Ex-Bundesligastürmer Andriy Voronin im Interview: Liverpool? "Habe gar nichts verstanden"

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EXKLUSIV-INTERVIEW


48 Tore und 23 Assists verbuchte Andriy Voronin in 155 Bundesligaspielen für Borussia Mönchengladbach, den 1. FC Köln, Bayer Leverkusen, Hertha BSC und Fortuna Düsseldorf. In der 2. Liga erlebte der mittlerweile 41-jährige Ukrainer in Mainz die ersten Trainermomente des jungen Jürgen Klopp. 

Im Interview mit Goal und SPOX spricht Voronin über enormen Druck seines Vaters, Fluchtversuche aus Gladbach, Klopps spontane Beförderung zum Trainer und verrät, was Felix Magath mit seiner Absage an den VfB Stuttgart zu tun hat.

Außerdem erklärt der aktuelle Co-Trainer Dynamo Moskaus, welche Aussage bei seinem Vater Herzprobleme auslöste und wie er die EM-Chancen der Ukraine einschätzt.

Herr Voronin, Sie haben in Ihrer Karriere unter anderem für Bayer Leverkusen, den FC Liverpool und Hertha BSC gespielt und nahmen mit der ukrainischen Nationalmannschaft an WM und EM teil. Wann ergaben sich die ersten Berührungspunkte mit dem Fußball?

Andriy Voronin: Sobald ich laufen konnte, hat mir mein Vater einen Ball vor die Füße geworfen. Er wollte von Anfang an, dass ich Profi werde. Er war früher selbst aktiv und talentiert, allerdings wollte seine Mutter, dass er sich mehr auf die Schule konzentriert und hat es ihm verboten. Also hat er seinen Traum auf mich übertragen. 

Haben Sie diesen Traum geteilt?

Voronin : Ich persönlich habe mir zunächst keine Gedanken darüber gemacht. Alle Jungs haben auf der Straße gespielt, das hat mir Spaß gemacht. Als ich älter wurde, habe ich alles dem Fußball untergeordnet. Ich war nicht gut in der Schule und habe an nichts anderes gedacht. Ich dachte mir, entweder werde ich Fußballer oder gar nichts mehr. Damals hätte sich allerdings keiner vorstellen können, dass es tatsächlich klappt. 

Wer war früher Ihr Vorbild?

Voronin : Das war und wird für immer Diego Maradona sein. Er war einfach der Beste.

Ihr Vater meldete Sie schließlich mit sechs Jahren in der Nachwuchsakademie von Chornomorets Odessa an, dem besten Klub Ihrer Heimatstadt. 1995 wechselten Sie mit 16 Jahren aus der Ukraine in die Jugend von Borussia Mönchengladbach. Wie kam der Kontakt nach Deutschland zustande?

Voronin : Ich hatte von Anfang an Talent und habe sowohl im Verein als auch in der Nationalmannschaft immer mit dem älteren Jahrgang trainiert und gespielt. Andrei Golovash, der später mein Berater wurde und heute noch ist, hat mich auf einem Turnier mit der Juniorennationalmannschaft entdeckt. Er hatte Beziehungen nach Gladbach und hat Kontakt zu meinen Eltern aufgenommen. Mein Vater war natürlich sofort begeistert.

Und Sie?

Voronin : Das war einzig die Entscheidung meines Vaters, ich wollte gar nicht so weit weg von meiner Familie sein. Ich konnte die Sprache nicht, hatte keine Freunde dort. Ich wollte mein damaliges Leben genießen und weiter in der Heimat Fußball spielen, anstatt alles aufzugeben. Das hat mir Angst gemacht, aber ich hatte keine andere Wahl. Anfangs habe ich das nur für meinen Vater getan.

Wie hat er auf Ihre fehlende Begeisterung reagiert?

