Mit seinen Aussagen in einem Interview mit dem Spiegel über den immensen Druck im Profi-Fußball hatte der frühere deutsche Nationalspieler Per Mertesacker im März für viel Aufsehen gesorgt. Weltmeister Shkodran Mustafi, Mertesackers Teamkollege beim FC Arsenal, pflichtete Mertesacker nun im Interview mit dem SID bei - und erklärte die Hintergründe dafür.
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Außerdem sprach der 26-jährige Innenverteidiger über Ängste, seinen Glauben, seine neue Rolle als Vater und seine Chancen, doch noch auf den WM-Zug aufzuspringen.
Lassen Sie uns über die Entwicklung des Fußballs sprechen. Per Mertesacker hat eine Diskussion über überbordenden Druck angestoßen. Wie haben Sie das aufgenommen?
Shkodran Mustafi: "Ich habe viele Charaktere kennengelernt. Für den einen ist der Druck riesig, der andere hat Ruhepuls 40. Ich kann Per verstehen: Der Druck IST riesig. Man muss früh erwachsen sein, einem wird ein Stück weit die Kindheit, die Jugend genommen, man muss stark sein, eine Persönlichkeit. Man muss Fehler und Kritik annehmen. Hast du einen Fehler gemacht und dir sagen viele, wie schlecht du bist, ist es schon schwierig."
Sie waren allein qua Position sehr nah an Mertesacker. Er hatte das Image des Unerschütterlichen. Haben Sie bemerkt, wie es ihm ging?
Mustafi: "Hätte man mich gefragt, ob Per nervös ist, hätte ich gesagt: nein. Der macht sein Ding. Den bringt nichts aus der Ruhe. Es ist ja auch stark, nach der Karriere zu sagen: Ich hatte immer Druck, mir haben die Knie gezittert, aber ich habe das nicht gezeigt. Das ist eine Art von Professionalität, keinen anderen auch noch nervös zu machen."
Hat die Diskussion auch England erreicht?
Mustafi: "Es gab den einen oder anderen Bericht darüber, weil es einfach eine wahre Geschichte ist. Der Druck ist da, genau wie bei jedem anderen Menschen, der seine Arbeitsstelle nicht verlieren will, seine Familie ernähren muss. Das ist im Fußball noch extremer, weil du von Ergebnis zu Ergebnis lebst. Wenn du ein positives Ergebnis am Wochenende hast und verlierst am Donnerstag, interessiert das niemanden mehr."
Wie kann man lernen, damit umzugehen?
Mustafi: "Bei mir fing es bei Sampdoria Genua an. Trainer Sinisa Mihajlovic hat mir gesagt: Er schätzt, dass ich Fußball spiele. Er wollte keine langen Bälle. Es war unheimlich wichtig, dass er sagte: 'Du wirst spielen. Immer. Du wirst nur nicht spielen, wenn du an dir zweifelst. Ich will Spieler haben, die dazu stehen, was sie machen.' Am Ende ist wichtig, was ich selbst von mir denke, was die Mitspieler und der Trainer denken. Ich wollte keine Angst haben, Fehler zu machen."
"Es gibt keinen Menschen, der keine Angst hat"
Kennen Sie das? Angst?
Mustafi: "Angst kennt jeder. Es gibt keinen Menschen auf der Welt, der keine Angst hat."
Sie betreten ein Stadion. 70.000 Menschen hoffen, dass Sie den spielentscheidenden Fehler machen. Kann man sich daran gewöhnen?
Mustafi: "Ja. Für mich war es immer wichtig, eine Mischung zu finden. Ich wollte meine Routine haben: 'Hey, das ist mein Job. Ich muss das jeden Tag machen.' Ich wollte nicht sagen, es geht um alles oder nichts. Ich muss das ja machen, egal, ob die Leute pfeifen oder auf Fehler hoffen. Auf der anderen Seite wollte ich es nicht zu locker nehmen, sondern mir trotzdem ein bisschen Druck machen. 'Hey, es ist etwas Besonderes, du bist Profifußballer, du hast Dir das erträumt, du darfst das leben!'"

Können Erfolge eine Last sein? Sie sind überraschend für die WM 2014 nominiert worden und waren plötzlich Weltmeister. Ein Titel, an dem man ewig gemessen wird.
