Brot war. Keine warme Sonne, sondern rauer Wind pflasterte den Werdegang von Kazim Kazim, wie er in der Türkei genannt wird.

"Ich hatte 50 Euro in der Woche zur Verfügung. Ich konnte mir nicht ständig neue Schuhe kaufen. Meine Trainingssachen habe ich mit einer Zahnbürste sauber gemacht", sagt der heute 31-Jährige über die Zeit als Teenager beim FC Bury. Sorgen, die mittlerweile längst vergessen sind. Ein Weltstar wurde er zwar nicht, aber seine finanzielle Zukunft ist in trockenen Tüchern. Insgesamt 37 Länderspiele für die Türkei stehen in seiner Vita, beim Sturmlauf ins Halbfinale der EM 2008 war er mit von der Partie.

Er wurde dreimal türkischer Superpokalsieger, dazu Meister in Griechenland und Schottland. Er ist ein Wandervogel, der den Begriff nicht mag. Der immer polarisierte - und mittlerweile seit rund anderthalb Jahren in Brasilien kickt, mit den Corinthians derzeit auf bestem Weg zum Meistertitel ist.

Kazim-Richards: "Ich habe kein englisches Blut"

Ungewöhnlich ist wohl das Wort, das diesen Fußballer am treffendsten umreißt. Angefangen hat alles einst in Leyton, einem berüchtigten Stadtteil Londons, im Osten der Millionenmetropole. Als Multi-Kulti-Kind, das es in Englands Hauptstadt der 90er Jahre keineswegs leicht hatte. Sein Vater stammt von der Karibikinsel Antigua, seine Mutter ist Türkin. Sie lebte auf Zypern, kam in den 70er Jahren nach England. "Ich habe kein englisches Blut", sagt Kazim-Richards dem Guardian. "Als ich aufwuchs, war mein Zuhause karibisch und türkisch. Unsere Familie ist so weit davon entfernt, englisch zu sein."

Kazim-Richards ging auf eine türkische Schule, beherrscht die Sprache seines Mutterlandes daher fließend. In der englischen Gesellschaft war es für ihn derweil unmöglich, einen Platz zu finden. Seine Eltern, die sich immer wieder rassistischer Anfeindungen erwehren mussten, und der Fußball waren die einzigen Konstanten in Kazim Kazims Leben als Jugendlicher. Ansonsten waren es Kriminaltiät, Tod und Trauer, die ihn begleiteten.

"Wenn ich den Rückhalt meiner Eltern nicht gehabt hätte, wäre es für die Straße leicht gewesen, zu gewinnen", erklärt er rückblickend. Einer seiner engsten Freunde saß mal acht Jahre lang im Gefängnis, ein anderer Kumpel bleibt wohl lebenslänglich dort. Sein kleiner Bruder verstarb als Säugling, auch drei seiner Cousins, mit denen ihn emotionale Freundschaften verknüpften, verlor er früh. Einer von ihnen, Kurtis, der Bruder von Crystal-Palace-Star Andros Townsend, kam bei einem Autounfall ums Leben. "Er wäre auch Fußballprofi geworden, glaub mir", sagt Kazim Kazim über ihn.

Noch dazu musste er auch sportliche Rückschläge verkraften. Als Zwölfjähriger wechselte er von QPR in die Jugend des FC Arsenal, mit 15 hatte er bei den Gunners aber keine Zukunft mehr. Der FC Bury, der seit Beginn der 2000er Jahre stets zwischen dritter und vierter Liga pendelte, bot ihm einen Vertrag an, Kazim-Richards folgte dem Ruf in die gut 200 Meilen entfernte 60.000-Einwohnerstadt. "Das war der schwierigste Wechsel, den ich je vollziehen sollte", sagte er bei FourFourTwo. Er war plötzlich ganz auf sich alleine gestellt, verstand die im Vergleich zu London so unterschiedliche Kultur nicht, trat in Fettnäpfchen. "Es gab dort keine anderen dunkelhäutigen Menschen, das Essen war schrecklich. Es kam alles zusammen."