Voronin : Als wir in Deutschland waren, hat er mich darauf angesprochen und gesagt: "Andriy, ich bitte dich, das Probetraining zu absolvieren. Ich möchte als Gewinner nach Hause kommen. Wenn es dir nicht gefällt, kommst du wieder zurück." Wir haben oft gestritten. Nach der Auflösung der Sowjetunion 1991 sind alle guten ukrainischen Spieler nach Russland gegangen. Mein Vater hat mir erklärt, dass ich in der Ukraine nicht weit kommen würde und der Fußball in Deutschland ein ganz anderes Niveau habe. In Odessa hatten wir keine richtigen Bälle oder Wasser, um nach dem Training zu duschen. Der Verein wurde nicht ausreichend finanziert. 

Wie ging es weiter?

Voronin : Nach zwei Trainingseinheiten im Winter bei Gladbach haben wir einen Vertrag unterschrieben, allerdings konnte ich erst sechs Monate später anfangen, da ich zu jung für die A-Jugend war und bis zum Start der neuen Saison warten musste. Als ich merkte, dass ich noch lange Zeit hatte, sagte ich zu. In der Zwischenzeit hätte sich ohnehin alles ändern können. Sechs Monate später bin ich dann tatsächlich wieder nach Gladbach gekommen und damit begann die schwierigste Zeit für mich.

Wie haben Sie die Anfangszeit in Deutschland in Erinnerung?

Voronin : Die ersten anderthalb Jahre waren sehr schwer. Ich wollte zweimal abhauen. Als ich meinen Eltern erstmals mitgeteilt hatte, dass ich zurück möchte, bekam mein Vater Herzprobleme und musste ins Krankenhaus. Also habe ich mich entschieden, für ihn zu bleiben. Ich wollte ihn nicht enttäuschen. Rückblickend hätte ich die Entscheidung nicht noch einmal so gefällt. Nach zwei Jahren kam ein ehemaliger Mitspieler, mit dem ich zehn Jahre in Odessa gespielt hatte, ebenfalls nach Gladbach. Das hat die Eingewöhnung erleichtert.

1997 feierten Sie mit 18 Jahren Ihr Profidebüt für Gladbach unter Norbert Meier, der Sie bereits in der A-Jugend und in der zweiten Mannschaft trainiert hatte - ausgerechnet in München gegen den FC Bayern, als Sie beim 2:3 in der 52. Minute eingewechselt wurden. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie von der Kader-Nominierung erfuhren?

Voronin : Ich war zunächst schockiert. Ich erhielt einen Anruf von der Geschäftsstelle, dass ich zur Anprobe des Anzuges kommen solle. Ich wusste nicht einmal, worum es ging. Zwei Tage später saß ich im Flieger Richtung München. Als es 0:3 stand, sagte der Co-Trainer, ich solle mich warmmachen. Zwei Minuten später kam er erneut und sagte, ich solle mich umziehen. Das ging alles sehr schnell. Gegen eine Mannschaft mit Spielern wie Lothar Matthäus aufzulaufen, war ein Traum. Ich weiß gar nicht, ob mein Vater einen Sender fand, der das Spiel übertragen hat. (lacht) Am Ende war ich ihm sehr dankbar für seine Hartnäckigkeit.

In den folgenden drei Jahren kamen lediglich acht weitere Profi-Einsätze dazu. Woran lag das?

Voronin : Ich habe mir das hintere Kreuzband gerissen. In meinem zweiten Profijahr sind wir abgestiegen, es kamen neue Spieler und es gab viele Trainerwechsel. Als junger Spieler war es damals schwer, wieder reinzukommen. Man musste wesentlich länger auf seine Chance warten. Ich habe das Gespräch mit den Trainern gesucht und um Spielzeit gebeten, um in den Rhythmus zu kommen. Als mir klar wurde, dass ich sie nicht bekommen würde, habe ich meinen Berater kontaktiert. 

Dann kam die Anfrage aus Mainz, wo Sie im Sommer 2000 unterschrieben.