Mustafi: "Für mich nicht. Erfolge sind immer etwas Schönes, leider kann man sie während seiner Karriere kaum genießen, weil es immer nur von Spiel zu Spiel, von Saison zu Saison geht. Aber für die Erfolge spiele ich Fußball."
Haben Sie mal durchgepustet, als der FC Arsenal 40 Millionen Euro für Sie bezahlt hat?
Mustafi: "Nein. Die Summen machen nicht die Spieler, die macht der Markt. Ich schaue, dass ich mein späteres Leben aufbaue, da schaue ich auch mal nach Immobilien. Da sind die Preise auch gestiegen. So lange es Leute gibt, die die Summen bezahlen, werden die Preise auch nicht runtergehen. Ich habe versucht, das so schnell wie möglich aus meinem Kopf zu bekommen."
Sie wollen wieder zur WM. Für die jüngsten Länderspiele hat Joachim Löw Sie allerdings nicht nominiert. Warum nicht?
Mustafi: "Das ist eine Trainerentscheidung. Für mich gilt es, das anzunehmen und in der Restzeit den Trainer vom Positiven zu überzeugen. Man muss den Wettkampf jetzt annehmen. Es ist Deutschland! Viele Spieler gehören in die Nationalmannschaft, ich will ein Teil davon sein."
Hätten Sie es verdient, zur WM zu fahren?
Mustafi: "Ich habe in der Premier League, der besten Liga der Welt, in jedem Spiel gespielt. Es ist eine Auszeichnung, bei einem Klub wie Arsenal Stammspieler zu sein."
Wie schaffen Sie das, aus Enttäuschungen Kraft zu ziehen?
Mustafi: "Damit lernt man umzugehen. Für mich ist es nicht so, dass ich das nach außen vermarkte: 'Hey, ich brenne.' Ich bin ein Typ, der nicht so hinhört, was draußen geredet wird. Wenn meine Karriere zu Ende ist, will ich sagen: Ich hätte nicht mehr schaffen können, sondern ich habe getan, was ich tun konnte. Enttäuschungen kann man nicht ausblenden, aber es hilft nichts, in Selbstmitleid zu verfallen."
"Die Familie ist immer da"
Am 15. Mai nominiert Löw seinen WM-Kader. Bis dahin wird es Ihnen wahrscheinlich im Kopf herumschwirren. Wie können Sie Ihren Kopf leeren?
Mustafi: "Das Wichtigste ist die Familie. Bei meinen Eltern, meiner Frau, meiner Tochter. Weil ich da das Gefühl habe: Egal, wie es im Fußball läuft, egal, wie viele Kritiker es gibt, wie viele Leute dich toll finden, die Familie ist immer da. Das ist auch die ehrlichste Zeit. Das sind die goldenen Momente in meinem Leben."
Ihre Tochter ist kein Jahr alt - zu früh, um mitzubekommen, dass sie einen Weltmeister-Vater hat.
Mustafi: "Das ist etwas, worauf ich sehr neugierig bin. Das wird eine der härtesten Aufgaben als Papa, das so hinzubekommen, dass sie weiß, bei allen Leuten, die ein Foto mit dir wollen: Ich bin der Papa, und sie ist die Nummer eins."
Eine andere Säule ist der Glaube. Sie sind Muslim. Sind Sie ein tiefgläubiger Mensch?
Mustafi: "Ja. Das ist etwas, das mir Kraft gibt. Es ist der Glaube, der mir sagt, dass ich auch nur ein Mensch unter vielen bin. Dann sage ich: Mach dir nicht so viel Druck. Du machst genauso viele Fehler wie jeder andere auch. Das gibt mir das Gefühl, ein Mensch zu sein, nicht der Fußball-Profi."
Wenn Sie beten, ist das innere Einkehr? Sprechen Sie einen Vers?
Mustafi: "Ja, es ist ein Bittgebet. Ich mache das aus Überzeugung, aber auch, um runterzukommen."
Sie waren in Genua, in Valencia, in Hamburg, in Liverpool. Kann London eine Stadt fürs Leben sein?
Mustafi: "In Europa gibt es keine Stadt, in der es mehr Möglichkeiten gibt. Aber ich bin der Bebraner, der in einer ruhigen Stadt aufgewachsen ist. Das ist schon in meinem Kopf: Wo will ich leben nach meiner Karriere? Das ist abhängig davon, ob man Trainer wird, Berater - oder ob man etwas komplett anderes macht. Wie ich mich kenne, ist in London zu viel los, um das genießen zu können."


