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BVB-U19-Trainer Michael Skibbe im Interview: "Moukoko fühlt sich anderen nicht überlegen"

11:15 MESZ 25.10.19
Michael Skibbe 2018
Michael Skibbe verrät im Interview, was Youssoufa Moukoko auszeichnet, wie es einst in der Türkei zuging und was er über Schalke 04 denkt.

EXKLUSIV-INTERVIEW
Michael Skibbe trainierte lange im Ausland, seit diesem Sommer ist er als Chefausbilder und Coach der U19 zurück bei Borussia Dortmund. Unter seinen Fittichen: Supertalent Youssoufa Moukoko.

Im Interview mit Goal und SPOX erklärt Skibbe, warum er dem 14-Jährigen den Sprung zum Top-Spieler zutraut. Außerdem blickt er auf seine bewegte Vergangenheit zurück und berichtet neben ausbleibenden Gehaltszahlungen in der Türkei auch von seinem "Desaster" bei Hertha BSC, Ärger mit Thomas Häßler und Spott wegen seiner einstigen Verbindung zum FC Schalke 04.

Herr Skibbe, vor Ihrer Rückkehr zum BVB waren Sie in der Türkei, der Schweiz und Griechenland tätig. Wie blicken Sie auf Ihre Auslandserfahrungen zurück?

Michael Skibbe:  Positiv. Ich kann jeden Spieler und Trainer nur dazu ermutigen, ins Ausland zu gehen und neue Kulturen und Abläufe kennen zu lernen. Ich hatte eine wahnsinnig schöne und spannende Zeit im Ausland, aber auch eine lehrreiche. Seitdem ich wieder in Deutschland bin, merke ich, wie sehr sich die Bedingungen von denen in der Türkei oder in Griechenland unterscheiden.

Inwiefern?

Skibbe:  In Deutschland wird viel mehr Geld und Energie in die Jugendarbeit gesteckt. In der Türkei hingegen kommen immer weniger Talente nach. Mein Ex-Verein Galatasaray hat vor kurzem ohne einen einzigen türkischen Spieler in der Startelf gegen Paris Saint-Germain gespielt. Das ist bedauerlich, weil in Sachen Kaderplanung kein klarer Zukunftsplan zu erkennen ist. Es zählt in den meisten Fällen nur die Gegenwart. Die meisten Stammspieler bei Gala sind bereits über 30.

Skibbe: "Viele Vorstände mischten sich bei der Aufstellung ein"

Sie waren von 2008 bis 2009 bei Galatasaray. "Es fehlt hier an Disziplin", sagten Sie wenige Wochen vor Ihrem Abschied. Was genau meinten Sie damit?

Skibbe:  Das war kein Angriff auf meine Spieler. Im Gegenteil: Das Training war immer auf einem sehr hohen und professionellen Niveau. Die fehlende Disziplin bezog sich eher auf die Vorstände in der Türkei, die zwar Disziplin einfordern und deshalb auch häufig Trainer aus dem Ausland verpflichten, sich aber selbst nicht diszipliniert verhalten.

Inwiefern?

Skibbe:  Viele Vorstände mischten sich bei der Auswahl der Mannschaftsaufstellung ein. In meinem Fall wurde mir nichts diktiert, aber sehr wohl deutlich gemacht, wer spielen soll und wer nicht.

Haben Sie sich reinreden lassen?

Skibbe:  Nein, ich habe die Aufstellung immer nach meinen Vorstellungen gewählt. Die Diskussionen mit den Vorständen waren zum Teil trotzdem sehr anstrengend. Ein beliebter Spruch von ihnen war: "Du kannst den Spieler nicht einsetzen, weil er seinen Vertrag nicht verlängert oder uns gerade verklagt."

Skibbe: "Galatasaray hat mich zwei Jahre lang nicht bezahlt"

Wie bitte?

Skibbe:  Wenn du dein Gehalt drei Monate lang nicht bekommst, kannst du deinen Verein verklagen. Das kommt in der Türkei leider sehr häufig vor und macht ruhiges, planbares Arbeiten geradezu unmöglich.

Haben auch Sie auf Ihr Gehalt warten müssen?

Skibbe:  Nicht nur einmal. Eskisehirspor, meinen zweiten Verein in der Türkei, habe ich deswegen verklagt und verlassen. Gala hat mich sogar zwei Jahre lang nicht bezahlt, da fehlten mehrere hunderttausend Euro. Da ich zu diesem Zeitpunkt aber bereits bei Eintracht Frankfurt unter Vertrag stand, war das für mich persönlich kein großes Problem. "Bitte verklag uns nicht, Trainer, du bekommst dein Geld", haben die Vorstände von Gala immer zu mir gesagt. Kurz bevor ich bei der Eintracht entlassen wurde, 2011 war das, haben sie dann mein ausstehendes Gehalt überwiesen. Das war sehr kurios.

Wie sind Sie damit umgegangen?