Voronin : Mainz war gefühlt meine letzte Adresse. Ich habe mir während der Zeit, in der ich in Gladbach nicht gespielt habe, sehr viel Druck gemacht, mir ging es sehr schlecht. Anfangs wusste ich nicht einmal, wo Mainz war. Der Verein hat in der zweiten Liga meist um den Klassenerhalt gespielt. In der Ukraine wurde Mainz erst bekannt, als ich dort gespielt habe. 

In Mainz haben Sie zunächst mit und dann unter Jürgen Klopp gespielt. Wie war Ihr erster Eindruck von ihm?

Voronin : Als Spieler war er...  das soll er am besten selbst sagen. (lacht) Er war sehr ehrgeizig, laut und hat im Stadion immer die Fans und Teamkollegen gepusht. Er lebt den Trainerjob, das hat ihm im Verlauf der Jahre viel geholfen. Klopp war ein super Kerl.

GER ONLY KLOPP VORONIN MAINZ

Mainz stand in der Saison 2000/01 nach zwei Trainerwechsel vor dem 20. Spieltag auf einem Abstiegsplatz - dann übernahm Klopp. Wie hat die Mannschaft reagiert, als er mit 34 Jahren quasi über Nacht vom Spieler zum Coach wurde?

Voronin: Der Verein hatte sich mehr oder weniger bereits mit einem möglichen Abstieg abgefunden und entschieden, Klopp bis zum Saisonende als Trainer arbeiten zu lassen. Als Trainer war er zu Beginn nicht so überzeugend, hat sich im Laufe der Zeit jedoch gebessert. Auf einmal haben wir angefangen, zu gewinnen. Am Ende haben wir mit einer unveränderten Mannschaft die Klasse gehalten. In den folgenden zwei Jahren haben wir den Aufstieg in die Bundesliga um einen Punkt beziehungsweise ein Tor knapp verpasst. Keiner hätte damals gedacht, dass Klopp so erfolgreich sein wird. Die Stimmung im Team war großartig. Wir waren nach fast jedem Heimsieg zusammen trinken und tanzen.

Ihr Vertrag lief im Sommer 2003 aus, Sie wechselten als Torschützenkönig (20 Tore) anschließend nach Köln, die als Tabellenzweiter aufgestiegen sind. 

Voronin : Ich habe mit Klopp viel darüber gesprochen und ihm erklärt, dass ich im besten Alter war, um in der Bundesliga zu spielen. Hätten wir den Aufstieg geschafft, wäre ich in Mainz geblieben. Geld war nicht das Problem. Es gab noch ein Angebot des VfB Stuttgart, das habe ich aber wegen Felix Magath abgelehnt. Ich zweifelte daran, ob er der richtige Trainer für mich sei. Ich hatte zwar viel Positives über ihn gehört, allerdings war er ein Trainer der alten Schule, der junge Spieler für später aufbaute. Ich wollte stattdessen direkt spielen. 

In Köln waren Sie auf Anhieb Stammspieler, blieben allerdings nur ein Jahr. Weshalb haben Sie sich 2004 erneut für einen Wechsel - diesmal nach Leverkusen - entschieden?

Voronin : Aufgrund von Verletzungspech, auch bei mir, lief die Saison nicht wie gewünscht und der Klub stieg am Ende als Tabellenletzter wieder ab. Mein Vertrag war nur für die Bundesliga gültig. Die Spieler, die schon länger im Verein waren, Köln in die Bundesliga geschossen hatten und alle untereinander befreundet waren, hatten zudem ein Problem mit mir, weil ich einige von ihnen auf die Bank verdrängt habe. Sie haben beim Trainer schlecht über mich gesprochen und haben versucht, mich loszuwerden. Als der Abstieg absehbar war, erhielt ich ein Angebot aus Leverkusen. Zu der Zeit laborierte ich zwei Monate an einer komplizierten Knieverletzung und fiel aus. Die Leverkusener Verantwortlichen haben gesagt, dass ich nicht gesetzt sein werde, sondern um meinen Platz kämpfen müsse. Das war in Ordnung für mich, da Leverkusen als regelmäßiger Champions-League-Teilnehmer eine sehr gute Adresse und eine große Herausforderung war.

