FC Bayern leiht Alvaro Odriozola aus: Der Transfer aus drei Perspektiven

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Rechtsverteidiger Alvaro Odriozola verstärkt für den Rest der Saison den FC Bayern. Die Leihe des Spaniers nach München aus drei Perspektiven.


HINTERGRUND

Hansi Flick wollte einen Rechtsverteidiger, jetzt hat er ihn: Alvaro Odriozola kommt bis zum Saisonende auf Leihbasis von Real Madrid zum FC Bayern . Ein Deal, der für alle beteiligten Parteien Sinn ergibt - selbst für die Königlichen, die mit Dani Carvajal fortan nur noch einen gestandenen Rechtsverteidiger in ihren Reihen haben. Der bislang einzige Wintertransfer des deutschen Rekordmeisters aus drei Perspektiven.

Odriozola zum FCB: Die Perspektive des FC Bayern

Die Verpflichtung eines Rechtsverteidigers hatte nach der von Abwehrsorgen geplagten Hinrunde höchste Priorität für Flick. Während des Trainingslagers in Katar sah sich der Trainer gar genötigt, Druck auf die Bosse um Sportdirektor Hasan Salihamidzic auszuüben. Man müsse sich auf dieser Position dringend verstärken, um die Saisonziele nicht zu riskieren, monierte Flick. Salihamidzic stieß diese Anmerkung nicht unbedingt positiv auf, er versprach trotz der schwierigen Marktlage im Januar aber, sich mit dem Wunsch des Übungsleiters auseinanderzusetzen.

Der viermalige spanische Nationalspieler Odriozola nahm zu diesem Zeitpunkt gewiss keine gewichtige Rolle in den Vorstellungen von "Brazzo" ein. Anfang Januar führten die Münchner noch gute Gespräche mit dem Management von Joao Cancelo, Manchester City mit Ex-FCB-Coach Pep Guardiola ließ sich allerdings nicht auf einen Abschied des erst zu Saisonbeginn verpflichteten Nationalspielers aus Portugal ein. Auch mit alternativen Kandidaten wie Benjamin Henrichs (AS Monaco), Nelson Semedo (FC Barcelona) oder Thomas Meunier (Paris Saint-Germain) kam man nicht auf einen Nenner, während die Gerüchte um Achraf Hakimi (Real Madrid) und Lukas Klostermann (RB Leipzig) eher als typische mediale Transferspielereien einzustufen waren.

Das Problem: Keiner der genannten Spieler wäre für die Bayern auf Leihbasis zu haben gewesen. "Unsere Mannschaft zu verstärken, ist schwer. Und die Topspieler werden im Winter von den Klubs nicht freigegeben", erklärte Salihamidzic und machte wenig Hoffnung auf eine Lösung. Die bot sich nun spontan, weil sich Real nach dem Okay von Trainer Zinedine Zidane gewillt zeigte, mit Odriozola einen ihrer Bankdrücker ziehen zu lassen. Der FCB setzte sich im Werben um Odriozola mühelos gegen den FC Sevilla und Athletic Bilbao durch - auch, weil er in Person von Karl-Heinz Rummenigge beste Beziehungen zu den Granden der Königlichen um Florentino Perez unterhält.

Mit Odriozola bekommen die Münchner für eine kleine Leihgebühr von angeblich bis zu drei Millionen Euro einen fitten und international erprobten Rechtsverteidiger, der Flick mehr taktische Möglichkeiten verleiht. Benjamin Pavard und Joshua Kimmich können durch die Ankunft des 24-Jährigen auf ihren bevorzugten Positionen im Abwehr- respektive Mittelfeldzentrum agieren. Odriozola dürfte dennoch die eine oder andere Woche benötigen, um anzukommen - und zwar nicht, weil der heimat- und familienverbundene Baske seine erste große berufliche Auslandserfahrung macht, sondern weil er seit dem 19. Oktober auf einen Startelf-Einsatz wartet.

Alvaro Odriozola Valencia Real Madrid LaLiga 03042019

Damals verlor Real in der Liga 0:1 auf Mallorca und Odriozola wurde im Nachhinein als einer der Schuldigen ausgemacht. Tatsächlich fiel er in der bisherigen Saison durch einige Stellungsfehler und schlechte Pässe auf. Ein Odriozola mit Selbstvertrauen - das er seit seiner Ankunft bei Real im Sommer 2018 eigentlich nie entwickelte - kann er in München durchaus funktionieren. Er ist zumindest deutlich schneller als Pavard und schlägt ähnlich gute Flanken wie Kimmich, auch weil der Dauersprinter noch genug Puste hat, den Kopf nach oben zu nehmen, wenn er einmal bis zur Grundlinie vorgedrungen ist. Ob er seine defensiven Schwächen kaschieren kann oder nicht: Dem FCB bietet sich bei dem ohne Kaufoption abgeschlossenen Deal kein Risiko - und kann sich im Sommer möglicherweise nach einem Rechtsverteidiger von höherer Qualität umsehen.

