Adrian Mutu 04112004Getty Images

Ex-Chelsea-Star Adrian Mutu: Provinz, Highlife und verschwendetes Talent


HINTERGRUND


Ein Mann Ende 30 betritt die Kabine von Dinamo Bukarest. Kurze Begrüßung, dann hängen die Spieler des rumänischen Top-Klubs gebannt an seinen Lippen. Seriosität fordert er, Disziplin und Pünktlichkeit. Keine ungewöhnlichen ersten Worte eines neuen Vereinspräsidenten. Wenn jener den Namen Adrian Mutu trägt, wirken sie aber irgendwie befremdlich.

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"Das waren die ersten drei Dinge, die ich eingefordert habe", sagte Mutu nach seinem überraschenden Amtseintritt vergangenen Oktober. Pünktlichkeit, Seriosität und Disziplin? Nicht gerade die Attribute, mit denen der inzwischen 38-jährige Rumäne im Verlauf seiner Achterbahnkarriere aufgefallen ist.

Mutus Weg begann in den 1980er Jahren in der Walachei, einer Region im Süden Rumäniens. Ein kleiner Ort, dessen Einwohner sich vor allem mit Landwirtschaft und Imkerei versorgen, ist seine Heimat. Eigentlich, so könnte man meinen, die Wiege für bodenständige, demütige, ehrlich arbeitende Menschen.

Doch Mutu ist anders. Beziehungsweise er kanalisiert das harte Brot seiner Herkunft anders. Denn viel hatte er nie als Kind. Und die Provinz, der fehlende Horizont engten ihn ein. Fußball war seine Perspektive. Sein Talent, sein Faustpfand, um irgendwann das Leben voller Glanz und Glamour zu leben, von dem er träumte.

Als Rumänien 1994 bei der WM in den USA für Furore sorgt, bis ins Viertelfinale stürmt, ist der 15-jährige Mutu auf bestem Weg, es seinen Idolen gleichzutun. Den Gheorghe Hagis, den Florin Raducioius. Mit Letzterem sollte Mutu später, als er das Rampenlicht erreicht hatte, einmal aneinandergeraten. Allerdings nicht so, wie er sich das seinerzeit wohl gewünscht hätte.

2005 war das. Knapp ein Jahr, nachdem Mutu den ersten richtig tiefen Tiefpunkt seiner Laufbahn erreicht hatte. Kokainmissbrauch! Der Hochbegabte war abgestürzt, beim FC Chelsea nicht mehr gern gesehen. Bei den Blues hatte man gemerkt, dass etwas nicht stimmt. Verfolgungsjagden mit der Polizei, nächtliche Eskapaden, enorme Stimmungsschwankungen. Man setzte einen Drogentest an, dessen Ergebnis positiv ausfiel.

Mutus Aufstieg endet in London

Der Vertrag in London wurde aufgelöst, Mutu für sieben Monate gesperrt. Er, den sich das damals neureiche Chelsea nur gut ein Jahr zuvor satte 19,5 Millionen Euro Ablöse hatte kosten lassen. Denn Mutu war einer der begehrtesten jungen Stürmer Europas. Bei Dinamo Bukarest hatte er den Durchbruch geschafft, im Nationalteam debütiert. Mit 19 ging er zu Inter, mit 21 nahm er für Rumänien an der EM 2000 teil.

Mutus Aufstieg schien zu beginnen, wenngleich frühe Rückschläge nicht ausblieben. Bei Inter kam er kaum zum Zug, wurde nach nur eineinhalb Jahren an Hellas Verona verkauft. Dort fand der technisch beschlagene Angreifer mit dem angeborenen Torinstinkt langsam in die Spur, ging nach einer starken Saison 2002 zu Parma, überzeugte weiter, heuerte dann bei Chelsea an.

Eine Entscheidung, die er im Nachhinein bereuen dürfte. Denn, erste Sporen in der Serie A verdient, verlor Mutu im noblen London die Bodenhaftung. Er, der lange nur Felder und Wiesen kannte, mit der großen, weiten Welt nichts zu tun hatte, war davon nun so geflasht, dass er durchdrehte. Seine Ehe ging zu Bruch, teure Scheidung inklusive. Mutu bändelte mit Models an, die ihn emotional nicht erfüllten, ihn ablenkten, verletzten. Und den sportlichen Abstieg forcierten.

GFX Adrian Mutu

"Meine Karriere liegt in Ruinen", sagte Mutu nach seinem Aus bei Chelsea. "Ich kann eigentlich aufhören, Fußball zu spielen. Was bleibt mir noch?" Der in seiner Heimat einst als Hagi-Nachfolger Gepriesene hatte das Nichts vor Augen. Sportlich war es bei den Blues im ersten Jahr noch ordentlich gelaufen, hatte Mutu doch immerhin sechs Premier-League-Tore erzielt. Die zweite Saison glich aber auch vor seinem Drogentest schon einem Desaster.

Statt eines neuen Nationalhelden hatte Rumänien eine Hassliebe gefunden. Wenn Mutu Fußball spielte, liebte man ihn. Sein Charakter, das wurde mehr und mehr klar, passte dazu aber nicht. Das stellte auch Raducioiu, der WM-Held von 1994, fest. Er hatte Mutu inmitten des Drogenskandals kritisiert, beanstandet, dass jener noch viel zu lernen habe.

"Schaut nur, wer da redet", sagte Mutu daraufhin im rumänischen Fernsehen spöttisch. "Nachdem er damals nur ein paar Monate in Italien gespielt hatte, hat er verlernt rumänisch zu sprechen, weil er dachte, dass eine andere Nationalität interessanter sei." Raducioiu konterte: "In seinem Alter habe ich vier Tore für Rumänien bei der WM geschossen und stand kurz vor dem Halbfinal-Einzug. Er ist lediglich berühmt für ein Tattoo und ein paar Diamanten. Er ist immer noch ein Kind ohne Gehirn!"

Immerhin: Nach Ablauf seiner Sperre kämpfte sich Mutu, der mit 25 bereits einen Scherbenhaufen als Perspektive hatte, noch einmal zurück. Er ging zu Juventus, dann zur Fiorentina, war dort über einige Jahre hinweg Top-Scorer. Bei der EM 2008 sollte er Rumänien zu neuem Glanz führen, die Worttgefechte mit den Legenden von früher waren vergessen.

Mutus moralische Wandlung

Doch auch Mutus Treffer beim 1:1 gegen Italien verhinderte Rumäniens Vorrunden-Aus in einer komplizierten Gruppe nicht. Wieder mal war er Gescheiterter statt Nationalheld. Und fiel nach und nach zurück in alte Muster, lebte den Hang zum Selbstzerstörerischen wieder voll aus.

Anfang 2010 wurde Mutu positiv auf Doping getestet, musste eine Sperre über neun Monate hinnehmen. Und kam nie wieder ins Spotlight zurück. Über Cesena und Ajaccio kehrte er zurück nach Rumänien, einem Abstecher nach Indien folgte 2016 das Ende seiner aktiven Karriere beim rumänischen Klub Tirgu Mures.

"Spielen werde ich nicht mehr", sagte Mutu im Oktober zu Europa FM. Stattdessen nun also Präsident. Repräsentant eines der größten Vereine seines Landes. Die große Erfahrung Mutus, der zeitgleich auch seine Trainerscheine machen will, schätze man, heißt es bei Dinamo.

Viel erlebt hat er in den letzten knapp 20 Jahren jedenfalls. Häufig jedoch Dinge, die nichts mit den drei Attributen zu tun haben, die er bei seiner Antrittsrede einforderte.

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