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Christopher Schorch vom 1. FC Saarbrücken im Interview: "Dann hat mir ein Mitschüler ein Taschenmesser in den Oberschenkel gerammt"

09:00 MESZ 15.04.20
CHRISTOPHER SCHORCH REAL MADRID
Im exklusiven Interview spricht Saarbrückens Christopher Schorch unter anderem über Tiere im Karriereplan und leere Versprechungen in Madrid.


EXKLUSIV-INTERVIEW

Die ersten Schritte im Profifußball unternahm Christopher Schorch bei Hertha BSC. Im Sommer 2007 wagte das damalige Nachwuchstalent den großen Schritt und unterschrieb einen Vertrag bei Real Madrid. Heute spielt der gebürtige Hallenser beim 1. FC Saarbrücken und steht mit den Saarländern als Tabellenführer der Regionalliga Südwest sensationell im Halbfinale des DFB-Pokals.

Im Interview mit Goal und SPOX spricht der Abwehrmann über das Drama im Viertelfinale gegen Fortuna Düsseldorf, einen möglichen Wettbewerbsnachteil mit Blick auf die Halbfinalpartie, wie er zu einem eventuellen Saisonabbruch in der Regionalliga steht und welche Rolle Tiere in seinem Karriereplan spielten.

Außerdem verrät er, wie schmerzhaft Neid sein kann, warum er sich bei den Königlichen übergangen fühlte und wem er den Sprung ins Madrider Starensemble zu Beginn nicht zugetraut hätte.

Christopher, wann haben Sie erstmals von einer Karriere als Fußballer geträumt?

Christopher Schorch: Beim SV Askania Nietlebener habe ich in meinem ersten F-Jugend-Jahr als Stürmer 102 Tore geschossen. Zu dieser Zeit hat es angefangen, dass mich andere Trainer zu ihren Vereinen holen wollten. Als ich dann in der Landesauswahl gespielt habe, hat mich der Vater von Christian Tiffert zum Halleschen FC geholt und wurde dort mein Trainer. Ab da wurde dann Fußball gelebt. 

Wie kam es zur Umschulung zum Innenverteidiger?

Schorch: In einem Spiel mit der U16-Nationalmannschaft hat sich ein Innenverteidiger verletzt, wir konnten aber nicht mehr wechseln. Der damalige Trainer Bernd Stöber hat mich dann in erster Linie aufgrund meiner Größe nach hinten beordert. Dirk Kuhnert, mein damaliger B-Jugendtrainer bei Hertha BSC, hat damals zugeschaut und fand meine Leistung offenbar so gut, dass er mich anschließend zum Innenverteidiger umgeschult hat. In dem Jahr sind wir Deutscher Meister geworden.

War es nicht schwierig, sich auf diesem Niveau so schnell an die neue Position zu gewöhnen?

Schorch: Anfangs gab es natürlich auch mal Ärger, weil ich manchmal von hinten durchdribbeln wollte, wie es zu jener Zeit auch Lucio gemacht hat. Ich habe als Abwehrspieler pro Saison sieben bis elf Tore geschossen, deshalb war das schon in Ordnung.

Schorch: "Das war das erste Mal, dass ich das Gefühl von Neid richtig gespürt habe"

An welches Erlebnis aus Ihrer Anfangszeit erinnern Sie sich besonders gern?

Schorch: Ich habe mir damals mit meinen Teamkollegen ein U17-Länderspiel von Deutschland in Merseburg angeschaut. Hinter mir stand ein großer Mann, der mich erkannt und angesprochen hat. Er hat sich dann als Chefscout des VfL Wolfsburg vorgestellt und wollte mich gerne verpflichten. Es war schon sehr cool, als er mir seine Visitenkarte gegeben hat und die Jungs ziemlich fasziniert waren. Das hat mich sehr geprägt. 

Kommt in solchen Situationen Neid auf?

Schorch: In diesem Moment nicht, aber bevor ich zur Hertha gewechselt bin, hat ein Mitschüler, der gleichzeitig mein Mannschaftskollege war, mir mitten im Unterricht ein Taschenmesser in den Oberschenkel gerammt, weil er es mir nicht gegönnt hat.

Wie bitte?

Schorch: Ja. Zuvor hatte ich mir einen Wadenbeinbruch zugezogen und war auf Krücken und gerade auf dem Weg zurück aus der Reha. Das war das erste Mal, dass ich das Gefühl von Neid richtig gespürt habe.