Erst Gladbach, dann Mainz, Köln und anschließend Leverkusen: Sie scheinen während Ihrer Karriere ein gewisses Faible für Rhein-Klubs entwickelt zu haben. Wie fiel die Reaktion der Kölner Fans auf Ihren Wechsel aus?

Voronin : Sie hassen mich. (lacht) Die Kölner Fans haben mich super aufgenommen und waren stets gut zu mir. Als ein paar Monate vor Saisonende rauskam, dass ich nach Leverkusen wechseln werde, haben sie mir vorgeworfen, absichtlich nicht gespielt zu haben. An der Tankstelle habe ich den ein oder anderen Spruch abbekommen. Die Gladbacher können mich wahrscheinlich auch nicht leiden, aber das war meine Schuld, weil ich 2007, als sie um den Abstieg spielten, in letzter Sekunde mit Leverkusen das Siegtor geschossen habe und anschließend mit den Kollegen vor der Fankurve der Borussia gejubelt habe. Das war aber nicht gegen die Fans gerichtet, sondern vielmehr der Frust darüber, dass man mir damals keine faire Chance gegeben hatte.

2007 wechselten Sie ablösefrei nach England zum FC Liverpool. Die Konkurrenz war nicht ohne, unter anderem standen Peter Crouch und Fernando Torres, der im selben Jahr wie Sie für 38 Millionen Euro Ablöse kam, im Kader. Welche Perspektive haben Sie bei den Reds gesehen?

Voronin : Liverpool war für mich eine einmaliges Angebot, das ich nicht ablehnen konnte. Die Mannschaft war gespickt mit Weltstars. Jamie Carragher, Steven Gerrard, Xabi Alonso: Das waren alles Spieler, die bereits große Erfolge gefeiert hatten und später noch feierten. Nur leider haben wir als Team keinen Titel geholt. Ich wusste von Anfang an, dass ich noch mehr arbeiten musste als zuvor. Die Herausforderung, mich in so einer Liga beweisen zu müssen, gefiel mir. Anfangs kam ich regelmäßig zum Einsatz, dann setzte mich eine Knöchelverletzung außer Gefecht.

Was blieb Ihnen aus Ihrer Zeit in Liverpool in Erinnerung?

Voronin : Scouse, der Liverpooler Dialekt. Ich habe fast gar nichts verstanden, mein Englisch war ohnehin nicht gut. Wenn Carragher und Gerrard geredet haben, habe ich sie darum gebeten, das Ganze nochmal auf Englisch zu sagen. Liverpool hat als Stadt insgesamt nicht zu mir gepasst, auch wenn sie viel Geschichte zu bieten hat, wie beispielsweise die Beatles. Mein Vater ist großer Fan der Band. Als ich ihm sagte, dass ich in Liverpool unterschrieben habe, fing er an zu weinen. Außerdem kam ich mit dem Wetter und dem Spielrhythmus ohne Winterpause nicht klar. Ich war nur am Reisen und Spielen, das war sehr anstrengend.

voronin torres liverpool

Im Folgejahr ging es zurück nach Deutschland, per Leihe zu Hertha BSC. Dort waren Sie unter Lucien Favre gesetzt und schossen die Berliner mit elf Toren in 27 Spielen auf Rang vier und damit in die Europa League. In der Öffentlichkeit musste Favre in jüngster Vergangenheit viel Kritik einstecken. Wie haben Sie ihn in Erinnerung?

Voronin : Er war wie alle Schweizer, die ich kenne: sehr intelligent und höflich. Wenn er versuchte, laut zu werden, kam das etwas komisch rüber, weil er eigentlich ein ruhiger Typ ist. Er hat uns Spieler immer gesiezt. Ich habe mich sehr gefreut, dass er solch eine gute Trainerkarriere hingelegt hat. 

