Andrea Pirlo Juventus Barcelona Champions League

Andrea Pirlo sagt Ciao: Der letzte Künstler im Zeitalter der Athleten

Italien hat in seiner Historie viele großartige Mittelfeldspieler herausgebracht. Valentino und Sandro Mazzola, Gianni Rivera, Giancarlo Antognoni, Marco Tardelli, Gennaro Gattuso, Daniele De Rossi, Marco Verratti - die Liste ist fast endlos. Einer übertrifft sie aber alle: Mittelfeld-Maestro Andrea Pirlo. 

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Am Sonntag kündigte der 38-Jährige nun sein Karriereende an. Im Dezember, wenn sein Vertrag beim New York City FC ausläuft, hört er auf. "Man erkennt, dass die Zeit gekommen ist", sagte Pirlo der Gazzetta dello Sport. "Man hat jeden Tag körperliche Probleme. In meinem Alter muss man sagen: Jetzt ist genug. Du kannst nicht weitermachen, bis du 50 bist."

Seit seinem Debüt in der Serie A bei seinem Heimatverein Brescia im Alter von 16 Jahren hat Pirlo über zwei Jahrzehnte lang Menschen auf der ganzen Welt verzaubert. Fußball-Fans sind, gerade in Italien, so sehr ihrem Verein oder Land verbunden, dass es kaum Spieler gibt, die überregionale Beliebtheit erfahren. Als eine von wenigen Ausnahmen hat es Pirlo neben Javier Zanetti, Paolo Maldini und Gianluigi Buffon geschafft, vielerorts verehrt zu werden. 

"Der brasilianischste Europäer"

Pirlo ist derart beliebt, weil er schlicht einzigartig ist. Sofort zu erkennen - ob mit oder ohne seine wallenden Locken oder seinem markanten Bart - ist es ein Genuss, dem Architekten zuzusehen. Wie er übers Feld gleitet, den Ball streichelt, wie er seine Mitspieler einsetzt oder Freistöße schlägt: Es ist pure Schönheit.

Andrea Pirlo Juventus Barcelona Champions League

Für Puristen dieses Sports ist Pirlo genau so, wie ein Fußballer sein sollte. Er ist langsam, er ist schwach und scheut Zweikämpfe, Kopfballduelle und Sprints. Und dennoch ist er ob seiner genialen Übersicht und seiner filigranen Technik unantastbar. 

Aus diesem Grund ist Pirlo so beliebt in Brasilien - im Land, in dem Jogo Bonito, das schöne Spiel, geboren wurde. Viele Brasilianer sehnen sich nach den Jahren 1970 und 1982, als Freigeister wie Rivelino, Tostao, Socrates und Zico mit allen Freiheiten ausgestattet die Massen verzauberten. Pirlo verkörpert diesen losgelösten, unbeschwerten und risikoreichen Fußball, den die Brasilianer am liebsten immer noch sehen würden. "Andrea Pirlo ist der brasilianischste Europäer und Juventus' wahrer Brasilianer. Er ist der erste Spieler, den ich in meine Traumelf wählen würde," schwärmte Carlos Dunga einmal. Ironischerweise ist er ein Coach, der viel Wert auf Athletik legt.

Pirlo, der tiefstehende Spielmacher

Tatsächlich leben wir eher in einem Zeitalter der Athletik. Veränderte Gegebenheiten wie medizinische Neuerungen, taktische Weiterentwicklungen und vor allem das angezogene Tempo haben Spieler wie Pirlo weitgehend aussterben lassen. Pirlos Stil passt dagegen eher in die 80er-Jahre, in denen das Spiel noch langsamer, mehr von Technik geprägt und das Pressing in der heutigen Intensität noch Ewigkeiten entfernt war.

"Er ist der Inbegriff von Klasse: ein Mann, der das Team mit all den Waffen anführt, die viele für veraltet halten, die für mich aber unersetzlich sind: Täuschung, Entschleunigung, Präzision", sagte der ehemalige argentinische Nationalspieler und früherere Star von Real Madrid, Jorge Valdano: "Sie alle sind das exakte Gegenteil von dem Wort, das heutzutage so modisch und ein solches Desaster für das Spiel ist: Intensität."

Diese Intensität hätte uns beinahe der Genialität Pirlos beraubt. Nachdem sich die klassische Zehnerposition immer stärker abgenutzt hatte, musste Pirlo hart kämpfen, um seinen Platz bei Inter zu behalten. Erst Brescias Carlo Mazzone und dann Carlo Ancelotti beim AC Mailand hatten die Weitsicht, Pirlo als tiefstehenden Spielmacher auf seine Paradeposition im defensiven Mittelfeld zurückzuziehen. Dort konnte er sich perfekt entfalten, das Tempo diktieren und seine Mitspieler mit chirurgisch präzisen Steilpässen füttern.