Wie schwer war die Verletzung durch den Messerstich?

Schorch: Es war eine klaffende Wunde, die später genäht werden musste. Ich war überrascht, wie viel Blut herausströmte.

Wie haben Ihre Eltern darauf reagiert?

Schorch: Meine Eltern waren natürlich sauer, aber auch traurig, dass sowas überhaupt passiert. Sie haben sich dann mit seinen Eltern ausgesprochen und dann war die Sache auch gegessen. Wir waren da nicht nachtragend. 

Welche Konsequenzen hatte das für Ihren Mitschüler?

Schorch: Er wurde für ein paar Monate von der Schule verwiesen und musste gemeinnützige Arbeit leisten.

Schorch: Plan B? "Vielleicht hätte ich versucht, in einem Zoo zu arbeiten"

Sie haben es gerade angesprochen: Vor dem Wechsel nach Berlin 2004 zogen Sie sich bei einem Hallenturnier in Zwickau einen Wadenbeinbruch zu. Erinnern Sie sich noch an die erste Nacht nach der Verletzung?

Schorch: Ich lag im Krankenhaus in einem sterilen Zimmer. Als meine Eltern hereinkamen, wurde ich wach und habe sie erstmal gefragt, wie man so hässliche Zimmer mit Elefanten an der Decke haben kann (lacht). Später habe ich erfahren, dass da gar keine Elefanten an der Decke waren und mir so viele Schmerzmittel gegeben worden waren, dass nur ich die Elefanten gesehen habe. Ich fand die ganze Aufmerksamkeit ehrlich gesagt ziemlich cool. Das Ganze ist zur Weihnachtszeit passiert und ich habe viele Sachen geschenkt bekommen.

Wer war in dieser Phase Ihre wichtigste Bezugsperson?

Schorch: Neben meiner Familie, die immer für mich da war, waren das die Verantwortlichen von Hertha BSC. Sie haben mir immer wieder versichert, dass sie mich trotz meiner Verletzung verpflichten wollen. Sie haben sich permanent um mich gekümmert und wollten zwischendurch immer Tests mit mir durchführen, um zu sehen, wie sich die Verletzung entwickelt.

Christopher Schorch im Trikot von Hertha BSC (hier gegen Bayerns Lucio)

Haben Sie sich damals Gedanken über einen Plan B gemacht?

Schorch: Nein. Ich hatte aber schon immer eine große Zuneigung zu Tieren. Vielleicht hätte ich versucht, in einem Zoo zu arbeiten (lacht). Während der Reha habe ich zudem Interesse für die Physiotherapie entwickelt.

Nach Ihrer Genesung wechselten Sie mit 15 Jahren zur Hertha und zogen aus Halle nach Berlin. Welches prägende Erlebnis haben Sie in Erinnerung, wenn Sie an Ihre ersten Tage denken?

Schorch: Ich weiß noch, wie ich zum Zeugwart gegangen bin und erstmals in meinem Leben Fußballschuhe umsonst bekommen habe. Das war geil, Total 90 waren das damals. Dann wurde ich noch mit den ganzen Nike-Sachen der Hertha eingekleidet. Ich bin mit den Klamotten sogar in die Schule gegangen, war unheimlich stolz.

Sie machten bei der Hertha nebenbei eine Ausbildung zum Sport- und Fitnesskaufmann im Fanshop. Wie kam es dazu?

Schorch: Wir mussten vom Verein aus etwas machen, und ich wusste nicht genau, was ich machen soll. Die meisten haben sich für Sport- und Fitnesskaufmann entschieden. Der Verein hat sich damals extrem um die Außendarstellung gekümmert.

Gab es ein besonderes Erlebnis während Ihrer Arbeit dort?

Schorch: Ich musste um 4.30 Uhr im Internat aufstehen, um bei der Inventur mitzuhelfen. Mir wurde dann ein Eimer Wasser und ein Schwamm in die Hand gedrückt und gesagt, ich solle die Spiegel sauber machen. Ich habe mich in die Umkleidekabine gesetzt, den Vorhang zugezogen und erstmal geschlafen (lacht). Irgendwann um 9 Uhr wurde ich dann geweckt, weil ein Kunde in die Kabine wollte. Das war ziemlich peinlich, weil ich zu diesem Zeitpunkt bereits mein erstes Bundesligaspiel absolviert hatte und man mich schon kannte.