Skibbe:  Die schlechte Zahlungsmoral der türkischen Klubs ist der Tatsache geschuldet, dass dort vor allem bei Spielertransfers häufig nicht vernünftig gewirtschaftet wird. Die Finanzströme sind teilweise kaum nachvollziehbar. Bei Gala war es immerhin so, dass die Vorstände sehr nette Menschen waren. Wir hatten damals ein gutes Verhältnis und treffen uns auch noch heute gelegentlich zum Essen in Istanbul. Deswegen habe ich sie nicht verklagt. Ich wusste, dass ich mein Geld irgendwann bekommen würde.

Warum sind Sie nach Deutschland zurückgekehrt?

Skibbe:  Eine Rückkehr nach Deutschland war in den vergangenen Jahren immer wieder in meinem Hinterkopf, hat sich aber einfach nicht ergeben. Ich muss aber zugeben: Nach meiner gescheiterten Etappe bei Hertha BSC wollte ich erst einmal weg aus Deutschland.

Anfang 2012 war das, Sie waren nur zwei Monate lang bei den Berlinern, die später sogar in die 2. Bundesliga abstiegen. Wie blicken Sie auf diese Zeit zurück?

Skibbe:  Es war ein Desaster, der absolute Tiefpunkt meiner Trainerkarriere. In der Vorbereitung auf die Rückrunde hat eigentlich alles funktioniert, das Klima innerhalb der Mannschaft und die Leistungen in den Testspielen waren prima. Der Kader hatte in der Breite trotzdem kein Bundesliga-Niveau und es war von Anfang an klar, dass wir gegen den Abstieg spielen würden. Nach ein paar Negativresultaten musste ich dann gehen. Das war sehr bitter.

Skibbe: "Moukoko bringt vieles mit, um ein Top-Spieler zu werden"

Was hat den Ausschlag für Ihre Rückkehr zum BVB in diesem Sommer gegeben?

Skibbe:  Ich hatte viele Anfragen, auch aus dem Ausland und der 2. Bundesliga, aber als Anfang März die Anfrage von Lars Ricken und Michael Zorc kam, habe ich keine Sekunde gezögert. Für mich war unabhängig von der Altersklasse der Spieler klar, dass ich zu einem Klub mit einem mir bekannten Umfeld möchte, in dem man in Ruhe und gemeinschaftlich arbeiten kann. Das ist beim BVB gegeben. Dass mein langjähriger Weggefährte und Co-Trainer Edwin Boekamp hier als Nachwuchskoordinator tätig ist, hat ebenfalls zu meiner Entscheidung beigetragen.

Als Chefausbilder geben Sie Ihre Erfahrung an jüngere Fußballlehrer weiter. Gleichzeitig betreuen Sie die U19, bei der Youssoufa Moukoko gerade für Furore sorgt. Ist er das größte Talent, das Sie jemals gesehen haben?

Skibbe:  Das größte Talent habe ich 2005 als Trainer der deutschen U20-Nationalmannschaft bei einem WM-Spiel gegen Argentinien gesehen. Lionel Messi war damals erst 15 oder 16, aber schon wahnsinnig weit. Was der gespielt hat, war einfach irre, auch wenn er unserem Torwart Rene Adler mit einem Schuss die Nase gebrochen hat. Wir brauchen uns aber nichts vorzumachen: Youssoufa bringt vieles mit, um ein Top-Spieler zu werden. Wir werden ihn auf dem Weg dorthin bestmöglich begleiten.

Skibbe: "Journalist? Hätte mich auf Dauer nicht erfüllt"

Moukoko ist gerade einmal 14 Jahre alt. Was stimmt Sie abgesehen von seinen fußballerischen Fähigkeiten positiv, dass er ein Top-Spieler wird?

Skibbe:  Talent allein reicht nicht aus, man muss auch hart arbeiten. Das macht Youssoufa. Er ist überaus fleißig und legt neben dem Mannschaftstraining zusätzliche Schichten ein, um sich zu verbessern. Außerdem ist er ein feiner, ausgeglichener Kerl, der sich überall toll einzuordnen und einzubringen weiß. Er fühlt sich anderen nicht überlegen, deshalb bin ich mir sicher, dass er eine tolle Persönlichkeit entwickeln wird. Genauso wie viele andere Jungs aus unseren Jugendmannschaften. Auch bei Giovanni Reyna hoffen wir, dass er eines Tages in der Bundesliga spielen wird - vorausgesetzt natürlich, er bleibt gesund. Das ist das A und O, wie man in meinem Fall am besten sehen kann.

Sie wurden mit Anfang 20 wegen mehrerer Kreuzbandrisse zum Sportinvaliden. Stimmt es, dass Sie vor Ihrer Trainerlaufbahn gerne Journalist geworden wären?

Skibbe:  Ich wollte es nicht, wäre es tatsächlich aber fast geworden. Nach meinem frühen Karriereende bin ich dank der Hilfe des Journalisten Helmut Holz bei den  Ruhr Nachrichten  in Gelsenkirchen gelandet. Dort habe ich ein Volontariat begonnen und mich nebenbei noch an der Uni Münster für Publizistik eingeschrieben. Zum Glück hat mich Rudi Assauer kurz darauf angerufen und gefragt: "Willst du nicht bei uns in der Jugend arbeiten?" Ich glaube nicht, dass mich der Job des Journalisten auf Dauer erfüllt hätte.