Hinzu kamen die Bananen und aufgeschnittenen Schuhe in der Kabine, die einzige soziale Konstante waren nun nicht mehr seine Eltern, sondern der leere Geldbeutel. Doch trotz aller Hindernisse biss er sich durch - ehe seine Karriere im Jahr 2005 so richtig Fahrt aufnahm. Auch dank eines Getränkegiganten.

Mit 18 hatte Kazim Kazim in der vierten Liga für Burys erste Mannschaft debütiert, gut ein halbes Jahr später verpflichtete ihn der damalige englische Zweitligist Brighton & Hove Albion. Ein Fan des heutigen Erstligisten hatte einen Wettbewerb von Coca-Cola gewonnen, der Preis war ein Transferbudget für seinen Verein in Höhe von 300.000 Euro. Exakt die Summe, die Brighton letztlich für Kazim-Richards auf den Tisch legte.

Die ersten Schlagzeilen machte Kazim Kazim so als "Coca Cola Kid". Ein Etikett, das er überhaupt nicht mag. "Ich bin nicht das Coca Cola Kid. Ich bin Colin Kazim-Richards", sagt er. "Ich mag es nicht, weil es das ist, was alle Leute gleich mit mir in Verbindung bringen." Und doch war es gewissermaßen der Startschuss seiner Profilaufbahn.

Plötzlich Champions League

Bei Brighton avancierte er sofort zum Stammspieler, machte sechs Tore in seiner ersten Zweitligasaison. Nach einem Jahr ging er zu Sheffield United, feierte mit 20 seine Premiere in der türkischen A-Nationalmannschaft - und plötzlich stand Fenerbahce auf der Matte. Der Junge aus dem harten Osten Londons, der vor ein paar Jahren noch zur Zahnbürste griff, um seine kurzen Hosen zu waschen, spielte nun Champions League.

"Bis ich 18 war, hatte ich noch nicht mal einen Ausweis. Nun spielte ich bei Fener, in einem Team, das von Zico trainiert wurde, in dem Superstars wie Roberto Carlos oder Alex de Souza spielten", blickt er zurück. Neunmal kam Kazim Kazim in seiner ersten Saison in Istanbul in der Königsklasse zum Einsatz, drang mit Fener bis ins Viertelfinale vor. Dort scheiterte man knapp am FC Chelsea, beim 2:1-Sieg im Hinspiel gelang Kazim Kazim, wie ihn die türkischen Fans liebevoll nannten, sogar ein Treffer.

Um Akzeptanz, wie es aufgrund seiner Hautfarbe noch in England der Fall gewesen war, musste er in der Türkei nie kämpfen. "Sie honorierten, dass ich mich für die Türkei und gegen England entschied", sagt er. Trainer Fatih Terim nahm Kazim Kazim schließlich mit zur EM 2008, auf dem Weg ins Halbfinale stand der Offensivspieler in jeder Partie auf dem Platz. Als die Türken in der Vorschlussrunde die deutsche Auswahl am Rande einer Niederlage hatten, legte Kazim Kazim den Führungstreffer auf.

"Als ich für die Türkei spielte, liebten mich die Leute. Ich meine, sie liebten mich wirklich, Bruder", schwärmte Kazim-Richards mal. "Es ist eine andere Art von Liebe. Es rührt dich zu Tränen, für eine Nation wie diese zu spielen." In dem Heimatland seiner Mutter verbrachte er seine besten Jahre. Obwohl ihn nach seinem Wechsel von Fener zu Galatasaray im Januar 2011 die Fanlager beider Erzrivalen kurrzeitig hassten. Obwohl er 2011/12 nur als Leihspieler seinen einzigen türkischen Meistertitel feierte, lediglich die erste Hälfte der Saison für Galatasaray spielte.