Ihr persönlicher Aufstieg ging relativ schnell. Inwiefern hat so eine Aufgabe geerdet?

Schorch: Ich bin von Hause aus sehr demütig und neige nicht dazu, schnell abzuheben. Aber es ist immer ein schmaler Grat, ob du stolz und selbstbewusst bist oder abhebst. Ich bin eher stolz, dass ich aus dem kleinen Halle so weit gekommen bin.

Schorch über Real-Interesse: "Ich dachte, jemand will mich verarschen"

Bereuen Sie etwas, wenn Sie an die Zeit in Berlin zurückdenken?

Schorch: Den Stress bei meinem Abschied. Ich wollte damals keinen neuen Vertrag unterschreiben. Jerome Boateng und ich gingen in eine Klasse und haben uns über alles unterhalten. Da wusste ich natürlich auch, welche Angebote die anderen Spieler bekommen haben. Ich hatte zu dem Zeitpunkt keinen Berater, also saß ich allein bei Dieter Hoeneß im Büro und sagte ihm, dass ich das Angebot nicht annehme. Ich sagte ihm, dass dadurch, wie er mit mir umgegangen ist, das Tischtuch zerschnitten sei.

Wie hat er reagiert?

Schorch: Er wurde laut. Im Nachhinein muss ich aber sagen, dass ich ihn verstehen kann. Wir kamen einfach nicht auf einen Nenner. Aber er wusste zu dem Zeitpunkt auch nicht, dass ich ein Angebot von Real Madrid vorliegen hatte. Er war dann ziemlich aufgebracht, weil ich das Angebot abgelehnt hatte und meinte, dass ich gehen könne, wenn ich einen Verein finde, der die geforderte Ablösesumme zahlt. Ich glaube, das war eine Million Euro. Und dann kam Real ins Spiel.

Es heißt, der Vater Ihrer damaligen Freundin hätte die Rolle des Beraters übernommen, obwohl er kein lizenzierter Berater war. Wie kam das zustande?

Schorch: Ich habe ihn angerufen und darum gebeten, mich abzuholen, weil die Situation im Büro von Hoeneß aus dem Ruder gelaufen ist. Er ist dann ebenfalls ins Büro gekommen, aber die Situation ist nur weiter eskaliert. Das hat mich umso mehr darin bestärkt, den Verein zu verlassen. 

Wie haben Sie erstmals vom Interesse von Real Madrid erfahren?

Schorch: Ich saß in meinem Zimmer im Internat und bekam einen Anruf von einer unterdrückten Nummer. Die Person hat dann auf Englisch gesagt: ‘Hier ist Predrag Mijatovic, Sportdirektor von Real Madrid. Ich will dich, mein Freund.‘ Ich sagte: ‘Ja, ja, ist klar‘ und habe aufgelegt. Ich dachte, jemand will mich verarschen, weil wir früher viele solcher Scherzanrufe von Teamkollegen erhalten haben. Kurz darauf rief mich mein Berater an und fragte, ob ich noch ganz sauber ticke. Er hat mich dann in ein Berliner Restaurant bestellt und saß dort bei meiner Ankunft schon mit Mijatovic am Tisch. Als ich die beiden gesehen habe, ist mir fast der Atem stehen geblieben. Ich habe mich dann tausendmal entschuldigt und ihm alles erklärt. Er meinte, er hätte so etwas noch nie erlebt, fand es aber einigermaßen witzig.

Was hat Sie in Madrid am meisten überrascht, positiv wie negativ?

Schorch: Positiv war der Umgang mit mir, trotz der großen Namen, die damals dort unter Vertrag standen. Negativ fand ich, dass ich am Ende übergangen wurde. Mir wurde gesagt, dass ich mich etabliert hätte und meine Chance bekommen würde. Ursprünglich sollte ich in die Fußstapfen von Fabio Cannavaro hineinwachsen. Auf einmal wurde dann aber Ezequiel Garay verpflichtet. Deshalb habe ich beschlossen, dass ich weg möchte.

Welche Erwartungen hatten Sie bei dem Wechsel an sich selbst?

Schorch: Ich habe dort für fünf Jahre unterschrieben, so ein Angebot hätte ich in Deutschland nicht bekommen. Man muss auch sagen, dass der finanzielle Rahmen so gut war, dass ich die Chance einfach ergreifen und es probieren musste. Ich dachte mir: Selbst, wenn es nicht klappt, hast du Real Madrid in deiner Vita stehen. Mein Vater hat immer zu mir gesagt: ‘Eines hast du jetzt schon sicher, das kann dir keiner mehr nehmen: Du bist der erste Ossi bei Real‘ (lacht).

