Der BVB festgefahren in der Krise: Lucien Favre fehlen die Worte

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Es ist an Trainer Lucien Favre, die Brandherde beim BVB zu löschen. Doch der Schweizer kann nicht aus seiner Haut.

HINTERGRUND

Ob man angesichts des siebten (nach den Partien am Sonntag sogar achten) Tabellenplatzes den Meisterschaftsanspruch nicht zumindest "vorübergehend auf Eis legen" müsse, wurde Lucien Favre im Aktuellen Sportstudio am Samstagabend gefragt. Hätte er nicht eine Hand am Mikrofon und die andere am Pult gehabt, der Schweizer hätte vielleicht abgewinkt. "Ja, ich weiß, ich weiß", nickte er, und entschloss sich, die Frage nach dem Titel geflissentlich zu ignorieren.

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Stattdessen kniff der BVB-Trainer die Augen zusammen, überlegte kurz und versuchte dann, zum wiederholten Male an diesem Abend die Gründe für das magere 2:2 gegen Werder Bremen zusammenzufassen. "Wir müssen mehr Ballbesitz haben und im richtigen Moment beschleunigen. Wir spielen manchmal überhastet", fiel sein Fazit diesmal aus.

Das Fass mit dem bösen M-Wort sollte angesichts des nächsten Punktverlustes nicht schon wieder aufgemacht werden, hatte man sich in den letzten Tagen doch erst mehr oder minder erfolglos mit dem anderen M-Wort herumgeschlagen, das durch Dortmund geisterte: die vermaledeite Mentalitätsfrage.

Also vermied Favre einen weiteren Brandherd, schließlich hat er nach dem schwächsten Saisonstart seit fünf Jahren derer genug zu löschen.

Der BVB in der Krise: Standardschwäche, individuelle Fehler, Rotation

Da wäre die Frage, wieso der BVB seine PS ausgerechnet gegen "kleinere" Gegner nicht auf die Straße bringt. Hervorragende Auftritte ohne Gegentor (!) gegen Barcelona und Leverkusen, Magerkost gegen Berlin, Bremen und Konsorten. Die unerklärliche Standardschwäche, die vielen Gegentore. Oder die Frage, warum im Vergleich zur Vorsaison die Joker nicht mehr stechen und die Schlussphase nicht mehr zu den Stärken des Teams gehört.

Favre muss den hochkarätig verstärkten Kader bei Laune halten, doch die neuen Stars haben ihre Rolle, ihren Platz im Mannschaftsgefüge noch nicht gefunden. Angesichts der englischen Wochen muss er rotieren, so rückte gegen Werder unter anderem Mario Götze wieder in die Startelf. Doch wann ist es zu viel Rotation, und wann zu wenig?

Lucien Favre Borussia Dortmund 2019

Gleichzeitig muss die Aufstellung zu den formulierten Zielen passen. "Wir können nicht immer drei oder vier Tore machen", lamentierte Favre nach dem zweiten 2:2 in Folge. "Wir müssen auch mal mit 1:0 gewinnen." Gleichzeitig ließ er Thomas Delaney, einen prototypischen 1:0-Spieler, zum dritten Mal in dieser Spielzeit 90 Minuten auf der Bank. Warum? Favre will das knappe Ergebnis nicht erkämpfen, sondern mit einem Tiki-Taka-Verschnitt über die Zeit bringen. 65 Prozent Ballbesitz - für Favre immer noch zu wenig.

Durchwachsene BVB-Leistungen: Michael Zorc hat "keine Erklärung"

Die delikate Balance, die ein solches Ideal erfordert, sie ist beim BVB noch nicht vorhanden. Wann gepasst, wann gedribbelt werden soll, der Mix aus Kontrolle und Tempoverschärfung, die Kleinigkeiten und "vielen Details, die den Unterschied machen können", um es mit Favre selbst zu sagen. Mit der Leistung an sich sei er dennoch zufrieden, betonte er.

Nicht zufrieden sein kann Favre mit der Psyche seiner Mannschaft - und da liegt womöglich sein größtes Problem dieser Tage. Man mag die aktuellen Probleme mit fehlender Mentalität erklären, mit mangelndem Spielglück, individuellen Fehlern, schwacher Form einiger Leistungsträger oder der Chancenverwertung. Oder es wie Michael Zorc gegenüber der WAZ ausdrücken: "Ich habe dafür noch keine Erklärung."