Insgesamt hat Kazim-Richards bisher in sieben Ländern gespielt. Seit er Gala Anfang 2012 gegen den Willen seines Mentors Fatih Terim leihweise zu Olympiakos verließ, fand er nur noch in der Saison 2014/15 bei Feyenoord Rotterdam seine Topform wieder, erzielte elf Tore und wurde nach jahrelanger Abstinenz sogar kurzzeitig wieder in die Nationalmannschaft berufen. Nun ist Corinthians schon der 13. Verein, für den er in seiner Laufbahn die Schuhe schnürt. Als Globetrotter will er trotzdem nicht gelten.

In Brasilien Beständigkeit gefunden

"Die ganzen Transfers sind, was ich bin. Ich habe Fußball als Sprungbrett benutzt, um die Welt zu entdecken. Das sollte man respektieren", sagt er über die vielen Wechsel der letzten Jahre. Olympiakos, Bursaspor, Feyenoord, Celtic, Coritiba, dann Corinthians. Er habe hier und da falsche Entscheidungen getroffen, das räumt er ein. Zum Beispiel, dass er 2012 zu Olympiakos ging und nicht auf Terim hörte. "Er sagte so oft: 'Geh nicht zu Olympiakos. Ich brauche dich.' Ich kann nicht sagen, warum ich es trotzdem tat. Ich ging dorthin und es war einfach nicht gut", gesteht Kazim-Richards.

Der in den Medien oft als plumper Bad Boy dargestellte Flügelmann hat viel mehr zu bieten, als man denkt. Er ist nachdenklich, reflektiert, realistisch. Und weiß genau, dass Fußball nicht nur Vergnügen, sondern auch ein Job ist. "Fußball ernährt meine Familie. Die meisten Profis wollen das nicht hören. Aber so ist es eben."

Um mehreren Jungs wie ihm zu ermöglichen, mit Fußball der finanziellen Sackgasse zu entfliehen, hat er in London die Kazim-Richards-Akademie gegründet. Ein Projekt, in das er kräftig investiert, das ihm am Herzen liegt. "Wir haben gerade die Nordlondon-Akademie 9:0 geschlagen", sagte er Anfang des Jahres grinsend. Jeder kann für die Akademie spielen, es gibt keinen Mitgliedsbeitrag, den sich ärmere Familien oft nicht leisten können. "Wenn ich dort bin und mit den Kids rede, sage ich ihnen, dass sie alles erreichen können, wo immer sie wollen."

Kazim Kazim ist heute ein Vorbild. Und hat in Brasilien zu einer gewissen Ruhe und Beständigkeit gefunden. Seine Frau Mariana kommt aus Sao Paulo, seine beiden Kinder wachsen in Brasilien auf. Nach England reist er kaum noch, lieber lässt er seine Eltern und seinen Bruder an den Zuckerhut einfliegen. Er selbst könne sich vorstellen, in Brasilien zu bleiben, seine Karriere dort zu beenden. "Aber ich muss an meine Kinder denken, an ihre schulische und weiterführende Ausbildung", betont er. "Aber wir werden hier immer ein Zuhause haben, eine Million Prozent."

Und irgendwie passt es, dass er sich Anfang des Jahres Corinthians anschloss. Er, der als Kind immer am Rande der Gesellschaft lebte, der aus schwierigen Verhältnissen stammt. Denn Corinthians gilt in Brasilien als Klub der Ärmeren, in den Favelas von Sao Paulo tragen die Jungs deutlich häufiger Trikots von Corinthians als jene der Stadtrivalen Palmeiras, Santos oder FC Sao Paulo.

Sportlich läuft für ihn persönlich indes nicht alles rund, obwohl er mit Corinthians die Tabelle in Brasiliens Beletage anführt. Stammkraft ist Kazim-Richards nicht, darf nur sporadisch ran, steht nach 30 Spieltagen bei elf Einsätzen.

Dennoch ist er angekommen. Und hat seinen Frieden gefunden. Mit Sonne, Wärme, Lächeln und Schmatzern für den Pressechef. Anstatt zerschnittener Schuhe und rassistischer Anfeindungen in jener schäbigen Kabine mit der morschen Tür. Damals in Bury.