Real Madrid Castilla, u.a mit Christopher Schorch (oben 2.v.r.), Dani Parejo (oben 2.v.l.) und den Callejon-Brüdern (unten rechts)

Was war der schwierigste Moment während Ihrer Anfangszeit in Madrid?

Schorch: Ich kam mit 17 nach Madrid. Gerade nach Siegen war das Nachtleben ziemlich verführerisch. Die Mannschaft war immer feiern und das muss man mit Vorsicht genießen. Die Stadt ist groß, da muss man mit 18 teilweise aufpassen.

Inwiefern?

Schorch: Ein paar Tage vor dem Spiel gegen die zweite Mannschaft von Atletico war ich um 22.30 Uhr mit meinem Auto und deutschem Kennzeichen auf dem Paseo de la Castellana unterwegs [große Hauptstraße in Madrid, Anm. d. Red.]. Auf einmal hat jemand neben mir gehupt. Ich habe herüber geschaut, dann ging das Fenster runter und Predrag Mijatovic saß am Steuer. Er meinte nur: ‘Du bist morgen um 10 Uhr in meinem Büro. Wie kannst Du dich zwei Tage vor dem Spiel um diese Uhrzeit auf der Straße herumtreiben?‘ Ich war natürlich perplex. Ab diesem Moment wusste ich, dass ich mir sowas nicht mehr erlauben kann.

Schorch: Marcelo? "Der hat schon gerne einen draufgemacht"

Sie haben regelmäßig mit den Profis trainiert. Welcher Spieler, der medial weniger im Fokus stand, hat Sie besonders überrascht?

Schorch: Marcelo hatte immer die Voraussetzungen, hat seine Qualitäten zu dieser Zeit aber nie auf den Platz gebracht, wenn er die Chance bekommen hat. Gefühlt hat er sich dann von heute auf morgen zu einem der besten Linksverteidiger der Welt entwickelt. Darüber hinaus hat mich überrascht, dass Denis Cheryshev den Sprung zu den Profis geschafft hat.

Hat es jemand umgekehrt nicht geschafft, dem Sie es eigentlich zugetraut hätten?

Schorch: Ich hätte nicht gedacht, dass Juanmi Callejon es nicht schafft. Ich fand ihn immer besser als seinen Bruder Jose. Außerdem hätte ich gedacht, dass Alberto Bueno richtig durchstarten würde. Er war fußballerisch für mich einer der besten Zehner überhaupt - mit seiner Bewegung, seinem Abschluss, seiner Spielintelligenz. Alberto hatte alles.

Wer war in der Kabine der Stimmungsmacher?

Schorch: Auf jeden Fall Robinho und Marcelo. Marcelo war damals noch ganz anders.

Wie meinen Sie das?

Schorch: Er war damals noch nicht so professionell, vom Kopf her nicht so weit. Der hat schon gerne einen draufgemacht. 

Sie spielten zwei Jahre lang bei der Castilla, aber nie bei den Profis. Gab es aufgrund des ausbleibenden Sprungs in die erste Mannschaft auch mal Gespräche über eine mögliche Ausleihe?

Schorch: In meinem zweiten Jahr wollte mich Didier Deschamps für acht Millionen Euro zu Olympique Marseille holen, aber Real hat abgelehnt. Dann sollte ich vor meinem Wechsel nach Köln 2009 im Doppelpack mit Adam Szalai nach Portugal zu Sporting Braga verliehen werden, die 2011 ins Europa-League-Finale eingezogen sind. Wir haben uns aber dagegen entschieden, weil wir uns dachten, wir seien dann weg von der Landkarte. Später habe ich zu Szalai gesagt: ‘Stell‘ dir mal vor, wir hätten das gemacht‘.

2010 rissen Sie sich im Länderspiel der U20 gegen die Schweiz das Kreuzband – Ihre zweite schwere Verletzung. Wie sind Sie damit umgegangen?

