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Thesen zum 28. Bundesliga-Spieltag: Ansgar Knauff ist kein One-Hit-Wonder – Hansi Flick sorgt für Verwunderung

11:58 MESZ 12.04.21
Joshua Kimmich FC Bayern München Bundesliga 10042021
Der 28. Bundesliga-Spieltag ist Geschichte und hatte wieder einige spannende Themen zu bieten. Goal und SPOX schauen zurück auf das Wochenende.

HINTERGRUND

Bayern Münchens Trainer Hansi Flick hat beim 1:1 gegen Union Berlin zwar viel rotiert, aber dennoch am falschen Ende gespart. Werder Bremen muss höllisch aufpassen, Heiko Herrlich sollte seinen Fußball erweitern. Und: Ein Trainer aus der Spitzengruppe kann sich seinen nächsten Arbeitgeber womöglich bald aussuchen. Die Thesen zum 28. Bundesliga-Spieltag.  

BVB: Ansgar Knauff hat das Zeug zum Piszczek-Nachfolger 

Es ist ein klassischer Reflex, im Moment des Hochgefühls eine falsche Einschätzung zu treffen. Insbesondere im Fußball ist das schon oft genug passiert, weshalb dafür irgendwann auch eine eigene Rubrik „erfunden“ wurde: Die Gruppe der One-Hit-Wonder.  

Ansgar Knauff hat bewegte Wochen hinter sich mit Bundesligadebüt, Startelfdebüt in der Champions League und dann seinem ersten Tor als Profi. Der Siegtreffer gegen den VfB lässt Dortmund noch eine vage Hoffnung auf das Minimalziel Champions-League-Qualifikation und über diese Saison hinaus gedacht verspricht der 19-Jährige auf einer Problemposition eine echte Alternative zu werden.  

Beim 4:3 gegen Stuttgart kam Lukasz Piszczek mal wieder zu ein paar Minuten Spielzeit. Der Pole war fast zehn Jahre lang eine Institution auf der rechten Abwehrseite, aber Piszczeks Zeit neigt sich schon länger dem Ende zu. Der BVB hat schon einiges ausprobiert auf dieser rechten Seite, zuletzt waren dort Felix Passlack, Mateu Morey und Thomas Meunier im Einsatz.  

Knauff könnte gerade in der Grundordnung einer Dreierkette der neue Schienenspieler werden. Die Anlagen dafür bringt er jedenfalls mit: Eine gute Grundschnelligkeit, Technik und Torgefahr. Und dass man Flügelangreifer auch etwas defensiver umschulen kann, hat der BVB selbst gezeigt: Lukasz Piszczek wurde von Hertha BSC damals als Stürmer und Rechtsaußen verpflichtet, ehe ihn Jürgen Klopp zum Rechtsverteidiger umbaute.  

Augsburg: Immer nur durchmogeln reicht nicht (mehr) 

Der FC Augsburg hat ein Spiel beim Letzten der Tabelle verloren. Das kann passieren und es war nun ja auch nicht so, dass der FCA auf Schalke hoffnungslos unterlegen gewesen wäre. Die Augsburger haben damit den wahrscheinlich entscheidenden Schritt zum Klassenerhalt verpasst, der gegen das abgeschlagene Schlusslicht eigentlich hätte erfolgen sollen.  

Und warum? Weil das Spiel diese eine Wendung genommen hatte, mit der die Augsburger so überhaupt gar nichts anfangen können. Das einzige Tor des Nachmittags fiel nach vier Minuten und für die Minimalisten-Fußballer aus Schwaben hieß das: Von diesem Zeitpunkt an mussten sie das Spiel selbst machen und das kann Augsburg ungefähr so gut wie Schalke - nämlich gar nicht. 

"Nach meinem Fehler ist unser Plan kaputt“, sagte Torhüter Rafal Gikiewicz nach dem Spiel und das war ebenso ehrlich wie entlarvend zugleich.  

Der Fußball unter Heiko Herrlich besteht in der Offensive aus Umschaltmomenten und ein paar Standardsituationen, das war‘s. Insofern ist es fast schon sensationell, dass Augsburg damit bereits 32 Punkte eingesammelt hat. Auf Dauer, also in der kommenden Saison - in welcher Liga auch immer der FCA diese bestreiten wird - dürfte das aber nicht noch ein zweites Mal zum Erreichen der Saisonziele reichen.  

Sich immer nur darauf zu verlassen, schon selbst irgendwann das erste Tor zu erzielen, ist keine gefestigte Basis für einen erfolgreichen Fußball. Es liegt an Herrlich, daran etwas zu ändern. Oder die Verantwortlichen werden früher oder später etwas verändern ... 

FC Bayern: Joshua Kimmich hätte geschont werden müssen  

Vor dem 28. Spieltag schon von Josip Stanisic gehört? Oder von Christopher Gavin Scott, Remy Vita, Dimitri Oberlin? Tiago Dantas schon mal spielen sehen? Nein? Gar nicht so schlimm. So dürfte es fast allen Fans gegangen sein, die sich nicht 24 Stunden am Tag mit dem FC Bayern im Allgemeinen und dessen U-Teams im Speziellen beschäftigen.  

