Kolumne: Stärkste zweite Liga der Welt? Am Ende gibt es vor allem Verlierer


KOLUMNE

Wenn man den Begriff "inflationär" erklären müsste, dann würde ein Blick zurück auf die Prognosen zur zweiten deutschen Bundesliga in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten vollkommen ausreichen.

Eine Zitatensammlung, ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

"Meine persönliche Meinung ist schon, dass es die stärkste zweite Liga der Welt ist" (Hannovers Trainer Kenan Kocak, September 2020).

"In den vergangenen Jahren hieß es ja immer, dass das jetzt die stärkste zweite Liga aller Zeiten ist. Dieses Jahr glaube ich aber, dass es wirklich so ist" (Nürnbergs Torhüter Christian Mathenia, August 2019).

"Wir bekommen die beste und attraktivste zweite Liga aller Zeiten" (Aues Präsident Helge Leonhardt, Juli 2018).

"Es ist wenn nicht die stärkste, aber auf jeden Fall die attraktivste zweite Liga Europas" (Peter Neururer, Sommer 2016).

Danny Latza FC Schalke 04

"Stärkste zweite Liga der Welt"

"Das ist die stärkste zweite Liga der Welt" (Nürnbergs Trainer Valerien Ismael, Sommer 2014).

"Die stärkste Zweite Liga aller Zeiten ballert in knapp vier Wochen wieder los!" (Bild-Zeitung, Sommer 2013).

"Die stärkste zweite Liga der Welt" (Rheinische Post, Sommer 2010).

"Es ist die stärkste zweite Liga aller Zeiten" (Fürths Trainer Bruno Labbadia, Sommer 2007).

Zweite Liga: Die Superlative gehen aus

Angesichts der andauernden Superlative dürfte es Marketingexperten in diesem Sommer einiges an Kopfzerbrechen bereitet haben, wie man denn nun die diesmal aber wirklich beste zweite Liga aller Zeiten anpreisen soll.

Sport1, das ab dieser Saison das neu installierte Topspiel am Samstagabend live übertragen wird, war offenbar der seit Jahrzehnten genutzte Claim ("Jähr­lich kün­digt das DSF 'die stärkste zweite Liga aller Zeiten' an", monierte 11Freunde schon 2009) selbst zu platt.

Daher spricht der Sender nun von "der erstklassigsten zweiten Liga, die es je gegeben hat", oder alternativ vom "erstklassigsten Unterhaus der Welt".

Zweite Liga: 31 Meistertitel, 32 Pokalsiege, vier Europacup-Titel

Die Zahlen zumindest untermauern die großspurigen Aussagen. 31 deutsche Meistertitel und zwölf DDR-Meisterschaften haben die Zweitligisten in ihrer ruhmreichen Vergangenheit gesammelt, hinzu kommen 32 Pokalsiege und vier Europacup-Titel. Und 13 der 18 Klubs spielten bereits in der Bundesliga.

Acht der 18 mitgliederstärksten Klubs finden sich im Unterhaus, drei der besten sieben Mannschaften der ewigen Bundesligatabelle sind Zweitligisten: Die beiden Absteiger Werder Bremen (3.) und Schalke 04 (7.) sowie der Hamburger SV (4.).

"Rein von den Namen her scheint das Unterhaus des deutschen Fußballs der ersten Liga in nichts nachzustehen", schrieb die Zeit. "Wären da nicht die gewaltigen finanziellen Unterschiede. Es hat schon seine Gründe, warum sich der 1. FC Köln so sehr über die späte Rettung in die Relegation freute."

Zweite Liga: Rund 800 Millionen weniger TV-Einnahmen

Rund 800 Millionen Euro weniger als die Erstligisten kassieren die Zweitligisten an TV-Geldern, hinzu kommen die nach wie vor existenzbedrohenden Ausfälle in Millionenhöhe durch die fehlenden Zuschauereinnahmen in den vergangenen eineinhalb Jahren wegen der Corona-Pandemie. Und auch in der neuen Spielzeit ist eine dauerhafte Rückkehr der Fans keinesfalls garantiert, sollten die Inzidenzzahlen wieder massiv ansteigen.

Am deutlichsten wird das Dilemma beim Blick auf das Favoriten-Trio: Schalke plagen Verbindlichkeiten von etwa 217 Millionen Euro, bei Bremen sind es 75 Millionen und beim HSV 68 Millionen.

Gerade bei den Hamburgern, die nunmehr zehn Jahre in Folge ein Minus in der Bilanz verbuchen mussten, zeigt sich die tödliche Gefahr im Unterhaus: Wer nicht so schnell wie möglich nach einem Abstieg die Rückkehr in die weit lukrativere Bundesliga schafft, dem droht eine Abwärtsspirale aus Verschuldung und Misserfolg.

