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Von den eigenen Fehlern eingeholt: Der BVB befindet sich bei Transfers auf einer "Mission Impossible"

Am vergangenen Wochenende startete der BVB in die neue Saison – mit den gewöhnlichen Leistungstests der Spieler. Trainer Niko Kovac wünschte am Montag dann mit einem für ihn typischen breiten Grinsen ein "frohes neues Fußballjahr allerseits".

Die Laune war großartig, auch Sebastian Kehl und Lars Ricken ließen sich blicken. Am Mittwoch folgte zudem noch ein guter Testspiel-Auftakt mit dem 8:1 über die Sportfreunde Siegen. Alles also heile Welt in Dortmund?

Nein, denn die Herausforderungen sowie die damit verbundenen Gefahren sind groß. Borussia Dortmund könnte in dieser Saison den Status als Nummer zwei hinter dem FC Bayern München endgültig abgeben. Auf dem Transfermarkt gibt es mit wenig Budget viel Handlungsbedarf.

  • Dabei ist die Hoffnung durchaus groß, dass man in dieser Spielzeit endlich zurückschlagen kann. Nach einem vierten und fünften Platz in den vergangenen Bundesliga-Spielzeiten will der BVB zurück auf den zweiten Platz. Mindestens.

    Bayer Leverkusen könnte durch den erzwungenen Riesenumbruch geschwächt sein, auch in Leipzig war man in den vergangenen Jahren nie konstant genug, zumal bei RB ebenfalls dicke personelle Fragezeichen vor der Saison stehen. Und Eintracht Frankfurt? Im Normalfall sollte die SGE für einen Klub wie Borussia Dortmund schlagbar sein.

    Eigentlich ist also alles angerichtet für ein Comeback in der Ligaspitze. Trainer Niko Kovac bekommt seine erste volle Vorbereitung und mit Jamie Gittens hat man erst einen großen Namen abgeben müssen. Auf der Habenseite stehen wiederum die feste Verpflichtung von Daniel Svensson, der bisher über alle Maßen überzeugen konnte und Jobe Bellingham, auf dem die große Hoffnung ruht, dass er dem Mittelfeld die zuvor fehlenden spielerischen Akzente verleihen kann.

    Durchaus streitbar war hingegen die feste Verpflichtung von Yan Couto. Der Rechtsverteidiger erlebte eine maximal komplizierte und ernüchternde Debütsaison und zeigte vor allem defensiv immer wieder Schwächen. Die Kaufpflicht griff bereits zu einem absurd frühen Zeitpunkt. Couto hatte da gerade einmal sieben Partien bestritten und 331 Minuten lang das Dortmunder Trikot getragen. Trotzdem wurde er von den Dortmundern für 20 Millionen Euro verpflichtet.

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  • Kehl, RickenGetty

    BVB: Große Baustellen, wenig Budget

    Eine große Ausgabe für einen Klub, der eigentlich noch mehr Verstärkungen benötigt. Neben einem Offensivspieler, der den Abgang von Gittens kompensieren kann, muss man in der sportlichen Leitung auch über eine Umstrukturierung im Mittelfeld nachdenken. Nummerisch ist der BVB zwar überbesetzt, beim Blick auf die Spielertypen fehlt aber jemand, der auf der Sechs gleichzeitig abräumen und das Spiel gestalten kann. Dort ausschließlich auf Felix Nmecha zu setzen, wie offenbar geplant, wäre durchaus fahrlässig.

    Und dann wäre da noch die Innenverteidigung: Nico Schlotterbeck wird Dortmund noch einige Zeit fehlen. Auch Kapitän Emre Can fällt seit Wochen aus - und droht gar, die gesamte Vorbereitung zu verpassen. Dahinter stehen aktuell für die von Kovac bevorzugten Dreierkette in Ramy Bensebaini, Niklas Süle und Waldemar Anton eben nur drei Spieler mit Erfahrung zur Verfügung. Aber gerade Süle fand seit seinem Wechsel noch nicht in die Spur und ist besonders gesundheitlich nach zahlreichen Verletzungen ein großes Fragezeichen. Ob der 20-jährige Filippo Mane bereit dafür ist, die Rolle als aktuell vierter Innenverteidiger einzunehmen, bleibt abzuwarten.

    Generell wäre es ein guter Weg des BVB, junge Talente einzubinden. Denn das Budget ist stark begrenzt. Sky berichtete Anfang Juni von 30 bis 40 Millionen Euro, die der sportlichen Leitung zur Verfügung stehen. Sportdirektor Sebastian Kehl sagte daher nicht zu Unrecht, dass "wir da auch eingeschränkt sind".