Hansi Flick beorderte für die Partie gegen den FC Union gleich vier Nachwuchskräfte in den Kader oder gleich in die Startelf, dazu mit Dantas ein großes Talent, das bis dato drei Minuten in der Bundesliga spielen durfte. Das Brückenspiel in der Bundesliga inmitten der beiden Großkampftage gegen PSG und die angespannte Personalsituation machten eine sehr große Rotation nötig und angesichts der Umstände machten die Youngster - so sie denn zum Einsatz kamen - ihre Sache auch ganz ordentlich.  

Den Verlust von zwei Punkten beim Remis gegen Union konnten sich die Bayern dank ihrer Vorleistung aus dem Leipzig-Spiel eine Woche zuvor leisten. Und die Rotation verschaffte den verletzten oder angeschlagenen Spielern die nötige Ruhe, um gegen Paris unter der Woche vielleicht wieder spielfit zurückzukehren.  

Aber: Flick ließ seine wichtigsten gesunden Feldspieler erneut 90 Minuten lang durchackern. Joshua Kimmich bekam mal wieder keine Verschnaufpause, was angesichts der Lage und der Wichtigkeit der nächsten Partie in Paris dann doch verwunderte. Und auch Thomas Müller spielte komplett durch.

Müller scheint die enorme Belastung tatsächlich einfach so wegzustecken, Kimmich dagegen wirkte in den letzten Spielen schon nicht mehr so unverwundbar und unerschütterlich, wie er es Wochen und Monate davor war. Die Bayern benötigen aber einen topfitten, geistig frischen Kimmich für die Aufholjagd in Paris. Erst das Spiel am Dienstag wird zeigen, ob Flicks Entscheidung die richtige war. 

Adi Hütter könnte bald die Qual der Wahl haben 

Wenn von den - Stand 28. Spieltag - besten sechs Mannschaften der Saison in ein paar Wochen fünf einen neuen Trainer haben werden oder suchen müssen, dann wäre das eine einmalige Situation in der langen Geschichte der Bundesliga.  

Der VfL Wolfsburg könnte die einzige Ausnahme bleiben - ausgerechnet jener Klub, bei dem es zu Saisonbeginn beinahe zum Bruch zwischen Trainer und Sportchef gekommen wäre. Borussia Dortmund wird aber definitiv einen neuen Coach bekommen, dessen Name auch schon feststeht. Der FC Bayern droht Hansi Flick zu verlieren, die Anzeichen auf einen Abschied nach der Saison verdichten sich immer mehr. Dann wiederum könnte RB Leipzig alsbald ein Problem bekommen, wenn die Bayern weiterhin oder erneut hinter Julian Nagelsmann her sein sollten.  

Bayer Leverkusen hat die feste Absicht, zur neuen Saison seine Interimslösung Hannes Wolf abzulösen und Peter Bosz‘ Erbe langfristig neu zu besetzen. Und dann ist da noch Eintracht Frankfurt. Dort entsteht ein Vakuum, weil Sportchef Fredi Bobic den Klub verlassen wird. Seitdem stellt sich die Frage, was eigentlich mit Adi Hütter passiert. Der hatte vor ein paar Wochen noch klar kommuniziert, in Frankfurt zu bleiben.

Mittlerweile bröckelt dieser Treueschwur aber beachtlich. Hütter hält sich zurück mit weiteren Äußerungen und siegt sich stattdessen auf dem sportlichen Weg in Richtung Champions League. Oder nach Gladbach. Und wenn das alles doch nicht funktionieren sollte, bliebe ja unter Umständen noch die Option, sich mit alten Weggefährten wiederzuvereinigen. Als ehemaliger Trainer in Salzburg kennt Hütter den Red-Bull-Kosmos ja schon. 

Für Werder Bremen wird es richtig eng - nur Werder merkt das nicht 

Vor ein paar Wochen sah das so aus, als könne Werder Bremen endlich mal ein wenig durchatmen. Beim Nachholspiel in Bielefeld fuhr Werder die Punkte 28 bis 30 ein und das sollte nach 24 Spieltagen doch für ein wenig Entspannung sorgen. Vier Spiele und vier Niederlagen später sieht die Welt zwar immer noch vergleichsweise gut aus, aber der Blick darf dabei nicht (mehr) trügen: Werder hat in der Liga enorm schwere Aufgaben vor der Brust und die Gefahr, doch noch einmal ganz konkret unten reinzurutschen, ist definitiv gegeben.  

Es gibt ja fast in jeder Saison eine dieser Mannschaften, die ihren Abwärtstrend gar nicht so richtig begreifen und sich dann wundern, wenn sie zwei, drei Spieltage vor Schluss wieder richtigen Druck bekommen. Und diese Mannschaft könnte in dieser Saison Werder sein. "Wir schauen so nicht“, also nach unten, sagte Davie Selke nach dem 1:4 gegen Leipzig.  

Das kann man selbstbewusst nennen oder optimistisch. Aber die Erfahrungen der vergangenen Saison sollten noch präsent genug sein, um davor nicht einfach so die Augen zu verschließen.

Werder kann jeder Mannschaft Paroli bieten, das haben die Bremer in dieser Saison gezeigt. Deshalb ist auch das nächste Spiel bei Borussia Dortmund nicht einfach so abzuschenken. Und trotzdem schimmert jetzt schon die Partie in zwei Wochen leicht durch: Dann empfängt Werder den FSV Mainz zu einem sehr entscheidenden Spiel im Weserstadion. Noch sind es vier Punkte Vorsprung bis zum Relegationsplatz 16. Es waren mal elf.