Borussia Dortmund v 1. FSV Mainz 05 - BundesligaGetty Images Sport

"Vielleicht haben wir zu viele komplizierte Sachen ausprobiert": Wie eine Trennung eine herausragende Stärke des BVB befeuerte

Fußballer mit eingebauter Garantie für herausragende, maßgeschneiderte Flanken und mit dem Mut zu ausgefallenen Frisuren? Die allermeisten denken jetzt wahrscheinlich an David Beckham. Ihnen könnte aber ebenso gut Julian Ryerson in den Sinn kommen. Denn der Norweger versprüht bei Borussia Dortmund derzeit Vibes, die sehr an die englische Mittelfeldlegende erinnern.

  • Den Part mit der auffälligen Haarpracht hakte Ryerson mit pink gefärbter Kopfbedeckung im Sommer 2024 ab. Oder im November 2025, als er rund um das eingetütete WM-Ticket mit der norwegischen Nationalmannschaft plötzlich mit Haaren im Leoparden-Look daher kam. Den Part mit den Flanken konnte Ryerson auch schon immer ziemlich gut – doch diese Saison setzt er hier derart einen drauf, dass es regelrecht nach Beckham-Parallelen schreit.

    Beim überzeugenden 4:0-Sieg des BVB am Freitagabend gegen ein zuletzt formstarkes Mainz 05, das vor dem 22. Bundesliga-Spieltag in der Rückrundentabelle hinter Dortmund auf Platz zwei lag, nahmen Ryersons Flankenkünste sogar historische Ausmaße an. Beim Führungstor streichelte er einen Freistoß auf den Kopf von Serhou Guirassy. Wenig später machte er den perfekten Spot dafür aus, wo er seine Flanke an den langen Pfosten am besten hinsetzt, damit Maximilian Beier sie zum zweiten Dortmunder Treffer verwerten kann – es gelang mit Bravour. Und kurz vor dem Seitenwechsel musste Guirassy Ryersons messerscharfe Ecke nur noch zum zwischenzeitlichen 3:0 einnicken.

    "Ich muss den Ball auf den Punkt bringen, die anderen müssen dahin laufen", fasste Ryerson die Erfolgsformel nach dem Spiel bei Sky trocken und bescheiden zusammen. Der Rechtsverteidiger ist der erste BVB-Spieler überhaupt, der seit Beginn der detaillierten Datenerfassung zur Saison 2004/05 in der Bundesliga drei Assists in der ersten Halbzeit geliefert hat. Und später legte er ja sogar noch nach, als seine erneut bärenstark getretene Ecke über Ramy Bensebaini und den Mainzer Dominik Kohr zum Endstand im Tor landete. Ryerson wurde der Assist gutgeschrieben und damit avancierte er zum erst vierten Spieler seit 2004/05, der in einem Bundesliga-Spiel vier Torvorlagen beisteuert.

    Mit nun insgesamt elf Assists ist Ryerson in 2025/26 drittbester Vorlagengeber der deutschen Eliteklasse, lediglich die Bayern-Zauberer Luis Diaz (12) und Michael Olise (18) übertrumpfen ihn. Und noch beeindruckender und extrem Beckham like: Zehn seiner elf Bundesliga-Vorlagen waren Flanken, das ist diese Saison aktuell alleiniger Bestwert in Europas Top-5-Ligen.

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    BVB bei Standards enorm stark: Rückbesinnung zur Einfachheit

    Mit seinem Flankengott-Status ist Ryerson der entscheidende Akteur für eine ganz große Stärke, die den BVB dieser Tage trägt: Standards. In den sieben Ligaspielen seit Jahresbeginn hat Dortmund sieben Tore nach Ecken oder Freistößen erzielt (sechs dieser ruhenden Bälle kamen von Ryerson). "Darauf können wir stolz sein, wir trainieren das. Das ist unsere gefährliche Waffe, die nutzen wir aus", hatte Co-Trainer Robert Kovac, seit kurzem hauptverantwortlich für das Standard-Training, schon in der Halbzeitpause bei Sky gesagt. "Wir trainieren es, jeder hat seine Aufgabe. Die Ecken kommen auf den Punkt genau, wir haben auch gute Kopfballspieler und die verwandeln die Dinger dann."

