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St.Pauli-Stürmer Aziz Bouhaddouz: Träume vom Gummiplatz


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Lausbübisch lacht Aziz Bouhaddouz ins Telefon. "Ich sage es mal so", antwortet er, der als Jugendspieler nie beim Nachwuchs eines Profi-Klubs spielte, im Gespräch mit Goal. "Wenn ich mit zehn oder elf Jahren zu einem großen Verein gegangen wäre, würde ich jetzt Champions League spielen." Eine selbstbewusste Ansage. Nicht ganz ernst gemeint, klar. Aber sicherlich Ausdruck dessen, was den Stürmer des FC St. Pauli ausmacht.

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Bouhaddouz wusste schon immer, wo er hin will. Nach oben, so weit wie möglich. Dass der 30-Jährige heute einer der besten Torjäger der 2. Bundesliga ist, die Paulianer mit 15 Saisontoren fast im Alleingang zum Klassenerhalt geschossen hat, macht ihn stolz. Ihn und vermutlich ganz Dietzenbach.

Dort, im rund 30.000 Einwohner zählenden hessischen Städtchen im Schatten von Frankfurt und Offenbach, ist Bouhaddouz aufgewachsen. Und zockte mit seinen Kumpels, jeden Tag. "Nach der Schule ging es kurz nach Hause zum Essen, dann haben wir uns auf dem Gummiplatz getroffen und so lange gekickt, bis der Letzte gegangen ist. Wir waren 40 Mann, haben Turniere gespielt", erzählt der Marokkaner.

Er hatte Talent. Großes Talent sogar. An eine Karriere im Profi-Fußball war aber trotzdem lange nicht zu denken. "In der Nähe gab es nur Eintracht Frankfurt oder Kickers Offenbach", erklärt er. "Und die hatten speziell zu dieser Zeit sehr, sehr viele talentierte Jugendspieler, die großes Potenzial hatten und später Profis wurden. Dorthin zu kommen, war daher sehr schwer."

Bouhaddouz: "Selbstzweifel hatte ich nie"

Stattdessen kickte Bouhaddouz beim FC Dietzenbach, später kurz im Nachbarort bei der SpVgg Neu-Isenburg. "Man träumt natürlich von der ganz, ganz großen Bühne", sagt er rückblickend. Davon sei er jedoch extrem weit entfernt gewesen, habe andere Ziele, andere Sorgen gehabt.

Der Frage, ob es seine Träume beeinträchtigt habe, zu sehen, wie andere Jungs zu namhaften Klubs wechseln, dort erstklassig ausgebildet werden, während man selbst entweder mit Kumpels oder im Provinzklub spielt, entgegnet Bouhaddouz mit einem klaren Nein. "Selbstzweifel hatte ich nie", betont er.

Dabei gab es selbst in Dietzenbach, unter den Freunden und Klassenkameraden, mit denen er täglich nur den Ball im Kopf hatte, begabtere Kids. "Ich war jedenfalls nicht der Beste", sagt Bouhaddouz über die Zeit auf dem Gummiplatz. "Es gab da einige Jungs, die mehr Qualität hatten als ich."

Ebrahim Sawaneh zum Beispiel, genannt "Ibou". Er sei der vermeintlich Stärkste gewesen. "Er ist vor ein paar Jahren mal Torschützenkönig in Belgien geworden", weiß Bouhaddouz. Sawaneh ging einen ähnlichen Weg, war als Jugendlicher nie bei einem großen Klub. Seit 2006 spielt er fast ausnahmslos in Belgien, hatte seine besten Zeiten bei KSK Beveren und OH Leuven, ist derzeit in der zweiten belgischen Liga aktiv.

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Für ihn und Bouhaddouz hat sich der Profi-Traum erfüllt. Wem sie früher nacheiferten? "Ich war damals riesengroßer Bayern-Fan, das ist immer noch mein Lieblingsklub", verrät Bouhaddouz. "Giovane Elber war mein großes Vorbild, ein unglaublich guter Stürmer." Später fand er dann auch Roy Makaay überragend. Und nahm einiges auf sich, um seinen Stars möglichst nahe zu sein.

"Kempinski Hotel, Gravenbruch", sprudelt es aus ihm heraus. Dort bezog der FCB vor Auswärtsspielen bei Eintracht Frankfurt Quartier, Bouhaddouz tingelte in die nahegelegne Main-Metropole. "Ich habe sogar vor ihrem Hotel auf die Spieler gewartet, wenn Bayern in Frankfurt gespielt hat."

Irgendwann zündete dann auch seine eigene Laufbahn. Mit 17 wechselte er in den Nachwuchs des FSV Frankfurt, damals in der Oberliga angesiedelt. Mit 20 debütierte er in der ersten Mannschaft, etablierte sich später, nach einigen Aufstiegen, auch im Zweitliga-Kader des FSV.

Bouhaddouz, der Spätzünder

Zum nachhaltigen Durchbruch reichte es aber noch nicht. Bouhaddouz machte einen Schritt zurück, ging zu Wehen, zu Viktoria Köln, danach zur Zweitvertretung von Bayer Leverkusen. Mit Mitte 20 verbrachte der Stürmer zwei Jahre nur in der Regionalliga. Eine Erfahrung, die einigen Spielern die Courage für eine Rückkehr in den Profi-Bereich rauben würde. Bouhaddouz jedoch nicht.

"Den Glauben daran habe ich nie verloren", betont er. In Leverkusen habe er auch auf Einsätze in der Bundesliga-Mannschaft spekuliert. Es glückte ihm nicht, obwohl mit Eren Derdiyok und Stefan Kießling teilweise zwei Angreifer zeitgleich verletzt waren. "Mir hat das Quäntchen Glück gefehlt", sagt er. Statt es weiter bei Bayer zu probieren, heuerte er beim SV Sandhausen an. Der Wechsel, der ihn endgültig in Liga zwei etablieren sollte.

Vergangenen Sommer, nach zwei guten Jahren in Sandhausen, kam Bouhaddouz schließlich bei St. Pauli an, sorgte ordentlich für Furore, spielte im Januar mit Marokkos Nationalelf den Afrika-Cup. Doch der Junge vom Gummiplatz will mehr. Zwar nicht gleich die Champions League. Die deutsche Beletage soll es aber schon irgendwann sein. "Klar würde ich gerne Bundesliga spielen", sagt er. "Das ist für jeden Spieler ein Traum - und auch für mich auf jeden Fall ein großes Ziel."

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