  • BVB muss auf Verkäufe hoffen: Umbruch wird zur Mission Impossible

    Im Moment steht Dortmund trotz der 64,3 Millionen Euro, die der FC Chelsea für Gittens überweisen muss, nur bei einem Transferplus von 19,85 Millionen Euro. Auch wenn das für die aktuelle Transferperiode eine Milchmädchenrechnung ist, weil Einnahmen und Ausgaben in der Regel über mehrere Jahre verrechnet und bilanziert werden.

    Das Zögern des BVB auf dem Transfermarkt und die lange Ruhe, die es nach der Klub-WM gab, deuten aber darauf hin, dass man gern erstmal weitere Spieler verkaufen würde, um dann die Baustellen des Kaders effizient angehen zu können. Zuletzt wurde unter anderem berichtet, dass man an James McAtee von Manchester City interessiert sei, die Ablöseforderungen von 40 Millionen Euro aber deutlich nicht erfüllen will – oder kann?

    Das Problem: Die Verkaufskandidaten sind nicht sehr begehrt. Sebastien Haller, Giovanni Reyna oder Salih Özcan wurden immer wieder als Spieler gehandelt, die man gern abgeben würde. Richtig Bewegung gibt es aber abgesehen vom bevorstehenden Verkauf von Reyna an Parma für immerhin bis zu zehn Millionen Euro noch nicht. Und auch weitere Spieler wie Marcel Sabitzer, Julian Brandt oder eben Süle, die in den vergangenen Jahren nicht durchgehend überzeugt haben, lassen sich aufgrund derer üppiger Gehälter nur schwer veräußern. Zumal Kovac intern große Stücke auf alle drei Spieler halten soll.

    Das alles erschwert einen großflächigen Umbruch und führt dazu, dass man in Dortmund abermals nach Kompromissen suchen muss. Auch deshalb dürfte es derzeit so wirken, als wäre der Klub nahezu ohnmächtig auf dem Transfermarkt. Es ist eben kompliziert. Zumal all diese Spieler auch beim Gehaltsbudget für Einschränkungen sorgen.

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    Hausgemachte Fehler holen den BVB ein

    Borussia Dortmund muss also Probleme lösen, die man sich in den letzten Jahren nach und nach selbst ins Haus geholt hat. Mitleid kann es dafür kaum geben, aber zumindest das Verständnis, dass sich diese Probleme nicht in wenigen Wochen und mit satten Einnahmen durch die Klub-WM aus der Welt schaffen lassen.

    Dem Vernehmen nach liegt die Priorität neben weiteren Verkäufen jetzt erstmal darauf, einen Flügelspieler zu finden, der finanzierbar ist und gleichzeitig das Level des Kaders anhebt. Mit Leandro Trossard, Yeremay Hernandez und Mohamed Ali Cho nannte Sky nun drei Namen, die allesamt unterschiedlich sind.

    Trossard ist 30 Jahre alt und wäre ein Transfer, der konträr zu dem ist, wofür der BVB mal stand und eigentlich wieder stehen sollte und will: Jungen Spielern ein Sprungbrett ermöglichen. Dortmund hat sich selbst in diese verzwickte Lage gebracht, indem man von einem der spannendsten Klubs für Toptalente überhaupt zu einer grauen Maus wurde, die mittelalte Spieler verpflichtet, um vermeintliche Erfahrung und "Mentalität" einzukaufen.

    Cho und Hernandez wären zwei Transfers, die eher zur Borussia passen würden, allerdings auch schon bekannt genug sind, um nicht für eine kleine Ablösesumme verfügbar zu sein.

  • Borussia Dortmund muss sich auf alte Stärken fokussieren

    Dortmund muss den Weg zurück zu Spielern wie Svensson finden. Der 23-Jährige war eine Erinnerung daran, wofür man bei den Schwarz-Gelben einst stand: Herausragendes Scouting und die Fähigkeit, Top-Talenten eine Perspektive aufzuzeigen.

    Typisch für den BVB der letzten Jahre wäre es hingegen, würde nun eine weitere Rückholaktion von Jadon Sancho erfolgen. Der Engländer zeigte bei seinem kurzen Comeback zwar keine schlechten Leistungen, ist aber ein zu großes Risiko – finanziell und sportlich.

    Es wird darum gehen, nicht nur sportlich wieder auf ein höheres Level zu kommen, sondern mit den richtigen Spielern auch den Marktwert und Wiederverkaufswert des Kaders zu erhöhen. Um sich nach und nach wieder hinter dem FC Bayern als zweitstärkste Kraft zu etablieren.

    Dafür ist auf dem Transfermarkt bis zum letzten Tag des Sommerfensters noch einiges zu tun. So fröhlich die Protagonisten des BVB auch zum Auftakt darüber waren, dass es jetzt endlich wieder losgeht, so groß ist auch die Gefahr, dass das breite Grinsen von Kovac und Co. schnell wieder verschwindet.

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