HINTERGRUND
"Weston McKennie", stotterte der Stadionsprecher des FC Ingolstadt, als er im Mai 2017 die erste Auswechslung des FC Schalke 04 ansagte. An der leicht unsicheren Art der Aussprache konnte man erkennen, dass der gute Mann zuvor noch nie vom jungen Amerikaner gehört hatte. Doch damit war er nicht allein. Auch viele der mitgereisten Gäste-Anhänger werden sich während des lauen Sommerkicks gefragt haben, wen Markus Weinzierl denn da aus dem Hut gezaubert hat.
Wright, Taitague & McKennie: American Dream in königsblau
Anders als Fans und der Großteil der Spieler, die sich wohl höchstens an die anschließende Abschiedsparty von Sead Kolasinac und Klaas-Jan Huntelaar erinnern können, wird der 18-jährige Nachwuchsspieler diesen Nachmittag in Bayern mit Sicherheit niemals vergessen. Denn das vielleicht unbedeutendste Spiel der letztjährigen Saison war für Weston McKennie nicht weniger als die Erfüllung eines Lebenstraums.
Während viele der Kinder in den USA davon träumen, eines Tages in der NBA auf Körbejagd zu gehen oder in der NFL den entscheidenden Touchdownpass zu fangen, gab es für den kleinen Weston schon immer nur eins: Fußball. Gereift ist dieser Traum vor allem in seiner frühen Kindheit, als er im Alter von sechs Jahren mit seinen Eltern nach Deutschland zog.
"Habe das Fußballspielen in Deutschland gelernt"
Als Sohn eines US-Soldaten, der an der US-Air-Base in Ramstein stationiert war, wurde er schnell vom Fußball-Virus infiziert. So spielte er drei Jahre für einen Verein in der Nähe von Kaiserslautern, bevor es mit neun Jahren zurück nach Texas ging – mit dem Ziel, eines Tages als Profi zurückzukehren. "Ich habe das Fußballspielen in Deutschland gelernt und es war immer mein Ziel zurückzukommen", verriet er im Interview mit der Buzz04-App.
Mit diesem Ziel arbeitete der fleißige Texaner auch in den USA weiter an seinem Traum und schaffte es schließlich in die renommierte Jugendakademie des FC Dallas. Nach Meinung von McKennie "die beste in der MLS". Doch damit nicht genug: Auch zu seinen alten Trainern und Teamkameraden aus Deutschland hielt er weiter Kontakt, sodass er als Zehnjähriger sogar seine Sachen packte und den ganzen Sommer nach Deutschland kam, um zusammen mit seinem alten Team zu trainieren.
Die Erfahrung, derart früh in einem fremden Land auf sich allein gestellt zu sein, hilft McKennie bis heute, denn auch als 17-Jähriger stand er vor einer wegweisenden Entscheidung in seinem jungen Leben: In den USA bleiben oder den Schritt nach Gelsenkirchen wagen? "Ich musste viel nachdenken, da ich auch in Amerika einen Profivertrag vorliegen hatte", verriet er gegenüber Buzz04.
Die Überraschung der kommenden Saison?
Statt in bekanntem Umfeld in seine Profi-Karriere zu starten, entschied sich der Teenager 2016 für den Schritt über den großen Teich, um in der berühmten Knappenschmiede des FC Schalke durchzustarten. "Es ist schon manchmal sehr schwer für mich, da ich meine Familie nur alle sechs Monate sehe", gibt er heute zu.
Bislang scheint sich sein Mut allerdings ausgezahlt zu haben, denn sportlich verläuft das Deutschland-Abenteuer für den Mittelfeldmann exzellent. Schon in der U19 unter Trainer-Legende Norbert Elgert zeigte er von Tag eins an Führungsqualitäten und lief bereits in seinem vierten Spiel für Königsblau als Kapitän auf. "Wes ist ein Spieler, der jeder Mannschaft gut tut. Er ist ein Spieler, der der Turm in der Schlacht sein kann, wenn es nicht so läuft. Ein hochspannender Spieler", schwärmte Elgert zuletzt auf der Vereinshomepage über den Youngster.
Mit diesen Lobeshymnen ist Elgert nicht allein, denn auch Trainer Domenico Tedesco und Sportvorstand Christian Heidel zeigen sich begeistert vom jungen US-Boy. "Bei ihm war uns klar, dass er auf Bundesliga-Format zu bringen ist", erklärt Heidel. Nicht zuletzt deshalb zählt McKennie inzwischen zum festen Profi-Kader der Knappen, wo er in der Vorbereitung einen hervorragenden Eindruck hinterließ. Nicht wenige Experten glauben sogar, dass er eine der Überraschungen der kommenden Bundesliga-Saison werden könnte – den Namen McKennie sollte man sich also merken.
Goal
US-Nationalelf ein Traum
Der Einzige, der nicht mehr als ein Schmunzeln für das ganze Lob übrig hat, ist der 18-Jährige selbst: "Ich möchte nicht darüber nachdenken, ob ich besser bin als andere. Ich weiß, dass ich noch viel an meinem Spiel verbessern muss. Zum Beispiel muss ich häufiger aus der Distanz schießen und lernen, mir im neuen System die Bälle aus der Abwehr abzuholen – ich hoffe das klappt irgendwann."
Großspurige Aussagen und Forderungen schon bald in der Stammformation zu stehen, sucht man bei McKennie dementsprechend vergeblich. "Ich will dem Trainer die Entscheidung so schwer wie möglich machen und ihm zeigen, dass ich eine Option bin", erklärt er und zitiert anschließend seinen Coach, der immerzu betont, dass man in einer Saison genau das bekommt, was man verdient – "Input gleich Output" lautet die Maxime.
Getreu diesem Leitsatz wird der ehrgeizige Mittelfeldmann auch in der kommenden Spielzeit sein Möglichstes tun, um den nächsten Karriereschritt zu gehen und sich in Deutschland sowie den USA einen Namen zu machen. Denn wie jeder stolze Amerikaner träumt auch McKennie, eines Tages für das Nationalteam aufzulaufen: "Ich hoffe, dass ich bald die Chance bekomme und ins Camp eingeladen werde. Es wäre ein Traum."
Dort würde er unter anderem auf seinen guten Freund Christian Pulisic treffen, den er aus diversen Juniorenteams seit vielen Jahren kennt und mit dem er auch heute noch sehr viel Zeit verbringt. "Es ist unglaublich, dass wir jetzt beide in Deutschland spielen und uns womöglich bald als Rivalen auf dem Platz treffen."
Ob dies tatsächlich schon in der kommenden Spielzeit der Fall ist, steht zwar noch in den Sternen, doch nach der Vorbereitung scheint es nur eine Frage der Zeit, bis die ersten Schalker in McKennie-Trikots in die Arena pilgern. Spätestens, wenn auch jedem Stadionsprecher der Bundesliga der Name McKennie ein Begriff ist, werden auch die Fußball-Fans in den USA auf den Youngster aufmerksam werden und über ihn sprechen. Remember the Name.