Hertha konnte sich nach dem Verpassen der Königsklasse keine feste Verpflichtung leisten, obwohl Sie unbedingt bleiben wollten. Sie gingen zurück nach Liverpool, ehe Dynamo Moskau Sie im Januar 2010 holte. Weshalb haben Sie sich für den Schritt nach Russland entschieden?

Voronin : Das Angebot war aus finanzieller Sicht zu lukrativ, um es abzulehnen. Meine Familie wollte zunächst nicht aus Deutschland wegziehen. Mein Berater zweifelte am Sinn dieses Transfers. Ich wusste allerdings, dass ich weder der beste Spieler Europas war, noch die Champions League gewinnen würde. Andererseits passte Moskau wegen der Sprache und Mentalität perfekt zu mir. 

Trotz der genannten Aspekte kehrten Sie zweieinhalb Jahre später erneut nach Deutschland zurück und ließen sich an Fortuna Düsseldorf verleihen. Wieso? 

Voronin : Ich hatte gewisse Probleme mit dem Vorstand von Dynamo. Ich war Kapitän und wollte immer das Beste für die Mannschaft und den Verein. Dementsprechend wurde meine Meinung stets geschätzt und gefragt. Auf einmal hat sich die Situation um 180 Grad gedreht und ich sollte den Verein so schnell wie möglich verlassen. Was genau vorgefallen ist, weiß ich immer noch nicht. Das wissen vermutlich nur die Leute, die dafür verantwortlich waren. Moskau wollte mich zunächst verkaufen, aber ich war bereits 33 Jahre alt und habe gut verdient, weshalb sich das schwierig gestaltete. Dank meines Beraters hat sich dann die Möglichkeit ergeben, nach Düsseldorf zu gehen.

Die nächste Station am Rhein. In Düsseldorf trafen Sie erneut auf Ihren einstigen Förderer aus Gladbacher Zeiten, Norbert Meier. Bei der Fortuna lief es zunächst gut, zum Jahreswechsel standen Sie allerdings nicht mehr im Kader. Sie mussten aufgrund sportlich enttäuschender Leistung ein Straftraining absolvieren und wurden nach einem Discobesuch trotz Krankschreibung zu einer Geldstrafe verdonnert. Gibt es Dinge, die Sie bereuen?

Voronin : Den Discobesuch bereue ich definitiv, das war von mir als erfahrener Spieler nicht professionell. Dafür habe ich mich anschließend entschuldigt. Allerdings war vorher bereits einiges zwischen Meier und mir vorgefallen. Er hat versucht, mich vor der Mannschaft kleinzumachen und seine Autorität zu untermauern, obwohl ich nie etwas gegen ihn gesagt habe. Irgendwann hatte ich die Schnauze voll und habe gekontert. Ich bin ihm für alles dankbar, was er zu Beginn meiner Karriere für mich getan hat. Sein Verhalten in Düsseldorf war allerdings sehr billig. Ich wollte, dass er mich in Ruhe lässt, ich war ohnehin nur ausgeliehen. Ich kam nur zu ihm, weil er wollte, dass ich der Mannschaft zum Klassenerhalt verhelfe. Für mich war klar, dass ich definitiv nach Moskau zurückkehren werde. Rückblickend war es ein Fehler, nach Düsseldorf zu gehen

In Düsseldorf blieben Sie in elf Einsätzen torlos und wurden für nicht gut genug befunden. In Moskau trafen Sie nach Ihrer Rückkehr in 17 Spielen siebenmal. 2015 mussten Sie Ihre Karriere wegen einer Nackenverletzung beenden. Kurzzeitig bestand sogar die Gefahr, dass Sie im Rollstuhl landen.