Sie wurden U17-Trainer beim FC Schalke 04. Nach zwei Jahren wechselten Sie dann in die Jugendabteilung des BVB. Warum?

Skibbe:  Aus mehreren Gründen. Zum einen war das Geschäft schon damals sehr schnelllebig. Rudi Assauer wurde als Manager entlassen und ich kam mit dem neuen Präsidenten nicht so gut zurecht. Zum anderen hatte der Verein kein Geld. Ich wurde im ersten Jahr zu 70 Prozent von der Berufsgenossenschaft bezahlt. Und wir reden hier nicht von hohen Beträgen, das waren vielleicht 2000 oder 3000 D-Mark im Monat. Deshalb musste ich nicht lange überlegen, als die Anfrage von Michael Meier und Walter Maahs aus Dortmund kam.

Beim BVB übernahmen Sie zunächst Rolle des Jugendkoordinators. Nach insgesamt neun Jahren stiegen Sie mit 32 Jahren zum Coach der Profis auf. Waren Sie rückblickend zu jung für diese Aufgabe?

Skibbe:  Ich war jung, aber nicht zu jung. Die erste Saison haben wir ja auch als Vierter abgeschlossen und in der zweiten Saison haben wir vor der Winterpause ebenfalls den vierten Platz belegt. Das war ordentlich. Bergab ging es eigentlich erst, als ich nicht mehr Trainer war.

Skibbe: "Icke konnte mit dem medialen Echo nicht umgehen"

Ihnen wurden damals auch Probleme mit erfahrenen Spielern nachgesagt, insbesondere mit Thomas Häßler.

Skibbe:  Ich hatte nie etwas gegen Icke, sondern schlichtweg ein Überangebot an Mittelfeldspielern. Sergej Barbarez war geholt worden und Andi Möller, der eigentlich gehen sollte, geblieben. Hinzu kamen Spieler wie Lars Ricken, Steffen Freund oder Christian Nerlinger. Und auch vorne waren wir mit Heiko Herrlich und Stephane Chapuisat hervorragend besetzt. Da war es klar, dass Icke ab und zu auf die Bank muss.

Es gibt ein Foto, das den zum Reservisten degradierten Weltmeister Häßler am Rande eines Pokalspiels gegen Schalke beim Tragen einer Kiste Wasser zeigt.

Skibbe:  Daran kann ich mich noch genau erinnern. Das war natürlich gefundenes Fressen für die Presse. Dabei hat Icke es nur gut gemeint und seine Mitspieler vor dem Start der Verlängerung unterstützen wollen. Ich habe ihn nicht dazu aufgefordert, die Kiste zu tragen. Er war an diesem Abend auch gar nicht sauer. Trotzdem war unser Verhältnis hinterher ein anderes.

Warum?

Skibbe:  Er konnte mit dem medialen Echo nicht umgehen. "Vom Weltmeister zum Wasserträger", hieß es tags darauf in der Presse. Das Thema wurde unnötig aufgebauscht, und für Icke wurde es intern immer schwieriger. Eine große Rolle hat dabei sicher auch seine damalige Frau und Managerin gespielt. Mehr möchte ich dazu nicht sagen.

Haben Sie sich inzwischen ausgesprochen?

Skibbe:  Es gab nichts auszusprechen. Wir kommen heute gut miteinander zurecht. Ich kenne Icke schon lange und schätze ihn sehr. Wir haben auch mehrere Jahre in der Jugendnationalmannschaft zusammengespielt.

Skibbe: "Habe überhaupt kein Problem mit Schalke"

Als gebürtiger Gelsenkirchener und ehemaliger Schalker Jugendspieler hatten Sie damals keinen leichten Stand bei den Dortmunder Anhängern.

Skibbe:  Kurioserweise aber erst, als ich vom Jugend- zum Profitrainer befördert wurde. Ich weiß noch, als ich kurz nach meiner Beförderung auf einer Fandelegiertentagung war und mich dort ein Vertreter als "Scheiß Blauer" beschimpft hat, obwohl ich schon seit acht Jahren im Verein war. Der wollte, dass ich der Schalker Zeit abschwöre. Das kam für mich aber nicht infrage. Ich kann und möchte meine Herkunft nicht leugnen und habe auch bis heute überhaupt nichts gegen Schalke. Ich gewinne aber gerne gegen sie.

Wie ist Ihre Beziehung zu den BVB-Fans heute?

Skibbe:  Sehr gut. Viele fragen mich nach Fotos, wenn ich im Stadion bin und geben mir positives Feedback.

Können Sie sich vorstellen, noch einmal als Profitrainer zu arbeiten?

Skibbe:  Ich habe mich bewusst und aus voller Überzeugung für eine Tätigkeit im Jugendbereich entschieden. Dort sehe ich mich auch langfristig. Ich möchte den Dreijahresvertrag, den ich hier unterschrieben habe, mindestens erfüllen.