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BVB-Markenbotschafter Patrick Owomoyela im Interview: "Ich habe in der Scheiße gewühlt"

12:15 MESZ 10.05.19
ONLY GERMANY - Patrick Owomoyela
Patrick Owomoyela hat in seiner Karriere viel erlebt. Im Interview plaudert der Ex-BVB-Profi aus dem Nähkästchen und blickt zurück.

EXKLUSIV

Patrick Owomoyela hat die längste Zeit seiner Profikarriere bei Borussia Dortmund verbracht. 2018 kehrte er als Markenbotschafter zum BVB zurück. Im Interview mit Goal und SPOX lässt er seine Karriere Revue passieren.

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Der 39-Jährige hat mittlerweile "golfend das Angeln für sich entdeckt". Er arbeitet nicht nur für den BVB, sondern ist auch in der Auslandsvermarktung der DFL tätig. Angefangen hat alles ganz ohne Kamera zwischen frisierten Mofas und kaputten Heizkesseln.

Owomoyela spricht über den wichtigsten Trainer seiner Karriere, das Duo Klinsmann/Löw, die erste Klopp-Ansprache und Spiele gegen Pavel Nedved und Ronaldinho.

Herr Owomoyela, Sie beschreiben sich bei Instagram als "Ex-Fußball-Profi, der neben medialer Arbeit golfend das Angeln für sich entdeckt hat". Zudem sind Sie glühender NBA- und NFL-Fan. Wann schlafen Sie?

Patrick Owomoyela: Mein Sohn sagt: immer dann, wenn er mit mir spielen will. (lacht) Das ist aber nicht ganz wahr. Es gibt schon Tage, an denen ich tagsüber auf der Couch hänge, weil ich spät zu Hause war, nach Flügen Jetlag habe oder mir den Super Bowl angeguckt habe. Gerade die Reisen machen das Ganze etwas anstrengender, als viele meinen mögen. Trotzdem ist die Arbeit ein großer Spaß, weil ich mit meiner größten Leidenschaft zu tun habe - und deshalb kann ich auch mal auf ein paar Stunden Schlaf verzichten.

Was hat es mit dem Angeln auf sich?

Owomoyela: Da kann ich neben dem Motorradfahren am besten abschalten. Wenn es mein Kalender zulässt, fahre ich im Sommer gerne ganz alleine quer durch Europa und mache das Handy aus. Dann stehe ich am Wasser und versuche, Fische zu angeln. Das Angeln ist meine Art Yoga und hilft, meine Speicher aufzufüllen.

Sie waren schon recht früh jemand, der einen hohen Taten- und Bewegungsdrang hatte, oder?

Owomoyela: Das stimmt. Besonders natürlich, weil ich Fußball und Basketball gespielt habe. Während meiner Schulzeit versuchte ich mich sogar noch im Eishockey. Das habe ich aus Zeitgründen aber wieder aufgegeben.

Wieso wurde es am Ende der Fußball?

Owomoyela: Ich bin ein Kind der Generation Michael Jordan. Auf Sat.1 habe ich mir das NBA-Magazin "Jump ran" mit Lou Richter reingezogen. Das alles hat mich sehr geprägt und war der Grund dafür, weshalb ich überhaupt zum Basketball gekommen und dabeigeblieben bin. Mit 18, 19 Jahren musste ich mich entscheiden, welche Sportart ich im Herrenbereich verfolgen möchte, da beides parallel zeitlich nicht mehr machbar gewesen wäre. Im Fußball steuerte ich auf Semi-Profiniveau zu und beim Basketball schaffte ich es in die 3. Liga. Nur gab es im Fußball schon ein wenig Taschengeld, während ich beim Basketball noch einen Monatsbeitrag zahlen musste. Daher war die Entscheidung relativ simpel. (lacht)

Sie haben zu dieser Zeit nebenbei auch noch eine Ausbildung zum Klempner gemacht. 

Owomoyela: Ich fing als Jugendlicher früh an, mein Fahrrad auseinander und wieder zusammen zu bauen. Später habe ich auch an Mofas herumgespielt. Selbst als ich noch nicht selbst fahren durfte, habe ich versucht, Mofas zu frisieren. Eigentlich wollte ich Kfz-Mechaniker werden. Ich war kein Bücherwurm, der studieren wollte.

Was ist aus der Kfz-Mechaniker-Sache geworden?

Owomoyela: Ich wollte vor allem an Autos herumschrauben, aber nur bei den Topmarken arbeiten - BMW, Mercedes, Porsche. Die stellten aber nur Leute mit Abitur ein, und ich hatte einen Realschulabschluss. In meinem Freundeskreis hatten damals aber schon einige als Wasserinstallateur angefangen. Da gab es schon im ersten Lehrjahr ganz ordentliches Geld, 800 Mark waren das. Ich dachte mir: Ich schraube jetzt zwar an Heizkesseln und nicht an Autos herum, aber bekomme gutes Taschengeld. Ich war damals eben relativ finanzorientiert. (lacht) Auch wenn mir der Beruf Spaß gemacht hat, habe ich im wahrsten Sinne des Wortes oft in der Scheiße gewühlt.

