Bruno Labbadia ist neuer Trainer des VfL Wolfsburg: Kein Grund für übertriebene Skepsis

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Das Echo auf die Verpflichtung Labbadias als Schmidt-Nachfolger beim VfL Wolfsburg war von großer Skepsis geprägt. Einen Grund dafür gibt es nicht.

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Nur etwas mehr als 18 Stunden dauerte es, bis der Nachfolger des am frühen Montagabend zurückgetretenen Martin Schmidt feststand. Am Dienstag um die Mittagszeit verkündete der VfL Wolfsburg: Bruno Labbadia wird neuer Trainer des Bundesligisten, der nach 23 Spieltagen mitten im Abstiegskampf steckt. Der 52-Jährige erhält einen Vertrag bis Sommer 2019.

"Bruno Labbadia ist ein sehr erfahrener Trainer, der seine Qualitäten in der Bundesliga schon mehrfach unter Beweis gestellt hat", sagte Wolfsburgs Sportdirektor Olaf Rebbe. Recht hat er. Und doch - vielleicht auch, weil man unmittelbar nach Schmidts Rücktritt noch betont hatte, keine sofortige Lösung für die Neubesetzung des Trainerpostens in der Schublade zu haben - kam das Echo auf die Vorstellung Labbadias so daher, als hätten die Wölfe gerade die panischste Verpflichtung der Vereinsgeschichte getätigt.

Wolfsburg-Fans reagieren mit Häme auf Labbadia

"Euch ist nicht mehr zu helfen", war der Tenor, der fast jeden Antwortpost unter der offiziellen Verkündung der Installation Labbadis auf Wolfsburgs Twitter-Kanal bestimmte. "Peinlich", schrieben die Fans oder: "Das ist ein Witz." Woher genau dieses vorschnelle Urteil kommt? Wahrscheinlich einfach aus der Emotion eines ob der jüngeren Vergangenheit gefrusteten Anhängers heraus. Denn nüchtern betrachtet gibt es für diese übertriebene Skepsis schlichtweg keinen Grund.

Klar, Labbadias letzter Trainerjob beim Hamburger SV, der im September 2016 mit seiner Entlassung geendet hatte, verlief unglücklich. Aber welcher Trainer wurde bei den Rothosen in den letzten Jahren schon glücklich? Richtig: Keiner! Von den letzten sieben HSV-Coaches vor Bernd Hollerbach war Labbadia sogar derjenige, der am längsten im Amt blieb.

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Und: Trotz der negativen letzten Erfahrung als Trainer ist es töricht, Labbadia, der die Bundesliga sowohl als Spieler als auch als Trainer in- und auswendig kennt, schon im Vorhinein die Fähigkeit abzusprechen, Wolfsburg wieder auf Kurs zu bringen. Zumal Labbadia im Gegensatz zu seinen Vorgängern Schmidt und Andries Jonker auch selbst auf höchstem Niveau kickte, über 100 Bundesliga-Tore erzielte. Gerade jetzt, da die Verunsicherung riesig ist, brauchen die VfL-Profis vielleicht genau das, vielleicht jemanden, der aus eigener Erfahrung weiß, was sie beschäftigt.

Und blendet man das jüngste HSV-Engagement aus, liest sich Labbadias Trainer-Vita gar nicht so schlecht, wie viele sie oft machen. Bei seiner ersten Station in Darmstadt (2003 bis 2006) machte er aus einem gerade abgestiegenen, am Boden liegenden Oberligisten einen Aspiranten auf den Zweitliga-Aufstieg. In Fürth (2007/08) spielte er lange um den Bundesliga-Aufstieg, ging nach Leverkusen und führte Bayer ins DFB-Pokalfinale.

Labbadia kann Wolfsburg sofort helfen

Leverkusen war jedoch auch der Ort, wo erstmals zum Vorschein kam, dass Labbadia mit seiner Art gerne aneckt. Es gab Komplikationen mit den Vereinsoberen, vor allem mit dem damaligen Bayer-Manager Michael Reschke soll es irgendwann nicht mehr funktioniert haben: "Es gibt für mich nichts Schlimmeres, als wenn Menschen Intrigen spinnen und auch nichts auf den Tisch bringen, wenn etwas im Raum steht", sagte Labbadia seinerzeit.

Der frühere Stürmer ist jemand, der kein Blatt vor den Mund nimmt, dabei sicherlich auch schon einmal übers Ziel hinausgeschossen hat. Möglicherweise ist es aber eben diese Kompromisslosigkeit, die Wolfsburg in der aktuellen Lage dringend benötigt. Schmidt, Jonker, Valerien Ismael - sie alle vertraten eher die zurückhaltendere, die sehr analytisch und detailversessen arbeitenden Trainergarde. Keiner von ihnen hatte beim VfL Erfolg.

Ohnehin: Die letzten Trainer, die mit Wolfsburg so richtig erfolgreich arbeiteten, waren Dieter Hecking und Meistermacher Felix Magath. Zwei, die für ehrliche Arbeit und Fußball-Romantik der 80er oder 90er Jahre stehen, die Profil haben. So wie Labbadia, der - wie Rebbe es vollkommen richtig betonte - bewiesen hat, dass er in der Bundesliga als Trainer Erfolg haben kann.

Labbadia kann Bundesliga - Wolfsburg-Klassenerhalt machbar

Den HSV, ja diesen HSV, führte er 2010 ins Halbfinale der Europa League, holte im Schnitt 1,63 Punkte pro Spiel. Einen besseren Punkteschnitt hatten von allen Trainern, die Wolfsburg seit dem Bundesliga-Aufstieg 1997 für mehr als 15 Spiele betreuten, nur Magath und Hecking.

Labbadias Zeit in Stuttgart (2010 bis 2013) war dann durchwachsen. Immerhin führte er den VfB, dessen schleichender Abstieg damals längst begonnen hatte, aber 2012 auf Rang sechs - seither war die beste Platzierung der Schwaben der zwölfte Rang.

Labbadia kann, wenn man ihn denn lässt, zumindest kurz- oder mittelfristig erfolgreich sein, das hat er unter Beweis gestellt. Und um mehr geht es in Wolfsburg vorerst ja nicht. Labbadia soll das Fiasko Abstieg verhindern, die Saison in ruhigem Fahrwasser beenden. Dazu ist er allemal in der Lage. Wer das nicht erkennt, sollte seine Vorurteile dringend überdenken.

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