HINTERGRUND
Es war ein Transfer, der die Welt auf zwei Kontinenten auf den Kopf stellte: Während in Südamerika die Fans der Boca Juniors dafür plädierten, dass ihr Liebling Carlos Tevez ein Angebot, das ihm für sein restliches Leben finanzielle Sicherheit geben würde, ablehnen sollte, wurde in China bei Shanghai Shenhua bereits der rote Teppich für den nächsten und vielleicht spektakulärsten Neuzugang der Super League ausgerollt. Für den chinesischen Spitzenklub war es eine einfache Wahl: Wer im Weltfußball würde besser zum ambitionierten Verein passen, als ein Mann, der in seiner Karriere schon so viele große Titel gewonnen hat?
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Tevez wurde in seiner neuen Heimat mit großer Fanfare begrüßt. Aber es wurden auch große Erwartungen in ihn gesetzt. Diese wurden bisher enttäuscht, denn viele Dinge sind nicht nach Plan verlaufen. Nur ein paar Monate nach dem Start seines China-Abenteuers wirkt der Argentinier verloren und verwirrt, während sein Team im Mittelfeld der Tabelle festhängt.
Und das trotz eines optimalen Starts im Reich der Mitte. Tevez traf gleich bei seinem ersten Einsatz. Doch von den ersten acht Saisonspielen absolvierte der Angreifer nur fünf Partien und konnte den Erwartungen nicht gerecht werden. Das kolumbianische Import-Duo Gio Moreno und Fredy Guarin hat die Leistungen des Argentiniers, der am Wochenende einmal mehr aufgrund einer Verletzung fehlte, längst in den Schatten gestellt. Aber Tevez' Form ist nicht das größte Problem von Trainer Gustavo Poyet. Vielmehr ist man darüber besorgt, dass Tevez sich überhaupt nicht an seine neue Umgebung anpassen will.
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Der 33-Jährige ist für seine introvertierte Art bekannt. Dazu zählt auch, dass es wenige auffällige Auftritte in der Öffentlichkeit gibt und er zu den Menschen gehört, die sich in einen extrem geschützten und engen Familienkreis zurückziehen. Damit hat er bereits bei seiner Ankunft in Shanghai für Aufsehen gesorgt, als er nicht weniger als 19 Familienmitglieder mit nach China brachte. Bis zum jetzigen Zeitpunkt hat er es nicht geschafft, diesen internen Kreis zu verlassen und sich in das Leben in China zu integrieren. Aber dieses Verhalten ist nicht das erste Mal der Fall. Bei seinem Engagement in der englischen Premier League lief es ähnlich.
Sein komplizierter Start in China wurde zudem nicht einfacher, als Fotos von ihm aus dem Disneyland in Shanghai auftauchten, während seine Mannschaftskollegen gleichzeitig in der Super League auf dem Platz standen. In den sozialen Medien wurde dieser Vorfall natürlich heftig diskutiert. Seine einzige Erklärung dafür war, dass er ein normaler Mensch sei, der "seine Freizeit mit der Familie verbringt."

"Er präsentiert sich extrem introvertiert", lässt eine Quelle aus dem Umfeld des Klubs Goal wissen. Tevez hat sich den Ruf erarbeitet, ein distanzierter und isolierter Typ zu sein, der wenig mit seinen Mitspielern spricht und außerhalb der Trainingszeiten so gut wie keine Zeit mit den Mannschaftskameraden verbringt. Dieses Verhalten hat auch verhindert, dass er die Fans auf seine Seite ziehen konnte. Im absoluten Kontrast dazu steht Alexandre Pato. Der Brasilianer zeigt sich begeistert von der chinesischen Kultur und will sich dieser auch anpassen. Das hat ihm auch einen Kredit bei den Fans beschert, die ihn in der Anfangsphase trotz eher schwachen Leistungen tatkräftig unterstützten.
Natürlich ist es zu früh, Tevez jetzt bereits abzuschreiben. Er hatte mit Fitness-Problemen zu kämpfen und konnte nicht das zeigen, zu dem er definitiv in der Lage ist. Und obwohl er sich öffentlich zu Shenhua bekannt hat, könnte ein erneuter Lockruf aus der Heimat ein Engagement über die Saison hinaus fraglich werden lassen.
In Argentinien wartet Boca insgeheim auf die Rückkehr des Idols. Tevez führte die Xeneize 2015 zum Titelgewinn und mit der Aussicht, in der nächsten Saison in der Copa Libertadores zu spielen, wäre die Verlockung groß, beim Gewinn des ersten internationalen Titels seit 2007 mitzuhelfen. In China besitzt Carlitos zwar einen Zweijahresvertrag, aber sein Berater Adrian Ruocco hat im Dezember bereits angekündigt, dass es ein Hintertürchen im Vertrag gäbe, das eine Auflösung des Kontrakts unter bestimmten Bedingungen ermögliche.

"Im Vertrag gibt es eine Art Klausel, die Carlos eine Rückkehr ermöglichen würde, falls er sich bis November nicht heimisch fühlt", erklärte er bei Fox Sports. "Aber er hat dann die Wahl: Entweder beendet er seine Karriere oder kehrt zu Boca zurück."
Momentan befinden wir uns ziemlich in der Mitte dieses Zeitraums und es ist gut möglich, dass Tevez Gebrauch von dieser Klausel macht und 2018 in seine Heimat zurückkehrt.
Wenn der 33-Jährige seine apathische Haltung in naher Zukunft nicht ändert, wird Shenhua vergeblich auf die Gegenleistung warten müssen, die man sich von dieser Investition eigentlich erhofft hatte. Der Routinier kostete 10,5 Millionen Euro Ablöse und laut Informationen von Football Leaks verdient er in China umgerechnet etwa 740.000 Euro Grundgehalt - pro Woche. Durch die vielen Bonus-Klauseln in seinem Vertrag könnte er zum bestbezahlten Fußballer der Welt aufsteigen.
Noch hat er Zeit zu zeigen, was er als Spieler leisten kann. Doch im Moment zählt er wohl zu den teuersten Missverständnissen in der Geschichte des Fußballs, solange er nicht endlich seinen Pflichten als Spieler nachkommt und sich nicht lieber mit der Familie in Disneyland vergnügt.