Schorch: Ich sollte ursprünglich nur eine Halbzeit spielen. Da es aber relativ gut lief, wollte der damalige Trainer Ralf Minge, dass ich weiterspiele, und dann habe ich mir in der 54. Minute das Kreuzband gerissen. Zu dem Zeitpunkt war ich richtig gut drauf und hatte die ersten Kontakte zu Matthias Sammer [damals Sportdirektor beim DFB, Anm. d. Red.], der mir sagte, dass ich mich in den Fokus der A-Nationalmannschaft gespielt hätte. Dementsprechend war das extrem bitter. Es hat sich danach jeder bei mir gemeldet, nur von Minge habe ich seitdem nichts mehr gehört. Nach der Verletzung hat es bestimmt zwei Monate gedauert, bis ich wieder Lust hatte, rauszugehen.

"Thomas Müller war bei uns Ergänzungsspieler"

Apropos Nationalmannschaft. Sie spielten in den U-Nationalmannschaften unter anderem an der Seite von Toni Kroos, Ilkay Gündogan und Thomas Müller. Konnte man bei ihnen früher schon erkennen, dass sie einmal auf diesem Niveau spielen werden?

Schorch: Damals war Müller noch nicht so weit. Er war bei uns Ersatzspieler, obwohl wir vorne im Sturm nicht solche Granaten hatten, wie er jetzt eine ist. Da sieht man auch, wie der Fußball funktioniert. Du musst  zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein und im richtigen Moment abliefern.

Wie war es bei Kroos?

Schorch: Toni hat früher in der Juniorennationalmannschaft gesagt: ‘Schorchi, egal was ist, spiel‘ mir jeden Ball zu‘. Ich mag es, ihm zuzuschauen. Diese Spielintelligenz hatte er schon in der Jugend. Es ist einfach geil anzusehen, wenn ein Spieler im Mittelfeld so geil aufdreht, jeden Ball haben will und quasi ausschließlich die richtigen Entscheidungen trifft. Toni ist vom Kopf her sehr schnell, das ist seine größte Stärke. Genauso ist es bei Ilkay. Wie die beiden das Spiel lesen können, da herrscht einfach eine ganz andere Mechanik als bei einem Großteil der anderen Spieler.

Im Laufe Ihrer Karriere haben Sie gegen zahlreiche Top-Stürmer verteidigt. Wer war Ihr härtester Gegenspieler?

Schorch: Auf jeden Fall Robert Lewandowski. Der war unfassbar. Edin Dzeko, Grafite und Diego hatten aber auch große Klasse.

Und Ihr bester Mitspieler?

Schorch: Lukas Podolski. Er war in Köln ein Ausnahmespieler, der immer seine Leistung abgerufen hat. Er war der Beste und Stärkste. In Köln gab es auch Maniche, aber der hat leider nicht das abgerufen, was man von ihm erwartet hat.

Christopher Schorch (hier mit dem MSV Duisburg) gegen Robert Lewandowski

Schorch: DFB-Pokal? "Wenn du so etwas erreichst, steckt eine unfassbare Geschichte dahinter"

Im vergangenen Sommer unterschrieben Sie beim 1. FC Saarbrücken. In der Regionalliga sind Sie aktuell mit sechs Punkten Vorsprung Tabellenführer, außerdem stehen Sie mit dem FCS im Halbfinale des DFB-Pokals. Wie schafft man den Spagat zwischen dem Sensationserfolg und der Pflichtaufgabe Aufstieg?

Schorch: Pokalspiele sind Highlight-Spiele, aber unser Fokus war und ist immer die Liga. Im Pokal kann man Saarbrücken überregional bekannt machen, unser größter Ansporn ist aber die Rückkehr in den Profifußball.

Auf dem Weg ins Halbfinale setzten Sie sich gegen jeweils zwei Zweit- und Erstligisten durch. Haben die Gegner Sie zu sehr auf die leichte Schulter genommen?

Schorch: Genau so ist es. Sie denken: Das schaffen wir sowieso. Höherklassige Mannschaften haben immer im Hinterkopf, dass sie eine höhere Qualität haben. Man sieht aber immer wieder, wie schwer sich diese Vereine dann am Ende tun.

Als Underdog haben Sie in keinem Spiel gemauert, sondern mutig nach vorne gespielt.

