HINTERGRUND
"Es gibt 12-, 13- oder 14-Jährige, die mit Ohrringen oder verrückten Haaren herumlaufen. Aber Adnan war ein netter, ruhiger Junge. Ein harter Arbeiter, aber ein ruhiger Arbeiter", sagte Jean Kindermans, Nachwuchsleiter beim RSC Anderlecht, im Oktober 2013 bei Sky Sports News über Adnan Januzaj. Fußball war alles für den hochbegabten Techniker, der seine Heimat Brüssel schon mit 16 in Richtung Manchester United verließ.
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Fast sechseinhalb Jahre ist das her. Und Januzaj scheint das Feuer irgendwo verloren zu haben. Wo, das weiß er wahrscheinlich selber nicht. Schaut man sich die Instagram-Page des 22-jährigen Offensivspielers an, wird man das Gefühl nicht los, dass er in der Vergangenheit lebt.
"Wo alles begann", schrieb er im April über einen Screenshot der Fernsehübertragung des Europa-League-Viertelfinals zwischen Anderlecht und United. "Sei stolz darauf, wie weit du gekommen bist. Und habe Vertrauen darin, wie weit du kommen kannst", postete er kurz zuvor mit einem Bild, das ihn als Jugendspieler des RSC zeigt.
Januzaj muss Abschütteln lernen
Es ist nicht ungewöhnlich, dass ein Junge, der lange ausschließlich Bewunderung erfuhr - besonders, wenn sein Aufstieg wie im Fall von Januzaj bereits seit längerem auf Eis liegt -, sich an eben jene Zeiten klammert. An die alten Tage, die guten Tage. An denen die Dribblings kinderleicht erschienen, die Jubler wie auf Zuruf da waren. Aber: Will Januzaj noch so weit kommen, wie er kommen wollte, vom Potenzial her kommen könnte, muss er sich von dieser Throwback-Melancholie schnellstmöglich verabschieden. Kurzum: Er muss erwachsen werden, muss abschütteln lernen.
"Ich hatte das Gefühl, dass Adnan nie ganz bei uns war, sondern immer zum Teil in Manchester geblieben ist und alles mit ManUnited verglichen hat", sagte Thomas Tuchel, Januzajs Trainer bei Borussia Dortmund, den er während seines halbjährigen Gastspiels beim BVB in der Hinrunde 2015/16 auf ganzer Linie enttäuschte, der SportBild. "Er war leider nicht so mit der Lust und der Einstellung dabei, die nötig gewesen wären, um in seinem Alter weiterzukommen."
Eigentlich sollte der damals 20-Jährige in Dortmund den nächsten Schritt gehen. Bei United hatte er unter Louis van Gaal einen schweren Stand, spielte selten von Beginn an. Als dann auch das Projekt BVB schief ging, hatte Januzaj seinen ersten Karriereknick perfekt gemacht. Er, der rund zwei Jahre zuvor noch hochgejubelt wurde, unter David Moyes als 18-Jähriger herausragende erste Monate bei Uniteds Profis hatte, einen Fünfjahresvertrag unterschrieb, ja sogar die Nummer 11 von Legende Ryan Giggs bekam. Um den sich die Verbände Englands, Belgiens oder Albaniens stritten.
Goal"Zusammen mit Wayne Rooney ist Januzaj das größte Talent, das ich in meiner Trainerlaufbahn gesehen habe", schwärmte Moyes im Herbst 2014 und legte sich fest: "Er wird einer der besten Spieler Europas werden."
Ein Satz, der Januzaj heute wehtun dürfte. Nachdem er eine Saison auf Leihbasis beim AFC Sunderland hinter sich hat, die im Abstieg aus der Premier League mündete. In der das einst in den Himmel gelobte Talent zwar relativ viel Spielpraxis bekam, aber eigentlich nie überzeugte. 25 Spiele, kein Tor, nur drei Assists, mitunter von den eigenen Fans ausgepfiffen.
Offenbar hat Januzaj auch eineinhalb Jahre nach Tuchels vernichtendem Zeugnis nicht verstanden. Bei United, wo er offiziell noch ein Jahr Vertrag hat, wird er wohl keine Zukunft mehr haben. Zwar hält sich Jose Mourinho noch bedeckt, Verwendung für einen Spieler, der aktuell so sehr in der Luft hängt, wird er bei den hochtrabenden Ambitionen der Red Devils vermutlich aber nicht haben.
Januzaj: United bald endgültig Geschichte?
Doch vielleicht wäre es ja sogar gut für Januzaj, wenn United - was der Klub auch vorhaben soll - ihn endgültig verkauft. Wenn er abhaken kann, zu was er nur kurz, aber keineswegs nachhaltig imstande war: Das Old Trafford zum Kochen zu bringen. Wenn er von vorne anfangen kann, ohne den Hintergedanken, sich bei den Red Devils womöglich doch noch erneut ins Spotlight zu hieven.
Angeblich soll sich Januzaj damit auch mehr und mehr anfreunden, sich einem anderen englischen Klub anschließen wollen. Die Premier League soll es weiterhin sein. Obwohl ein Blick über den Tellerrand womöglich besser wäre, ihm die spanische oder italienische Liga, wo physische Defizite nicht ganz so augenscheinlich zum Tragen kommen, besser zu Gesicht stehen könnten.
Eines ist jedenfalls klar: Adnan Januzaj muss umdenken. Er muss handeln, etwas ändern. Das Vergangene ruhen lassen. Die Adrenalinstöße, als United für ihn mit 16 fast 400.000 Euro zahlte, als er mit 18 den 2:1-Sieg in Sunderland im Alleingang herausschoss. Und er muss wieder der Junge sein, dem Ohrringe oder eine verrückte Frisur egal waren. Der Fußball über alles stellt. Und die Zukunft fest im Blick hat, statt verschwommener Throwback-Melancholie Eintritt zu gewähren.


