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Vom König des Ostens zur Ikone der AC Mailand: Der Mythos Andriy Shevchenko

Wenn ich an meine Kindheit und die Farben der Rossoneri denke, die mich an meine ersten Schritte im Fußball erinnern, stechen eine Nummer und ein Name klar aus meiner Erinnerung hervor: Die 7 von Andriy Shevchenko. Die Tatsache, dass er kurz vor meinem 10. Geburtstag in meine Stadt Mailand kam, ist sicherlich Teil der Faszination, die dieser Fußballer immer auf mich ausgeübt hat. Die Eleganz seiner Technik in Verbindung mit seiner Gnadenlosigkeit vor dem Tor machten ihn zu einem der besten Stürmer aller Zeiten.

  • Shevchenko ist ein Sohn der Sowjetunion, aus Dvirkivscyna, einem ukrainischen Dorf 100 Kilometer östlich der Hauptstadt. Kiew war und ist für Shevchenko das Leben: Bei Dynamo, dem Verein der Regierung, und bei seinem Lehrer Valeriy Lobanovsky begann für ihn alles. Seine Anfänge liegen in den kleinen Parks in der Nähe der Schule zwischen den sowjetischen Gebäuden des kommunistischen Regimes.

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    Umzug wegen der Katastrophe von Tschernobyl

    Sein Debüt gibt er in einer Mannschaft aus der Nachbarstadt, die von einer Frau trainiert wird. Es ist heute unglaublich, dass er mit zehn Jahren einen Dribbling-Test für die Aufnahme in einer Sportschule in Kiew nicht bestanden hat. Sein Talent war jedoch so ausgeprägt, dass es die Aufmerksamkeit eines Talentscouts von Dynamo, Aleksandr Spakov, auf sich zog, der ihn bei einem Schulturnier entdeckte. 

    Dennoch war sein Weg zum Fußball nicht einfach: Vater Nikolaj wollte nicht, dass der kleine Andriy Fußball spielte, weil er sich wünschte, dass sein Sohn in seine Fußstapfen treten und nach der Schule eine militärische Laufbahn einschlagen würde. 

    Ein weiteres Problem war die Entfernung zum Sportzentrum: Man musste die ganze Stadt durchqueren, um zum Trainingsplatz zu gelangen. Schließlich führte wenige Monate später, im April 1986, die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl zur Einstellung aller sportlichen Aktivitäten. Die Familie Shevchenko war gezwungen, ihr Zuhause zu verlassen und an die Küste zu ziehen. 

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    Shevchenko mit 13: Fünf Tore im Finale in 20 Minuten

    Italien war jedoch von Anfang an sein Schicksal. 1989, kurz vor dem Fall der Berliner Mauer und dem Zerfall der Sowjetunion, nahm Shevchenko mit Dynamo am internationalen Turnier Citta di Agropoli teil. 

    Der 13-jährige Andriy führte die Mannschaft aus Kiew zum Sieg. Er schoss zehn Tore, davon fünf in 20 Minuten im Finale, das mit 10:0 gewonnen wurde. In dieser Mannschaft spielten auch Sergey Rebrov und Oleksandr Shovkovskiy, seine zukünftigen Teamkollegen in der ersten Mannschaft. 

    Im Jahr darauf, 1990, gewann er den Ian-Rush-Pokal in Wales und wurde Torschützenkönig. Als Belohnung erhielt Shevchenko vom ehemaligen Juventus-Spieler ein Paar Schuhe, die dieser zu seiner Zeit bei Liverpool getragen hatte.

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    Nichtraucher dank Lobanovsky

    Shevchenko ist zu dieser Zeit bereits ein Prototyp eines Spitzenfußballers, aber sein Lebensstil entspricht noch nicht dem eines Profis. Dank Oberst Lobanovsky, sein Mentor und der wichtigste Mensch in seinem Leben, beendete er das Rauchen. Lobanovsky hatte Shevchenko in die Reservemannschaft von Dynamo geholt. Auf dessen Anraten hin erhielt Shevchenko eine so massive Nikotin-Spritze, dass ihm noch heute schon beim Anblick einer Zigarette übel wird. 

