"Nöö, ich nicht", antwortete Torhüter Gregor Kobel kurz und knapp, als er nach Borussia Dortmunds 0:2-Niederlage im Champions-League-Spiel bei Tottenham Hotspur bei Prime gefragt wurde, ob man die kriselnden und zudem arg ersatzgeschwächten Spurs möglicherweise unterschätzt habe. Zwischen den Zeilen konnte man aus Kobels Antwort mit nur ein bisschen Fantasie lesen: Er unterschätzte die Engländer zwar nicht, möglicherweise taten das einige seiner Vorderleute aber sehr wohl.
Getty Images"So schlecht habe ich sie noch nie gesehen!" Der BVB schürt beim 45-minütigen "Totalausfall" gegen die Spurs einen bösen Verdacht
BVB-Auftritt gegen Tottenham hinterlässt einen fragwürdigen Eindruck
Das Auftreten der Dortmunder in der ersten Halbzeit ließ den Eindruck, dass man zumindest unterbewusst ein oder zwei entscheidende Prozentpünktchen Biss zu wenig auf den Londoner Rasen brachte, jedenfalls nicht verleugnen. Auch Kobel deutete das an: "Speziell am Anfang hatte ich das Gefühl, dass wir mit Tottenhams Intensität nicht so gut klar gekommen sind, wie es hätte sein sollen", bemängelte der Keeper. Der BVB wirkte überrascht davon, dass Tottenham dazu in der Lage war, dagegenzuhalten. Das darf einer Mannschaft auf diesem Niveau schlichtweg nicht passieren.
Und es schürt umso mehr den Verdacht, dass der BVB das genickbrechende Fünkchen zu lasch ins Spiel ging. Vielleicht ist das irgendwie auch ein bisschen menschlich, weil es im Vorfeld der Partie gefühlt nur darum ging, dass Tottenhams Trainer Thomas Frank bei einer Niederlage gegen Dortmund seinen Hut hätte nehmen müssen. Denn die Spurs befanden sich zuletzt auf Talfahrt, hatten vor Dienstagabend nur eines ihrer letzten acht Pflichtspiele gewonnen und dreimal in Folge verloren. Das 1:2 zuhause gegen Abstiegskandidat West Ham United am Samstag war der vorläufige Tiefpunkt gewesen, in der Premier League ist Tottenham auf Platz 14 abgerutscht.
Und dann war da ja auch noch die verheerende Personalsituation. Mit dem gelbgesperrten Micky van de Ven, den verletzten Joao Palhinha, Rodrigo Bentancur, James Maddison, Mohammed Kudus, Dejan Kulusevski und Richarlison, den nicht für die Champions League gemeldeten Yves Bissouma, Mathys Tel und Radu Dragusin sowie dem nach Afrika-Cup-Triumph mit dem Senegal noch nicht zur Verfügung stehenden Pape Sarr fehlten Tottenham gleich elf arrivierte Spieler. Zudem durfte auch Conor Gallagher, jüngst von Atletico Madrid verpflichtet, noch nicht mitwirken. Auch aussagekräftig: Auf der Bank saß mit Randal Kolo Muani lediglich noch ein Feldspieler aus dem Kern des Profikaders, der Rest musste mit Nachwuchskräften aufgefüllt werden.
Krise plus enorme personelle Misere beim Gegner? Eigentlich hatte Dortmund die besten Voraussetzungen, sich eine exzellente Ausgangsposition dafür zu schaffen, sogar noch unter die Top-8 der CL-Ligaphase und damit direkt ins Achtelfinale zu kommen. Umso mehr dürfte es Niko Kovac verärgert haben, wie fahrig und nachlässig seine Mannschaft von Beginn an agierte. "Vom Anpfiff weg war es fast eine Belagerung des Dortmunder Strafraums", analysierte Ex-BVB-Star Mats Hummels als TV-Experte bei Prime in der Halbzeit. Weltmeisterkollege Christoph Kramer kritisierte: "Das war heute das erste Mal, dass ich den BVB diese Saison gesehen habe und es von Anfang an nicht gut war."