Odroziola zum FCB: Die Perspektive von Alvaro Odriozola

Eineinhalb Jahre versuchte sich Odriozola unter drei Trainern im Estadio Santiago Bernabeu und musste spätestens in den vergangenen Wochen erkennen, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Der Schritt nach Madrid kam offensichtlich zu früh, war doch immerhin selbst an einem nicht immer überzeugenden Dani Carvajal kein Vorbeikommen für ihn.

Während Julen Lopetegui und Santiago Solari in der vergangenen Saison zumindest noch darum bemüht waren, Odriozola Einsatzzeiten zu gewähren, wurde der Mann aus San Sebastian zuletzt fast schon von Zidane ignoriert. 434 Spielminuten stehen in der bisherigen Saison auf seinem Konto, seine Startelfquote liegt bei mickrigen 20 Prozent.

Kein Wunder, dass Odriozola in den vergangenen Tagen gemeinsam mit seinem bestens vernetzten Berater Oscar Ribot nach einem Ausweg aus seiner verzwickten Lage suchte. Ribot, einst Pressesprecher bei Real und auch Repräsentant von Ex-Münchner Xabi Alonso, brachte den Deal am Dienstagmorgen unter Dach und Fach. Ein Wechsel nach Sevilla oder Bilbao wäre die "einfachere", weil heimatnähere Option für ihn gewesen, die Aussicht auf Spielpraxis bei einem Topklub mit hohen nationalen Ambitionen und dem Traum vom Champions-League-Titel überzeugten Odriozola aber von der Herausforderung, Spanien den Rücken zu kehren und in ein Land zu gehen, dessen Sprache er nicht beherrscht.

Für das Eigengewächs von Real Sociedad ist der Schritt nach München ein Neuanfang zur rechten Zeit, denn Odriozola kommt auch mit der Hoffnung zum FCB, noch auf den EM-Zug aufzuspringen. Spaniens Nationaltrainer Luis Enrique baut aktuell auf Carvajal, hat mit Jesus Navas (FC Sevilla) und Sergi Roberto (FC Barcelona) aber noch zwei Backups in der Hinterhand, mit denen es Odriozola durchaus aufnehmen kann - vorausgesetzt, er findet sich in München gut zurecht. Ribot-Kumpel Alonso und auch Ex-Bayer Toni Kroos werden ihm die ein oder anderen Tipps für sein neues Abenteuer mit auf den Weg gegeben haben. Und man darf auch davon ausgehen, dass Javi Martinez, Thiago und Lucas Hernandez ihm seine Integration erleichtern werden.

Der Deal ergibt also auch für Odriozola selbst Sinn. Er kann sich mit guten Leistungen zudem für eine Weiterbeschäftigung in München über den Sommer hinaus oder aber für einen Wechsel zu einem anderen Spitzenverein empfehlen. Bei Real, dessen ist sich die spanische Presse einig, hat er trotz Vertrags bis 2024 keine Zukunft mehr. Erst recht nicht, solange Zidane Trainer ist. Geplant ist, dass Achraf Hakimi nach seiner Leihe bei Borussia Dortmund im Sommer zu seinem Jugendklub zurückkehrt und Carvajal den Stammplatz auf der rechten Abwehrseite streitig macht.

Odriozola zum FCB: Die Perspektive von Real Madrid

Für die Madrilenen mag der Transfer von Odriozola zu einem direkten Champions-League-Konkurrenten auf den ersten Blick ein Risiko darstellen, da sich mit Carvajal in der Theorie nur noch ein gelernter Rechtsverteidiger im Kader befindet. Zidane war jedoch nie ein Fan von Odriozola und ließ ihn das auch spüren.

Er zog ihm nicht nur Carvajal auf der Rechtsverteidigerposition vor. Odriozola befand sich in der königlichen Rechtsverteidiger-Rangfolge zuletzt fast schon auf Rang fünf - hinter Carvajal, den gelernten Innenverteidigern Eder Militao und Nacho Fernandez sowie sogar dem gelernten Stürmer Lucas Vazquez. Selbst Ferland Mendy, Linksverteidiger, könnte hinten rechts verteidigen.

Daher sieht Zidane selbst im Falle einer schwereren Verletzung von Carvajal keinen Grund zur Sorge, dass sich der Odriozola-Abgang in den finalen Saison-Monaten negativ auf sein Team und die Ziele auswirken könnte. Im Sommer dürfte ohnehin Hakimi den Kader erweitern. "Im Fußball ist alles möglich, aber ich gehe nicht davon aus, dass wir im Januar noch einen Spieler verpflichten", erklärte der Zidane am Dienstag.

Für Real könnte sich der Deal mit Bayern sogar noch als Glücksgriff erweisen. Sollte Odriozola beim FCB nämlich einschlagen, würde sein zuletzt rapide gesunkener Marktwert wieder ansteigen. Dann könnte der Tabellenzweite der spanischen Liga möglicherweise einen Großteil der in Odriozola investierten 30 Millionen Euro zurück erwirtschaften - mithilfe von Bayern oder einem anderen Klub. Auch deshalb wurde in das Leihgeschäft wohl keine Kaufoption integriert.

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