Voronin : Mir wurde ein Wirbel im Nacken entfernt. Eigentlich wäre ich das Risiko eingegangen, nach einem Gespräch mit meinem Berater und meiner Familie habe ich mich allerdings dazu entschieden, aufzuhören. Ich war nicht auf ein Karriereende vorbereitet und hatte auch noch Kraft und Lust, ein Jahr weiterzumachen. Ich glaube jedoch nicht, dass mich nach solch einer komplizierten Operation und mit 35 Jahren noch irgendein Verein unter Vertrag genommen hätte. Wenn ich heute mit bei Dynamo im Training mitspiele, bin ich immer noch in Form, ich müsste nur ein paar Kilo abnehmen.

Für die ukrainische Nationalmannschaft bestritten Sie 74 Länderspiele, erzielten acht Tore und nahmen an der Weltmeisterschaft 2006 sowie der Europameisterschaft 2012 teil. Was trauen Sie Ihrem früheren Sturmkollegen und heutigen Nationaltrainer Andriy Shevchenko und der Mannschaft bei der EM 2021 zu, nachdem der erste Auftritt gegen die Niederlande trotz 2:3-Niederlage vielversprechend war? 

Voronin : Die Mannschaft hat eine gute Mischung aus Talent und Erfahrung. Ich freue mich, dass viele Jungs bereits in Europa spielen. Das ist eine wichtige Voraussetzung für eine gute Nationalmannschaft, denn die Qualität in Europa ist eine gänzlich andere. Ich hoffe, dass die Ukraine in vier bis sechs Jahren eine erfahrene Elf auf die Beine stellen kann. Das erste Spiel gegen die Niederlande hat gezeigt, in welche Richtung es gehen kann. Wenn die Ukraine die Gruppenphase übersteht, dann ist alles möglich. So wie bei der WM 2006, als wir das Viertelfinale erreicht haben.

Was zeichnete Shevchenko als Spieler aus?

Voronin : Er war ein großartiger Spieler, der eine tolle Karriere hingelegt hat. Shevchenko war einer der Besten der Welt. Wir haben knapp zehn Jahre zusammen gespielt und hatten stets guten Kontakt auf und neben dem Platz, auch wenn wir nicht beste Freunde waren. 

Sie wurden oft mit Shevchenko verglichen. Der damalige Nationaltrainer Leonid Buriak, der Sie nach Ihrem Debüt im März 2002 zunächst für sechs Monate nicht mehr berücksichtigt hatte, erklärte dies damit, dass Sie als Stürmer unter anderem nicht mit Shevchenko mithalten könnten. War das für Sie eher zusätzlicher Druck oder ein Ansporn?

Voronin : Als Sheva mal verletzt war und ich gespielt und getroffen habe, wurde ich in den Zeitungen als "neuer Shevchenko" betitelt. Ich wollte nie mit ihm verglichen werden. Sheva ist Sheva und ich bin ich. 

Würden Sie Ihn als Ihren besten Mitspieler bezeichnen?

Voronin : Ich hatte zum Glück viele gute Mitspieler, daher ist es schwer, einen rauszunehmen. Ich habe unter anderem mit Stefan Effenberg, Bernd Schneider, Toni Polster, Sergej Barbarez, Gerrard oder Alonso zusammengespielt. 

Wer war Ihr bester Gegenspieler?

Voronin : Unter anderem Carragher. Ich habe es gehasst, im Training gegen ihn zu spielen. Fabio Cannavaro würde ich auch dazu zählen, ein großartiger Spieler und Typ. Gegen Roberto Carlos zu spielen, war eine Katastrophe. Der Kerl läuft so viel, er hat zwei oder drei Herzen. Nach zehn Minuten habe ich gesagt: "Roberto, gib' mir bitte fünf Minuten." (lacht) Nicht er ist mir hinterhergelaufen, sondern ich ihm.