Glücklicherweise gab es ja noch den Fußball. Ihre Karriere kam 1999 beim Lüneberger SK langsam ins Rollen.

Owomoyela: Mit 20 war ich mit der Ausbildung fertig. Bis dahin habe ich zu Hause gewohnt. In meinem zweiten Jahr in der Regionalliga spielte ich dann nur noch Fußball und habe den Beruf quasi mit Erhalt des Gesellenbriefs an den Haken gehängt.

Anders gesagt: Sie wurden Profi.

Owomoyela: Naja, Profi ist relativ. Es war eigentlich noch zur Hälfte Amateurbereich. Das war zwar damals die 3. Liga, die noch Regionalliga hieß, aber sportlich und auch von der Darstellung her war sie nicht im Ansatz so professionell wie die 3. Liga heute. Da wurde manchmal schon der Kasten Bier in die Kabine gestellt, wenn es einen gewissen Anlass gab. Bei Geburtstagen schmiss der Hausmeister am Trainingsgelände den Grill an und solche Sachen. Das hat sich dann in Bielefeld natürlich geändert.

Ihr Wechsel zur Arminia 2003 war Ihr Aufstieg in die 2. Liga. Wie haben Sie diesen wichtigen Schritt in Erinnerung?

Owomoyela: Es war eine gute Zeit, ich habe mich sehr wohl gefühlt. Bielefeld war auch eine größere Stadt. Zuvor in Paderborn war es schon sehr ruhig und konservativ. Meine Zeit beim VfL Osnabrück war zwar nicht schlecht, aber für mich als junger Fußballer, der auch mal gerne ausgegangen ist, war das in Bielefeld schon besser - natürlich auch aus sportlicher Sicht.

Sie stiegen mit Bielefeld 2004 in die Bundesliga auf und spielten sich in die Nationalmannschaft. Das alles unter Trainer Uwe Rapolder, der heute einen beinahe ausgestorbener Trainertyp verkörpert. Welche Rolle spielte er für Sie?

Owomoyela: Er hat mich in der 2. Liga vom Außenstürmer zum Rechtsverteidiger gemacht. Rapolder war wohl der wichtigste Trainer in meiner Ausbildung. Er hat bei mir das Grundgerüst geschmückt und deshalb habe ich ihm sehr, sehr viel zu verdanken.

Er war damals schon ein sehr erfahrener Trainer. Hat er Sie auch mental auf das Fußballgeschäft vorbereitet?

Owomoyela: Nein, das musste er gar nicht. Fußball ist ein hartes Geschäft. Ich glaube aber, dass mein eigenes Leben schon immer die richtige Schule dafür war. Ich komme aus relativ einfachen Verhältnissen, wir hatten nichts im Überfluss. Ich lebte bei meiner Mutter und war oft alleine. Mein älterer Bruder war sehr früh aus dem Haus und hat sich um seine Dinge gekümmert. Ich musste also zusehen, wo ich bleibe und mich durchboxen - auch verbal. Diese Erfahrungen haben mir später im Fußball schon geholfen.

Fehlt diese Schule manchen Spielern heutzutage?

Owomoyela: Heute werden viele Spieler in Watte gebettet. Es wird ihnen alles vorgekaut und dargereicht, nur auf dem Platz müssen sie sich dann selbst etwas erarbeiten. Vielleicht gibt es heute in der Spitze insgesamt gesehen weniger Spieler, die robust genug für dieses Business sind.

Jürgen Klinsmann berief Sie 2004 ins DFB-Team. Rapolder sagte später, Klinsmann sei zwar ein guter Teammanager, aber kein Trainer. Welchen Eindruck hatten Sie?

Owomoyela: Klinsmann war schon der Chef, was die Entscheidungen und Kommunikation betraf. Jogi Löw aber leitete und strukturierte das Training. Er war der Taktiker, Klinsmann der Motivator. Deshalb kann ich Uwe Rapolder in der Sache nicht widersprechen. Klinsmann und Löw waren aber vor allem ein gutes Team.

Sie bestritten letztlich elf Spiele für Deutschland. Wie blicken Sie darauf zurück?

Owomoyela: Es war aufregend und ging wie immer bei mir ziemlich steil nach oben, ich hatte schnell große Spielanteile, die Zeit endete jedoch genauso abrupt. Ich verpasste aufgrund einer Verletzung den Confed Cup, danach war es für mich nicht mehr so leicht. Insgesamt eine wilde Fahrt, aber ich bin stolz auf diese Zeit. Das war schon okay so.

