PORTRÄT
Es ist ein warmer Spätnachmittag in San Justo, einem Vorort von Buenos Aires, rund 30 Autominuten vom Kern der Hauptstadt entfernt. Gestern hatte der kleine Leandro Paredes seinen vierten Geburtstag gefeiert, nun sitzt er gebannt vor dem kleinen Fernseher im Wohnzimmer. Den Ball, seinen ständigen Begleiter, hat er unter dem Tisch zwischen die Beine geklemmt. Fingernägel kauend, hoffend, dass Argentiniens Nationalelf, seine geliebte Albiceleste, ihm ein verspätetes Geschenk macht.
Erlebe die Serie A live und auf Abruf auf DAZN. Jetzt Gratismonat sichern!
Sie tut es. Im Elfmeterschießen hat Argentinien an jenem 30. Juni 1998, im Achtelfinale der WM in Frankreich, die besseren Nerven als England. Leandro muss seiner Freude über den Sieg von Zanetti, Veron, Batistuta und Co. Luft machen, rennt raus auf die Straße. Und nutzt die letzten Sonnenstrahlen für das, was er eigentlich sowieso immer tut.
"Ich habe einfach immer nur Fußball gespielt. Gleich neben meinem Haus, in den Straßen von San Justo", erzählte er im Interview mit Romas offizieller Webseite. Jeder, der ihm dabei zusah, merkte sofort: Dieser Junge kann mehr als seine Kumpels, mit denen er jeden Tag kickt, bis es dunkel wird. Schon damals hat er die Gabe, bereits zu wissen, was er mit dem Ball machen will, bevor er ihn bekommt. Handlungsschnelligkeit liegt ihm im Blut, ebenso wie seine perfekte Ballbehandlung.
Technik, Übersicht und Passspiel sind auch heute noch Paredes' ganz große Stärken. Mit 23 ist er angekommen in Europa, hat sich beim italienischen Vizemeister aus Rom etabliert. Und obwohl er vergangene Saison nicht absoluter Stammspieler war, zuweilen der starken Konkurrenz im Mittelfeldzentrum um Radja Nainggolan, Kevin Strootman und Daniele De Rossi den Vortritt lassen musste, hat er sich längst für andere Topklubs interessant gemacht.
Bayern und Dortmund scharf auf Paredes?
Arsenal und Liverpool sollen bereits im Winter ihre Fühler nach Paredes ausgestreckt haben. Nun buhlen neben Zenit St. Petersburg angeblich auch Borussia Dortmund und der FC Bayern um den Argentinier, laut Gazzetta dello Sport waren Verantwortliche der Münchner zuletzt in Rom, möglicherweise um einen Transfer einzufädeln.
Doch wer ist dieser am Ball so versierte Mittelfeldmann, der möglicherweise in die Bundesliga kommt? Goal hat Paredes mal genauer unter die Lupe genommen.
Seine ersten Schritte auf höchstem Niveau machte er bei den Boca Juniors. Bis die Scouts eines der beiden Großklubs aus Buenos Aires ihn in San Justo entdeckten, dauerte es nicht lange. Als Achtjähriger holte ihn Boca in seine berühmte Nachwuchsakadamie, wollte das Mega-Talent so früh wie möglich in den eigenen Reihen haben. Und auch dort, unter den begabtesten Kickern Argentiniens, stach er heraus.

Sergio Saturno, einer seiner Jugendtrainer bei Boca, erinnerte sich vor einigen Jahren an Paredes' überragende Fähigkeiten. "Eines Tages, nach dem Training während eines Turniers in Deutschland, war er 40 Meter von mir entfernt und schoss den Ball von dort aus genau in den Ballsack. Er hat eine unglaubliche technische Qualität."
Paredes war so gut, dass er schon mit 16 Jahren und vier Monaten erstmals für Bocas Profis auflief. Die Fans in La Bombonera waren euphorisch, Paredes würde ihr neuer Riquelme werden, da waren sie sicher. Eine Bürde, die für den aufstrebenden Youngster nicht leicht zu handhaben war.
Paredes' Aufstieg bei Boca gerät ins Stocken
Seine größten Hilfestellung dabei war zunächst Vater Victor Daniel. "Zweifellos", sagte Paredes einst, sei jener sein großes Vorbild. "Er hat seine Leidenschaft für den Fußball an mich weitergegeben", erklärt er. Paredes senior war selbst ein begabter Kicker, spielte in der Jugend bei Racing Club, war auf dem Weg zum Profi. "Dann wurde meine Mutter schwanger, und er musste anfangen, zu arbeiten."
Inzwischen hat der Sohn dem Papa zurückgegeben, was er einst an Unterstützung von ihm erhielt, ihm und seinen beiden Schwestern ein großes Haus gekauft. Doch vor rund 20 Jahren waren die Zeiten noch nicht so rosig. Paredes senior verdiente sein Geld fortan als Maurer, ernährte die Familie, ermöglichte Sprössling Leandro hin und wieder den Besuch eines Heimspiels von Boca. "Zum Glück sind die Tickets in Argentinien nicht so teuer", erklärt Paredes, der seinen Traum, irgendwann einmal selbst im Bombonera für seinen Herzensklub aufzulaufen, so immer wieder vor Augen hatte.
Doch so rasant wie erwartet ging sein Weg nach dem Debüt mit 16 nicht nach oben. Zwar hatte er schon mit 18 regelmäßige Einsätze, erzielte zwischen Oktober und Dezember 2012 vier entscheidende Tore. Doch mit dem Jahr 2013 kam der erste Knick in der jungen Karriere um die Ecke.