    Vor dem Jahreswechsel hatte der BVB noch 15 Bundesligapartien für sieben Tore nach Ecken oder Freistößen gebraucht. Auch ein ordentlicher Wert, den man 2026 aber nach nur rund der Hälfte der Spiele schon eingestellt hat. Und das kurioserweise, obwohl sich Dortmund in der kurzen Winterpause von Standard-Trainer Alex Clapham trennte, der seit 2024 bei den Westfalen gearbeitet hatte. "Wir haben uns ja im Einvernehmen getrennt, es war nichts Schlimmes. Der Robby (Bruder Robert Kovac, d. Red.) hat das übernommen, hat das auch damals in Monaco (wo die Kovac-Brüder von Sommer 2020 bis Januar 2022 trainierten, d. Red.) schon gut gemacht", sagte Chefcoach Niko Kovac zu der pikanten Entwicklung.

    Ex-Nationalspieler und 2014er Weltmeister Shkodran Mustafi mutmaßte indes als TV-Experte bei Sky, dass mit der Entlassung des Standard-Coaches beim BVB in diesem Aspekt eine Rückbesinnung zur Einfachheit einher ging, die gewinnbringend ist: "Man muss die Spieler davon überzeugen, dass jeder einfach seinen Job erledigen muss. Vielleicht ist man bei Dortmund dahin zurückgekommen und hat sich gesagt: Vielleicht haben wir viel zu viele komplizierte Sachen ausprobiert. Jetzt kehren wir zurück zu den einfachen Dingen: Es gibt einen Schützen, drei Spieler blocken, die anderen drei laufen rein und am wichtigsten ist, dass das Timing stimmt und der Ball dahin kommt, wo er hin soll. So sieht das für mich im Moment aus."

  • Orientierte sich der BVB am FC Arsenal?

    Neben dem Hauptakteur Schütze, der meist Ryerson heißt, erfüllen bei Dortmunder Standards und allen voran eben Ecken auch sechs Spieler im Sechzehner wichtige Aufgaben – oder besser gesagt im Fünfmeterraum. In diesem sorgen sie für enorm viel Betrieb vor dem gegnerischen Torhüter und folgen dem Grundsatz: Drei bemühen sich darum, den Keeper zu blocken und am Herauseilen zu hindern, drei orientieren sich in Richtung Ball und wollen diesen möglichst im Tor unterbringen. 

    "Die machen es gut. Wahnsinnig viel Betrieb vor dem Tor. Ich finde jetzt auch gerade keine Lösung, außer mich durchzusetzen", wirkte Mainz-Torwart Daniel Batz hinterher beinahe verzweifelt. "Vielleicht muss ich etwas energischer zum Ball gehen. Alles in allem ist es für die Torhüter unheimlich schwierig: Die kommen oft aus deinem Rücken, du guckst natürlich zum Ball, bist eine halbe Sekunde lang abgelenkt und kommst nicht mehr ganz ran."

    Mit einem ähnlichen Konzept hatte sich zuletzt der FC Arsenal in England und Europa als Standard-Macht etabliert, das derzeit vielleicht beste Team des Kontinents erzielt sehr viele Tore nach ruhenden Bällen. Ob man sich bei den Gunners Inspiration geholt habe? Ryerson zuckte nur mit den Schultern: "Ich habe nicht so viel von Arsenal geschaut", meinte der 28-Jährige. "Kann sein, dass andere im Verein sich da was abgeschaut haben. Was wir machen, funktioniert - ob es der Arsenal-Weg ist, weiß ich nicht. Aber es funktioniert auf jeden Fall."

    Kovac wurde schon etwas aussagekräftiger, gab an, "über den Tellerrand hinaus" zu schauen. "Wir haben schon in der Hinrunde einiges gut gemacht, jetzt perfektionieren wir die ganze Geschichte. Es ist schwierig für den Torwart, weil auch so viele Mainzer vor ihm sind und nicht nur meine, sondern auch die eigenen Spielern ihn behindern", so der Kroate, der hervor hob, dass letztlich die Qualität der Hereingabe absolut entscheidend sei: "Es geht immer darum: Wer kann den Ball dahin bringen, wo er hin muss. Wenn du den nicht hast, kannst du noch so viel trainieren. Aber wir haben inzwischen zwei, drei ganz gute Schützen und deswegen sind wir momentan erfolgreich." Von Ryerson komme "einer wie der andere und das ist enorm schwer zu verteidigen", lobte Kovac.