Eines ist nach den letzten Wochen jedoch offensichtlich: Der BVB ist im Kopf nicht frei. Die verspielte Meisterschaft der Vorsaison scheint noch nicht aus den Gedanken verbannt, die öffentlichen Kampfansagen gen München haben nicht für Aufbruchstimmung gesorgt, sondern auch für Unruhe und Hektik auf dem Rasen, wenn es mal nicht so läuft. Der "Wenn nicht jetzt, wann dann?"-Titelanspruch sorgt für Druck, jeder Punktverlust tut plötzlich enorm weh.

Und muss haarklein begründet werden. Fast scheint es, als würden sich die Führungsspieler noch auf dem Platz überlegen, welche Message sie in den anschließenden Interviews senden wollen. Reus' Appell nach der Niederlage bei Union Berlin, seine Kritik an der "Mentalitätsscheiße", oder auch die regelmäßigen Ansagen von Keeper Bürki - sie sind dem Druck auf die Mannschaft und den gestiegenen eigenen Erwartungen geschuldet.

BVB-Trainer Lucien Favre: Mann der leisen Töne

Hier kommt die große Schwäche Favres ins Spiel: Er schafft es nicht, diese Krise in der Öffentlichkeit wegzumoderieren. Es mag auch der Sprachbarriere geschuldet sein, doch der 61-Jährige ist ein Mann der leisen Worte, auf Pressekonferenzen fast schon legendär wortkarg. Er ist niemand, der öffentlich dazwischenhaut. Ihm fehlt das Bravado, die Überlebensgröße eines Jürgen Klopp.

Es war kein Zufall, dass Manager Zorc auf der Pressekonferenz am vergangenen Donnerstag an Favres Seite das Wort ergriff, als es darum ging, die Debatte um Kapitän Reus im Keim zu ersticken.

Dortmund

Und so passte auch die Reaktion des Trainers auf Bürkis "Wir spielen nicht wie Männer"-Kritik ins Bild. Darauf angesprochen, pflichtete Favre seinem Torhüter weder bei, noch versuchte er, den Satz einzuordnen oder auf eine ihm nützliche Weise zu interpretieren. Seine einzige Reaktion wirkte hilflos: "Ich weiß nicht, was er damit sagen wollte." So löscht man keine Brandherde.

Mats Hummels fehlt dem BVB: Für diese Situationen wurde er geholt

Ob es an Favre liegt, dass die Spieler an Mikrofonen der Journalisten um markige Worte nicht verlegen sind, ob sie damit ein verspürtes Defizit an Feuer im Team wettmachen wollen, dafür müsste man in der Kabine sein. Der brave Favre schafft es auf jeden Fall nicht, dieser Tage Sprachrohr des Teams zu sein, oder, wie es sich Niko Kovac mittlerweile angewöhnt hat, unangenehme Fragen auch mal wegzulächeln. Oder gar die Abteilung Attacke zu mimen und damit die Aufmerksamkeit weg von den Spielern zu lenken.

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In dieser Phase könnte ein Mats Hummels helfen. Der Innenverteidiger ist Führungsspieler und wäre eigentlich prädestiniert für die Rolle als Sprachrohr der Mannschaft. Doch Hummels hielt sich in Dortmund mit öffentlichen Ansagen bislang auffällig zurück: Möglichst wenig Aufmerksamkeit wollte der Rückkehrer aus München auf sich ziehen. Nun könnte er seine Wichtigkeit für die Mannschaft gleich in mehrfacher Hinsicht beweisen, dafür wurde er schließlich geholt. Aber ausgerechnet jetzt fehlt er verletzt.

Beim BVB wird man sich Gedanken machen, wie man neben den Problemen auf dem Platz auch der öffentlichen Wahrnehmung Herr werden kann. Zorc und Hans-Joachim Watzke sind gefragt, vielleicht sogar Berater Matthias Sammer, der mit gezielten Statements neue Reizpunkte setzen könnte.

Favre liegt diese Rolle nicht, er fühlt sich an der Taktiktafel wohler. Als er zum Ende seines Interviews im Sportstudio fast schon damit "getröstet" wurde, dass es ja nur drei Punkte Rückstand seien, setzte er noch einmal zu einer Antwort an. Nur um dann doch zu kapitulieren: "Ja, aber ... ja." Es war bereits alles gesagt.

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