Getty Images SportBVB-Trainer Kovac geht mit Mannschaft hart ins Gericht: "Dann wird es schwierig"
Kovac betonte derweil auf der Pressekonferenz nach dem Spiel: "Wir wussten um die Situation, die hier herrscht. Von daher konnten wir auch erwarten, dass der Gegner uns physisch und athletisch Paroli bieten möchte. Dem haben wir in der ersten Halbzeit nicht entgegenhalten können."
Der BVB fand überhaupt keinen Zugriff aufs Spiel, konnte die Verunsicherung der Spurs zu keinem Zeitpunkt für sich nutzen und ließ sie im Gegenteil sogar von Minute zu Minute sicherer werden. Mit eigenen Unzulänglichkeiten, ganz vielen unerzwungenen Schludrigkeiten im Passspiel und behäbig wirkendem Zweikampfverhalten. Auch ansonsten so solide Akteure wie Waldemar Anton ließen sich anstecken, während Spielwitz und Ideen nach vorne nicht einmal mehr zu erahnen waren.
"Wenn du so passiv ins Spiel gehst, ohne Aggressivität, ohne Zweikampfverhalten, dann wird es schwierig", musste Kovac eingestehen und ließ keinen Zweifel daran, wie wenig er von der Leistung der eigenen Mannschaft hielt: "Wir haben nicht gegen eine superstarke Tottenham-Mannschaft gespielt. Sie haben gespielt, was sie spielen mussten – und das hat dann auch gereicht, um uns zu besiegen."
Zu allem Übel kam hinzu, dass unglückliche Aktionen des BVB rasch bestraft wurden. Beispielsweise Julian Brandts Wegdrehen in der Entstehung des 0:1 nach einer knappen Viertelstunde, als Wilson Odoberts Volley-Abnahme zwar völlig schief ging, der Ball dann über den kurz orientierungslosen Brandt hinweg aber wieder Odobert vor die Füße sprang und er dann den Torschützen Cristian Romero in der Mitte bedienen konnte. Nico Schlotterbeck haderte direkt im Anschluss an den Treffer gegenüber Brandt mit dessen Wegdrehen, bei Prime erklärte der Innenverteidiger später: "Er ist halt ein Offensivspieler, die drehen sich manchmal weg. Es ist jetzt kein Vorwurf an Jule, ich meinte nur zu ihm, dass er stehen bleiben soll. Das passiert und ist auch bitter, dass der Ball dann wieder zu ihm (Odobert, d. Red.) springt."
Die zweite hervorstechende unglückliche BVB-Aktion der ersten Halbzeit gehörte dann Daniel Svensson. Das Einsteigen des Linksverteidigers gegen Odobert sah blöd aus und war natürlich als Foul zu ahnden. Doch von Absicht war dabei keine Spur und in der Dynamik des Kampfes um den Ball konnte Svensson letztlich gar nicht anders, als Odobert mit offener Sohle zu erwischen. Deshalb hätte es Schiedsrichter Glenn Nyberg gut und gerne bei Gelb belassen können. Rot war schlichtweg zu hart, wie auch Hummels deutlich befand.
GettyBVB kassiert vernichtendes Urteil: "So schlecht habe ich sie lange nicht gesehen"
Doch Svensson musste runter und der BVB spielte ab Minute 26 nur noch zu zehnt. Mit einem Mann weniger hatten die Dortmunder an diesem Abend zunächst kein anderes Mittel, als sich ihrem Schicksal zu ergeben. Tottenham zeigte keineswegs ein überragendes Spiel. Doch es war gut genug, um der in Unterzahl spielenden Borussia nun gänzlich den Schneid abzukaufen. Echtes Aufbäumen suchte man in dieser Phase bis zum Pausenpfiff auf Dortmunder Seite vergeblich, die logische Folge war das 0:2.