GER ONLY ANDRIY VORONIN LEVERKUSEN ROBERTO CARLOS REAL MADRID

Nach Ihrer aktiven Karriere haben Sie von Januar bis Juni 2017 die Herrenmannschaft des FC Büderich in der Bezirksliga Niederrhein trainiert. Wie kam es zu diesem Engagement?

Voronin : Mein Sohn hat dort in der Jugend gespielt. Ich war mehrmals die Woche da, die Leute kannten mich. Nachdem der Trainer entlassen worden war, wurde ich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, die Mannschaft zu coachen. Für mich war das ideal, weil ich nicht nur zu Hause rumsitzen wollte. Ich habe auch mittrainiert und erste Einblicke ins Trainerdasein erhalten.

In einem Interview mit der Bild sagten Sie einst: "Wer besoffen kommt, spielt nicht." Wie war für Sie die Umstellung vom Profifußballer auf Amateurtrainer?

Voronin : Auf der einen Seite hatte ich großen Respekt davor, dass die Jungs trotz Arbeit, Studium und verschiedensten Wetterbedingungen zum Training kamen. Sie hatten einfach Spaß am Fußball, auch wenn die Trainingseinheiten nicht immer locker waren. Auf der anderen Seite ist es natürlich nervig, wenn man einen Trainingsplan für eine bestimmte Anzahl an Spielern erstellt und wenige Stunden vor Trainingsbeginn zahlreiche Absagen erhält. Am Wochenende war dann einer gesperrt, einer verletzt, einer im Urlaub, der Nächste hatte Durchfall. (lacht) Ich konnte nichts dagegen tun. Wir hatten dennoch gute Jungs dabei, unter anderem den Sohn von Rudi Völler. 

Der Verein begründete die Trennung nach knapp sechs Monaten damit, dass Sie "aufgrund anderer Verpflichtungen" unter anderem die Vorbereitung und einige Spiele verpasst hätten. Stimmt das?

Voronin : Nein. Ich hatte keine Lust, nur ein bisschen zu kicken, sondern wollte die guten Voraussetzungen nutzen und mit ein paar Neuzugängen eine starke Truppe aufbauen. Da ich dort Trainer war, wollten auch viele zu uns wechseln. Zunächst war der Vorstand nicht gänzlich überzeugt, dann habe ich erfahren, dass sie bereits zwei Spieler hinter meinem Rücken verpflichtet hatten. Für mich war das unbegreiflich, dass ich als Trainer nicht in die Gespräche eingebunden wurde. Dann hat ein Vorstandsmitglied sich bei mir beschwert, weil sein Sohn nicht gespielt hat. Es haben sich ständig Leute eingemischt, die keine Ahnung von Fußball hatten. Darauf hatte ich keine Lust.

Seit Oktober vergangenen Jahres sind Sie Co-Trainer von Ex-Mainz-Coach Sandro Schwarz bei Dynamo Moskau. Wie zog es Sie zurück nach Russland?

Voronin : Das Angebot habe ich bereits vor zwei Jahren unter Dmitri Khokhlov erhalten, mit dem ich bei Dynamo zusammengespielt habe und befreundet bin. Allerdings kam es vor seiner Entlassung Ende 2019 nicht zustande. Seitdem war ich mit der Vereinsführung weiter in Kontakt und wir hatten beide Interesse an einer Zusammenarbeit. Als Schwarz als Nachfolger für Kirill Novikov im Gespräch war, kam ich wieder ins Spiel, da sowohl ich als auch Sportdirektor Zeljko Buvac ihn aus gemeinsamer Zeit bei Mainz kennen. 

Welche Ziele verfolgen Sie persönlich mit Blick auf eine mögliche Karriere als Cheftrainer?

Voronin : Aktuell kann ich keine Prognose abgeben, da ich noch in der Lernphase bin. Ich bin glücklich darüber, dass ich wieder im Fußballgeschäft tätig bin, in dem ich mein ganzes Leben aktiv war. Daher bin ich derzeit sehr zufrieden.