Argentiniens einstiges Wunderkind Diego Buonanotte: Die Narben der Vergangenheit

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Diego Buonanotte gilt als größte Nachwuchshoffnung Argentiniens nach Lionel Messi. Bis ein schlimmer Autounfall Weihnachten 2009 alles verändert.


HINTERGRUND

Eine Landstraße zwischen Arribenos und Teodelina in Argentinien bei Nacht. Der Asphalt auf der verhältnismäßig schmalen RP 65 ist nass vom Regen, der Stunden zuvor an diesem 26. Dezember vor neun Jahren eingesetzt hatte. Im Straßengraben liegt ein völlig demolierter Peugeot 307. Diego Buonanotte fleht die Rettungskräfte an: "Lasst mich liegen, kümmert Euch um meine Freunde!" Was er zu diesem Zeitpunkt nicht weiß: Seine besten Kumpel aus Kindheitstagen, Gerardo Sune, Alexis Fulcheri und Emanuel Melo, haben den schlimmen Zusammenprall mit dem Baum am Straßenrand nicht überlebt.

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Noch wenige Minuten zuvor hatten die Jungs ausgelassen auf einer Party gefeiert. Die gemeinsamen Treffen, sie waren in letzter Zeit seltener geworden. Weil Diego im 350 Kilometer entfernten Buenos Aires, bei River Plate als Profi-Fußballer für Furore sorgt, als größtes Talent des Landes nach Lionel Messi gehandelt wird. Über die Weihnachtstage wollte der Youngster sich bei seinen Eltern in Teodelina von der kräftezehrenden Saison erholen. Da er ohnehin keinen Alkohol trinkt, erklärt Diego sich bereit, an ebenjenem verhängnisvollen Abend zu fahren.

***GER ONLY*** Buonanotte Car 2009Der zerstörte Unfallwagen von Diego Buonanotte 

Er leiht sich den Wagen seines Vaters und holt seine Freunde ab. Auf der Rückfahrt kommt er von der glitschigen Fahrbahn ab, obwohl - das stellte sich bei den Ermittlungen gegen ihn später heraus - offenbar keine überhöhte Geschwindigkeit vorlag. Dass er den Unfall als einziger der Insassen überlebt, ist wohl der Tatsache geschuldet, dass Diego im Gegensatz zu seinen drei Mitfahrern angeschnallt war. Er selbst zieht sich bei der Tragödie mehrere Knochenbrüche zu, außerdem leidet er an einer schwerwiegenden Lungenquetschung, als er ins Krankenhaus eingeliefert wird.

Vier Monate bis zum Comeback

Aufgrund dessen schwebt Buonanotte mehrere Stunden in Lebensgefahr, wird später in ein Krankenhaus nach Buenos Aires geflogen. Ob er je wieder Fußball spielen kann, ist zu diesem Zeitpunkt völlig ungewiss. Ganz Argentinien bangt um seinen Wunderknaben. Erst nach Wochen geben die behandelnden Ärzte eine erste vage Prognose heraus. Sieben Monate muss der verheißungsvolle Youngster pausieren, ehe er wieder auf dem Platz stehen kann. Diego benötigt lediglich vier, ehe er sein Comeback für River Plate gibt. "Ich bin glücklich, dass ich wieder spielen konnte, um den Kopf frei zu bekommen“, erklärt er im Anschluss.

Einfach gestaltet sich sein Weg zurück allerdings nicht: Sobald der 1,61 Meter kleine Dribbelkünstler angespielt wird, hallen wüste Beschimpfungen von den Rängen der gegnerischen Fans. Immer wieder wird er von den Anhängern des jeweiligen Kontrahenten als "Mörder" verunglimpft. Bösartigkeiten, die der ohnehin schon in Mitleidenschaft gezogenen Psyche weitere unsichtbare Narben hinzufügen. "Ich hatte gedacht, du vergisst alles, wenn du ins Stadion einläufst, ich lag falsch“, verrät er und schiebt nach: "Die Spieler waren sehr respektvoll und haben mich gut behandelt. Die Fans waren es nicht."

Olympia-Gold in Peking 2008

Nach einiger Zeit verstummen die despektierlichen Rufe in den Stadien, Buonanotte findet erstaunlich schnell wieder in die Spur und blüht merklich auf, während er seine große Leidenschaft ausübt. Einzig die ihm zuvor innewohnende Unbekümmertheit scheint ihm abhandengekommen zu sein. Er wirkt nachdenklicher als zu Beginn seiner Laufbahn, die 2005 begonnen hatte und 2008 mit dem Gewinn der Goldmedaille bei den Olympischen Spielen in Peking an der Seite von unter anderem Messi, Javier Mascherano, Angel Di Maria und Juan Roman Riquelme ihren zwischenzeitlichen Höhepunkt erreicht hatte.