"So schlecht habe ich den BVB lange nicht gesehen", sagte Prime-Experte und Ex-Nationalspieler Benedikt Höwedes später über die erste Halbzeit des insgesamt schlechtesten Saisonspiel des BVB. "Die erste Halbzeit war leider beinahe ein Totalausfall - und ohne BVB-Vergangenheit würde ich das 'beinahe' wahrscheinlich weglassen", fasste Hummels zusammen und Schlotterbeck analysierte: "Die ersten fünf Minuten waren noch okay. Danach haben wir viele Standards zugelassen, beim 0:1 schlecht verteidigt und sind in so einen Trott gekommen, dass wir jeden Ball verloren haben." Tottenham sei "gar nicht" besser gewesen als erwartet, so der Abwehrchef weiter. "Ich glaube eher, dass wir nicht zu dem Spiel gefunden haben, das wir wollten."
Das einzig Positive, das der BVB von diesem verkorksten, nasskalten Januar-Abend im Londoner Norden mitnehmen kann, ist die deutliche Leistungssteigerung in der zweiten Halbzeit. Entscheidend mitverantwortlich dafür waren die Umstellungen, die Kovac zur Pause vornahm. Trotz 0:2-Rückstand opferte er mit Serhou Guirassy und Julian Brandt zwei Offensivspieler und brachte dafür mit Emre Can und Julian Ryerson zwei defensiv orientierte und stets bissige Akteure. Can sollte vor der Dreierkette aufräumen, Ryerson über links Dampf machen und mit seiner Kampfkraft dazu beitragen, den Spurs endlich etwas entgegenzusetzen.
Und die Maßnahmen fruchteten. Zugegebenermaßen auch, weil sich Tottenham trotz Überzahl zurückzog und dem BVB weitgehend das Spiel überließ. Dennoch muss man in Unterzahl und nach einer derart verheerenden ersten Halbzeit erstmal so auftreten, wie es Dortmund mit Wiederanpfiff tat. Can und Ryerson hatten daran großen Anteil, waren letztlich die beiden besten Feldspieler des BVB an diesem Abend. Ihr Vorangehen färbte auf ihre Mitspieler ab, Dortmund wurde mutiger, griffiger, dynamischer und strahlte nun deutlich mehr Sicherheit aus. Kurzum: Man bespielte den kriselnden Gegner jetzt so, wie man es von Anfang an hätte tun sollen.
"In der zweiten Halbzeit wollte auf einmal jeder den Ball", erklärte Schlotterbeck den Aufschwung. In den ersten 45 Minuten habe man sich kollektiv "ein bisschen versteckt", gab er zu. Nach dem Seitenwechsel habe man es dann "ordentlich" gemacht, "es war ausgeglichener", lobte der Nationalspieler. Vor allem angetrieben von Ryerson gelang es dem BVB nun auch, offensiv den einen oder anderen Impuls zu setzen. In Unterzahl und gegen diszipliniert verteidigende Spurs war es jedoch schwierig, echte Durchschlagskraft zu entwickeln und das Spiel noch einmal so richtig spannend zu machen. Eine echte Torchance gab es abgesehen von einem späten Schlotterbeck-Kopfball nicht.
So blieb es am Ende bei der schmerzhaften Niederlage und die Borussia benötigt kommende Woche am finalen Spieltag der Ligaphase zuhause gegen Inter Mailand zwingend einen Sieg, um es möglicherweise noch unter die Top-8 zu schaffen und die zwei zusätzlichen Playoff-Spiele zu vermeiden. An der zweiten Hälfte aus London sollte sich der BVB in den nächsten Tagen hoch ziehen, die unerklärlichen und klaren Mängel der ersten Halbzeit ausreichend analysieren und sie dann ganz schnell vergessen. Gregor Kobel fiel das kurz nach dem Spiel noch schwer: "Ich bin sehr enttäuscht jetzt erstmal", betonte er und wollte sich nicht auf einen Vorausblick in Richtung Mailand einlassen.

