Erst wackelig, dann der Held: Alex Nübel besteht Stresstest im Tor der U21

Kommentare()
Schwächen im Aufbau, Elfmeter verschuldet, aber zwei Hundertprozentige gehalten. Im Tor der U21 erlebte Alex Nübel einen turbulenten Abend.

HINTERGRUND

Gespannt wartete die versammelte Journalisten-Entourage am späten Sonntagabend in der Mixed Zone auf Alexander Nübel. Und während Trainer Stefan Kuntz und DFB-Sportdirektor Oliver Bierhoff in Udine Rede und Antwort standen, ergriff der Torwart die Gelegenheit und versuchte, sich im Schatten der beiden Europameister von 1996 unbemerkt in Richtung Bus zu schleichen. Das klappte zwar nicht, doch Fragen wollte der Schalker trotzdem nicht beantworten – wie schon während des gesamten Turniers.

Erlebe Europas Top-Ligen live und auf Abruf auf DAZN. Jetzt Gratismonat sichern!

"Innerhalb der Mannschaft redet er sehr viel", versicherte Verteidiger Benjamin Henrichs auf Nachfrage von Goal und SPOX mit einem Augenzwinkern. "Da verhält er sich ein bisschen anders als bei euch." Das mag auch daran liegen, dass medial in den vergangenen Monaten häufig Fragen nach der Zukunft des talentierten Torhüters gestellt wurden – Fragen, denen er sich aktuell nur sehr ungern stellt.

Nach dem 1:1 gegen die österreichische Auswahl, das gleichbedeutend mit dem Einzug ins Halbfinale der U21-EM war, ging es den Medienvertretern allerdings nicht darum, ob Nübel künftig weiter in Königsblau oder doch für den FC Bayern München auflaufen wird. Vielmehr ging es um das sportliche Wechselbad der Gefühle, das der Torwart im Stadio Friuli durchlebt hatte.

Alexander Nübel mit zwei Weltklasse-Paraden und ungewohnten Aussetzern

Zweimal rettete er dem DFB-Team mit Weltklasse-Paraden das so wichtige Unentschieden. Einmal per sensationeller Fußabwehr gegen Mittelstürmer Sasa Kalajdzic (34.), wenig später behielt er auch in im Eins-gegen-Eins gegen Husein Balic die Nerven und lenkte den Ball noch neben den Pfosten. "Das waren Hundertprozentige", lobte Torwarttrainer Klaus Thomforde nach dem Schlusspfiff.

Zur ganzen Wahrheit gehört aber auch, dass Nübel trotz der starken Paraden längst nicht fehlerfrei blieb. Schon in der Anfangsphase zeigte sich der 22-Jährige mit leichtsinnigen Fehlpässen im Aufbau. Symptomatisch für sein Spiel stand dabei eine Szene aus der Anfangsviertelstunde: Ins Aufbauspiel eingebunden, ließ er Kalajdzic mit einer tollen Finte in Manuel-Neuer-Manier aussteigen, spielte im Anschluss allerdings einen schlimmen Fehlpass, der gut und gerne in einem Gegentreffer hätte enden können.

Wenig später war es ebenfalls Nübel, der einen Elfmeter verursachte und Österreich somit zum 1:1-Ausgleich verhalf. Nach einem Freistoß des Bremers Marco Friedl pflückte sich der deutsche Keeper den Ball zwar souverän aus der Luft, rammte beim Sprung allerdings sein Knie gegen den Kopf von Angreifer Kalajdzic, der sofort zu Boden ging.

Alexander Nübel Germany U21 Kevin Danso 23062019

Elfmeter für Torwarttrainer Klaus Thomforde ein "absolutes Unding"

Als Schiedsrichter Andris Treimanis in dieser Szene ohne zu zögern auf den Punkt zeigte, entglitten Nübel alle Gesichtszüge. "Das war ein absolutes Unding", kommentierte Torwarttrainer Thomforde die Entscheidung. "Dann kann man auch mit dem Torwartspiel aufhören. Ich habe mich selbst kaum beruhigen können und auch Alex hat sich danach eine Minute nicht im Griff gehabt."

