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Borussia Dortmund: Das ist Trainerkandidat Peter Bosz

10:00 MESZ 05.06.17
Peter Bosz, Ajax, Eredivisie, 20160828
Borussia Dortmund verbindet einen herausragenden Kader mit einer spannenden Spielidee. Peter Bosz bringt alles mit, um erfolgreich sein zu können.

HINTERGRUND

Spätestens seit dem Europa-League-Viertelfinale zwischen Ajax Amsterdam und dem FC Schalke ist Peter Sylvester Bosz auch den deutschen Fußball-Fans ein Begriff. Damals verzauberte seine junge Ajax-Mannschaft alle Zuschauer ob der überragenden fußballerischen Leistung gegen die Königsblauen. Diesen Fußball wird er demnächst vermutlich bei Borussia Dortmund zelebrieren.

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Fragt man seine aktuellen Spieler bei Ajax über den 53-Jährigen, geraten diese ins Schwärmen. "Hier lerne ich Fußball. Jeder Pass muss auf den richtigen Fuß kommen. Die Übungen werden sofort wiederholt, wenn etwas nicht klappt. Das ist wie Unterricht in der Schule. Die Trainer sind Perfektionisten, und wir Spieler profitieren davon. Sie wollen sehen, dass wir immer wieder rangehen und es neu versuchen. Harte Bälle in den Fuß, sauberes Passspiel, Zutrauen, Spaß haben", beschrieb Flügelflitzer Amin Younes den Spielstil von Bosz kürzlich gegenüber dem Sportbuzzer.

Bosz entwickelt Cruyff-Fußball weiter

Er, der Unbekannte, hat Ajax zu neuem Erlebnisfußball getragen. Bosz hat das alte Ajax wiederbelebt. Jung, technisch versiert, schnell, torgefährlich. So kamen die Niederländer in der vergangenen Saison daher. Borussia Dortmunds Reviernachbar musste dies in zwei Spielen leidvoll erleben. Das aggressive Pressing nach dem Vorbild von Johann Cruyff wurde noch weiter perfektioniert. Nur zwei Sekunden soll der Ballführende Luft bekommen, bevor ein Spieler an ihm dran ist. Innerhalb von fünf Sekunden soll ein Bosz-Spieler den Ball zurückerobert haben. "Der Gegner braucht ungefähr fünf Sekunden, um in die richtigen Positionen zu kommen. Wir müssen den Ball in dieser Zeit zurückerobern", sagt Bosz.

Er hat bei Ajax seinen eigenen Stil des Pressing entwickelt. Die Gegenspieler werden schnell angelaufen, das Umschaltspiel ist noch viel gefährlicher. Alle im Team müssen mitarbeiten - offensiv wie defensiv. Kurz gesagt: Bosz liebt den Offensivfußball. Mutig, im hohen Tempo nach vorn, extrem bissig bei der Balleroberung - das wird der neue BVB. "Wenn ich mein Team nur verteidigen und zerstören sehe, wie ich es früher getan habe, würde ich es nicht genießen. Deshalb dachte ich mir: Wenn ich auf der Bank sitze, will ich mir selbst einen schönen Nachmittag machen. Wenn ich den selbst habe, haben den auch die Fans", sagte Bosz in einem Interview mit dem Guardian.

Dazu passen die Aussagen von Younes im Sportbuzzer: "Für die Fans ist das Unterhaltung. Wir sollen Chancen erspielen und ein Angriffsspiel aufziehen. Die Leute sind bei einem spielerisch schwachen 2:1-Sieg verärgert, freuen sich aber, wenn wir zehn Chancen bei einem 2:2 herausspielen."

Bosz-Fußball ist mehr als Pressing

Bosz hat seine fußballerischen Gedanken von Cruyff inspirieren lassen. Er las alles von und über den großen Niederländer, sammelte alles in einem eigenen Buch - sortiert nach den großen Themen Angriff, Abwehr und Taktik. Es ist seine Fußballbibel. Und mit den Methoden war Bosz schon vor dem letzten Jahr bei Ajax erfolgreich. Bei Heracles Almelo, Vitesse Arnheim und Maccabi Tel Aviv ließ er eben diesen Fußball spielen, war damit enorm erfolgreich. Vitesse unter Bosz? Das vielleicht spannendste Projekt des niederländischen Fußballs: den meisten Ballbesitz, die meisten Abschlüsse pro Spiel, die zweithöchste Passquote.

Dies verdeutlicht: Bosz-Fußball ist mehr als Pressing, wie man es beim BVB unter Klopp gewohnt war. Seine Mannschaften wissen auch mit dem Ball umzugehen. Der Niederländer bevorzugt das Ballbesitzspiel und würde spielerisch die Arbeit von Thomas Tuchel in diesem Bereich fortführen können. Ähnlich wie der in der vergangenen Woche gefeuerte Trainer ist Bosz absolut fußballverliebt. In einem wichtigen Punkt unterscheiden sie sich aber grundlegend: Der 53-Jährige ist einfacher im Umgang.

Eingestehen muss man ihm eine Eingewöhnungsphase mit der Mannschaft. Bei allen Stationen hatte er in den ersten Wochen kleinere Anlaufschwierigkeiten, bis seine Spieler sich an ihn und seine Spielweise gewöhnt hatten. So schied Ajax zum Beispiel in der Champions-League-Qualifikation gegen Rostov aus - wurde dann aber von Woche zu Woche besser, stand im Europa-League-Finale und verpasste die Meisterschaft nur knapp.


Jung und erfolgreich: Ajax unter Peter Bosz

Eine Sache ist dennoch nicht zu unterschätzen: Bosz spricht ausgezeichnet Deutsch, spielte mal bei Hansa Rostock in der Bundesliga. "Er bringt deutsche Mentalität mit, weil er viel Wert auf das Zusammenspiel und das Verständnis untereinanderlegt", sagte Younes und fügte an: "Jeder verzeiht dem anderen einen Fehler und unterstützt seine Mitspieler." Wer nicht mitzieht, ist raus. So erging es den großen Ajax-Talenten Riechedly Bazoer (heute Wolfsburg) und Anwar El Ghazi (heute Lille). Sie wurden zu aufmüpfig und ungeduldig. Die Folge: Sie mussten den Verein verlassen.

Beim BVB kommt Bosz zu Gute, dass die Mannschaft ohnehin schon sehr jung ist. Denn der 53-Jährige setzt vor allem auf Talente. Es könnte schwer werden für Spieler wie Lukasz Piszczek in der kommenden Saison noch auf dieselben Spielzeiten zu kommen wie in dieser Saison. Für Felix Passlack hingegen könnte es aufwärtsgehen. Auch die aufsteigenden Talente Dzenis Burnic und Jacob Bruun Larsen können sich sicherlich Hoffnungen auf Einsatzzeiten unter Bosz machen.

Borussia Dortmund fügt zwei Dinge zusammen: Den vielleicht spannendsten Kader Europas mit der vielleicht spannendsten Trainer-Idee der vergangenen Jahre. Mit Bosz wird der BVB sicherlich auf dem Feld der Boss - und mit etwas Glück auch in der Liga. Denn erfolgreich war Bosz in der Regel immer.