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    Serhou Guirassy liefert beim BVB wieder Zählbares

    Neben der herausragenden Standardstärke fielen am Freitagabend in Dortmund derweil auch noch andere Dinge auf. Dass der BVB sehr effizient agierte und in Durchgang eins nicht viel mehr als drei gute Chancen haben musste, um drei Tore zu erzielen und das Spiel nach 45 Minuten schon vorentschieden zu haben. Eine Qualität, die der Borussia in der Vergangenheit bekanntlich schon das eine oder andere Mal folgenschwer abging.

    Dass es gegen Mainz anders lief, daran hatte Serhou Guirassy entscheidenden Anteil. Zweimal schloss er eiskalt per Kopf ab und scheint pünktlich zum Start der ganz heißen Saisonphase wieder das zu liefern, was Mannschaften, die Titel gewinnen wollen, von ihrem Mittelstürmer brauchen: Tore.

    Obwohl er stets wichtige Arbeit für die Mannschaft verrichtete, es in manchen Partien schlichtweg enorm schwer hatte, ins Spiel zu finden und trotzdem auch ohne Treffer zuweilen gut spielte, stand Guirassy in den zurückliegenden Monaten häufig in der Kritik. Weil er eben nicht traf und eben nicht das tat, woran Neuner vorwiegend gemessen werden. Allen voran, wenn sie für einen Topklub wie den BVB auflaufen.

    Zwischen Ende September und Mitte Januar war Guirassy in der Bundesliga in dreieinhalb Monaten lediglich auf zwei direkte Torbeteiligungen gekommen (ein Tor, ein Assist). Mittlerweile ist die Torkrise überwunden und der BVB kann sich wieder auf Zählbares von seinem Neuner verlassen. In den sechs Ligaspielen seit Mitte Januar gelangen Guirassy sechs Tore – eines mehr als in den 16 Partien zuvor. Fünf Treffer wanderten in den jüngsten drei Bundesligaspielen auf das Konto des 29-Jährigen, der in einer wichtigen Phase zu einem Lauf ansetzen könnte.

  • Der BVB löst eine komplizierte Herausforderung auch ohne Nico Schlotterbeck

    Und dann wäre da noch die positive BVB-Erkenntnis des Freitags, die viel mit Nico Schlotterbeck zu tun hat. Der Abwehrchef saß gelbgesperrt auf der Tribüne und konnte nicht aktiv dabei mithelfen, dass seinen Teamkollegen die Fallhöhe nach seiner Meisteransage, die er Anfang Februar nach dem 3:2 gegen Heidenheim in die Welt posaunte und nach dem 2:1 in Wolfsburg in der Vorwoche bekräftigte, nicht zu heiß wurde.

    Es war schließlich auf dem Papier eine sehr unangenehme Aufgabe, die Dortmund zu bewältigen hatte. Mit Mainz war das Schreckgespenst zu Gast, das 2023 am letzten Spieltag die Meisterträume jäh zerplatzen ließ. Und eine Mannschaft, die sich unter Urs Fischer zuletzt enorm steigerte, zudem mit zuvor drei Siegen am Stück im Rücken anreiste. Darunter ein überraschendes 2:1 bei RB Leipzig und Mitte Dezember hatte Mainz ja auch die Bayern geärgert, in München 2:2 gespielt und lange sogar am Auswärtssieg geschnuppert.

    Mit Schlotterbeck einen seiner allerwichtigsten Spieler nicht zur Verfügung, wäre das in so manchem Jahr eine prädestinierte Partie für einen vielleicht vorentscheidenden Dortmunder Patzer im Titelrennen gewesen, nach dem die Bayern dann doch wieder davonziehen. Dass diese Gefahr am Freitagabend zu keinem Zeitpunkt aufkam, spricht für den BVB.

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    BVB: Julian Ryersons Scorerpunkte für Borussia Dortmund

    SaisonEinsätzeToreAssists
    2022/232011
    2023/243441
    2024/254724
    2025/2629013
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