HSV nur noch "ein stinknormaler Zweitligist"

Nachdem der einstige Europacupsieger dreimal in Folge als Topfavorit den Aufstieg verpasst hat und dabei fünf Trainer verschliss, ist er nur noch "ein stinknormaler Zweitligist", wie der Haussender NDR kommentierte: Mit einem deutlich reduzierten Spieleretat, weniger prominenten Gesichtern und einem Trainer, der wieder mal alles ganz anders machen soll als sein glückloser Vorgänger.

Der Druck wird also von Beginn an hoch sein auf Tim Walter, der im Dezember 2019 in der zweiten Liga beim VfB Stuttgart wegen Erfolglosigkeit gefeuert wurde - auf Platz drei. Noch bitterer war es für Markus Anfang, der nun Werder Bremen zurück ins Oberhaus führen soll: Der wurde im April 2019 beim Zweitligisten 1. FC Köln entlassen - drei Spieltage vor Schluss als Tabellenführer mit sechs Punkten Vorsprung.

Dagegen wurde Schalkes Coach Dimitrios Grammozis noch nie rausgeworfen, aber das muss nicht so bleiben. Denn nachdem er fünf Niederlagen in seinen sieben Bundesligaspielen als S04-Coach kassierte, könnte es für den Deutsch-Griechen bei einem Fehlstart im nach wie vor unruhigen Gelsenkirchener Umfeld eng werden.

Hamburger SV Tim Walter Training

Schalke-Trainer Grammozis: "Niemand marschiert einfach durch"

Daher wundert es nicht, dass Grammozis versucht, jegliche Euphorie zu bremsen. "Ich kann ehrlich sagen, dass ich bei keiner einzigen Person im Verein den Eindruck habe, dass hier irgendjemand die zweite Liga unterschätzt. Wir wissen um die Geschichten aus Hamburg oder Stuttgart. Es wird kein Bayern München der zweiten Liga geben, niemand marschiert einfach so durch", sagte er zu Goal und SPOX.

Gleichwohl hofft man eine Etage höher auf eine schnelle Rückkehr der Traditionsklubs. Frankfurts Vorstandssprecher Axel Hellmann beklagte schon unmittelbar nach Saisonende die "enormen Verluste" an Attraktivität, Reichweite und Gästefans. "Wir machen uns große Sorgen über das Bild der Bundesliga", sagte er dem kicker. "Für die internationale Vermarktung der Bundesliga ist das, was gerade mit dem Abstieg dieser Vereine passiert, alles andere als positiv."

Trotzdem ist der Umkehrschluss, dass stattdessen die zweite Liga in dieser Spielzeit die "bessere Bundesliga" ist, ein unrealistisches Wunschszenario. Denn fußballerisch bleibt das Unterhaus eine Liga, in der Kampf und Mentalität eindeutig Spielkultur und attraktiven Fußball dominieren. Klubs wie der HSV oder Schalke sind nach dem Absturz der vergangenen Jahre sportlich nur noch Scheinriesen.

Zweite Liga: Am Ende nur zwei Gewinner und viele Verlierer

Die Ernüchterung bei den Anhängern durfte spätestens nach einigen Wochen einsetzen, wenn man sich so manches unschöne Gebolze tatsächlich in voller Länge angeschaut hat. Ganz abgesehen vom Ende mit Schrecken, denn am Schluss wird es mit den direkten Aufsteigern nur zwei Gewinner geben.

"Der Rest muss sich auf mehrere Jahre Zweitliga-Fußball einstellen", sagte Reiner Calmund dem Sportbuzzer: "Da sehe ich am Horizont durchaus die Gefahren, dass es auch einem großen Klub so gehen kann wie Kaiserslautern oder München 1860."

Analysen der vergangenen zwei Jahrzehnte bestätigen, dass statistisch gesehen spätestens zwei Jahre nach dem Bundesliga-Abstieg der Wiederaufstieg gelingen muss, danach rutschten die meisten Vereine immer weiter ab. Neben Lautern und 1860 spielen mittlerweile vier weitere Ex-Bundesligisten und drei ehemalige DDR-Erstligisten in der dritten Liga gegen die drohende Pleite an.

Andere Traditionsvereine hat es sogar noch härter getroffen. In der Regionalliga West findet man in Rot-Weiss Essen, Alemannia Aachen, Preußen Münster, Rot-Weiß Oberhausen, Wuppertaler SV und KFC Uerdingen ebenfalls sechs frühere Bundesligisten. Von der "stärksten vierten Liga aller Zeiten" spricht trotzdem niemand.