In der Vorrunde traf er sehenswert per Freistoß gegen die Auswahl Serbiens zum 2:0. Die Weltkarriere vorherbestimmt, lediglich Formsache, so der Tenor in Argentinien. Bereits nach seinem zweiten Profi-Spiel drei Jahre zuvor, ausgerechnet der Superclasico gegen die Boca Juniors, bei dem Diego mit einer herausragenden Leistung zu gefallen wusste, war sich das fußballbegeisterte Land einig: Das wird der nächste Maradona. Mindestens. Selbstredend hatten die Spitzenklubs aus Europa schon früh ihre Fühler nach Buonanotte ausgestreckt, sein Verein verpasste ihm zwar das Siegel "unverkäuflich", wäre bei einem utopischen Gebot aber wohl schwach geworden. Bereit, jene schwindelerregenden Ablösesummen zu zahlen, die heute über den metaphorischen Tisch wandern, war keiner der Interessenten.

Buonanotte - MessiDiego Buonanotte beim FC Malaga (r.)

Nach dem Unfall werden abermals europäische Vereine auf den Edeltechniker aufmerksam. Die ganz großen Namen finden sich allerdings nicht mehr unter den potenziellen Abnehmern. 2011 erhält der FC Malaga den Zuschlag für Buonanotte. 4,5 Millionen Euro schicken die Spanier für seine Dienste über den Atlantik und statten ihren Neuzugang mit einem Fünfjahresvertrag aus. In der Hafenstadt bleibt die erhoffte Entwicklung auf ungewohntem Terrain jedoch aus. Nur 31-mal kommt Diego für Malaga zum Einsatz, ehe er anderthalb Jahre später für 2,3 Millionen Euro zum abstiegsbedrohten FC Granada wechselt.

Buonanotte wird zum Wandervogel

Auch dort avanciert er nicht zum unangefochtenen Stammspieler, wird 18 Monate später für ein halbes Jahr zu Pachuca nach Mexiko ausgeliehen, direkt im Anschluss geht es – ebenfalls auf Leihbasis – weiter zu Quilmes in Argentinien. 2015 dann der endgültige Abschied von der iberischen Halbinsel: AEK Athen schnappt sich den ablösefreien Offensivmann. Beim griechischen Traditionsklub kommt Buonanotte nicht über die Rolle des Ergänzungsspielers hinaus, erzielt in einer Saison dennoch elf Pflichtspiel-Treffer und hat erheblichen Anteil daran, dass die Hauptstädter am Ende der Spielzeit den nationalen Pokalsieg feiern dürfen.

Trotz seiner – gemessen an der Einsatzzeit - beeindruckenden Torquote gibt AEK "el Enano", den Zwerg, wie Diego in Argentinien aufgrund seiner Körpergröße genannt wird, nach nur einem Jahr wieder ab. Abermals zieht es ihn über den großen Teich, diesmal nach Chile. Dort schließt er sich dem Erstligisten CD Universidad Catolica an – und findet endlich seine fußballerische Heimat.

"Du hast deine drei Freunde getötet"

Die Bürde des schrecklichen Unfalls begleitet den einstigen Hoffnungsträger einer ganzen Nation aber weiterhin: Im November 2016 spielt Buonanotte mit seinem neuen Arbeitgeber gegen Colo Colo und gerät mit Esteban Pavez, Mittelfeldspieler beim Rekordmeister, aneinander, der sich einen groben verbalen Aussetzer leistet: "Ey, Mörder. Du hast drei deiner Freunde getötet“, ruft er Diego zu und wird in der Folge von seinen eigenen Teamkollegen zur Räson gebracht. Buonanotte sagt später, dass er mit diesem Vorwurf ja bereits häufiger von gegnerischen Fans konfrontiert wurde, diesen Satz aus dem Mund eines Spielers zu hören aber eine weitaus größere Dimension der Denunziation angenommen habe.

Diego BuonanotteDiego Buonanotte und Esteban Pavez (l.)

Mittlerweile ist Buonanotte 30 Jahre alt, spielt nach wie vor für Universidad Catolica. Für ihn, dem die Fußballwelt zu Beginn des neuen Jahrtausends noch offenstand, der als adäquater Nachfolger Maradonas gefeiert und als ähnlich talentiert wie Messi gepriesen wurde, ist die ganz große Karriere ausgeblieben.

Auch, weil die rutschige RP 65 an diesem 26. Dezember 2009 ein grausames Schicksal für ihn vorgesehen hatte. Trotz der Last und des ständigen Wissens, als Fahrer für den Tod seiner drei besten Freunde verantwortlich zu sein, kämpft er sich zurück ins Leben und auf den Platz. In einem emotionalen Interview fragt er aber dennoch später: "Warum bin ich nicht dabei umgekommen?“ Narben der Vergangenheit, die nie verheilen werden.

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