    Ihm, der fast eine Packung pro Tag rauchte und trotzdem mehr lief als alle anderen. Der größte Dank kam Jahre später: Shevchenko brachte zuerst den Champions-League-Pokal, den er mit der AC Mailand im Old Trafford gewonnen hatte, und im folgenden Jahr den Ballon d'Or ans Grab seines Lehrers, der in Baikove ruht.

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    Shevchenko gewinnt 2004 den Ballon d'Or

    Die Disziplin, der Fleiß und das Können, die ihm Lobanovsky eingeimpft hatte, waren entscheidend für Shevchenkos glänzende Karriere, der zum König des Ostens werden sollte: endlose Trainingseinheiten, in denen er stundenlang auf das Tor schoss. 

    Jahre später sagte Gennaro Gattuso, einer seiner Mitspieler bei Milan, über ihn: "Ich habe noch nie einen Fußballer gesehen, der mit so hoher Trefferquote ins Tor schießen konnte."

    Oleg Blochin 1975 und Igor Belanov 1986 im Trikot von Dynamo Kiew, Shevchenko 2004 im Trikot von Milan: Die drei Ballon d'Or-Gewinner, auf die das ukrainische Volk so stolz ist, wurden alle von Lobanovsky geduldig gefördert, ausgebildet und ins Rampenlicht gebracht.

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    Shevchenko und Rebrov: Geniales Duo bei Dynamo Kiew

    Das andere große Fußballereignis in Shevchenkos Leben ist die Begegnung mit Sergey Rebrov - seinem "Torzwilling", der zwei Jahre älter und völlig anders ist als er, weshalb die beiden perfekt zusammenpassen. 

    Gemeinsam läuten sie bei Dynamo Kiew das goldene Zeitalter der 1990er Jahre ein: Mit ihren Toren gewinnen sie fünf Meisterschaften und drei ukrainische Pokale. Vor allem aber bringen sie Lobanovskys Truppe mit einer magischen Saison in der Champions League, die sie in die Fußballelite katapultiert, ins Zentrum des europäischen Fußballs.

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    Shevchenko wird zum Mythos in Mailand

    Was Shevchenko dann in den Jahren bei den Rossoneri zeigt, ist herausragend: Er bringt die Ukraine ins Zentrum Europas, holt die Champions League und den Ballon d'Or - und wird zum Mythos. 

    Tore über Tore, Trophäen über Trophäen, und trotzdem besaß er eine Bescheidenheit, die er nie aufgab. Es folgte der herzzerreißende Abschied aus Mailand 2006 und die freudlose Rückkehr per Leihe vom FC Chelsea zwei Jahre später. Doch seine Nummer 7 hatte sich längst in die Herzen der Fans eingegraben hat, nicht nur wegen seiner Leistungen auf dem Spielfeld.

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    Shevchenko, der König von Mailand - wie van Basten

    Unter Shevchenkos bekanntesten Statistiken ist es diese eine, die ihn in den Herzen der Milan-Fans unsterblich gemacht hat - genau wie einst Marco van Basten: Mit 14 Toren in den Derbys gegen Inter, darunter ein entscheidendes Tor im epischen Champions-League-Halbfinale 2003, ist er der beste Torschütze in der Geschichte des Stadtderbys. 

    Shevchenko wurde so vom König des Ostens zum König von Mailand. Er war der einzige, der Ronaldo, dem Stärksten von allen, Paroli bieten konnte. 

    Noch heute erklingt deshalb gelegentlich ein Lied im San Siro: "Brasilianer ist er keiner, aber Tore schießt er wie einer: Wer braucht schon 'Il Fenomeno', wenn man einen Sheva hat?"

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