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Zerbrochen, verspottet, vergöttert: Die radikalste Wandlung der WM-Geschichte

Denkt man an Weltmeisterschaften, wo regelmäßig Fußball-Mächte, Traditionen und Legenden aufeinandertreffen, so beschreibt das Wort Leidenschaft das, was Argentinien in seiner Gesamtheit bei diesen Turnieren ausmacht, am besten.

  • Die argentinische Nationalmannschaft hat ein Vermächtnis geschaffen, das weit über Ergebnisse hinausgeht. Sie hat die Weltmeisterschaften zu einem emotionalen Erlebnis gemacht. Zu einer Prüfung der Seele. Wo andere sich ein Turnier einfach nur ansehen, sieht Argentinien seinem Schicksal in die Augen.

    Dieses Vermächtnis bemisst sich nicht allein an Titeln, sondern auch an den schmerzlichen Niederlagen. Sie formten den Charakter, die Identität, die Geschichte, die in Katar vor vier Jahren ihre Vollendung fand.

    Man kann Lionel Messis Triumph 2022 nicht verstehen, ohne die Wege zu kennen, die ihn dorthin führten. All die Frustrationen, die verlorenen Finals, die Kritik und die Qualen. Jahrzehntelang lebte der argentinische Fußball im Spannungsfeld zwischen einem außergewöhnlichen Talent, dem jedoch auf brutalste Weise die Vollendung versagt blieb.

    Doch spätestens mit dem Finale in Katar änderte sich das.

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  • Argentine soccer star Diego Maradona, weAFP

    Argentinien: Land der Kämpfer und der Genies

    Argentinien ist eines der temperamentvollsten und leidenschaftlichsten Teams der WM-Geschichte. Das zeigte sich schon beim ersten Turnier 1930, als die Albiceleste der Welt ihren Kampfgeist zur Schau stellte. Es ging nicht nur um Fußball, sondern auch um Stolz.

    Doch erst mit den WM-Titeln 1978 und insbesondere 1986 wurde der argentinische Fußball-Mythos geboren. Der Mythos von Genies und Kämpfern, die in einer Mannschaft gemeinsam für den großen Erfolg arbeiten und zaubern und einem ganzen Land eine neue Identität schenken.

    Doch mit dem schleichenden Abgang von Diego Maradona ging auch der Niedergang des goldenen argentinischen Fußball-Zeitalters einher: Italien 1990, das qualvolle Finale gegen Deutschland. USA 1994, der Skandal um Diego und das abrupte Ende des Traums. Frankreich 1998 und das bittere Ausscheiden gegen die Niederlande. Korea und Japan 2002 mit der unerklärlichen Blamage in der Gruppenphase. Deutschland 2006, das Aus gegen den Gastgeber, wegen der verhängnisvollen Auswechslung von Riquelme. Südafrika 2010, das niederschmetternde Debakel gegen Deutschland und Maradonas Ahnungslosigkeit gegenüber einem gewissen Thomas Müller.

    Obgleich Argentinien immer wieder hochtalentierte Mannschaften stellte, der Erfolg war weg. Das Scheitern und der Herzschmerz bitterer Niederlagen die Konstanten.

  • Lionel Messi Argentina 2025Getty

    Lionel Messi wird zum Sinnbild der bittersten Phase Argentiniens

    Doch die 24 Jahre von 1986 und 2010 sollten nur ein Vorgeschmack auf das bitterste Kapitel in der Geschichte der Albiceleste sein. Von 2014 bis 2016 gingen drei Endspiele verloren: Das WM-Finale gegen Deutschland und zwei Finalspiele der Copa America.

    Dreimal war die argentinische Nationalmannschaft dem Triumph so nah und scheiterte am Ende kläglich. Das Bild von Lionel Messi, allein, von hinten, mit dem Blick auf das Maracanã, hat sich bis heute ins kollektive Gedächtnis der Argentinier gebrannt.

    In diesem Moment wurde das Land mit seinem schlimmsten Gespenst konfrontiert: Zweifel. Der Nationalmannschaft wurde mangelnde Entschlossenheit vorgeworfen, sie wisse nicht, wie man gewinnt. Für viele waren die Spieler “Millionäre ohne Eier”. Messi und Co. hatten mit ihren Final-Pleiten den Nationalstolz verletzt. Leidenschaft als positiver Treiber schlug in Wut um und eine ganze Fußball-Generation fragte sich, ob sie vom Schicksal verflucht sei.