Seinerzeit spielte Paredes noch eine offensivere Rolle, wirbelte entweder auf dem linken Flügel oder als klassischer Zehner. Boca-Trainer Carlos Bianchi hatte allerdings Probleme damit, Paredes und Riquelme zeitgleich auf den Platz zu bringen. Ausgerechnet sein großes fußballerisches Idol ließ seinen eigenen Aufstieg also ins Stocken geraten.
"Riquelme ist für mich Fußball pur", sagte Paredes einst der Gazzetta dello Sport. "Er war so wichtig, fundamental für meine Entwicklung als Fußballer. Er hat mir unglaublich viele Tipps gegeben." Noch heute telefoniere er nach Spielen noch ab und an mit Riquelme, der ihm weiterhin mit Rat und Tat zur Seite steht. Bei Boca in dessen Fußstapfen zu treten, war Paredes letztlich jedoch nicht vergönnt.
Er spielte kaum noch, schien am Anspruch, den großen Maestro beerben zu sollen, doch mehr zu knabbern als vermutet. Kritik wurde laut, Paredes sei zu behäbig, tauche zu häufig ab, verliere den Einfluss auf das Spiel. Er wurde oftmals zurück in die Reserve versetzt, erlitt einen mentalen Knacks. Vor allem, weil er die große Bühne schon gesehen hatte, das Bombonera bereits mit Toren, Assists oder genialen Pässen zum Kochen gebracht hatte. "Das ist psychisch schwer zu verkraften", erklärte sein Jugendcoach Saturno.
Getty ImagesObwohl erst 19, traf Paredes Anfang 2014 schließlich eine mutige Entscheidung. Bei Boca war er inzwischen fast komplett außen vor, die Konkurrenz erschien ihm zu groß, um sich in absehbarer Zeit durchzusetzen. Paredes ging, verließ Buenos Aires. Die Roma sicherte sich das Juwel im Wartestand. Zunächst auf Leihbasis, mit Kaufoption, parkte Paredes vorerst für ein halbes Jahr bei Chievo.
Paredes bei Empoli in veränderter Rolle
Die ersten anderthalb Jahre in Italien liefen schleppend. Weder in Verona noch 2014/15 in Rom kam Paredes regelmäßig zum Einsatz, wurde von den Giallorossi letztlich erneut leihweise abgegeben. Diesmal, 2015/16, an den FC Empoli. Und diesmal mit durchschlagendem Erfolg.
Denn Empoli-Coach Marco Giampaolo erkannte, dass er Paredes nicht als Zehner oder auf dem Flügel, sondern in seiner 4-3-1-2-Formation als Kernstück des zentralen Dreier-Mittelfelds, als Sechser einsetzen musste. Auf dieser Position mauserte sich Paredes zu einem der besten Mittelfeldspieler der Serie A. Weil er so automatisch häufiger an den Ball kam, die Spieleröffnung Empolis par excellence lenkte, nicht mehr Gefahr lief, abzutauchen. Und dazulernte, vor allem in der Defensivarbeit.
Das sind Paredes' Stärken
Er stärkte seine Stärken, den Sinn für den vertikalen Pass, die Fähigkeit, den Spielaufbau auch unter Gegnerdruck dank seiner Beweglichkeit und seinem sehr guten ersten Kontakt gewinnbringend zu forcieren. Und er bewies, dass er auch erstklassig antizipieren kann, dadurch reihenweise Bälle abfängt, zudem mit Dynamik und Torgefahr aus der zweiten Reihe besticht.
"Von seinen technischen Fähigkeiten her ist Paredes ein Spieler für einen absoluten Spitzenklub", lobte Giampaolo, sein Mentor in Empoli, das mit Paredes guter Elfter wurde. Plötzlich schwappten Lobeshymnen für den jungen Argentinier durch ganz Italien, Vergleiche mit Andrea Pirlo wurden laut, der einst ebenfalls einen Entwicklungssprung machte, nachdem er von der Zehn auf die Sechs nach hinten gezogen wurde.
"Ob ich der neue Pirlo bin? Vielleicht!", sagte Paredes vor rund anderthalb Jahren. Wenige Monate später kehrte er zur Roma zurück, hat sich dort behauptet, vergangene Saison 41 Pflichtspiele (drei Tore) absolviert. Da er aber keineswegs immer gesetzt, vor allem in wichtigen Spielen eher zweite Wahl war, keimen immer wieder Gerüchte um einen Wechsel auf. Dass ein Verein wie Bayern gewillt sein soll, rund 25 Millionen Euro in einen Spieler zu investieren, der in Rom nicht unangefochtener Stammspieler ist, kommt jedoch überraschend.
Paredes selbst, Familienmensch durch und durch, beschäftigen die Spekulationen über den FCB, Dortmund oder Zenit, jedenfalls offenbar nicht so sehr. Er genießt, nachdem er Mitte Juni in einem Test gegen Singapur für Argentiniens A-Nationalelf debütiert hat, gerade seinen Urlaub in der Heimat, kickt mit Freunden in der Halle, wie ein Video auf seiner Instagram-Page zeigt. Und tut das, was er schon als Vierjähiger, als er Batistuta und Co. bei der WM die Daumen drückte, eigentlich immer tat: Fußballspielen.