Schon bei der Ausführung fand Nübel wieder zur Fassung, doch er konnte nicht verhindern, dass der Augsburger Kevin Danso zum Ausgleich traf. Ein Rückschlag für Deutschland und den jungen Schlussmann, der nach Meinung von Trainer Kuntz allerdings auch sehr lehrreich sein kann.

"Solche Situationen kann man in der Theorie im Vorfeld nicht erklären. Es geht darum, Tiefen zu durchlaufen, danach aber wieder bereit sein, Höhen zu erleben", erklärte der Coach. "Als Betroffener hat Alex gedacht, es war nie im Leben ein Elfmeter. Weil es aber durch den VAR überprüft wurde, wird es keine klare Fehlentscheidung gewesen sein", gab er ehrlich zu.

Kuntz hätte ein Problem damit, wenn Nübel "strahlend durch die Gegend gelaufen wäre"

Seine Emotionen nach dem verursachten Elfmeter und zuvor zwei ungewohnte Schwächen im Aufbau stellten für Nübel einen wahren Stresstest dar, wie Kuntz bestätigte: "Man kann solche Situationen auch im Training üben und schauen, wie stressresistent man ist. Im Anschluss aber in zwei Szenen eine überragende Rolle zu spielen, ist nicht alltäglich. Er war da und hat uns am Leben gehalten, daher muss ich sagen, dass es eine geile Erfahrung für ihn war."

"Stresstest bestanden", lobte Kuntz im Anschluss, "auch, wenn so etwas bei mir auf Dauer mit Sicherheit zu Herzfehlern führt." Ähnlich wird es auch Nübel selbst ergangen sein, denn obwohl er mit seinen zwei Glanztaten nach 90 Minuten so etwas wie der Garant für den Einzug ins Halbfinale und die gleichbedeutende Qualifikation für die Olympischen Spiele war, ging er alles andere als glücklich vom Platz.

Auf Nübels Gefühlslage angesprochen sagte der Trainer: "Ich hätte ein Problem damit, wenn er heute strahlend durch die Gegend gelaufen wäre. Wenn er heute zu 100 Prozent mit seiner eigenen Leistung zufrieden wäre, dann müssten wir reden. Aber das war er nicht."

"Je größer der Druck, desto größer die Pokale"

Schon in der Halbzeit nahmen ihn seine Torwart-Kollegen Florian Müller und Markus Schubert zur Seite und sprachen ihm Mut zu. Gleiches galt für Torwarttrainer Thomforde und Kuntz, die in der Pause jeweils ein paar Worte an ihn richteten. Und obwohl der DFB nach dem Schlusspfiff die Freunde und Familien ins Teamhotel eingeladen hat, wird Nübel wohl auch im Beisein seiner Liebsten nicht komplett abschalten können – zu groß war der Druck, den er nach seinen Unsicherheiten plötzlich verspürte, und zu wild sein Abend in Udine.

Unter dem Strich wird der 1,93-Meter-Hüne diese Erfahrung dennoch als sehr lehrreich einstufen und verinnerlichen. Denn obwohl Nübel nun bereits zum 15. Mal in der U21-Nationalmannschaft zwischen den Pfosten stehen durfte, war er bis zum Winter bei seinem Stammverein in Gelsenkirchen nur die Nummer zwei und stand nie im Rampenlicht. Mit echten Drucksituationen auf Top-Niveau hatte er bis dato also wenig zu tun.

"Berti Vogts hat bei der EM 96 mal zu mir gesagt: 'Je größer der Druck, desto größer die Pokale" – da ist etwas Wahres dran", analysierte Kuntz. Es ist wahrscheinlich, dass er auch Nübel in einer ruhigen Minute mit diesem Zitat des ehemaligen Bundestrainers konfrontieren wird. "Nur wenn man solche Drucksituationen erlebt, sammelt man Erfahrungen. Das war heute sehr viel wert."

Der Druck auf Nübel und Co. wird nach dem Leitsatz von Vogts auch in den kommenden beiden Partien nicht kleiner. Aber diesem muss die deutsche U21 nur noch zweimal standhalten, ehe sie sich vielleicht erneut zum Europameister krönt.

Schließen