    Lionel Messi wurde zum Sinnbild dieser Zweifel. Nach der Finalniederlage gegen Chile trat er völlig frustriert aus der Nationalmannschaft zurück, wenig später jedoch kehrte er wieder zurück. “Aus "Liebe zum Land und Trikot", wie er damals sagte.

    Das Team zerbrach am Ende nicht an den schmerzhaften Final-Pleiten und auch nicht am bitteren Achtelfinal-Aus 2018 in Russland gegen Frankreich. Es wuchs zusammen. Der Schmerz schweißte sie zusammen und weckte ein “Jetzt erst Recht”-Gefühl, das in Katar seine ganze Kraft entfaltete.

  • Argentina World Cup 2018 away kit MessiGetty Images

    Argentiniens WM-Motto 2022: "Diesmal nicht am Ufer sterben!"

    Doch auch die WM 2022 begann mit einem Tiefschlag - nämlich der sensationellen Niederlage gegen Saudi-Arabien. Doch anders als zuvor brach Argentinien nicht zusammen. Etwas war anders. Diese Mannschaft hatte Teamgeist, Rückgrat, eine Überzeugung, ja sogar so etwas wie ein tiefes Versprechen:

    "Diesmal werden wir nicht am Ufer sterben." Ein Satz, der nie öffentlich ausgesprochen wurde, schwebte über jedem Training, jeder Reise, jeder Mannschaftsbesprechung. Er war Ausdruck des unbedingten Willens, Messi bei seiner vielleicht letzten WM doch noch den Weltmeister-Pokal zu schenken. Der letzte große Titel, der ihm noch fehlte.

    In Katar wurde die Leidenschaft von einer Wunde zu einer treibenden Kraft. Sie war keine lähmende Last mehr, sondern ein unaufhaltsamer Motor. Die Spiele gegen Mexiko und Polen markierten die Wiedergeburt nach dem Saudi-Debakel. Der epische Kampf gegen die Niederlande, geprägt von Kontroversen und einer knisternden Spannung, zeigte ein Team, das keine Angst vor Dramen hatte und bereit war, sie zu überdauern.

    Das anschließende Halbfinale gegen Kroatien war die endgültige Befreiung von den Zweifeln und Zweiflern und das Finale gegen Frankreich - das vielleicht beste Endspiel in der WM-Geschichte - die endgültige Wandlung.

    Argentinien hörte auf, das Land zu sein, das es seit Jahrzehnten eben nur beinahe schafft. Aus dem Land der Tränen und der verpassten Chancen war der Weltmeister hervorgegangen. Und aus Lionel Messi endgültig Maradonas Erbe.

  • Argentina v France: Final - FIFA World Cup Qatar 2022Getty Images Sport

    Lionel Messi tritt endgültig in die Fußstapfen von Diego Maradona

    Bis zu jener Nacht in Katar war er der unvollkommene Held gewesen. Bewundert, aber missverstanden. Man verlangte von ihm, wie Maradona zu sein, obwohl er Messi war. Man forderte Wut, wo er doch schwieg und stets zurückhaltend, ja gar schüchtern war. Doch in Katar geschah etwas Außergewöhnliches: Die Nationalmannschaft spielte nicht mehr für Messi, sie spielte mit ihm. Sie erwarteten von ihm nicht länger, dass er sie rettet, sondern nur der Vorreiter ist.

    In Katar hörte Messi auf, ein Genie zu sein, und wurde stattdessen zum spirituellen Anführer. Sein Ausbruch gegen die Niederlande - "Was glotzt ihr so blöd? Geht da rüber!" - war symbolträchtiger als jedes Dribbling es hätte sein können. Zum ersten Mal sah die Welt den Messi, den Argentinien kannte, und die gesamte Mannschaft stand geschlossen hinter ihm.

    Der Titel krönte ihn nicht nur zum Weltmeister, er machte ihn zum Erben des argentinischen Vermächtnisses. Maradona holte den WM-Titel 1986 in Mexiko, Messi holte ihn 2022 in Katar. Unterschiedliche Wege, die zum gleichen Ziel führten: den argentinischen Fußball-Olymp.

    Doch der WM-Titel war nicht nur ein Sieg des fußballerischen Kollektivs, das von Messi angeführt wurde. Er war auch der Triumph einer außergewöhnlichen Fangemeinde.

  • Argentina v Venezuela - FIFA World Cup 2026 QualifierGetty Images Sport

    Argentinien bei der WM 2022: Ein Fangesang als Dauer-Ohrwurm

    Keine Nationalmannschaft mobilisiert sich wie Argentinien. In Katar kamen die Spiele der Albiceleste einer nationalen Pilgerfahrt gleich. Die Stadien erstrahlten Himmelblau und Weiß, als fände das Turnier in Buenos Aires statt. Die Straßen, die U-Bahnen, die Märkte - überall halten die endlosen Gesänge der argentinischen Schlachtenbummler.