Schorch: Wir haben einige Spieler, die schon höherklassig gespielt haben und auf die unterschiedlichsten Weisen in der vierten Liga zusammengekommen sind. Jeder Spieler hat immer noch eine unfassbare Qualität - und das merkt man vor allem, wenn man gegen höherklassige Mannschaften spielt. Wir können in keinem Spiel 90 Minuten vorne draufgehen, das schafft keine Mannschaft der Welt. Aber wir wollten zeigen, dass mit uns zu rechnen ist, gerade zu Beginn. Wenn du am Anfang merkst, dass du mithalten und bestehen kannst, kommst du in einen Flow, und der bestimmt dann, wie lange du es schaffst, bis du dich das erste Mal zurückziehen musst. Wenn du den Bus parkst und nur am Sechzehner verteidigst, ist es nur eine Frage der Zeit, bis das Tor fällt.

Im Viertelfinale gegen Düsseldorf ging es nach einem dramatischen Spiel in ein noch dramatischeres Elfmeterschießen, in dem Ihr Keeper Daniel Batz vier Strafstöße parierte. Was geht einem als Spieler in so einem Moment durch den Kopf?

Schorch: So eine Dramatik habe ich noch nie erlebt. Verschießen, treffen, verschießen. Ich musste treffen, damit wir überhaupt noch eine Chance haben. Dann hält Batz den Elfmeter von Kevin Stöger in unfassbarer Manier, und der nächste von uns jagt dann den Ball in die Schweiz. Das war der Wahnsinn. Wenn du so etwas erreichst, steckt eine unfassbare Geschichte dahinter. Nach dem Spiel haben wir mit der Mannschaft bis in die Morgenstunden in einer Bar gefeiert. Irgendwann kamen die Ultras dazu. Wir haben uns das Spiel dann nochmal gemeinsam re-live reingezogen, da herrschte eine unfassbare Stimmung.

Sie haben auch im Elfmeterschießen im Achtelfinale gegen den KSC den entscheidenden Strafstoß verwandelt. Waren Sie schon immer ein sicherer Elfmeterschütze?

Schorch: Ich durfte in Cottbus Elfmeter schießen, aber nur, wenn Richard Sukuta-Pasu sein Tor bereits gemacht hatte (lacht). Auch in den U-Nationalmannschaften habe ich eigentlich immer die Elfmeter geschossen.

Hatten Sie dabei auch mal Versagensängste?

Schorch: Vor dem Elfmeterschießen gegen Karlsruhe haben wir uns gesagt, dass wir ein geiles Spiel abgeliefert haben. Wir haben uns vorgenommen, diese Momente einfach zu genießen und die Dinger reinzuknallen. Ich war die ganze Zeit tiefenentspannt - bis unser Stadionsprecher auf meinem Weg zum Elfmeterpunkt ins Mikrofon geschrien hat: ‘Los Schorchi, jetzt schieß‘ uns ins Viertelfinale.‘ Da ging der Puls natürlich hoch (lacht).

Einige Bundesligisten haben das Training wieder in Kleingruppen aufgenommen, während der Spielbetrieb bis mindestens 30. April pausiert. Die Regionalliga hingegen ist bis auf Weiteres unterbrochen, auch trainieren dürfen Sie aktuell nicht. Sehen Sie mit Blick auf das Pokal-Halbfinale einen Nachteil?

Schorch: Wenn genehmigt wird, dass Bundesliga-Klubs wieder trainieren dürfen, sollte das auch für uns gelten. Sonst wäre das Wettbewerbsverzerrung.

Wie bewerten Sie die Situation mit Blick auf einen möglichen Saisonabbruch in der Regionalliga?

Schorch: Unser wichtigstes Ziel ist der Aufstieg. Diesen müssen wir entweder spielerisch erreichen, sofern es weitergeht, oder indem der Verband die richtige Entscheidung trifft. Wenn die Saison abgebrochen wird, muss man anerkennen, dass wir knapp zwei Drittel der Saison abgeliefert haben und die Saison auch entsprechend werten. Hätten wir noch 15, 16 offene Spiele, würde ich das anders sehen.

Sie leisten gemeinsam mit Ihrer Freundin Einkaufshilfe für gefährdete Menschen. Darüber hinaus haben Sie zuletzt zwei Trikots versteigert, der Erlös soll an die Initiative WeKickCorona gehen. Spielen noch weitere Überlegungen hinsichtlich Unterstützung während der Corona-Phase eine Rolle?

Schorch: Ich versuche, zu helfen, wo ich kann. Ich fahre zum Beispiel 14 Kilometer, um meine Brötchen in einer Bäckerei eines Bekannten zu holen, damit ich ihn irgendwie unterstütze.