Pirlo, Gehirn und Herzstück

Wahrscheinlich gab es seit Michel Platini keinen Spieler mehr, der die gegnerische Verteidigung mit seinen tödlichen Steilpässen über die Abwehr hinweg so geschickt aushebeln konnte wie Pirlo. Wahrscheinlich bleibt kein anderer Spieler mit dem Ball am Fuß so ruhig und unaufgeregt wie der 116-malige Nationalspieler Italiens.

"Ich fühle keinen Druck. Ich mach mir da keinen Stress. Am 9. Juli 2006 in Berlin habe ich den Nachmittag damit verbracht, PlayStation zu spielen. Am Abend bin ich rausgegangen und bin Weltmeister geworden", ist eines der bekanntesten Zitate von Pirlo.

Andrea Pirlo Italy 2006Getty

Wie ein Regisseur war Pirlo das Gehirn und Herzstück in einer der besten Mittelfeld-Reihen der Champions-League-Geschichte. Zusammen mit Gattuso und Clarence Seedorf erreichte Pirlo in fünf Jahren mit Milan drei Mal das Finale, je einmal das Halb- sowie Viertelfinale und gewann zwei Mal den begehrten Henkelpott. 

Die kongeniale Partnerschaft mit Abräumer Gattuso war auch der entscheidende Faktor bei Italiens Gewinn der Weltmeisterschaft 2006. In Deutschland war Pirlo mit drei Assists und ebenso vielen "Man-of-the-Match"-Awards einer der besten Spieler. Er erzielte das erste Turniertor der Squadra Azzurra mit einem fulminanten Distanzschuss gegen Ghana, bereitete Marco Materazzis Treffer im Finale vor und traf dort auch im nervenaufreibenden Elfmeterschießen.

Eine Karriere voller unvergesslicher Momente

Nachdem ihn einige seiner Kritiker nach seiner zehnjährigen Zeit bei Milan schon abgeschrieben hatten, bewies er seine Klasse aufs Neue. Im Alter von 33 Jahren spielte er 2011/12 die persönlich vielleicht beste Saison seiner Karriere. Er avancierte bei Juve auf Anhieb zum unumstrittenen Katalysator, der die seit dem Zwangsabstieg angeschlagenen Turiner wiedererstarken ließ und ungeschlagen zur Meisterschaft führte.

Pirlo wurde in der Serie A zum Spieler des Jahres gewählt und verteidigte den Titel in den beiden darauffolgenden Spielzeiten, während Juve mit inzwischen sechs in Folge gewonnenen Meisterschaften eine Ära prägt. Die einzige Enttäuschung im Dress der Alten Dame erlebte Pirlo ausgerechnet in seinem letzten Spiel für die Turiner - bei der 1:3-Niederlage im Finale der Champions League 2015 gegen den FC Barcelona. Pirlos Tränen kullerten nach dem Verpassen des historischen Triples auf den Boden des Berliner Olympiastadions.

GFX Andrea Pirlo

Und trotz dieser Niederlage: Pirlo hat in seiner Karriere mehr als genug erreicht. Er hat sowohl im Verein als auch mit der Nationalmannschaft alles geholt, gewann insgesamt 19 Titel inklusive sechs Meisterschaften, zwei Champions-League-Trophäen und dem WM-Titel. Einige Insider sind sich sicher: Hätte Italien 2012 nicht das EM-Finale verloren, würde auch der Ballon d’Or zu Pirlos Titeln zählen.

Seine ganze Karriere ist voller unvergesslicher Momente, die in 50 Jahren noch Bestand haben werden. Von seinem Panenka gegen England bei der EM 2012 bis zu seiner No-Look-Vorlage auf Fabio Grosso sechs Jahre zuvor im WM-Halbfinale gegen Deutschland. Von seinem Chip auf Roberto Baggio gegen Edwin van der Sar 2001 bis zu seinem Freistoß gegen Real Madrid im Jahr 2009. Und nicht zuletzt auch sein emotionaler Auftritt bei seinem 100. Länderspiel für Italien.

"Pirlo ist ein Genie, zusammen mit Roberto Baggio das größte der letzten 25 Jahre im italienischen Fußball", sagte Torwart-Legende Gianluigi Buffon über ihn. "Er wird für immer als einer der Besten überhaupt in der Geschichte des Fußballs verankert sein. Er hat alles erreicht", sagte Pirlos ehemaliger Teamkollege Samuele Dalla Bona zu Goal.

Sicher ist, dass es nie wieder einen solch einzigartigen Spieler geben wird. Er ist nicht nur der beste italienische Mittelfeldspieler aller Zeiten, sondern auf seiner Position auch einer der besten weltweit. Vielleicht ist er gar der letzte Künstler im Zeitalter der Athleten.

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