    "Muchachos, ahora nos volvimos a ilusionar" ("Jungs, wir dürfen wieder träumen") - ein Ohrwurm, der die Fußball-Welt vier Wochen lang begleitete.

    Es wurde deutlich: Argentiniens Fußballgeschichte ist auch eng mit den eigenen Fans verknüpft. In Katar verbreiteten sie die klare Botschaft: Für Argentinier ist Fußball keine Show – er ist Identität.

  • FBL-WC-2022-MATCH64-ARG-FRAAFP

    Argentinien als ewiger WM-Mitfavorit

    Und so gehört es auch zur argentinischen Identität, dass man 2026 abermals als einer der Mitfavoriten in die USA reist.

    Der Titelgewinn in Katar beendete keine alte Geschichte, sondern schlug ein neues Kapitel in ihr auf. Die inneren Dämonen sind verblasst. Die Wunden der vielen Final-Niederlagen sind verheilt. Und so reist die Albiceleste mit einer klaren Botschaft im Gepäck in die USA: "Wir verteidigen, was uns bereits gehört."

    Es ist ein neues Selbstverständnis, das die argentinische Nationalmannschaft seit Katar begleitet. Sie spielt nicht mehr, um sich oder Messi zu rehabilitieren. Sie spielt, weil sie weiß, wie man gewinnt. 

    Und da trifft es sich gut, dass man 2026 nicht irgendwo spielt, sondern da, wo die eigene Ikone mittlerweile zuhause ist.

    Inter Miami ist fast ungewollt zu einem emotionalen Fußball-Botschafter Argentiniens geworden. Die Stadien, in denen Messi gastiert, sind nicht selten voller himmelblauer und weißer Fahnen. Amerikanische Kinder tragen Trikots mit der Nummer 10 und rufen seinen Namen.

    Womöglich wird auch das Turnier also dank Messi zu einem Heimspiel für die Albiceleste. Ihre Leidenschaft ist nun einmal ansteckend. Jene Leidenschaft trieb schon vor vier Jahren Tausende Argentinier nach Katar, wo sie ihre Ersparnisse verprassten, Wüsten durchquerten und sangen, bis sie heiser waren.

  • Messi Argentina 2025Getty Images

    Argentinien bei der WM 2026: Zu Gast in Messis Wahlheimat

    Die WM 2022 in Katar war nicht einfach nur ein Weltturnier. Sie war eine kollektive Katharsis, eine historische Wiedergutmachung. Argentinien reiste angeschlagen an, gezeichnet von den offenen Narben so vieler verlorener Endspiele.

    Von dieser Weltmeisterschaft an veränderte sich etwas. Die Welt verstand, dass die argentinischen Fans mehr sind als nur Farben, Lärm oder Folklore. Sie repräsentieren das Lebensgefühl der Argentinier. In keinem Stadion in Katar verstummten ihre Gesänge, jedes Spiel machten sie zu einem nationalen Fest. Diese Bilder von himmelblauen Trikots in der Wüste sind Symbole für die Fußballbegeisterung.

    Und sie sollen auch 2026 in den USA die Runde machen. Ausgerechnet dort, wo Messi mittlerweile lebt, spielt und dem "Soccer"-Land den "Football" näher gebracht hat.

    In jeder Stadt, in der die Nationalmannschaft bei der kommenden WM spielt, steckt ein Stück Argentinien. In Miami, wo Messi die Herzen erobert hat; in New York, wo argentinische Gemeinden bereits davon träumen, den Times Square blau und weiß zu färben; in Los Angeles, wo Latinos Messi wie einen Gott verehren. Es wird kein Stadion ohne argentinische Fangesänge geben, ohne Fahnen mit der Aufschrift "La Scaloneta gibt nicht auf".

    Und das liegt nicht nur an Messi. Es liegt daran, wofür Argentinien in der WM-Geschichte steht. Mario Kempes' Kampfgeist 1978, Maradonas Magie 1986, Messis Tränen 2014 und seine Erlösung 2022. Jede dieser Generationen hat ihre Spuren hinterlassen und sie alle einte der Ruf: "Vamos Argentina, carajo!"

    Er fasst ein Jahrhundert Fußball zusammen. Er spricht von Niederlagen und Triumphen, von Identität. Und von der Leidenschaft, die das vielleicht größte Vermächtnis Argentiniens an den Fußball ist. Neben Diego und Messi natürlich.

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