Zur WM 2006 brachte die rechtsextreme NPD einen sogenannten WM-Planer heraus, auf dessen Vorderseite ein Trikot der deutschen Nationalmannschaft mit Ihrer Rückennummer 25 zu sehen war. Darunter der Slogan: "Weiß - nicht nur eine Trikot-Farbe! Für eine echte NATIONAL-Mannschaft". Wie sehr hat Sie das damals beschäftigt?

Owomoyela: Das geschmacklose und menschenverachtende Vorgehen der NPD zeigte mir, dass die exponierte Stellung als Fußballer nicht nur Positives mit sich bringt. Es gibt leider eben bis heute solche Idioten. Und das musste ich bei dieser Geschichte lernen.

Ist Ihnen zuvor oder danach beim Fußball Rassismus widerfahren?

Owomoyela: Hauptsächlich im semiprofessionellen Bereich. Da gab es Affenlaute oder man hat mich "schwarze Sau" genannt. Das war wohl oft der kürzeste Weg, um mir wehzutun. Das Rassismus-Problem existiert nach wie vor, es ist mittlerweile leider sogar auch wieder ein größeres gesellschaftliches Problem geworden. Zwar wird gerade im Sport von Vereinen, Verbänden und Ligen mehr dagegen getan, das heißt aber keineswegs, dass es genug ist und das Problem damit verschwindet. Es kann nie genug gegen solche Auswüchse getan werden.

Sie wurden im November 2006 für Ihr Engagement gegen Fremdenfeindlichkeit mit dem Udo-Lindenberg-Preis ausgezeichnet, mussten ihn aber verletzt entgegennehmen. Ihr Körper stand Ihnen im Verlaufe der Karriere immer wieder im Weg. Wie sind Sie als damit umgegangen?

Owomoyela: Das waren Prüfungen. Ich sah das immer als Chance, an Schwächen zu arbeiten. Ich lernte während meiner ersten langen Verletzungspause bei Werder, mit dem linken Fuß zu flanken. In Paderborn war ich verletzt und arbeitete an meiner Ausdauer. Das hätte ich vielleicht auch noch später öfter machen sollen. (lacht)

Trotz Ihres Verletzungspechs buhlte Werder Bremen um Sie. Plötzlich spielten Sie beim BVB von damals, dem ärgsten Rivalen der Bayern. Die Gegner hießen nun Juventus und Barcelona. Wie fühlte sich das an?

Owomoyela: Zwischen meinen Debüts in der 2. Liga und in der Nationalmannschaft lagen keine zwei Jahre - und ein Jahr später spielte ich gegen Ronaldinho und Pavel Nedved. Da bleibt keine Zeit für Reflexion. Das rauscht alles so mit. Natürlich fand ich das geil, dass mir solche Gegenspieler gegenüberstanden. Ich wünschte, ich könnte diese Zeit nochmal erleben.

Der nächste Karriereschritt führte Sie nach Dortmund, nachdem Sie sich in Bremen zwei Jahre lang zwischen Rasen und Rehazentrum aufhalten mussten.

Owomoyela: Ich ging damals vom Tabellenzweiten zum -dreizehnten. Für mich war der Wechsel zum BVB ein Rückschritt, zumindest gefühlt. Glücklicherweise hat sich das recht schnell als Fehleinschätzung herausgestellt.

Neben Ihnen kam auch Jürgen Klopp nach Dortmund. Wie haben Sie die ersten Ansprachen von ihm empfunden?

Owomoyela: Alles war total neu und spannend. Ich hatte zuvor unter Thomas Schaaf trainiert. Er ist ein Trainer, der sehr wenige Worte benutzt, um zu sagen, was er denkt. Jürgen Klopp ist das genaue Gegenteil. Er benutzt nicht zu viele, aber sehr viele Worte und kann alles sehr bildlich ausschmücken.

Der BVB ging unter Klopp nach und nach durch die Decke. Was war letztlich sein Erfolgsrezept?

Owomoyela: Du musst als Trainer für ein positives Arbeitsklima sorgen. Man muss dafür nicht überall Buddhas aufstellen oder das Trainingsgelände nach Feng Shui einrichten. Die Arbeit sollte einfach Spaß machen. So ging Jürgen das an, mit viel Humor, aber auch harter Arbeit. Das kam bei uns Spielern sehr, sehr gut an. Wir haben unter ihm viel gelacht. Diese Erlebnisse waren für uns alle gleich angenehm, frisch und neu.

Unter Klopp gewannen Sie zwei Meistertitel und den DFB-Pokal. Diese Zeit hat Sie sehr an den Klub gebunden, 2018 sind Sie als Klub-Repräsentant ins Marketing der Borussia zurückgekehrt.

Owomoyela: Für mich ist der BVB einer der besten Vereine in Europa. Wenn man für einen Verein arbeiten möchte, gibt es nicht viele bessere Adressen. Ich bin auch mit der Stadt extrem verbandelt. Mein Sohn wurde hier geboren, auch meine Lebensgefährtin stammt von dort. Es war für mich ein Glückstreffer, als mir der Verein diese Möglichkeit angeboten hatte.